»Die Zeitzeugen sterben«

Vorschau. Das Bucerius Kunst Forum bereitet die größte Kunstschau jüdischer Kunstsammler:innen vor

Es ist ein sehr aufwendiges Projekt, mit dem sich das ­Bucerius Kunst Forum gerade beschäftigt. Schon seit mehreren Jahren laufen die Vorbereitungen für die Ausstellung ­„Cézanne bis Kirchner. ­Jüdische Kunstsammler:innen der Moderne in Deutschland“, die vom 11. September 2026 bis 28. März 2027 gezeigt wird, auf Hochtouren. Für sie werden 15 Kunstsammlungen deutscher Jüdinnen und Juden erstmals rekonstruiert. Das bedeutet, rund 100 Werke von Realismus über Impressionismus bis zu Expressionismus von Paula Modersohn-Becker oder Max Pechstein kommen aus aller Welt nach Hamburg. Allein die Recherchearbeit sei äußerst fordernd gewesen, erzählt Dr. Kathrin Baumstark: „Wir mussten herausfinden, wo die Kunstwerke zwischen Essen, Tokio und Hawaii verstreut sind.“
Foto oben: Kathrin Baumstark, Direktorin Bucerius Kunst Forum: „Wir mussten herausfinden, wo die Kunstwerke zwischen Essen, Tokio und Hawaii verstreut sind.“ © Ulrich Perrey

Womöglich komme man sogar zu dem Ergebnis, dass ebenso viele nichtjüdische wie jüdische Menschen moderne Kunst gesammelt hätten. Selbst dann ließe sich für Kathrin Baumstark aber ein wesentlicher Unterschied ausmachen: „Diesen Personen wurde ihre Kunst nicht in einem Maße weggenommen, das schrecklich ist. Sie wurden nicht verfolgt, enteignet, ermordet.“ Besonders dieser Aspekt ist für die Kunsthistorikerin Baumstark emotional fordernd. Sie und Stefan Koldehoffstehen im Austausch mit einigen Nachfahrinnen und Nachfahren der Sammler:innen, mit der jüdischen Community oder mit Meike Hopp, der Vorsitzenden des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste. Die Geschichten, auf die die Kuratorinnen und Kuratoren dabei gestoßen sind, erschüttern.

„Das Problem ist, dass die Holocaust-Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sterben“, resümiert Kathrin Baumstark. Sie hat zum Beispiel Kontakt zu einem über 90-jährigen Urenkel einer Sammlerin, der in Kanada lebt. Er sagte zu ihr: „Sie suchen den van Gogh, weil Sie ihn ausstellen wollen. Für uns war das Gemälde eine Lebensversicherung. Obwohl meine Urgroßmutter es unter Wert verkauft hat, konnte sie mit dem Geld die Familie in Südafrika und Kanada in Sicherheit bringen.“ Nicht selten trennten sich Jüdinnen und Juden während des Nationalsozialismus von ihrer Kunst, um zu überleben. Oder ihre Sammlungen wurden zerschlagen, sie wurden geraubt. 

Tragisch ist auch das, was Rosa Schapire – ihrer Sammlung wird im Bucerius Kunst Forum ein Raum gewidmet – widerfuhr. Als sie 1939 zu Beginn des Zweiten Weltkriegs von Hamburg nach London floh, musste sie 86 Kunstwerke zurücklassen, die die Gestapo beschlagnahmte und versteigerte. Nur ihre Künstler-Postkarten sowie einige Karl Schmidt-Rottluff-Arbeiten konnte sie ins Exil mitnehmen. Allerdings sollen ihre von Schmidt-Rottluff bemalten Möbel, die sie in einem Container im Hamburger Freihafen lagerte, bei einem Bombenangriff zerstört worden sein. Immerhin gelangten einige Gemälde des Malers, mit dem Rosa Schapire befreundet war, nach Großbritannien. 

Das Bild „Zwei Frauen“ etwa vermachte die Sammlerin der Tate Gallery in London, dieses Bild soll nun in Hamburg gezeigt werden. Darüber freut sich Kathrin Baumstark besonders, weil Rosa Schapire, die hauptsächlich „Die Brücke“-Künstler förderte, sie schon lange begleitet: „Ich habe mal im Hans-Henny-Jahnn-Weg gewohnt und gegenüber ihre Plakette entdeckt. Danach habe ich begonnen, weiter zu forschen.“ Dagmar Leischow

Mehr Infos unter buceriuskunstforum.de

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