Einschmeichelnde Kleinode

Der Take-That-Sänger Gary Barlow gab im Großen Saal der Elbphilharmonie ein umjubeltes Popsong-Konzert

Der Sänger Gary Barlow gilt als sehr solide. Im Gegensatz zu seinen Take-That-Bandkollegen gab es in seinem Privatleben nie irgendwelche Skandale. Er ist seit fast 20 Jahren glücklich mit seiner Frau Dawn verheiratet, das Paar hat drei Kinder. Bei seinem Auftritt im Großen Saal der Elbphilharmonie unterstreichen ein grauer Anzug und eine rosa Krawatte seine Seriosität. Würde man ihm auf der Straße begegnen, könnte man ihn glatt für einen Versicherungsvertreter halten – bis er den ersten Ton singt. Gleich mit dem Eröffnungsstück „Shine“ zieht er das Publikum auf seine Seite. Dieses Vorspiel macht klar, wohin die Reise an diesem Abend geht. 80 Minuten lang arbeitet sich der Brite hauptsächlich an Take-That-Songs ab. Zwischendurch plaudert er gern mit seinen Zuhörern. Etwa über das Lied „The Flood“, für das Robbie Williams endlich zu Take That zurückkehrte: „Da waren wir wieder zu fünft.“

Foto oben: Perfekter Pop-Singer-Song-Writer. Gary Barlow ist mit mehr als 50 Millionen verkauften Tonträgern einer der erfolgreichsten Songschreiber weltweit. Er weiß, welche Zutaten es für einen Ohrwurm braucht. ©Elbphilharmonie

Jetzt sind Take That nur noch zu dritt. Dieses Konzert liefert allerdings den Beweis dafür, dass Gary Barlow die Bandgeschichte notfalls auch solo fortschreiben könnte. Er ist nicht nur der Hitlieferant, er hat vor allem die beste Stimme. Das zeigt sich zum Beispiel bei „Patience“. Selbst auf den teuren Plätzen im Parkett singen und tanzen die meisten Besucher zu diesem Klassiker, die Fans in den Rängen feiern sowieso ausgelassen. Nicht nur ihnen wird dieser Moment unvergesslich bleiben. Einer Frau in der ersten Reihe macht Gary Barlow mit einem spontanen Selfie ein besonderes Geschenk, sie wird es sicher in Ehren halten.

Gary Barlow, Elbphilharmonie, Großer Saal, 11.10.2019; ©Elbphilharmonie
Pianist Gary Barlow: Selbst auf den teuren Plätzen im Parkett singen
und tanzen die meisten Besucher zu diesem Klassiker, die Fans in den Rängen feiern sowieso ausgelassen. © Elbphilharmonie

Ohne Zweifel hat sich der 48-Jährige zu einem erstklassigen Entertainer entwickelt. Für „Pray“ holt er zumindest phasenweise eine alte Choreografie aus der Mottenkiste, was ihm selbstredend großen Jubel einbringt. Einige mit ihm älter gewordene Fans kreischen sogar. Was für ein Wahnsinn. Man merkt: Nicht wenige Frauen im Publikum zelebrieren hier noch einmal ihre Jugend. Dennoch nimmt Gary Barlow nun das Tempo ein wenig zurück. Er setzt sich an seinen Flügel. Titel wie „Could it be magic“ oder „Love ain’t here anymore“ kommen vergleichsweise jazzig daher – mit Saxofon-Soli.

Gary Barlow, Elbphilharmonie, Großer Saal, 11.10.2019; ©Elbphilharmonie
Gary Barlow Popkonzert im Großen Saal. ©Elbphilharmonie

Die wunderschöne Ballade „Forever Love“ stammt aus Gary Barlows Solorepertoire. „Back for Good“ lieben alle vom ersten Moment an, schließlich kann man zu diesem Lied ganz wunderbar im Takt die Arme schwenken. Das ist einfach ein perfekter Popsong, der belegt, warum Gary Barlow mit mehr als 50 Millionen verkauften Tonträgern einer der erfolgreichsten Songschreiber weltweit ist: Er weiß, welche Zutaten es für einen Ohrwurm braucht. Aber auch die Coverversion „Relight my Fire“ verfehlt ihre Wirkung nicht. Gerade weil die Menge zu diesem Stück ausgelassen tanzen kann.

Gary Barlow, Elbphilharmonie, Großer Saal, 11.10.2019; ©Elbphilharmonie
Singer-Songwriter Gary Barlow: Seltsam eigentlich, dass seine Solokarriere nie so in Schwung gekommen ist wie die von Robbie Williams. ©Elbphilharmonie

Als das Konzert dann mit „Never forget“ endet, hat Gary Barlow alle Erwartungen erfüllt. Nein, besser: Er hat sie übertroffen. Jeden Song hat er voller Intensität dargeboten. Sein Gesang ging angenehm ins Ohr. Am Schluss sammelt er weitere Sympathiepunkte, weil er sich per Handschlag von einigen Fans verabschiedet. Seltsam eigentlich, dass seine Solokarriere nie so in Schwung gekommen ist wie die von Robbie Williams. Am Talent mangelt es gewiss nicht. Gary Barlow hat Musicals komponiert oder als Produzent junge Musiker gefördert. Seine Stimme verfehlt ihre eindringliche Wirkung nicht. Seine Lieder sind einschmeichelnde Kleinode. Vielleicht füllt er solo eines Tages doch noch Stadien. So wie sein Konkurrent Robbie Williams, mit dem er inzwischen seinen Frieden geschlossen hat. Dagmar Leischow

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