Kolumne #101. HCZ-Kolumnist Jan Ehlert schreibt in seiner Kolumne »Literatur zur Lage« unter anderem aus gegebenem gesellschaftspolitischem Anlass über den Buckelwal „Timmy“
Für Joe Haak steht sofort fest: Dieser Wal braucht Hilfe. Das riesige Tier ist an der Küste des kleinen Ortes St. Piran gestrandet und kämpft ums Überleben. Schnell trommelt Joe alle 300 Einwohner des Ortes zusammen, und gemeinsam gelingt es ihnen, den Wal wieder ins tiefere Wasser zu bugsieren.
Foto oben: Ein Buckelwal wie der gestrandete Timmy in der Ostsee: „Ein geretteter Wal allein verhindert noch keinen Weltuntergang.“ © picture alliance / Timo Dersch
Es ist eine Heldengeschichte, die der britische Schriftsteller John Ironmonger in seiner Parabel „Der Wal und das Ende der Welt“ erzählt. Auf eine solche Geschichte haben auch viele Menschen bei uns im Norden gehofft. Timmy, der gestrandete Buckelwal, er sollte mit aller Macht und Kraft wieder ins Meer gebracht werden. Tagelang dominierten die Rettungsversuche die Medien, als hinge von Timmys Schicksal auch unser aller Schicksal ab. Als hätte John Ironmonger mit seinem Romantitel uns prophetisch die Zukunft vorausgesagt: „Der Wal und das Ende der Welt“.
»Der Mensch ist des Menschen Wolf«,
so schrieb der Wal-Autor Thomas Hobbes, Verfasser des »Leviathan«
Es ist einerseits herzerwärmend zu sehen, zu wie viel Empathie mit Tieren wir Menschen in der Lage sind. Wie kreativ und freigiebig wir sein können, wenn es darum geht, ein Leben zu erhalten. Dass das nicht nur für Wale gilt, das zeigt auf großartige Weise das Buch „Die Letzten ihrer Art“ von Douglas Adams und Mark Carwardine. Was sie sich alles einfallen ließen, um Lemuren, Komodowarane und Breitmaulnashörner vor dem Aussterben zu bewahren, ist atemberaubend schön.
Doch ein geretteter Wal allein verhindert noch keinen Weltuntergang. Er beendet auch nicht das Walsterben, das wir Menschen im Gegenteil durch Jagd und Meeresverschmutzung immer weiter beschleunigen. Und er verhindert erst recht nicht das wahnsinnige Drohszenario, das die USA gegen alle aufbauen, die sich nicht ihrem wirtschaftlichen Willen beugen wollen. „Der Mensch ist des Menschen Wolf“, so beschrieb es ein anderer Wal-Autor: Thomas Hobbes, Verfasser des „Leviathan“. Und es sind diese Wölfe, nicht Wale, die die Straße von Hormus im Visier haben.
Wie sehr wir uns gegenseitig zum Wolf werden können, das zeigte aber auch die eigentlich doch so gut gemeinte Walrettung: Helfer, die lieber erst einmal nachdachten als loszulegen, wurden mit Hasskampagnen und Morddrohungen überschüttet. Dabei ist es auch bei Ironmonger nicht der Wal, der die Erlösung bringt. Es sind am Ende die Gemeinschaft, das Zusammenhalten der Dorfbewohner und eine kluge, nachhaltige Planung, die die Menschen von St. Piran die herannahende, viel größere Katastrophe überstehen lassen. Hoffen wir, dass wir uns rechtzeitig daran erinnern, dass es genau diese Eigenschaften sind, die uns Menschen zu Menschen machen. Jan Ehlert
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Jan Ehlert ist Journalist und pendelt zwischen Hamburg und Hannover. Seine Passion sind Bücher. Er schreibt monatlich für die HafenCity Zeitung seine Kolumne »Literatur zur Lage«. © Agnes Fitek



