Wolfgang Timpe, Herausgeber und Chefredakteur der HafenCity Zeitung, über das Olympia, Leidenschaft und Pessimisten
Wissen Sie was, ich bekenne mich im Sinne von Sportleidenschaft und reiner Wettkampffreude schuldig: Schon immer habe ich mir für Olympische Spiele dauerfrei vom Alltag genommen. 1992 in Barcelona stürmte der 5.000-Meter-Läufer Dieter Baumann auf der Zielgeraden zwischen den beiden kenianischen Konkurrenten hindurch und gewann sensationell Gold. Bis heute ist er der „Weiße Kenianer“ aus Germany. Leichtathletiklegende. 1994 in Los Angeles torkelt die Schweizer Marathonläuferin Gabriela Andersen-Schiess dramatisch, aufgrund extremer Hitze brutal dehydrierend, nach über 42 schon geschafften Kilometern in ihre letzte Stadionrunde, lehnt Hilfe ab und schafft es die letzen 500 Meter in über sieben Minuten ins Ziel und belegt Platz 37. Wettkampfwahnsinn. Ob reine Anteilnahme, Respekt oder Begeisterung: Olympia verbindet – in der Welt.
Foro oben: Visualisierung des 3×3 Basketball auf der Binnenalster aus Anlass der Hamburger Bewerbung für Olympische und Paralympische Spiele 2036, 2040 oder 2044. © Neuland Concerts
Hamburg bewirbt sich neben Berlin, Rhein-Ruhr-Region und München um die Ausrichtung der Olympischen und Paralympischen Spiele für 2036, 2040 und 2044. Die große Mehrheit freut sich auf Olympia im Herzen der Stadt? Nö. Der NDR erhob, dass nur 41 Prozent der Hanseaten „eher dafür“ sind, dass die Spiele an Alster und Co. stattfinden. Die Gegner und ihre NOlympia-Initiative brachten sich nicht nur mit vielen Tausend Unterschriften als Nein-Kästchen auf die Stimmzettel zur Olympia-Volksbefragung am 31. Mai. Sondern sie dominieren auch mit ihren Thesen, dass das globale Sportfest zu teuer sei, zu viele Olympiatouristen und zu viel Stau bringe und nur wenige Menschen interessiere, die Schlagzeilen. Man ist im bekannten „Bitte keine Veränderung“-Modus – wie 2015, als man schon einmal stadtweit Olympia ablehnte. Das Tor zu sich, nicht zur Welt: Es könnte ja die beschauliche selbstzufriedene Wohlfühlstimmung in der „schönsten Stadt der Welt“ stören – in Hamburg.
Die Olympia-Nein-Fans pariert der Schauspieler Peter Ustinov elegant: „Ein Optimist ist ein Mensch, der weiß, wie trübe die Welt sein kann. Ein Pessimist ist einer, der das jeden Tag von Neuem feststellt.“ Es gibt kein anderes Sportweltereignis wie Olympia, das bei den Menschen auf allen Kontinenten und im hintersten Dorf eines Landes dramatische Tragik liefert und himmelhoch jauzende Freude im Sport auslöst – über alles gesellschaftlich und kulturell Trennende hinweg. Für mich schafft Olympia Empathie und Begeisterung. Hoffentlich demnächst – auch in Hamburg. Wolfgang Timpe
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Wolfgang Timpe lebt seit 2005 in der HafenCity. Mail: timpe@hafencityzeitung.com



