Young- und Oldtimer treffen auf 100 Jahre Oberhafen-Kantine

Der HCZ-Reporter berichtet in seiner Kolumne „Jimmys Parkett“ über Events, People und Schnack aus dem Quartier

Ich oute mich direkt! Wer mich kennt, sieht mich täglich kreuz und quer durch die HafenCity und Hamburg mit meinem lila Fahrrad radeln. Doch meine wirkliche Leidenschaft sind Old- und Youngtimer aus den Achtzigern und Neunzigern. Für Gleichgesinnte gibt es in ganz Deutschland einen speziellen Ort für alle, die Technik und die Formen von Fahrzeugen lieben, die Motorboys. Dieser queere Autoclub vereint Autofans, die ihre Leidenschaft für alles, was auf vier Rädern rollt, teilen möchten. 
Foto oben: Die Motorboys, ein queerer Autoclub, vereinen Autofans, die ihre Leidenschaft für alles, was auf vier Rädern rollt, teilen möchten. © Kai-Uwe Jacobsen

Die Göttin, den Citroen DS, zeichnet nicht nur technisch das besondere Hydrauliksystem der Franzosen aus, sondern ihre Einzigartigkeit der eleganten Formen. © Kai-Uwe Jacobsen

Die Hamburger und Norddeutschen treffen sich regelmäßig am ersten Donnerstag des Monats an der Oldtimer Tankstelle am Brandshof. Dieser historische Ort von 1953 steht unter Denkmalschutz. Einst ein beliebter Zwischenstopp für Reisende, hat er sich zu einem Treffpunkt für Liebhaber von Oldtimern und modernen Fahrzeugen, den Youngtimern, entwickelt. Die Oldtimer Tankstelle ist mehr als nur eine einfache Tankstelle, sie ist ein Stück Hamburger Geschichte. Inmitten der modernen HafenCity und des direkten Nachbarstadtteils Rothenburgsort spiegelt sie den Charme vergangener Zeiten wider und bietet den perfekten Rahmen für uns Motorboys, um die Faszination Automobil in einer angenehmen und offenen Atmosphäre zu feiern.

Die Motorboys sind kein klassischer Old- und Youngtimer-Club, auch wenn viele Mitglieder mit Herzblut Oldtimer besitzen und ihre Schätze liebevoll pflegen. Stattdessen sind die Motorboys ein Club für alle, die Interesse an Autos haben. Hier sind nicht nur nostalgische Fahrzeuge willkommen, sondern auch die modernen Flitzer, die sich auf den Straßen tummeln. Egal ob Sportwagen oder Stadtflitzer, der Spaß und die Leidenschaft für Technik und Design sowie elegische, lang gezogene Formen wie etwa bei der „Göttin“, dem Citroën DS, gebaut von 1955 bis 1967, stehen im Vordergrund und verbinden die Mitglieder.

Regelmäßig organisieren einzelne Motorboys-Mitglieder Ausfahrten an den Wochenenden. Dabei wird das Autofahren zum Gemeinschaftserlebnis, bei dem Landschaften abseits der Hauptverkehrsstraßen erkundet werden. Die Routen führen durch malerische Landschaften und oft zu historischen Orten. So wird Autofahren zu einem besonderen Erlebnis. Bei den Ausfahrten haben die Mitglieder die Möglichkeit, sich auszutauschen, Fachgespräche zu führen und wertvolle Tipps zu sammeln. Fragen wie „Wer kennt einen zuverlässigen Sattler?“ oder „Wer ist auf alte Mercedes oder Borgward spezialisiert?“ werden leidenschaftlich diskutiert. Hier treffen sich nicht nur Autofans, sondern auch Freunde, die sich oft viele Jahre kennen und ihr Zusammensein pflegen.

Jedes Jahr über Pfingsten findet die Motorboys Trophy statt. Die ist das Highlight der Automobil-Fans. Sie wird immer von einem anderen Bundesland organisiert. So lernen die Mitglieder die unterschiedlichsten Ecken von unserem schönen Land kennen. Während der Trophy stehen nicht nur die Autos, sondern auch die Erlebnisse und das Miteinander im Mittelpunkt.

Vor zwei Jahren fand auf der Jahreshauptversammlung eine interessante Diskussion über eine mögliche Namensänderung des Clubs statt. Angesichts der Tatsache, dass es auch weibliche Mitglieder gibt und viele Mitglieder nicht mehr in das klassische „Boys“-Alter fallen, stellte sich die Frage, ob der Name noch zeitgemäß sei. Das Argument, dass Cowboys immer auch einen älteren Jahrgang repräsentieren und die weiblichen Mitglieder sich auch unter diesem Namen wohlfühlen, ließ die Mitglieder jedoch am etablierten Namen festhalten.

Die Motorboys freuen sich über neue Mitglieder und heißen Interessierte herzlich willkommen. Ob mit oder ohne Auto, jeder ist eingeladen, am Stammtisch am ersten Donnerstag im Monat um 18 Uhr an der Oldtimer Tankstelle vorbeizuschauen. Hier trifft sich die queere Autofanszene, die nicht nur Autos liebt, sondern auch den Austausch und das Miteinander in einer offenen und freundlichen Umgebung schätzt. In der Welt der Motorboys wird jeder Teil der Gemeinschaft, und das Motto lautet: Spaß an Technik, Faszination für das Fahren und ein offenes Ohr für die Geschichten, die jede und jeder Einzelne von uns zu erzählen hat. Schauen Sie einfach mal vorbei, und werden Sie Teil dieser einzigartigen Reise!

Das kleine, schiefe Rotklinkerhäuschen an der Oberhafenbrücke ist ein Stück Geschichte. 1925 von Kantinenwirt Hermann Sparr erbaut, ist die Oberhafen-Kantine tatsächlich die ­letzte originale Kaffeeklappe, die heute noch Gäste bewirtet. © Sebastian Libbert

Die Oberhafen-Kantine in Hamburg feiert ihren 100. ­Geburtstag und blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. Ein Jubiläum, das nicht nur eine Zahl ist, sondern ein bedeutender Meilenstein für die Gastronomie und die Kultur in der Stadt. Der Betreiber der Oberhafen-Kantine, Sebastian ­Libbert, ist bannig stolz auf dieses Erbe. Er beschreibt, wie die Kantine ihn gefundern hat, obwohl er sie gar nicht gesucht hatte. Sein Herz erwählte diesen Ort, der einzigartig und nicht mit anderen vergleichbar ist. 

Gastgeberin-Legende Anita Haendel, Tochter des Oberhafen-Kantinen-Erbauers Hermann Sparr, 1996 im Schankraum der Oberhafen-Kantine. © Andreas Tobaben

Die Geschichte der Oberhafen-Kantine ist geprägt von Höhen und Tiefen. Hochwasser als Bedrohung ist kein neues Phänomen, doch die letzten Jahren waren besonders herausfordernd. Das Jahr 2022/23 stellte die Betreiber so kurz nach der Pandemie vor massive Schwierigkeiten. Die verheerenden Überschwemmungen während Sturmtief Xaver im Jahr 2013 hatten nur einen Vorgeschmack auf das gegeben, was kommen sollte. Hochwasserereignisse nehmen durch den Klimawandel zu, und die Sorgen über zukünftige Überflutungen sind ständige Begleiter. Lippert wünscht sich mehr Dialog zwischen der Stadt und der Gastronomie, um gemeinsam Lösungen zu finden und die Oberhafen-Kantine für die kommenden 100 Jahre fit zu machen. Ideen, um die Oberhafen-Kantine zu schützen, gibt es viele. Das Versetzen des Gebäudes, angedockt ans alte Zollamt, oder sogar das Errichten auf dem Dach sind nur einige Vorschläge.

Die Herausforderungen, die das Team in den vergangenen 100 Jahren gemeistert hat, sind zahlreich. Trotz der Schwierigkeiten ist es der Oberhafen-Kantine immer wieder gelungen, sich als beliebtes Ziel für Einheimische und Touristen zu etablieren. Die Bodenständigkeit und der persönliche Kontakt zu den Gästen spielen eine entscheidende Rolle. So war es vor 100 und auch vor 50 Jahren. Die Tagelöhner und Hafenarbeiter bis zum Einzug der Containerschiffe, Künstler und Mitarbeiter aus dem Bezirksamt in den City-Hochhäusern: Alle kamen gerne in die Kantine zur vorherigen Betreiberinnen-Legende Anita Haendel. „Man soll sich hier wie zu Hause fühlen, in einem Wohnzimmer, das Entschleunigung und das Gefühl von Heimat vermittelt“, erklärt Sebastian Libbert. Die Speisekarte, geprägt von Tradition, bietet Klassiker, die seit der Gründung dabei sind. Frikadellen, früher mit viel Brot aufgrund des Fleischmangels nach dem Krieg, sind ebenso Teil der Geschichte wie das berühmte „Rundstück“. Dieses Brötchen mit Braten in brauner Sauce war ein kreativer Weg, die Resteverwertung des Sonntagsbratens in die Woche zu verlängern.

Die Oberhafen-Kantine hat in den letzten Jahren auch kulturell an Bedeutung gewonnen. Aktuell zeigt eine Ausstellung Bilder der letzten 100 Jahre, kuratiert von den beiden Söhnen der langjährigen Betreiberin Anita Haendel. Die Ausstellung ist ein Ort der Begegnung und des Austauschs. Die Oberhafen-Kantine hat sich für die kommenden 100 Jahre viel vorgenommen. Sie möchte die Tradition beibehalten und gleichzeitig innovativ bleiben. Das Team setzt auf handgemachte, qualitätsvolle Küche und eine familienfreundliche Atmosphäre. Mit engagierten Mitarbeitern, die teils seit über zehn Jahren Teil des Teams sind, wird dieser Anspruch auch gelebt.

Die Herausforderungen durch die Klimaveränderung und das Hochwasser müssen ernst genommen werden. Es ist höchste Zeit, geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um die Oberhafen-Kantine für zukünftige Generationen zu sichern. Sebastian Libbert und sein Team wissen, dass sie eine Verantwortung tragen, nicht nur für den Standort, sondern auch für die Kultur und das Erbe eines der ältesten Restaurants Hamburgs. Insgesamt blickt die Oberhafen-Kantine mit Zuversicht in die Zukunft. Mit frischem Wind und dem Rückhalt einer engagierten Community möchte man den 100. Geburtstag nicht nur feiern, sondern auch als Grundlage nutzen, um neue Wege zu gehen. Die Geschichte, die hier geschrieben wird, ist noch lange nicht zu Ende, und die Oberhafen-Kantine bleibt ein fester Bestandteil der Hamburger Kulturszene.

Aktuelle Besuchszeiten der Ausstellung immer 14 Tage im Voraus auf www.oberhafenkantine-hamburg.de. Alles Gute, euer Jimmy

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Jimmy Blum ist Unternehmer und lebt in der HafenCity sowie in Nocera, Umbrien.

Gastgeber Sebastian Libbert 2025 hinter der Theke im Schankraum der schiefen Oberhafen-Kantine direkt an der Oberhafenbrücke: „Man soll sich hier wie zu Hause fühlen, in einem Wohnzimmer, das Entschleunigung und das Gefühl von Heimat vermittelt“, erklärt der leidenschaftliche Gastronom sein Konzept. © Carlos Kella

Nachrichten von der Hamburger Stadtküste

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