»Ohne Vierzylinder ein großer Gleiter«

E-Lifestyle. Einmal Zukunft und zurück: Der Mercedes CLA ködert mit Hybridpower die Verbrennerfraktion – pragmatischer Realismus

Strategien sind ja schön und gut. Doch dummerweise fußen die meist auf Annahmen, und die treten halt nicht immer ein. So ist es – einmal mehr – auch Mercedes ergangen, diesmal mit dem CLA. Schließlich sollte das Coupé nicht nur zum technologischen Leuchtturm werden, sondern auch zum ersten Mercedes-Modell, das konsequent und ausschließlich für den Elektroantrieb entwickelt wurde. 
Foto oben: Roter Bolide vor Winter Wonderland. HCZ-PS-kW-Experte Thomas Geiger hat das neue Hybrid-Flaggschiff von Mercedes-Benz getestet. © Fotos (4): Mercedes-Benz AG

An der Konsequenz gibt es wenig Zweifel, nicht umsonst ist der CLA eines der effizientesten E-Fahrzeuge geworden und rühmt sich als das Äquivalent zum Drei-Liter-Auto. Doch wenn es um die Ausschließlichkeit geht, sind die Schwaben von der Realität eingeholt worden. Weil die elektrische Revolution langsamer in Fahrt kommt als gehofft, haben sie das Rad der Zeit wieder ein wenig zurückgedreht und bieten den Vorzeigestromer jetzt doch noch einmal auch als Verbrenner an und wollen so auch die konservative Kundschaft mitnehmen auf die Reise in die neue Zeit. Zwar gibt es ihn zu Preisen ab 46.243 Euro immerhin ausschließlich als Hybrid, sodass die Zukunft nicht ganz auf der Strecke bleibt. Aber wo sie früher stolz auf einen Frunk, einen Kofferraum unter der Haube, waren, steckt jetzt wieder ein 1,5-Liter-Vierzylinder. Die sternenfunkelnde E-Kühlermaske weicht einem klassischen Grill, die Batterie schupft von 85 auf 1,3 kWh und macht Platz für einen Benzintank von bis zu 51 Litern. Und unter der Heckschürze lugt jetzt plötzlich wieder ein Auspuffrohr hervor. 

Angeboten wird die Kombination aus Vierzylinder, Achtgang-Doppelkupplung mit E-Maschine und Pufferakku im CLA in drei Konfigurationen. Im CLA 180 hat der Verbrenner 136, im CLA 200 sind es 163 und im CLA 220 schon 190 PS – und die 30 PS aus der E-Maschine kommen jeweils noch dazu. Anders als im elektrischen CLA treibt der Motor allerdings nicht mehr die Hinterachse, sondern wirkt auf die Vorderräder. Nur bei den stärkeren Versionen gibt es keinen Unterschied, weil man die auch als 4Matic mit Allrad bestellen kann. 

Bemerkenswert am Mercedes CLA Hybrid ist aber nicht nur die Rolle rückwärts, die man als pragmatischen Realismus ja durchaus auch begrüßen kann. Sondern auch die Genese des Antriebs ist nicht ganz ohne. Denn ausgerechnet der Erfinder des Automobils lässt den neuen Motor in einer modernen Form des Lohnauftrags in China bauen. Selbst wenn die Schwaben Wert darauf legen, dass die Entwicklung in Stuttgart erfolgte und sie die Pläne gemacht haben, schmeckt das ein bisschen nach Temu und Co. und passt nicht so recht zum Luxus-Anspruch – und zu den Premium-Preisen. 

Erst recht, weil der Motor eben genau nicht die beste Figur macht. Denn so zufriedenstellend die Eckdaten auf dem Papier sein mögen, so ernüchternd erweist sich der Hybridantrieb in der Praxis. So richtig lang sind die elektrischen Etappen jedenfalls nicht, die ohnehin nur bei langsamer Fahrt möglich sind. Und auch der Übergang zwischen Batterie- und Benzinbetrieb ist nicht von der harmonischsten Sorte, sondern erinnert bisweilen an jene Zeiten, in denen wir noch übers Turboloch gezürnt haben. Außerdem wirkt er selbst im 200er unter Last arg angestrengt und spielt sich mit einem wenig souveränen Sound vorlaut in den Vordergrund. Da freut man sich schon wieder aufs Segeln, wenn der Vierzylinder bergab oder bei gelupftem Gasfuß verstummt und der CLA zum großen Gleiter wird. 

Natürlich liegt das nicht daran, dass der Motor in China gebaut wird statt in Sindelfingen. Und wahrscheinlich liegt es nicht einmal an der Konstruktion selbst. Sondern so ein Mini-Motor gibt auch in einem Opel Corsa, einem Renault Clio oder einem VW T-Roc nicht den Souverän. Nur dass es da eben auch keiner erwartet. Und nicht dafür bezahlen muss. 

Ach ja, und wo wir gerade beim Meckern sind: Wer auf die Idee kam, auch noch die Schaltwippen einzusparen und den manuellen Gangwechsel auf den Lenkstockhebel fürs Getriebe zu legen, der pendelt wahrscheinlich mit dem Deutschlandticket ins Büro. Leichter jedenfalls kann man Petrolheads nicht entwöhnen und in die E-Mobilität treiben. Zumindest in dieser Hinsicht macht der CLA Hybrid einen guten Job. 

Immerhin spendet das Datenblatt ein wenig Trost: Denn Sprintwerte zwischen 7,1 und 8,8 Sekunden sind solide, mit 218 bis 240 km/h fährt der Hybrid den E-Varianten bei Vollgas davon. Selbst wenn der elektrische CLA mit bis zu 320 kW laden kann, ist der Tank schneller voll als der Akku. Und zumindest rechnerisch ist die Reichweite natürlich auch größer. Vor allem aber wird der CLA als Hybrid ein wenig erschwinglicher: Verglichen mit dem elektrischen Einstiegsmodell sinkt der Preis mit dem CLA 180 um runde 3.000 Euro. Thomas Geiger

Info Mehr Informationen auf der Mercedes-Benz-Website unter CLA Hybrid: mercedes-benz.de

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