Pro + Contra Olympia: Aust gegen Maudrich

Meinung. Damit Sie bei der Volksabstimmung Ihre guten Argumente fürs Wählen, für ein Ja oder Nein bei der Volksabstimmung am 31. Mai 2026 zu Olympischen und Paralympischen Sommerspielen 2036, 2040 0der 2044 in Hamburg bilden können, haben wir den Vorstandsvorsitzenden der Alexander Otto Sportstiftung Rando Aust (Pro) und den Mitgestalter der NOlympia-Initiative Eckart Maudrich (Contra) gebeten, Ihre Sicht der Dinge zu begründen

Essay. Warum Rando Aust,Vorstandsvorsitzender der Alexander Otto Sportstiftung, in der Olympia-Bewerbung einen Gesellschaftsbooster sieht und ein Sommermärchen vorhersagt

Für Hamburg ist es die letzte Chance auf Olympische und Paralympische Spiele. Die müssen wir nutzen und mutig Hamburgs Zukunft gestalten, statt den Status quo zu verwalten – gerade auch für die junge Generation, die die Spiele mehrheitlich will. Was eint Generationen und Kulturen schließlich mehr als Olympia – gerade jetzt? 
Foto oben: Rando Aust von der Hamburger Olympia-Initiative: „Rund 100 Sportstätten von Vereinen und Schulen würden modernisiert – endlich Schluss mit defekten Duschen und müffelnden Umkleiden.“ © Catrin-Anja Eichinger

Zu Recht kritisieren wir, wenn Sportevents an autoritäre Staaten gehen. Dann brauchen wir aber alternative Bewerber, die neue Maßstäbe setzen – nachhaltig und kostenbewusst. Hamburg präsentiert sich als solche Alternative. Wer anderer Meinung ist, sollte sich so ehrlich machen und von der olympischen Idee verabschieden. Das wäre aber ein großer Fehler.

Jede Stadt, die schon mal die Spiele ausgerichtet hat, möchte das wieder – nicht aus Masochismus, sondern weil sie davon gewaltig profitiert hat. Neben Hamburg wollen daher auch Berlin, München und die Rhein/Ruhr-Region Olympia. Zwei Drittel der Menschen in München und an Rhein und Ruhr haben sich bereits dafür ausgesprochen. Damit wird sich der DOSB auf jeden Fall mit einer deutschen Stadt bewerben und wahrscheinlich auch den Zuschlag für 2036, 2040 oder 2044 erhalten.

Wir brauchen aber keine Oktoberfestspiele, bei denen sich alles um Bayern dreht und Hamburgs Steuergelder schon wieder in bayerische Infrastruktur fließen. Jede NEIN-Stimme beim Referendum wäre eine JA-Stimme für Hamburgs Konkurrenz. Wir brauchen Spiele, mit denen wir uns als weltoffenes Land präsentieren. Wer kann das besser als Hamburg? 50 Jahre nach der Wiedervereinigung wären es die „Spiele der Einheit“: Die Wettkämpfe würden über Hamburg hinaus im ganzen Norden und fast gesamten Osten stattfinden. Und natürlich würde Hamburg maßgeblich profitieren. 

Fünf Schulsportstunden sollen verbindlich werden, um Bewegung von Kindern und Jugendlichen zu fördern und sie für den Sport zu begeistern. Rund 100 Sportstätten von Vereinen und Schulen würden modernisiert – endlich Schluss mit defekten Duschen und müffelnden Umkleiden. Junge Menschen würden den Vereinen die Türen einrennen. Wenn wir zuletzt oft das Abschneiden unserer Olympioniken kritisiert haben, wird sich das mit einem funktionierenden Breitensport als Basis für erfolgreichen Spitzensport ändern. Das haben alle Nationen gezeigt, die Spiele ausgerichtet haben. 

Der Olympia-Booster würde weit über den Sport hinaus zünden: Hamburg würde zur barriereärmsten Stadt Deutschlands. Neben Menschen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen würden auch für Senioren und Eltern mit kleinen Kindern der Alltag und gesellschaftliche Teilhabe einfacher: Bordsteine werden abgesenkt, der Zugang zu Bahnen und Bussen erleichtert, inklusive Angebote ausgebaut. Braucht es dafür Olympia? Ja, denn erst ein so großes Ziel setzt solche Ressourcen frei. Wer will dagegen sein?

Das Hamburger Olympia-Konzept setzt neue Maßstäbe in Nachhaltigkeit: 76 Prozent der Sportstätten bestehen bereits, 24 Prozent werden temporär errichtet und ihre Bauten anschließend nachgenutzt, keine einzige wird für die Spiele neu gebaut. 85 Prozent der Sportstätten liegen in einem Radius von sieben Kilometern, 96 Prozent sind maximal 15 Gehminuten von einer ÖPNV-Station entfernt. Es wären die Spiele der kurzen Wege und Olympia ein Festival der Vielfalt mitten in unserer schönen Stadt: Die Innenstadt wird zur Bühne, unsere Wahrzeichen werden zur Kulisse. Eine Million Hamburger würden in den Genuss günstiger Tickets kommen, Ehrenamtliche und Geringverdiener kriegen sogar kostenlose Tickets. Darüber dürfen sich auch die Olympia-Gegner von AfD und Linken freuen. 

Selbst das olympische Dorf wird nicht neu gebaut, sondern zieht in die ohnehin geplante Science City in Bahrenfeld mit Wohnungen für 9.000 Menschen – 56 Prozent sozial gefördert. 84 Prozent der Athleten werden hier während der Spiele wohnen. Der Volkspark wird an die bereits im Bau befindliche und dann fertiggestellte U5 angebunden sein, auch die S6 ist dann fertig, und der bis dahin erweiterte Hauptbahnhof wird endlich dem großen Andrang Reisender gerecht. Das ärgerliche Verkehrs- und Baustellenchaos wäre beendet. Olympia steht den ambitionierten Zielen des Hamburger Klimaentscheids nicht entgegen – im Gegenteil: Olympia kann deren Umsetzung deutlich beschleunigen.

Muss man bei so viel Mehrwert noch über die Kosten reden? Es lohnt sich, denn für ein überschaubares Eigenkapital bekäme Hamburg sehr viel: Die Investitionen liegen bei rund 1,3 Milliarden Euro, 2015 waren es rund sechs Milliarden. Die Kosten für die Durchführung der Spiele liegen aktuell bei rund 4,8 Milliarden Euro und werden durch Einnahmen unter anderem aus IOC-Beiträgen, Ticketing und Sponsoring getragen. Nach aktuellen Berechnungen ergäbe sich sogar ein Überschuss von rund 100 Millionen Euro, der zusätzlich dem Hamburger Breitensport zugutekommen soll. Die Kosten wurden von unabhängigen Prüfern gecheckt. 

Das neue Olympiastadion ist nicht im Budget enthalten, weil es auch ohne Olympia gebaut wird. Wie schön, wenn zukünftig deutlich mehr Fans die Spiele des HSV sehen können – in einem reinen Fußballstadion, in dem zudem viele Großkonzerte stattfinden und damit auch Kulturfans auf ihre Kosten kommen. Und auch an den heute noch nicht seriös zu beziffernden Sicherheitskosten würde Hamburg nicht zugrunde gehen. Vielmehr wäre es grob fahrlässig, wenn Hamburg sich nicht bewerben würde, zumal die Bundesregierung anders als 2015 bereits eine Kostenbeteiligung garantiert hat. Diese Bundesmittel sollte sich Hamburg nicht entgehen lassen. Zudem würde Hamburgs Wirtschaft profitieren: Ein Großteil der Aufträge geht an lokale Unternehmen, neue Arbeitsplätze entstehen, und zusätzliche Wertschöpfung wird generiert. 

Das Konzept zeigt: Hamburg ist olympiareif! Jetzt ist es an uns Wählern, Hamburg mit unserer JA-Stimme zum deutschen Kandidaten für Olympische und Paralympische Spiele zu machen. Eröffnen wir Hamburg diese Chance und schreiben ein neues Sommermärchen – für uns und zukünftige Generationen. Rando Aust

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Rando Aust, 54, ist Vorstandsvorsitzender der Alexander Otto Sportstiftung und Mitglied der Hamburger Olympia-Initiative.

Essay. Warum für Eckart Maudrich,Mitgestalter der NOlympia-Initiative, Hamburg etwas Besseres verdient hat als schwer zu kalkulierende Kosten für knapp drei Wochen Brot und Spiele

Eckart Maudrich von der NOlympia-Initiative: „Wir müssen uns nicht von einem korrupten Schweizer Privatverein namens IOC in Lausanne abhängig machen, dessen Interesse die milliardenschwere Vermarktung seiner TV-Bilder und nicht die Lebensqualität und der Zusammenhalt in Hamburg ist.“ © Flemming Holm

Vom 22. April bis 31. Mai entscheidet Hamburg: Olympiabewerbung ab 2036 – ja oder nein? NOlympia-­Hamburg ist ein breites Bündnis von Menschen aus Hamburg, die wissen, dass ihre Stadt die schönste ist. Wir wissen auch, dass unsere Stadt im Sport und an anderen Stellen Macken hat und vieles besser machen sollte. Turnhallen, Sportplätze und Schwimmbäder sollten in der Nachbarschaft barrierefrei zugänglich und in einem guten Zustand sein. Vor allem dort, wo die Gemeinschaft nicht mehr erlebt wird. Kaputte Sanitäranlagen am Sportplatz oder die kalte Turnhalle im Winter sind leider die Realität. 

Nachweislich fördern diese Investitionen in Turnhallen, Sportplätze und Schwimmbäder die Bewegung und den Zusammenhalt nachhaltig. Erwiesenermaßen wirken jedoch Investitionen in die Olympischen und Paralympischen Spiele demgegenüber nur wenige Wochen euphorisierend. Sie mobilisieren am schlechtesten für den Sport, hinterlassen dafür aber riesige Schulden, die zu Kürzungen beispielsweise bei Sport, Bildung, Sozialem, Wohnungsbau und Kultur führen. 

Um das Richtige zu tun, müssen wir uns nicht von einem korrupten Schweizer Privatverein namens IOC, dem Interationalen Olympischen Komitee in Lausanne, abhängig machen, dessen Interesse die milliardenschwere Vermarktung seiner TV-Bilder und nicht die Lebensqualität und der Zusammenhalt in Hamburg ist. Die IOC-Ansprüche und -Regeln fordern von uns Milliardeninvestments, damit er eine Milliarde Gewinn gewerbesteuerfrei abschöpfen kann. Im Durchschnitt der letzten 60 Jahre lagen Olympiakosten mehr als doppelt so hoch wie vorher behauptet. Wer die löchrige Finanzplanung des Senats liest, weiß: Auch Hamburg wird teurer als behauptet. Der Senat behauptet sogar, mit Olympia 2036, 2040 oder 2044 Gewinn machen zu können – aber viele besonders teure Leistungen und Bauprojekte sind gar nicht Teil der Rechnung. Paris kosteten die 75.000 Sicherheitskräfte rund 1,7 Milliarden Euro. Für Hamburg werden dafür null Euro angesetzt. 

Hamburg müsste ein Olympiastadion bereitstellen. Das Vorbild, das Stadion Santiago Bernabéu in Madrid, kostete 1,4 Milliarden Euro. Da es keinen Investor gibt, Hamburg aber gegenüber dem IOC eine rechtliche Verpflichtung hätte, würden am Ende dort wie beim Elbtower Steuergelder reingehen. Hamburg berechnet dafür in seiner Olympia-Kalkulation ebenfalls null Euro. Dasselbe gilt für die neue Mehrzweck-Arena Elbdome in Rothenburgsort. 

Der Vorstandsvorsitzende des DOSB, des ­Deutschen Olympischen Sportbundes, Otto Fricke, betont: Aufgrund der Weltlage müsse Hamburg auch 2036 bereit sein, die Spiele ausrichten zu können. Die für die Olympischen und Paralympischen Spiele in Hamburg maßgeblichen Schienenanschlüsse der U5 (Bahnhof Arenen) und S6 (Bahnhof Bahrenfeld) und alle weiteren Mobilitätsplanungen sind aber auf 2040 ausgerichtet. Die Science City Hamburg Bahrenfeld als olympisches Dorf ist auf 2040 ausgerichtet. Um 2036 möglich machen zu können, wären Kostenexplosionen vorprogrammiert. Dass der sogenannte Hamburg-Takt – alle fünf Minuten ein ÖPNV-Angebot durch U-/S-Bahnen und On-Demand-Angebote – gerade gescheitert ist und der Ausbau der S4 mit 1,8 Milliarden Euro doppelt so teuer ist und zwei Jahre später als geplant bereitgestellt wurde, veranschaulicht die Risiken der Verkehrsplanung. Die Spiele werden viel teurer. Wir müssen mit rund vier bis fünf Milliarden Euro rechnen. Laut Finanzkonzept des Hamburger Senats steht noch nicht fest, wie das Geld zwischen Bund, Ländern, Städten und privaten Investoren aufgeteilt wird. Die Regeln des IOC definieren, dass die Austragenden dafür aufkommen.

In dem Mobilitätskonzept des Senats rechnet er vor, dass maximal jeder zehnte Hamburger ein Ticket für Arenen oder Messehalle lösen wird. Folgt man dem Vorbild Paris, dann wären es sogar nur vier von 100 Hamburgern. Für gut neun von zehn Hamburgern wird die Realität der Spiele sich auf der anlogen Mattscheibe abspielen – klein oder groß und eben nicht live. Das Zehntel der Hamburger, an das der Senat vor allem denkt, wird sichtbar, wenn man guckt, wo konkrete Investitionen geplant sind: Tennis am Rothenbaum, Reiten in Klein Flottbek, Schießen in Sasel und Golf auf Gut Kaden. Demgegenüber bleibt er vage bei den 167 Millionen Euro, die in Breitensportanlagen fließen sollen. Die Spiele sind eine Veranstaltung für die top zehn Pozent, die die anderen 90 Prozent bezahlen sollen.

Jeder, der Kinder und Freunde hat, weiß, dass es auf der Tribüne nichts Emotionaleres gibt, als ihnen zuzuschauen. Tränen müssen getrocknet, Freuden geteilt werden. Soll ich für eine Monatskarte und ein Paar Schuhe den Verein zugunsten eines leistungsstärkeren Klubs wechseln? Wie gehe ich mit denen um, die Teil des Teams sind, aber nicht so leistungsstark? Wer spielt? Tagtäglich wird hier im Sport im Kleinen verhandelt, was Gemeinschaft schafft und was nicht. Hier entstehen Erlebnisse und Freundschaften für das Leben.

Ein Event, alle vier Jahre, vor dem Fernseher oder vor dem Stadion, kann das unmöglich einlösen. Deshalb fordern wir in unserem offenen Brief an Hamburgs Innen- und Sportsenator Andy Grote und Finanzsenator Dr. Andreas Dressel auf www.­nolympia-hamburg.de, diese Investitionen ab 2027 zusätzlich aus den verfügbaren Mitteln des Sondervermögens als Investitionen in genau diese tagtäglich wichtigen Sportstätten wie Turnhallen, Sportplätze und Schwimmbäder zu tätigen, damit der Impuls – unabhängig von IOC und DOSB – für die Mehrheit in Hamburg schon jetzt wirken kann. Gut 100 Hallenfelder könnten davon sofort saniert und acht neue Schwimmbäder sofort gebaut werden. Eine sichere und machbare Beschleunigung für Hamburger Sportstätten von neun bis 16 Jahren. NOlympia und ich sind für sinnvolle und maßvolle Investitionen: für uns, für Hamburg. Nein zur Olympiabewerbung! Eckart Maudrich

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Eckhart Maudrich, 55, ist Mitgestalter der NOlympia-Initiative, ehemaliger Kaderathlet im Hochsprung und studierter Geograf mit dem Schwerpunkt nachhaltige Stadtplanung. 

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