In seiner 93. Kolumne „Literatur zur Lage“ macht sich HCZ-Kolumnist Jan Ehlert so seine Gedanken zum neuen Rechtsradikalismus
Die junge Hedda ist ganz oben angekommen – wortwörtlich: Unter der Kuppel des Alkazar, mitten auf der Hamburger Reeperbahn, vollführt sie ihre Kunststücke vor den staunenden Augen des Publikums. Aber was Hedda von dort oben sieht, ist besorgniserregend: Die Radikalen, Rechtsextremen, die früher nur vereinzelt auftauchten, kommen nun erhobenen Hauptes durch die Vordertür herein.
Foto oben: »Die Rechtsextremen kommen erhobenen Hauptes durch die Vordertür herein«: Großballhaus Tanzvarieté Alkazar, Hamburg, St. Pauli, Reeperbahn 108 – im November 1934.© picture alliance / arkivi
»Keine Heldin, die durchschaut, was passiert, sondern eine Frau, die ums gesellschaftliche – und später ganz reale – Überleben kämpft.«
Titelfigur Hedda in Anja Kampmanns »Die Wut ist ein heller Stern«
Das Alkazar gibt es schon lange nicht mehr: Wenige Monate nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde sein Besitzer vertrieben, das Varieté wenige Jahre später zwangsversteigert. Heute befindet sich dort ein Penny-Markt. Die gebürtige Hamburgerin Anja Kampmann lässt es in ihrem Roman „Die Wut ist ein heller Stern“ nun wieder auferstehen, macht den Glanz fühlbar. Aber auch die Angst: Denn Hedda, ihre Protagonistin, bemerkt ganz genau, wie sich die Machtverhältnisse Stück für Stück verschieben. Wie die Freiheit eingeengt wird und die Gewalt sich ausbreitet: Bald schon wird der Hausmeister des Alkazar ermordet: Er hatte sich geweigert, die Hakenkreuzfahne zu hissen.
Eindrucksvolle und erschütternde Romane über die Zeit des Nationalsozialismus gibt es viele: Ralph Giordano hat mit seinen „Bertinis“ ein unvergessliches jüdisches Familienepos aus dieser Zeit geschrieben. Kirsten Boie blickt in ihrem Jugendbuch „Heul doch nicht, du lebst ja noch“ aus Sicht von drei Hamburger Kindern auf den Krieg und seine Folgen. Und Willi Bredel veröffentlichte schon 1934 seinen leider kaum beachteten Roman „Die Prüfung“, in dem er am Beispiel seines literarischen Alter Ego Gottfried Miesicke von seiner Zeit im Hamburger KZ Fuhlsbüttel erzählt.

Anja Kampmann gelingt es trotzdem, einen neuen Blick auf diese furchtbare Zeit zu werfen, indem sie ganz nah an ihrer Figur Hedda bleibt: keine Heldin, die durchschaut, was passiert, sondern eine Frau, die ums gesellschaftliche – und später ganz reale – Überleben kämpft. Die viel beobachtet, aber auch viel auszublenden versucht. Eine Figur, die uns auch heute noch sehr vertraut erscheint. Und gleichzeitig eine Stimme, die viel zu lange nicht gehört wurde: Das Schicksal von Frauen, die nach der Weltwirtschaftskrise aus Not ihren Körper verkauften und von den Nazis deswegen kriminalisiert wurden, wurde lange Zeit ignoriert. Erst in diesem Jahr ging im Bundestag erstmals ein Antrag ein, sie als Opfer der NS-Zeit anzuerkennen.
Umso wichtiger ist dieser Roman, „Die Wut ist ein heller Stern“. Damit wir nicht immer nur auf die schauen, die inzwischen wieder verstärkt laut tönend zur Vordertür hereinkommen. Sondern auch die nicht vergessen, die in unserer Gesellschaft aus Not zu Außenseitern geworden sind. Jan Ehlert
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Jan Ehlert lebt in der HafenCity. Seine Passion sind Bücher. Er schreibt monatlich für die HafenCity Zeitung seine Kolumne »Literatur zur Lage«. © Privat