Theater. Die Schauspielerin Linn Reusse hat den Ulrich-Wildgruber-Preis erhalten und hat im April Premiere mit „Macht“ am Deutschen Schauspielhaus
Es geht Schlag auf Schlag für Linn Reusse: Nach der Premiere von Tove Ditlevsens „Die Abweichlerin“ bereitet sich die Schauspielerin nun im Deutschen Schauspielhaus auf die Uraufführung von Heidi Furres „Macht“ vor. Sie verkörpert eine Frau, deren Leben perfekt zu sein scheint. Doch Liv hat ein dunkles Geheimnis: Sie wurde vergewaltigt. Eine Paraderolle für die 1992 geborene Berlinerin, die in jeder Figur nach deren Brüchen sucht.
Foto oben: Die Berliner Schauspielerin Linn Reusse über ihre aktuelle Schauspiel-Heimat Hamburg: „Obwohl Berlin meine Heimat ist, habe ich es genossen, mal in eine andere Stadt zu gehen.“ © Katja Strempel
Sie wurden kürzlich mit dem Ulrich-Wildgruber-Preis für Nachwuchs- Schauspieler:innen ausgezeichnet. Was bedeutet Ihnen das? Als der Anruf kam, dass ich den Preis erhalten würde, war ich völlig überrascht. Dank dieser Auszeichnung gehöre ich jetzt in eine Reihe von unheimlich tollen Kolleg:innen, die diesen Preis bekommen haben. Zugleich ist der Schauspieler Ulrich Wildgruber für mich ein wichtiges Vorbild. Da ich erst 1992 geboren wurde, konnte ich ihn leider nie live auf der Bühne erleben. Aber ich habe mir viele Aufzeichnungen von Theaterinszenierungen mit ihm angeschaut.
Zu den Preisträger:innen gehören Sandra Hüller oder Caroline Peters, die beachtliche Karrieren gemacht haben. Setzt Sie das unter Druck? Eigentlich nicht. Ich denke eher: Mit diesen gestandenen Schauspielerinnen möchte ich mich nicht vergleichen. Natürlich hoffe ich, dass ich ähnliche Möglichkeiten bekomme und eine spannende Laufbahn vor mir habe.
War Ihr Weg vorgezeichnet, weil in Ihrer Familie fast alle Schauspieler:innen sind? Meine Angehörigen haben mir einen sehr realistischen Einblick in den Beruf gegeben. Neben den Höhen vermittelten sie mir auch die Tiefen. Deswegen habe ich mir genau überlegt, ob ich tatsächlich Schauspielerin werden wollte. Es gab eine Phase, in der ich über ein Medizinstudium nachgedacht habe. Doch immer, wenn ich auf der Bühne oder vor eine Kamera gestanden habe, spürte ich einfach diese Leidenschaft, das konnte ich nicht ausblenden. Darum habe ich dann an der Schauspielschule vorgesprochen.

Haben Sie es als Künstlerin heute leichter als Tove Ditlevsen, die „Die Abweichlerin“ geschrieben hat und im Literaturbetrieb hart um Anerkennung kämpfen musste? Frauen hatten es in den 60er- und 70er-Jahren sicher schwerer. Ich selbst hatte eigentlich immer sehr gute Bedingungen, Benachteiligung habe ich kaum erlebt. Im Moment sehe ich allerdings die Gefahr, dass man in alte Muster zurückrutschen könnte. Das bereitet mir manchmal Sorgen.
Hat die #MeToo-Bewegung denn grundsätzlich die Situation der Frauen verbessert? Ich hatte am Deutschen Theater in Berlin zum Glück ein Umfeld, das eine große Sensibilität im Umgang damit hatte. Das hat mich als junge Schauspielerin geschützt. Machtmissbrauch äußert sich ja in sehr unterschiedlichen Formen und kann teilweise auch ganz subtil daherkommen. Ein so offener Ort wie das Theater, an dem man immer wieder neu definieren muss, wie man zusammenarbeitet, ist dafür sicher anfälliger. Es gibt Arbeitsweisen, bei denen ich manchmal Momente hatte, in denen ich mich fragte: War das jetzt okay? Aber einen schlimmen Fall von Machtmissbrauch habe ich zum Glück bisher nicht erlebt.
Anfangs haben Sie oft mit Männern gearbeitet. Kriegen Sie nun häufiger mal die Chance, mit Frauen zu kooperieren? Am Deutschen Schauspielhaus habe ich mit Karin Beier eine Intendantin als Chefin. Und ich hatte in den zwei Jahren allein schon drei Produktionen mit einem fast ausschließlich weiblichen Ensemble. Mit Signa, Claudia Bauer, Katie Mitchell und Karin Henkel arbeite ich mit starken weiblichen Handschriften zusammen.
Warum sind Sie 2023 ans Deutsche Schauspielhaus gegangen? Weil ich eine Veränderung wollte. 2023 hat auch der Intendant Ulrich Khuon das Deutsche Theater verlassen, dadurch gab es viele Wechsel. Also habe ich mir gesagt: Das sehe ich jetzt als Chance und probiere etwas Neues. Obwohl Berlin meine Heimat ist, habe ich es genossen, mal in eine andere Stadt zu gehen.
Wie fühlen Sie sich als Berlinerin in Hamburg? Für mich ist das kein so krasser Umbruch, weil ich immer noch in einer Großstadt bin. An Hamburg mag ich besonders das Maritime, das Wasser und den Hafen. Die Außenalster liegt quasi neben dem Theater, das ist toll. Interview: Dagmar Leischow
Info „Macht“ feiert am Dienstag, 29. April, 20 Uhr, Premiere im Mittelrangfoyer des Deutschen Schauspielhauses. Karten und weitere Informationen unter www.schauspielhaus.de