Meinung. Damit Sie bei der Volksabstimmung Ihre guten Argumente fürs Wählen, für ein Ja oder Nein bei der Volksabstimmung am 31. Mai 2026 zu Olympischen und Paralympischen Sommerspielen 2036, 2040 0der 2044 in Hamburg bilden können, haben wir die Umweltsenatorin und Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Pro) und die Co-Vorsitzende der Linksfraktion in der Bürgerschaft )Contra) gebeten, Ihre Sicht der Dinge zu begründen
Pro: »Diese Chance für uns alle ergreifen!«
Essay. Warum für Katharina Fegebank, Zweite Bürgermeisterin und Umweltsenatorin, Die Grünen, Olympia in Hamburg Fortschritt bedeutet und die Menschen zum Träumen bringt
Olympische und Paralympische Spiele in Hamburg. Mit 3×3 Basketball auf der Binnenalster, Schwimmen im Volksparkstadion, Hockey am Millerntor und einer Menge mehr. Für viele Menschen in unserer Stadt würde sich damit ein Lebenstraum erfüllen, auch für mich. Aber selbst wenn man emotional noch nicht sofort Feuer und Flamme für die Spiele ist – bei genauerem Hinsehen gibt es auch eine ganze Menge rationale Gründe, diese Chance für uns alle zu ergreifen.
Foto oben: Katharina Fegebank, Zweite Bürgermeisterin sowie Umwelt- und Klimasenatorin von den Grünen: „Ich wünsche mir, dass wir uns trauen, am 31. Mai einfach mal ,Ja‘ zu sagen, und diese Chance mit Mut und Zuversicht ergreifen.“ © Catrin-Anja Eichinger
Um es einmal vorwegzunehmen: Die Chance, dass Deutschland 2040 oder 2044 Olympische Spiele bekommt, steht nach allem, was wir heute wissen, sehr gut. Es geht also vor allem um die Frage, wo diese Spiele in Deutschland stattfinden sollen. Sollen sie zum zweiten Mal nach 1972 nach München gehen, oder ist diesmal der Norden dran? München will diese Spiele zum zweiten Mal – und hat dies mit einer Zweidrittelmehrheit sehr deutlich gezeigt. Diese klare Mehrheit fußt auf der extrem positiven Erfahrung, die die Stadt 1972 gemacht hat. Die Spiele haben nicht nur die internationale Bekanntheit der Stadt enorm gesteigert, sondern den Menschen auch neue S- und U-Bahn-Linien, einen Olympischen Park und ein Studierendenviertel gebracht, das aus dem olympischen Dorf entstanden ist. Der Mehrwert der Spiele für die Stadt ist bis heute für alle seh- und erlebbar. Und so geht es übrigens nicht nur München.
Die Menschen sind nicht mit dem Klammerbeutel gepudert
Städte, die einmal Olympische und Paralympische Spiele hatten, bewerben sich immer wieder darum, weil sie wissen, was für ein riesiger Gewinn dies für eine Stadt sein kann. 2024 waren es die dritten Olympischen Spiele für Paris, 2028 wird Los Angeles hier zahlenmäßig gleichziehen, und in London laufen gerade die Vorbereitungen für eine vierte Bewerbung. Die Menschen in diesen Städten sind nicht blöd oder mit dem Klammerbeutel gepudert, sondern wissen genau, was sie da tun. Sie kennen den großen und dauerhaften Mehrwert der Spiele aus erlebter Erfahrung. Deshalb bewerben sie sich zum zweiten, dritten oder vierten Mal darum, sie auszutragen.
Die Spiele werden sich der Stadt anpassen – und nicht umgekehrt
In Hamburg fehlt uns diese Erfahrung bislang – anders als beispielsweise auch in Kiel. Deshalb ist es wichtig, deutlich zu machen, was Olympische Spiele für Hamburg wirklich bedeuten können. Hamburg soll nach den Spielen eine grünere Stadt sein als vorher. Deshalb setzen wir auf den Bestand und verzichten auf Neubauten extra für Olympia. Volksparkstadion, Millerntor und Barclays Arena werden zentrale Sportstätten sein. Die Spiele werden sich der Stadt anpassen – und nicht umgekehrt. Die Vorgabe des IOC, die Spiele klimapositiv zu gestalten, werden uns einen enormen Schub geben, unser eigenes Hamburger Ziel, bis 2040 klimaneutral zu sein, zu erreichen.
Um die Stadt noch grüner zu machen, werden wir unter anderem ein grünes „Olympisches Band“ vom Volkspark über den Bornkamppark bis hin zum Wasserpark Dove-Elbe (Eichbaumsee) herrichten. Das wird die Lebensqualität für ganz viele Quartiere in unserer Stadt erhöhen – und zwar dauerhaft auch nach den Olympischen und Paralympischen Spielen.
Wir wollen mit den Spielen die Verkehrsinfrastruktur für Hamburg dauerhaft verbessern. Mit dem dringend notwendigen Ausbau des Hauptbahnhofs, dem Bau der U5 hin zu den Arenen und der S6 bis zum olympischen Dorf. Und das olympische Dorf? Das wird nach den Spielen die Science City werden, ein moderner neuer Stadtteil, in dem wir nicht nur 4.500 Wohnungen bauen, sondern auch Spitzenforschung, Lehre und Entwicklung miteinander verbinden.
Und wir wollen Hamburg zur inklusivsten Stadt Deutschlands machen. Denn es gibt kein Ereignis auf dieser Welt, das so sehr dazu beiträgt, Barrieren abzubauen wie die Paralympischen Spiele. Deshalb liegen mir die Paralympics besonders am Herzen. Ob im ÖPNV, beim Wohnen oder im Sport: Wir können mit den Paralympischen Spielen sehr viel besser und schneller darin werden, Barrieren abzubauen.
Es wird viel Geld vom Bund in die Ausrichterstadt fließen
Von Kritikern kommt bei diesen Hinweisen gerne das Argument, dass man dies ja auch alles ohne Olympia machen könnte. Ja, theoretisch ist das möglich. In der Praxis aber sind die Mittel begrenzt. Der Bund hat sich – anders als 2015 – bereits sehr klar dazu bekannt, die Olympischen und Paralympischen Spiele finanziell zu unterstützen. Es wird also viel Geld vom Bund in die Ausrichterstadt fließen. Geld, das wir dringend benötigen, um die angesprochenen Projekte umzusetzen. Geld, das, wenn es nicht nach Hamburg fließt, woanders hingehen wird. Oder anders gesagt: Wenn die Spiele in München stattfinden, wird die dortige Stammstrecke auch mit Hamburger Steuergeld bezahlt werden. Markus Söder würde das freuen, mich nicht.
Es gibt also eine große Vielzahl an Gründen, sich für die Olympischen Spiele einzusetzen. Wir reden über eine Chance für alle – aber auch über eine Chance, die so schnell nicht wiederkommt. Wenn die Spiele 2040 oder 2044 nach München oder Nordrhein-Westfalen gehen sollten, wird es womöglich in diesem Jahrhundert keine neue Gelegenheit für Hamburg geben, denn Europa als Kontinent ist nur alle 16 bis 20 Jahre an der Reihe, und auch hier sind dann erst mal wieder andere Länder dran.
Ich wünsche mir, dass wir all diesen Menschen ihre Träume lassen
Hamburg hat bei sportlichen Großereignissen schon oft gezeigt, welch unglaubliche Begeisterung für den Sport sie in sich trägt. Viele in der olympischen Generation – also die heute Sechs- bis 15-Jährigen – träumen sicher davon, selber in ihrer Heimatstadt bei Olympischen Spielen anzutreten. Andere freuen sich auf die einmalige Gelegenheit, die Spiele in ihrer Heimat als Zuschauer zu verfolgen – ob im Stadion, in der Turnhalle oder einfach an der Fahrrad- oder Marathonstrecke. All das wird für die Menschen in Hamburg unvergesslich bleiben.
Ich wünsche mir, dass wir all diesen Menschen ihre Träume lassen. Dass wir uns trauen, am 31. Mai einfach mal „Ja“ zu sagen, und diese Chance mit Mut und Zuversicht ergreifen. Katharina Fegebank
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Katharina Fegebank, 49, ist Hamburgs Zweite Bürgermeisterin sowie Umwelt- und Klimasenatorin (Die Grünen) im rot-grünen Senat der Hamburgischen Bürgerschaft.
Contra: »Für Hamburg – Nein zu Olympia!«
Essay. Warum für Heike Sudmann, Co-Fraktionssvorsitzende der Linken in der Bürgerschaft, die Olympia-Bewerbung Milliarden verschlingt, die für Klima und Inklusion fehlen

„Die Begeisterung für olympische und paralympische Sportler:innen in den Wettkämpfen endet in
zu wenigen und schlecht ausgestatten Sportstätten in Hamburg. Und das für viele, viele Jahre – denn
das Geld geht ja für Olympia drauf.“ © Catrin-Anja Eichinger
Hamburg soll sich für die Olympischen und Paralympischen Spiele 2036, 2040 und 2044 bewerben – so der Wille des Senats. Um die Hamburger:innen zu überzeugen, dass Olympia „eine Chance für alle“ sei, produziert der Senat schöne Bilder und große Emotionen. Das lässt er sich mal eben elf Millionen Euro kosten. Doch damit kann er nicht ablenken von den vielen Baustellen, dem Verkehrschaos, der Klimabelastung und den hohen Ausgaben. Olympia wird extrem teuer, selbst der Senat spricht von 6,1 Milliarden Euro. Dabei fehlen noch etliche Milliardenkosten, zum Beispiel für die Sicherheit. Das Geld könnte für ein Hamburg ohne Olympia viel besser genutzt werden: für dauerhafte Sportförderung, für mehr Häuser der Jugend, für Seniorinnen- und Seniorentreffs, für eine bessere Gesundheitsversorgung, für günstige Mieten und vieles mehr.
100 Millionen Euro Gewinn durch Olympia? Mitnichten!
Der Senat spricht von 100 Millionen Euro Gewinn – und schweigt lieber über die Gesamtsumme, die für die Olympischen Spiele ausgegeben werden müssen. Kein Wunder, denn allein die 6,1 Milliarden Euro Ausgaben, die sich schon im aktuellen Finanzkonzept des Senats wiederfinden, (v)erschrecken viele Hamburger:innen. Dabei fehlen noch die Ausgaben für Sicherheit und Logistik. Bei Olympia 2024 in Paris waren das 2,65 Milliarden Euro. Die 100 Millionen Euro Gewinn in einem von drei Olympia-Budgets kommen übrigens nur zustande, weil der Senat einen Zuschuss des Bundes in Höhe von 200 Millionen Euro einrechnet. Dumm nur, dass der Bund es bisher nur bei warmen Worten belässt. Denn der Bund bekennt sich zwar zu einer finanziellen Mitverantwortung für Olympia, macht aber keinerlei Zusagen über die Höhe von Bundesgeldern. Das sei abhängig von der Haushaltslage … Und ohne Bundesgelder soll auch die neue Multifunktionsarena im Volkspark gebaut werden. Der Neubau des Vorbildes, des Madrider Stadions Santiago Bernabéu, hat über eine Milliarde Euro gekostet.
Woher Geld nehmen und nicht stehlen?
Auch den größten Befürworterinnen der Olympischen und Paralympischen Spiele ist klar, dass Milliardenausgaben auf Hamburg zukommen. Ebenso klar ist, dass sich die Einnahmen Hamburgs nicht auf wundersame Weise vermehren werden. Schon heute stehen Kürzungen im Jugendbereich, Schließungen von Krankenhäusern, fehlende Ärztinnen und Ärzte und Gesundheitszentren in den Stadtteilen, geschlossene Schwimmbäder, hohe Obdachlosigkeit und explodierende Mieten auf der Tagesordnung. Mit beziehungsweise nach Olympia wird es nicht um mehr, sondern um weniger Geld für wichtige soziale, kulturelle und bildungspolitische Aufgaben gehen. Und darunter werden gerade die Kinder und Jugendlichen zu leiden haben, um die es doch angeblich geht, wenn von der „olympischen Generation“ gesprochen wird.
Barrierefreiheit und Inklusion – in 10, 14 oder 18 Jahren. Im Ernst?
Und der Sport? Wissenschaftliche Untersuchungen konnten nach den Olympischen Spielen in Sydney (2000), Athen (2004) und London (2012) keinen positiven Effekt auf den Breitensport feststellen. Für Olympia werden in Hamburg mit viel Geld diverse Sportstätten nur für vier Wochen gebaut oder umgebaut (temporäre Bauten). Modernisieren oder weiterentwickeln will der Senat 42 Dreifeldhallen, 16 Sportfreianlagen und zwölf Schwimmbäder. Das ist für ganz Hamburg doch nur ein schlechter Witz! Knapp vier Wochen Begeisterung für olympische und paralympische Sportler:innen in den Wettkämpfen enden in zu wenigen und schlecht ausgestatten Sportstätten in Hamburg. Und das für viele, viele Jahre – denn das Geld geht ja für Olympia drauf.
Der Hamburger Senat verspricht, dass Hamburg zur barriereärmsten Stadt Deutschlands umgebaut werde, wenn Olympia kommt. Das hört sich gut an – ist aber in Wirklichkeit ein Armutszeugnis. Menschen mit Behinderung müssen sich uneingeschränkt in der Stadt bewegen können. Und das so schnell wie möglich und nicht erst in 10, 14 oder 18 Jahren. Bei Inklusion geht es um Menschenrechte. Und die müssen unabhängig davon, ob Hamburg Olympische und Paralympische Spiele ausrichtet, verwirklicht werden.
Prima Klima mit Olympia? 790.000 Besucher:innen an einem Tag
Olympische Spiele verursachen enorme CO₂-Emissionen – durch Neubauten, Straßenverkehr und Flugreisen. Sie lassen sich weder klimaneutral noch klimapositiv veranstalten. Deshalb will der Senat sich durch Zertifikate freikaufen – was die Klimabelastung in Hamburg nicht verringert. Am Spitzentag werden laut Senat 790.000 Olympia-Besucher:innen und Touristen in Hamburg sein. Täglich kommen 50.000 zusätzliche Fluggäste wegen Olympia. Dass die Deutsche Bahn den Ausbau des Hauptbahnhofes und des Schienennetzes rechtzeitig schafft, glaubt wohl niemand. Der – fragwürdige – Bau der U5 wird bis 2036 nicht bis zum Volkspark reichen, selbst 2040 wird knapp. Olympisches Verkehrschaos garantiert!
Angst bei den Befürworter.innen: Seit Umfragen eine Mehrheit gegen Olympische Spiele in Hamburg sehen, fabulieren Befürworter:innen eine unheilige Allianz zwischen NOlympia und Die Linke mit der AfD herbei. Mit diesem unsportlichen Foul lenken SPD, Grüne, CDU und andere von der Hauptfrage ab, weshalb sie trotz all der Risiken und Nachteile so vehement für Olympische Spiele sind. Ehrlicher wäre es, wenn sie sagen: „Ja, Olympia verschlingt Milliarden, die an anderer Stelle fehlen werden. Ja, wir wissen, dass Wirtschaftsinstitute sagen, es gibt keinen messbaren wirtschaftlichen Aufschwung. Aber die großen Emotionen und Bilder sind uns das wert.“ Die berechtigte Angst, damit das Referendum zu verlieren, hält die Befürworter:innen von so viel Ehrlichkeit ab.
Wer gewinnt denn nun am Ende?
Egal, wie die Wettkämpfe ausgehen, einer gewinnt immer bei den Olympischen Spielen: das Internationale Olympische Komitee (IOC), das bekannt ist für Intransparenz, Korruption, Doping-Verschleierung und fehlende Menschenrechtsstandards. Während das IOC regelmäßig Milliardengewinne einstreicht, bleiben die austragenden Städte auf großen Ausgaben und Schuldenbergen sitzen.
Deshalb: Stimmen Sie bis zum 31. Mai ab und sagen Sie: „Nein“ zu Olympia – für Hamburg! Heike Sudmann
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Heike Sudmann, 64, ist Co-Fraktionsvorsitzende Die Linke in der Hamburgischen Bürgerschaft und Fachsprecherin für Wohnen, Miete und Verkehr.



