»Wir müssen dicke Bretter bohren!«

Exklusiv-Gespräch. Mit Wolfgang Raike, Vorstandsvorsitzender des Tourismusverbands Hamburg e.V., sprachen wir über die Zukunft des Tourismus in Hamburg, über Overtourism und eine lahme Verwaltung sowie die Tourismusleuchttürme in der HafenCity wie das UBS Digital Art Museum 

Der Mann hatte eine süße Kindheit. Wuchs er doch in einem Hotel in Baden-Baden auf, wo sein Vater Pâtissier war und ihn alle verwöhnten. Er lebt schon seit Jahrzehnten in Hamburg, führt eigene Marketingfirmen und kennt den Tourismus in der Elbmetropole aus dem Effeff. Sein Verband hat über 1.000 Mitglieder. 
Foto oben: Warum es für Wolfgang Raike,Vorstandsvorsitzender des Tourismusverbands Hamburg e. V., keinen Overtourism gibt: „Hamburg hat mit Overtourism nichts zu tun. Venedig hat jährlich 30 Millionen Gäste bei 250.000 Einwohnern und Barcelona 15 Millionen Gäste bei 1,7 Millionen Einwohnern. In Hamburg haben wir dagegen acht Millionen Gäste bei 1,9 Millionen Einwohnern. Also halb so viel wie Barcelona mit mehr Einwohnern. Das ist eine ganz andere Tourismus-Liga und überhaupt nicht zu vergleichen.“ © Catrin-Anja Eichinger 

Herr Raike, alle diagnostizieren Wirtschaftskrise und Nullwachstum, während der Tourismus 2025 bundesweit zulegt und in Hamburg noch einmal stärker mit rund zwei Prozent. Was kann der Tourismus in Hamburg, womit sich Industrie und Hafen in der Elbmetropole immer wieder schwertun? Der Tourismus in Hamburg ist recht stabil, und die Hotels haben gute Wachstumsraten. Das liegt auch daran, dass Menschen Neues und Anderes entdecken wollen, wenn sie andere Städte und Regionen bereisen. Diese Neugier hat nicht abgenommen in den letzten Jahren. Nach der hohen Reisetätigkeit nach Corona sind wir wieder auf einem guten normalen Level angekommen. 

Der Tourismus ist nach Industrie, Hafen und Gesundheitswirtschaft die vierte Wirtschaftskraft in Hamburg. Wie kommt das? Das ist umso bemerkenswerter, da es den Tourismus als Bereich schon über 130 Jahre gibt, Hamburg ihn jedoch erst spät Mitte der 80er-Jahre als wichtigen Wirtschaftsfaktor für die Stadt entdeckt hat. Zuvor waren die Hamburger eher zurückhaltend und rollten Besuchern der Freien und Hansestadt nicht gerade den roten Teppich aus. Dafür sorgte dann der damalige Erste Bürgermeister Klaus von Dohnanyi (SPD, 1981–1988). Und die Tourismus-Offensive ist aus der Zeit vor allem mit dem jahrelangen Dauerbrenner des Kultmusicals „Cats“ verbunden. „Mit ,Cats‘ fängt man Mäuse“, lautete die Devise des damaligen Chefs der Hamburg Information GmbH. Wir sind 1899 als kleiner Tourismusverband gegründet worden und sind schon stolz darauf, dass wir 2025 über 15 Millionen Übernachtungen in Hamburg zählen durften, die der Stadt eine sogenannte Bruttowertschöpfung von 5,5 Milliarden Euro beschert hat. 

Bestätigen diese Zahlen die These von Bundeskanzler Friedrich Merz, dass die Deutschen zu viel „Lifestyle“-Freizeit verbringen, anstatt mehr zu arbeiten? Das glaube ich nicht, und Reisen und Tourismus werden sicher auch nicht die Bruttowertschöpfung Deutschlands schmälern. Nein, wir als Stadtstaat haben es im Tourismus vor allem mit Tages- und Wochenendtouristen zu tun. Dass wir in Deutschland schon länger fast ein Nullwachstum haben, liegt definitiv nicht am Tourismus, sondern kommt durch einen breiten Strauß von Gründen, die in der deutschen Wirtschaft selbst begründet sind, die offenbar eine nachhaltige Transformation für ein neues starkes Wachstum braucht.  

Trotz steigender Besucherzahlen klagte zum Beispiel die Hotellerie über rasant gestiegene Kosten bei gleichzeitig kürzeren Aufenthaltszeiten der Gäste und die Gastronomie über hohe Kosten und spürbar weniger Restaurantbesuche – also Umsatz- und Gewinneinbußen. Auch wenn die Zahl der Insolvenzen der Branchen deutlich steigt: Klagen Hoteliers und Gastronomen bei den guten Tourismuszahlen auf hohem Niveau? Nein. Es ist doch unstrittig, dass nach Corona durch drastisch gestiegene Energie- und Personalkosten wie den Mindestlohn und extrem gestiegene Materialkosten durch die Inflation der vergangenen Jahre Hotellerie und Gastronomie schwer zu kämpfen haben. Die Kosten sind einfach durch die Decke gegangen, und darunter leiden alle. 

Einspruch von Gästeseite: Die Hotelbelegungen sind mit durchschnittlich 70 bis 75 Prozent gut und die Hotelzimmerpreise wie die Preise in der Gastronomie enorm gestiegen. Ja, deshalb gibt es leider eine spürbare Kaufzurückhaltung in der Gastronomie. Die Gäste geben im Schnitt insgesamt weniger aus, trinken ein Glas Wein weniger und gehen seltener ins Restaurant. Das gibt es jedoch in vielen Märkten, nicht nur im Tourismus und in Hotellerie und Gastronomie. Alle müssen zurzeit schauen, dass sie ihre jeweiligen Produkte dem Markt anpassen und weiterentwickeln müssen. Beide Seiten müssen mit den Herausforderungen wachsen. So wie innerhalb eines Tages sich aktuell Hotelpreise ändern, je mehr Gäste kommen, desto stärker steigen die Zimmerpreise. Der Hotelier und sein Team hinterlegen im digitalen System, wann der Zimmerpreis um wie viel bei welcher Nachfrage oder zu welchen Event- und Saisonzeiten wachsen soll. Ausführen tut es die KI, so schnell können Sie als Verbraucher auf dem Handy oder dem Tablet nicht hinterher sein. Hotellerie und Gastronomie müssen sich auf preisbewusstere Gäste einstellen. Ein Klassiker gilt, egal für welche Zielgruppen: Angebot und Nachfrage müssen in Balance sein. Die Goldgräberzeiten nach Corona, als die Reise- und Urlaubssehnsucht keine Preisgrenzen kannten, sind definitiv schon länger vorbei.

Sie gelten als Fan des sogenannten Tourismusentwicklungsplans, des TEP, der neu für Hamburg entwickelt werden soll. Was ist das Ziel? Dass man sich strategisch aufstellt, wo die Reise des Tourismus in Hamburg generell hingehen soll. Abgeleitet ist der TEP vom Hafenentwicklungsplan, der die maritime Zukunft aufzeigen soll. Das verspreche ich mir auch vom TEP, der durch die aktuellen Beschlüsse der Bundesregierung, massiv in die Infrastruktur auch des Tourismus wie Straßen, Brücken, Autobahnen oder Bahnverkehr zu investieren, neuen Schwung und Substanz bekommen hat. Das Umsetzen im Bereich des Tourismus ist jedoch ausschließlich Ländersache, da muss Hamburg seine Hausaufgaben machen und sich selbst über seine Ziele klar werden und diese eben im TEP festlegen für die kommenden Jahre. 

Welche sind das? Es betrifft vor allem die Rahmenbedingungen, und wir müssen Antworten finden auf Fragen: Welche Probleme haben wir generell in Hamburg im Tourismus? Und welche können wir wie, wenn alle Tourismusbeteiligten sie identifiziert haben, kurz-, mittel- und langfristig beheben? Oder welche Zielgruppen wollen wir im Tourismus in Hamburg wie ansprechen, weil wir dort neben massenattraktiven Events wie Hafengeburtstag oder Dom ein einzigartiges Hamburger Leistungsversprechen auch erfüllen können und wollen?  

Ist Ihnen ein Ziel besonders wichtig? Absolut: der Hauptbahnhof. Er ist die zentrale Drehscheibe für das Hamburger Alltagsleben und für den Tourismus. Als er 1906 eröffnet wurde, war er topmodern und sofort zu klein. Für die touristische Infrastruktur hat der Hauptbahnhof oberste Priorität, denn da kommen die allermeisten Tages- und Wochenendtouristen an – und Hamburg bietet dort Dauerüberfüllung, wenig moderne Aufenthaltsqualität und für ein solches nordeuropäisches Verkehrskreuz kein leistungsfähiges Angebot. Vor allem die Deutsche Bahn sowie Bund und Hamburg haben das mit Hochdruck zukunftsfähig zu machen, radikal zu transformieren. Immerhin hat Hamburg schon beschlossen, wie der neue künftige Hauptbahnhof baulich aussehen und welche Aufenthaltsqualitäten er bieten soll.  

Wolfgang Raike über Kulturleuchttürme der HafenCity: „Das UBS Digital Art Museum zum Beispiel kommt ja offenbar schon Ende dieses Jahres. Ich bin davon überzeugt, dass der Welterfolg der teamLab-Künstler und der aktuell dann einzige Standort in Europa hier bei uns in Hamburg allen viel Freude machen wird.“ © teamLab

Wie kann der Tourismus seine starke wirtschaftliche Stellung behaupten? Und gerne auch ausbauen! Bei ein Prozent Wachstum im Tourismus stagniert Hamburg, bei zwei Prozent oder mehr, wie im Moment, ist es solide. Damit man aber mutig und zukunftsorientiert wachsen kann, um nachhaltig als Stadtstaat in den Tourismus zu investieren, braucht es deutlich mehr.  

Was ist die Voraussetzung dafür? Na, dass man zuerst einmal eine Bedarfsanalyse für die kommenden Jahre bis 2030 macht. Die fehlt. Wir stehen zwar auf der politischen Agenda, aber 100 Prozent im Fokus ist der Tourismus nicht. Wir sind eben nicht Stahl, Hafen oder Medizin, sondern im Zweifel Freizeit und fallen mal gerne vom politischen Aufgabentisch mit Prioritäten herunter. Offenbar geht es uns, was den Tourismus angeht, noch zu gut. Dabei beschäftigt unsere Branche in Hamburg über 93.000 Menschen. 

Wie kann man das beheben? Für Tourismus ist nicht nur eine Behörde inhaltlich involviert, Tourismus ist eine sogenannte Querschnittsaufgabe für alle. Das heißt, dass wir alle Wirtschaftsbereiche von der Infrastruktur, Hotellerie, Gastronomie oder Kultur bis zur Lebensmittelindustrie und der Ausstattung von Kreuzfahrtschiffen tangieren. Das macht das Bohren dicker Bretter nicht einfacher – macht mir allerdings auch bis heute einfach riesig Spaß. 

Sie ziehen als Tourismusverband, der die Verbindung zu Politik und Wirtschaft pflegt, zusammen mit der offiziellen Marketingorganisation Hamburg Tourismus GmbH erfolgreich an einem Strang. Was zeichnet Ihre Organisation aus? Wir sind vor allem, was man bei Traditionsverbänden immer vermutet, nicht überaltert. Wir sind jetzt kein Hidden Champion für Start-ups, doch unsere vielfältigen digitalen Plattformen sorgen für ein erfolgreiches Netzwerken in der gesamten touristischen Familie in Hamburg. Wir bringen die Menschen zusammen und sorgen für Informationsaustausch, wenn es darum geht, Probleme zu lösen – wie klein die vor Ort auch immer für Einzelne sind. Wir und unsere über 1.000 Mitglieder bieten durch unser Netzwerk Lösungen in allen Bereichen des Tourismus an.  

Dann sorgen Sie auf breiten Wunsch aus der HafenCity doch bitte mal dafür, dass die Tourismusbusse zur Elbphilharmonie sowie die Hop-on-Hop-off-Busse endlich verschwinden: Diese parken rücksichtslos Fahrradstreifen und Straßen zu, stinken und fahren oft zu dritt hintereinander her, obwohl sie kaum besetzt sind. Das ist Lärm- und Emissionsbelästigung und senkt nachhaltig die Lebensqualität. Das Thema gibt es zum Beispiel auch rund um die Alster oder in Teilen des Hafens mit Altona und St.Pauli. 

Wolfgang Raike in seinem Büro: „Unsere vielfältigen digitalen Plattformen sorgen für ein erfolgreiches Netzwerken in der gesamten touristischen Familie in Hamburg.“ © Catrin-Anja Eichinger

Das macht es nicht besser. Sorgt Overtourism wie in Barcelona oder Venedig auch in Hamburg für sinkende Akzeptanz des Tourismus? Hamburg hat mit Overtourism nichts zu tun, das ist weit hergeholt und populistisch. Venedig hat jährlich 30 Millionen Gäste bei 250.000 Einwohnern und Barcelona 15 Millionen Gäste bei 1,7 Millionen Einwohnern. In Hamburg haben wir dagegen acht Millionen Gäste bei 1,9 Millionen Einwohnern. Also halb so viel wie Barcelona mit mehr Einwohnern. Das ist eine ganz andere Tourismus-Liga und überhaupt nicht zu vergleichen.  

Dann ist es vielleicht „gefühlter“ Overtourism auf kleiner HafenCity-Fläche. Das kann nicht in Ihrem Interesse sein, denn der nachhaltige Tourismus lebt davon, dass sich alle wohlfühlen, Gäste und Bewohner. Die HafenCityzens sagen: Wir sind mit der klassischen Innenstadt gewollt die neue Mitte Hamburgs. Wir wollen keine Busse und keine Lkws im Quartier und Tempo 30 auf den Bezirksstraßen. Das klingt doch zukunftszugewandt, oder? Da haben Sie recht, und wir unternehmen gemeinsam mit der Hamburg Tourismus GmbH alles, um eine lebenswerte Balance hinzubekommen. Dazu ist ein Zusammenspiel aller Tourismus-Akteure erforderlich. Mit Einzelmaßnahmen, so unsere Erfahrung, kommt man nicht voran. 

Warum nicht? Die Bezirksversammlung Hamburg-Mitte hat vor Monaten beschlossen, dass Tempo 30 auf den Bezirksstraßen in der HafenCity eingeführt wird. Und es tut sich nichts. Der Verkehrssenator ist dafür, alle sind dafür, nur die Verwaltung tut nichts. Die Bezirkspolitiker sind sauer, weil ihre Beschlüsse nicht umgesetzt werden. Das führt zu Politikverdrossenheit. Das ist vollkommen richtig. Ich sage dazu: Wie haben einen Po lizeidirektor und einen Innensenator. Wenn die wollen, passiert es auch. Da muss man ansetzen. Meine Erfahrung ist, da lasse ich mich auch nicht von abbringen: Es gibt immer Lösungen. Aber es sind, da haben die Betroffenen Politiker und Anwohner recht, besonders dicke Bretter. Sie haben doch auch erfolgreich die Versmannstraße bei sich in der HafenCity von vier- auf zweispurig zurückbauen lassen. Bleiben Sie im Quartier und im Bezirk Hamburg-Mitte dran. Irgendwann klappt es.  

Ist denn Tourismus mehr Fluch als Segen? Quatsch. Es ist doch prima, wenn man global andere Kulturen und Menschen kennenlernt. Wie sind davon überzeugt, dass Tourismus friedensstiftend ist. Und, vergessen Sie das nicht: Ohne Tourismus und attraktive Erlebniscenter wie das Westfield bei Ihnen in der HafenCity hätten die Innenstadteinzelhändler noch mehr Probleme, als sie sowieso schon haben, und die U4 zum Westfield würde nur alle 20 Minuten und nicht wie jetzt am attraktiven Samstag alle fünf Minuten fahren. Das wird gerne übersehen. 

Mit dem Naturkundemuseum im Elbtower, der Kühne-Oper auf dem Baakenhöft und dem UBS Digital Art Museum im Baakenhafen kommen weitere touristische Highlights in die HafenCity. Bei der Oper sind die Menschen im Stadtteil beunruhigt. Sie auch? Überhaupt nicht. Das wird wie mit der Elbphilharmonie. Da waren auch erst viele dagegen, und heute ist sie das internationale bauliche und touristisch-künstlerische Wahrzeichen Hamburgs. Während Naturkundemuseum und Oper ja noch dauern und auch noch final beschlossen werden müssen, kommt das UBS Digital Art Museum zum Beispiel ja offenbar schon Ende dieses Jahres. Ich bin davon überzeugt, dass der Welterfolg der teamLab-Künstler und der aktuell dann einzige Standort in Europa hier bei uns in Hamburg, allen viel Freude machen wird.   

Und dann kommt nach dem Willen von Sportsenator Andy Grote auch noch „Olympia 2040“. Werden die Hamburger am 31. Mai zustimmen? Ich glaube ja. Olympia passt wunderbar zu Hamburg und wird nicht nur ein paar Wochen lang die Betten voll machen, sondern mit viel Geld vom Bund viele Infrastrukturprojekte und Modernisierungen auf den Weg bringen. Das können wir uns nicht leisten, darauf zu verzichten. Ich wünsche mir, dass der bayerische Ministerpräsident Markus Söder Olympia in Hamburg eröffnen wird. 

Was sind Ihre Leidenschaften? Reisen und Kuchen. 

Wie das? Meine Lieblingsreiseziele sind Helgoland und Asien, weil ich dort ganz unterschiedlich entspannen kann. Und mit Kuchen bin ich in einem Hotel in Baden-Baden aufgewachsen, wo mein Vater Pâtissier war. Eine tolle Kindheit, weil ich dort von allen verwöhnt wurde.

Dann sind Sie mit Labskaus und Fischbrötchen in Hamburg aber hart gelandet. Nö. In Hamburg gibt es auch tollen Kuchen! 

Das Gespräch führte Wolfgang Timpe

Mehr Infos unter: tourismusverband-hamburg.de

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Business. Raphael Adrian ­Herder ist Inhaber der Immobi­lienagentur Der HafenCity-Makler und schreibt über den Immobilienmarkt Inder