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»Aus dem Stimmungstief heraus!«

HCZ-Kolumnist Jan Ehlert geht in seiner 80. Kolumne »Literatur zur Lage« der Begeisterung für die Fußball-Europameisterschaft nach

Karl Valentin war sprachlos: „Sowas von Menschen habe ich noch nie gesehen. Eine direkte Völkerwanderung von der Stadt bis zum Fußballplatz“, schrieb der Satiriker 1927 in seinem Stück „Brilliantfeuerwerk“. 

Auch in diesen Tagen und Wochen kann man sich dem Fußball kaum entziehen. Farbenfroh und zumeist friedlich ziehen die internationalen Fangruppen auch durch Hamburg: Die Reeperbahn und der Millerntorplatz waren zwischenzeitlich ganz in Orange getaucht und fest in niederländischer Hand. Und als die Türkei im Volksparkstadion ihr Abschlussspiel gewann, feierten Zehntausende gemeinsam das Weiterkommen. 
Foto oben: Niederländischer Fanmarsch in Hamburg. Egal, wer also am Ende bei dieser Europameisterschaft den Titel holt: Wenn sich die gute Stimmung weiterhin hält, dann werden wir am Ende alle Gewinner sein. © picture alliance/dpa | Bodo Marks

Kolumnist Jan Ehlert zitiert den Hamburger Schriftsteller Wolfgang Borchert in Bezug zum Corona-Lockdown: Die Tür schließt sich hinter ihm und nun, so Borchert, „hatte man mich mit dem Wesen allein gelassen, nein, nicht nur allein gelassen, zusammen eingesperrt, vor dem ich am meisten Angst habe: Mit mir selbst“. © Privat
Jan Ehlert lebt in der HafenCity. Seine Passion sind Bücher. Er schreibt monatlich für die HafenCity Zeitung seine ­Kolumne »Literatur zur Lage«. © Privat

»Das Wesen des Ich leuchtet in den Erlebnissen des Sports aus dem Dunkel des Körpers empor.« Robert Musil

In der Geschichte ging es bei Sportgroßereignissen nicht immer so friedlich zu, daran erinnern Literatinnen und Literaten aus allen Jahrhunderten. Schon bei Tacitus, dem römischen Geschichtsschreiber aus dem 1. Jahrhundert, lesen wir von verfeindeten Hooligan-Gruppen, die bei den Gladiatorenspielen aneinandergerieten. Und auch Robert Musil kam in seinen Überlegungen auf düstere Gedanken: „Das Wesen des Ich leuchtet in den Erlebnissen des Sports aus dem Dunkel des Körpers empor“, schreibt er in „Sportsgeist“. Und auch heute ruft im Stadion so mancher Sätze, die ihm jenseits des Fußballplatzes nicht in den Sinn kommen würden. 

Und doch: Die EM in Deutschland zeigt auf wunderbare Weise, wie sehr Sport auch Völker verbinden kann. Sieht man mal von der Deutschen Bahn ab, die leider auch zu EM-Spielen nicht immer pünktlich ist, ist das Lob für die deutsche Gastfreundschaft in den internationalen Medien überwältigend. 

Dass Fußball schon so manches Wunder vollbracht hat, daran erinnert zum Beispiel der großartige Comic „Niemandsland“ von Ralf Marczinczik, in dem er von einer legendären Partie erzählt: 1914 legten deutsche und englische Soldaten an der Front des Ersten Weltkriegs die Waffen nieder und trafen sich zum Fußballspiel. 

Der Überlieferung zufolge gewann Deutschland dieses Spiel mit 3:2 – doch ist das sportliche Ergebnis nur eine Fußnote. Karl Valentin hatte das erkannt. Sein Fazit: „Enden tat das Spiel mit dem Sieg der einen Partei – die andere Partei hatte den Sieg verloren.“ 

Was bleibt ist die Freude am Spiel: „Fußball, Du hast uns aus der Grube herausgehoben / und in den Himmel der Beine gebracht“, dichtete einst der chilenische Nobelpreisträger Pablo Neruda. Vielleicht kann es dem Fußball ja auch gelingen, uns in Deutschland aus der Grube des Stimmungstiefs herauszuholen – das wäre ein wahres Sommermärchen. Egal, wer also am Ende bei dieser Europameisterschaft den Titel holt: Wenn sich die gute Stimmung weiterhin hält, dann werden wir am Ende alle Gewinner sein. Jan Ehlert

Nachrichten von der Hamburger Stadtküste

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