HCZ-Kolumnist Jan Ehlert erkundet in seiner Folge #99 seiner „Literatur zur Lage“ die literarisch-gesellschaftlichen Korrespondenzen des Nato-Russland-Komflikte im Licht des Ukraine-Kriegs
Endlich Frieden! So dachte die Welt Anfang der 1990er-Jahre. Nach dem Fall der Berliner Mauer und dem Ende des Kalten Krieges öffneten sich überall auf der Welt die Türen und Tore. Auch in der russischen Botschaft in Rom wird damals gefeiert, bei Krimsekt und Piroggen. Die Stimmung ist euphorisch. Nur Dieter Germeshausen, Agent des Bundesnachrichtendienstes, ist skeptisch: „Unsere netten Gastgeber. Glauben Sie wirklich, die denken plötzlich alle anders und vergessen, was sie jahrzehntelang gedacht haben? Für die sind wir immer noch der Feind.“
Foto oben: Konflikt Russland/Nato. Der herrlich komische Agentenroman »Die Reise ans Ende der Geschichte« des Hamburger Schriftstellers Kristof Magnusson ist eine Parabel auf das Ende des Kalten Kriegs, der gerade wieder Konjunktur hat. © Picture Alliance | Chromorange | Michael Bihlmayer
Der Hamburger Schriftsteller Kristof Magnusson hat sich diese Szene ausgedacht, in seinem gerade erschienenen, herrlich komischen Agentenroman „Die Reise ans Ende der Geschichte“. Eine Anspielung auf das berühmte Zitat des Publizisten Francis Fukuyama, dass mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion sich nun die Demokratie als überall gültiges Lebensmodell durchsetzen würde.
»Feindbilder haben offenbar kein Verfallsdatum, auf allen Seiten.«
Dieter Germeshausen in Kristof Magnussons Roman „Die Reise ans Ende der Geschichte“
Heute wissen wir: Diese Hoffnung trog. Und wie Dieter Germeshausen es in Magnussons Roman treffend beschreibt: Feindbilder haben offenbar kein Verfallsdatum, auf allen Seiten. Bedrückend, wie schnell sie wieder aktiviert werden können und wie schnell die Fronten, die längst befriedet schienen, wieder hochgezogen wurden. Das zeigt sich auch in der Kultur. Die Romane vom Meister der Kalten-Krieg-Spionagegeschichten, John le Carré, haben gerade wieder Konjunktur, die BBC hat die Verfilmung, „The Night Manager“ gerade wieder ins Programm genommen. Und es ist wohl auch kein Zufall, dass der Roman „Hotel zum verunglückten Alpinisten“ als Graphic Novel eine Wiederentdeckung feiert, in dem die Brüder Strugatzki 1970 die repressiven Machtstrukturen der Sowjetunion anprangerten.

Magnusson macht es sich dagegen nicht so leicht, in ein einfaches Ost-West-Denken zurückzufallen. Nein, seine Gastgeber in der sowjetischen Botschaft sind nicht besser, aber auch nicht schlechter als Dieter Germeshausen und die anderen westlichen Agenten. Auch sie können den Schalter nicht umlegen und plötzlich im Frieden leben, sondern versuchen, nach dem Zusammenbruch der bisherigen Weltordnung trotzdem irgendwie weiterzumachen wie zuvor.
Das Gegenmodell ist bei Magnusson der Dichter: Jakob Dreiser, jung und unglaublich lebensverliebt hat er beschlossen, wirklich an das Gute im Menschen zu glauben. Ost, West, egal: Alle können Freunde sein, wenn sie sich denn freundlich verhalten. So einfach kann Geschichte manchmal auch sein.
Zugegeben, wer immer sie gerade schreibt: Es sind derzeit keine besonders schönen Kapitel, die wir durchleben. Aber Magnussons Buch – und in ihm Jakob Dreiser – erinnert uns auch daran, dass nach den düsteren Seiten wieder Licht am Horizont scheinen kann, wenn man nur daran glaubt. Vielleicht ja schon gleich im nächsten Kapitel. Jan Ehlert



