Exklusivgespräch. Der HafenCity-Chef Dr. Andreas Kleinau, Vorsitzender der Geschäftsführung der HafenCity Hamburg GmbH, über die Baukrise in der östlichen HafenCity, den neuen Oberhafentunnel und mangelndes Anwohnerinteresse am Oberhafen
Der Mann kann auch knapp. Auf die Frage, ob die HafenCity 2029 vollendet sei, kommt vom HafenCity-Chef Andreas Kleinau ein unmissverständliches: „Nein.“ Die östliche HafenCity ist mit Bau-, Büromarkt- und Hotellerie-Krise gebeutelt. Er nennt keine Zeithorizonte, doch dass das eher Ende statt Mitte der 30er-Jahre sein wird, verrät seine Miene im HCZ-Gepräch. Doch eins sei klar: „Es wird uns gelingen, braucht jedoch noch Zeit.“ Die sollten HafenCity-Bewohner viel öfter im Oberhafen verbringen, denn dort habe man „Urban-Gardening-Flächen direkt an den Uferpromenaden“ zur Naherholung angelegt.
Foto oben: HafenCity-Chef Andreas Kleinau im Kreativquartier über zum Teil fehlende Anwohnernutzung und fehlendes Engagement aktiver HafenCity-Ehrenamtlicher im Oberhafen: „Vom Mindset her müssten sie sich mit denen, die heute im Oberhafen aktiv sind, eigentlich ,anziehen‘. Manchmal denke ich, dass wir in der HafenCity so viele Räume kreiert haben, dass es für die Bedarfe vieler Anwohnenden und Freizeitnutzenden einfach ausreicht.“ © Catrin-Anja Eichinger
Herr Kleinau, Ihr Vertrag als Chef der HafenCity Hamburg GmbH (HCH) wurde jüngst bis 2029 verlängert. Ist das inzwischen berufliche Routine, oder freuen Sie sich darüber wie bei Geburtstagsgeschenken? Aktuell gibt es sicher Themen, anlässlich derer sich manche Hamburger:innen fragen könnten: „Warum läuft der nicht einfach weg?“ Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Ich gehe jeden Tag liebend gern hier zur Arbeit. Folglich habe ich mich sehr über die Anerkennung gefreut und das Angebot zur Verlängerung sehr gerne angenommen.
Wird denn 2029 die HafenCity im Osten mit den Quartieren Baakenhafen und Elbbrückenquartier vollendet sein? Nein.
Oh, sind Sie ein realistischer Skeptiker? Ich zweifele nicht daran, dass die HafenCity in den kommenden Jahren weiter enorme Fortschritte verzeichnen wird. Vollendet wäre sie aus der Perspektive der HCH jedoch erst, wenn sämtliche Bauaktivitäten abgeschlossen und keine Baufahrzeuge mehr sichtbar wären. Der gesamte Stadtteil müsste in die Phase des Bestandes übergegangen sein. Dazu müssten auch bereits alle HafenCity-Grundstücke heute schon anhand gegeben sein, was nicht der Fall ist. Einige wenige spannende Grundstücke bleiben uns noch (schmunzelt). Tatsächlich müssen wir realistisch sein. Ich erwarte auch 2025 und in den kommenden Jahren keine einfache Zeit in der Immobilienbranche. Bei der Büronachfrage, die besonders für die östliche HafenCity wichtig ist, wird im Markt noch vieles ambivalent bleiben. Das hängt mit der spürbar unsicheren Wirtschaftslage insgesamt zusammen, aber auch damit, dass sich das Vertrauen in die Geschäftsmodelle der Bürobranche neu stabilisieren muss. Jetzt könnte man fragen: „Warum macht ihr dann nicht einfach noch mehr Wohnen in der östlichen HafenCity?“ Aufgrund der besonderen Lärmexposition zum Beispiel direkt an den Fernbahngleisen und an den Freihafenelbbrücken sind wir jedoch auf gewerbliche Ansiedlungen mit Büros oder Hotellerie angewiesen. Das wird uns auch gelingen, braucht jedoch noch Zeit.

Wie lange dauert es vom ersten Investorengespräch bis zum Bezug eines Objekts? Wenn alles glatt läuft, rechnen wir idealerweise in der HafenCity von der Anhandgabe des Grundstücks für den Käufer über den dann folgenden Architekturwettbewerb und den Grundstückserwerb bis zur Erteilung einer Baugenehmigung rund zwei Jahre. Also müssen wir vom ersten Gespräch bis zur Fertigstellung eines Gebäudes je nach Größe und Aufwänden mit durchschnittlich vier bis sechs Jahren rechnen
Und in diesem Jahr soll das UBS Digital Art Museum am Amerigo-Vespucci-Platz des Hamburger Investors Lars Hinrichs eröffnen, und auch die zum Gebäudekomplex dazugehörenden Wohnungen des Studierendenwerks sollen 2026 fertig werden. Ich bin guter Hoffnung, dass alles pünktlich eröffnen wird. Das hat auch mit Logistik und Timeslots zu tun. Die Kooperative Teamworks aus Japan ist international sehr gefragt. Man muss die Zeitfenster, in denen die aufwendige Technik und damit letztlich die immersive Kunst selbst installiert wird, lange im Voraus planen. Da kann man nicht mal eben sagen: „Kommt doch sechs Monate später!“ Das Studierendenwerk hat gerade wie geplant Richtfest gefeiert. Als HCH führen wir den zweiten Bauabschnitt des beliebten Kirchenpauerkais bis zu den Elbbrücken weiter. Insgesamt geht es im Elbbrückenquartier gut voran. Die Wohnvorhaben „Moringa“ und „we-house Baakenhafen“ sind in Bau. Das Holzhochhaus „Roots“ ist bereits fertiggestellt und bezogen. Im Erdgeschoss sorgt die „Botschaft der Wildtiere“ für eine wachsende Publikumsfrequenz.
2025 soll der 88 Meter lange neue „Oberhafentunnel“ eröffnet werden, der von der U4-Station Versmannstraße unter den Bahngleisen durch in das Oberhafen-Quartier führt. Warum hat die HCH mit ihrem Sondervermögen Stadt und Hafen einige Millionen Euro in dieses Projekt gesteckt? Der Tunnel öffnet eine neue Verbindung mit dem Fahrrad oder zu Fuß in den Oberhafen, der bisher nur einen einzigen Zugang von der Stockmeyerstraße aus hat. Der Tunnel dockt an die unterirdisch gelegene U4-Bahnstation HafenCity Universität an und bietet so nicht nur den Anwohnenden der HafenCity, sondern auch allen weiteren Besuchenden einen schnellen und bequemen Zugang dieses immer stärker nachgefragten Quartiers mit seinen zahlreichen Kultur- und Freizeitangeboten. Darauf aufbauend können wir zusätzliche Erschließungswirkungen in Gebiete außerhalb der HafenCity Richtung Großmarkt Hamburg und Hammerbrook entfalten.

In den Planungen gibt es nach wie vor eine Brücke über den Oberhafenkanal, die ja flutsicher sein müsste. Endet deshalb der Oberhafentunnel zurzeit etwas unwirklich deutlich erhöht über den Oberhafen-Sportplätzen auf einem Plateau? Ja, wie gesagt: Eine Verbindung über den Kanal in Richtung Hammerbrook ist denkbar. Natürlich mussten wir den Ausgang des Oberhafentunnels aber grundsätzlich hochwassersicher herstellen. So ist die heutige Situation einer „Agora“ (bezeichnet im Griech. einen Versammlungsplatz; Anm. d. Red.) entstanden. Die Konstruktion bietet damit vielfältige Möglichkeiten: erstens den hochwassersicheren Anschluss an eine mögliche Brücke über den Oberhafenkanal, deren eines Widerlager sich übrigens unter diesem „Wall“ befinden würde, zweitens diese hangartig abfallende Situation. Von dort aus kann man den Kindern und Mannschaften auf dem nahe liegenden Sportfeld zusehen, aber auch in Richtung der bestehenden Lagerhallen und zum Wasser schauen und verweilen.
Denken Sie da an eine Amphitheater-Situation? In jedem Fall könnte man dort Sitzstufen oder Sitzgelegenheiten einbringen, sodass eine Art Forum entsteht. Im Sommer sind auf dem unten entstandenen Platz Foodtrucks oder Flohmärkte denkbar.
Ein Tunnel ist oftmals speziell für Kinder und Frauen ein sensibles unsicheres Terrain. Haben Sie da vorgesorgt? Wir verstehen die Sorge und haben uns die Planung unter diesem Aspekt genau angeschaut. Wir haben zum Beispiel Wert auf eine helle, klare Gestaltung gelegt. Innerhalb des Tunnels befinden sich Lichtfelder, um keinen Raum für dunkle Stellen zu geben. Wenn man in den Oberhafen hinaufkommt, befindet man sich auf einer von allen Seiten sichtbaren Position. Ob all das die finale Lösung ist, kann ich nicht sagen, aber wir haben erst mal alles getan. Im Übrigen sprechen wir uns auch mit der Hochbahn ab, an die der Tunnel mit der Eröffnung in den Betrieb übergehen wird.
Die HafenCity Hamburg GmbH und der Senat feiern den Oberhafen seit Jahren als Kreativquartier. Die Angebote wie die Hobenköök und Halle424 oder die temporären Gleishallen-Projekte sowie der Garten am Oberhafen-Kanal sind erfolgreich. Doch ein lebendiger Teil der HafenCity ist der Oberhafen aktuell nicht. Wie erklären Sie sich das? Der Tunnel wird, wie gesagt, eine größere Frequenz unterstützen – in Kombination mit den neuen Sportstandorten, die wir dort entwickeln. Oder meinen Sie die Frage in dem Sinne, dass die vielen Menschen, die sich andernorts in der HafenCity engagieren, im Oberhafen weniger aktiv sind? Woran das liegen könnte, frage ich mich tatsächlich manchmal, wenn es denn zutrifft. Vom Mindset her müssten sie sich mit denen, die heute im Oberhafen aktiv sind, eigentlich „anziehen“. Manchmal denke ich, dass wir in der HafenCity so viele Räume kreiert haben, dass es für die Bedarfe vieler Anwohnenden und Freizeitnutzenden einfach ausreicht. Auch wenn ich weiß, dass ich mich mit diesem Gedanken bei anderen nicht beliebt mache, fände ich eine Debatte darüber interessant.
VITA Dr. Andreas Kleinau ist Vorsitzender der Geschäftsführung der HafenCity Hamburg GmbH (HCH). Der 58-Jährige ist seit September 2020 im Unternehmen. Zuvor hatte er gemeinsam mit Partnern die internationale Immobilienberatungsgesellschaft Combine Consulting GmbH geführt. Beratend begleitete er in dieser Zeit zahlreiche Großprojekte, unter anderem auch in der HafenCity, etwa die neue Unternehmenszentrale von „Spiegel“ oder New Work SE.
Der gebürtige Hamburger studierte Betriebswirtschaftslehre an der Uni Hamburg und absolvierte dort 1993 auch seine Promotion. Andreas Kleinau hat zwei erwachsene Söhne aus erster Ehe und lebt mit seiner Frau und zwei noch minderjährigen Kindern in Hamburg-Hoheluft.
Von der westlichen und zentralen HafenCity aus gesehen ist der Oberhafen fußläufig weit weg. Zumindest hat das bisherige Inseldasein des Oberhafens dieses Gefühl sicher gefördert. Vielleicht trägt auch die besondere Organisationsform des Quartiers dazu bei: Dort sind wir ja mit der Hamburg Kreativ Gesellschaft mbH als Co-Entwicklerin sowie mit dem Nutzergremium „Oberhafen 5+1“ e. V. unterwegs. Ich kann für meinen Teil nur sagen: Der Oberhafen ist Teil der HafenCity. Er hat zahlreiche Angebote für alle Menschen, die in der HafenCity leben. Wir haben zum Beispiel Urban-Gardening-Flächen direkt an den Uferpromenaden geschaffen – explizit für alle Anwohnenden des Stadtteils und nicht nur für die Nutzenden und Gäste des Oberhafenquartiers.
Es gibt in der HafenCity keinerlei Hinweis auf den Oberhafen. Warum? Brauchen die Bewohnenden der HafenCity Wegweiser für ihre eigene Hood?
Die Interessen der Nutzenden werden wesentlich durch das schon angesprochene Gremium, den Oberhafen 5+1 e. V., vertreten. Dort ist man mit der Flächen-Eigentümerin und Vermieterin HCH unglücklich. Man fühlt sich „überreguliert“. Besprochene und beschlossene Projekte würden Ihrerseits verzögert und nicht vorangetrieben. Ist der Oberhafen Ihr ungeliebtes Stiefkind? Das nehme ich nicht so wahr. Vielleicht werden wir manchmal als regulierend, wie Sie sagen, wahrgenommen, weil die HCH als Eigentümerin und Vermieterin der Oberhafenflächen nun einmal auch für das große Thema Sicherheit zuständig ist. Das beginnt vielleicht bei der Verkehrssicherungspflicht und endet vielleicht bei der Frage, was wir zulassen können, wenn Nutzende in ihren Mietflächen Dinge verändern. Wir müssen darauf achten, dass zumal bei öffentlichen Nutzungen keine Zustände eintreten, vor denen wir Besucherinnen und Besucher nach dem Gesetz zu schützen haben. Dafür stehen wir als Bauherrin, die die Flächen aus dem Sondervermögen Stadt und Hafen heraus sowie mit den Fördermitteln des Bundes renoviert oder instand setzt, in der Verantwortung. Ob wir darüber hinaus bei der Frage, wie man diese Flächen nutzt oder bespielt, als regulierend empfunden werden, kann ich persönlich nicht beurteilen.
Ein Beispiel: Der Oberhafen 5+1 e. V. und eine Servicetochter von Greenpeace haben mit viel Zeit- und Geldaufwand ein Konzept für die Energieversorgung des Oberhafens durch Solarpanel erarbeitet, Fördergelder organisiert, mit der HafenCity Hamburg GmbH gesprochen, und: Das Projekt kann nicht starten, weil die HCH keine Freigabe erteilt. Das demotiviert alle Beteiligten, zumal es ein Paradebeispiel für sinnvolle Kreislaufwirtschaft ist. Warum verhindert die HCH die Selbstversorgung mit Solarenergie im Oberhafen? Dass das Projekt noch nicht läuft, ist in der Tat ärgerlich. Ich habe mit dem Vorstand der Greenpeace-Tochtergesellschaft, die die Solaranlage betreiben will, schon Kontakt aufgenommen. Es geht offenbar um eine etwas komplexere Frage, wer hier im Oberhafen wie Strom erzeugt und wer wem Strom verkaufen darf. Das ist, so mein Eindruck, zu Beginn des Projekts vielleicht nicht sorgfältig genug durchdacht worden. Das holen wir jetzt schnellstmöglich nach. Ich stehe dem Projekt, die Oberhafen-Dachflächen zur Solarenergie-Produktion zu nutzen, absolut positiv gegenüber. Gehen Sie davon aus, dass wir alles dafür tun werden, dass es realisiert wird.

Das klingt nach Bürokratiehürden. Sind Sie nicht auch manchmal verzweifelt, was man in Deutschland beachten und erfüllen muss, damit Dinge starten können? Möchten Sie nicht auch mal die Kettensäge ansetzen, um absurde Hindernisse zu beseitigen? Mit Kettensägen möchte ich nicht eine Sekunde in Verbindung gebracht werden. Es ist jedoch auch in der demokratischen Mitte der Gesellschaft vollkommen unstrittig, dass bürokratische Hürden abgebaut werden müssen, um insgesamt preiswerter, schneller und effizienter zu werden. Auch ich ärgere mich über unsinnige Hindernisse, aber mich darüber hinwegzusetzen steht mir als Geschäftsführer der HCH nicht zu. Wir müssen Regeln oder Vorschriften beachten und zugleich dazu beitragen, diese auf ein sinnvolles Maß zu reduzieren.
Noch einmal: Modernes Stadtteil-Leben braucht authentische ehrenamtliche Macher:innen. Die HCH wie auch der Senat und der Bezirk Hamburg-Mitte tun sich oft schwer, Flächen und Nutzungen in Selbstverwaltung abzugeben, wie zum Beispiel jüngst beim Thema Bolzplatz, der seit Jahren absolut erfolgreich vom Spielhaus HafenCity e. V. ehrenamtlich betrieben und mit Spenden finanziert wird – und kein neues Platzangebot bekam. Warum vertraut man engagierten Menschen so wenig? Das lässt sich auf die HafenCity nicht anwenden. Sie ist gerade deswegen ein besonderer Stadtteil, weil wir hier den Aufbau einer engagierten Nachbarschaft von Beginn an gefördert haben. Heute gibt es zum Glück viele Menschen, die die Initiative ergreifen. Wo es aus Sicht der Stadtentwicklung Sinn macht und möglich ist, unterstützen wir das weiter nachhaltig. Wir lassen Freiräume wie den Bolzplatz zu, haben das jahrelang unterstützt und jetzt den Betreibern eine neue Fläche im Oberhafen neben den dortigen Sportplätzen angeboten. Jetzt liegt es an den Akteuren, aus diesem Angebot etwas zu machen.
Trotzdem wird die HCH als Verhinderer wahrgenommen. Das kann ich nicht nachvollziehen und nicht bestätigen. Im Gegenteil, wir sind unter anderen mit dem Netzwerk HafenCity e. V. in einem stetigen Dialog des Förderns und Forderns. Wir haben allein in der östlichen HafenCity 13 Baugemeinschaften, die vertraglich dazu animiert werden, etwas für die Gemeinschaft zu tun, indem sie Räume und Angebote für die Gemeinschaft schaffen. Da vertrauen wir bewusst darauf, dass private Initiativen das besser können als eine offizielle Institution, die offensichtlich schnell in den Verdacht des Regulierens gerät. Die beiden von uns errichteten Gemeinschaftshäuser im Grasbrookpark und im Baakenpark eröffnen vielfältige neue Angebote, die wir übrigens ebenfalls bewusst abgegeben haben – in dem Fall in die Obhut des Quartiersmanagements HafenCity e. V., in dem sich die Bewohner:innen direkt engagieren können und vollkommen frei sind, wie sie die Räume nutzen wollen.
Da sagt die Straße, dass die HCH erst mal das rote Gemeinschafshaus fertig bauen soll, was seit Jahren nicht passiert. Da hat die Straße auch vollkommen recht. Aber es sind eben kleine Spezialgebäude, deren Bau sehr besondere Anforderungen erfüllen muss. Jedes Gewerk kann nur in enger Abhängigkeit mit dem nächsten tätig werden. Ich bitte um etwas Geduld und setze auf den Elbphilharmonie-Effekt: Wenn das rote Gemeinschaftshaus fertig ist, werden es alle lieben. Unterdessen gibt es im gelben Haus im Grasbrookpark bereits das erste Programm.
Der Baakenhafen, die östliche HafenCity, ist städtisch gewollt ein Ort für verdichtetes Bauen und Wohnen im sogenannten Drittelmix aus Wohneigentum, freien und geförderten Mietwohnungsangeboten. Bewohner:innen beklagen, von den Nahversorgern Edeka und Aldi mal abgesehen, zu wenig soziale Infrastruktur für Kultur und Begegnungen, die das wechselseitige Kennenlernen ermöglichen. Bildet sich im Baakenhafen eine Art Parallelgesellschaft in der HafenCity? Diese Beobachtung kann ich so nicht teilen. Eventuell ist das eher ein gefühlter Zustand, der mit Fakten aktuell nicht zu belegen ist. Ja, eine gute Nutzungsdurchmischung war das Ziel im Baakenhafen, sodass Menschen, die mit unterschiedlichen sozialen Möglichkeiten ausgestattet sind, auch die Möglichkeit haben, in diesem Quartier zu leben. Das führt sicher auch zu unterschiedlichen Ausdrucksweisen und Lebensformen und sozialen Interaktionsformen. Das sollte jedoch eine robuste Struktur wie die HafenCity verarbeiten können.
Viele empfinden die Baakenhafenbrücke als Trennlinie zur zentralen und erst recht zur westlichen HafenCity. Das mag in Einzelfällen so sein. Es ist aber sicher auch der Tatsache geschuldet, dass der Baakenhafen als Quartier noch längst nicht fertiggestellt ist. Zurzeit weist es einen deutlich höheren Wohnanteil auf, aber das wird sich mit der Fertigstellung der östlichen HafenCity wieder nivellieren. Die gewerblichen Erdgeschossnutzungen haben noch Schwierigkeiten, Fuß zu fassen. Rund um den Lola-Rogge-Platz mit Aldi und Edeka und die Grundschule Am Baakenhafen sind aber bereits lebendige Strukturen gewachsen. Wir planen zusätzlich seitens der HCH mehr Aktivitäten und siedeln Orte wie unser InfoCenter neu an, um gezielt Schwerpunkte in der östlichen HafenCity zu setzen. Im Zentrum und im Westen der HafenCity trägt sich das mittlerweile häufig schon selbst.
Die AG Baakenhafen im Nachbarschaftsverein Netzwerk HafenCity e. V. und die Uni Hamburg mit ihrem Forschungsbereich (post-)koloniales Erbe möchten am Petersenkai am Baakenhafen eine Gedenkstätte an die deutschen Verbrechen zu Beginn des letzten Jahrhunderts im früheren Südwestafrika, dem heutigen Namibia, initiieren. Vom Petersenkai aus wurden Tausende deutscher Soldaten mit feierlichem Stadtgeleit zu Kriegsverbrechen nach Südwestafrika verschifft. Wie steht die HCH dazu? Die Diskussion um das postkoloniale Gedenken ist absolut berechtigt und hat stadtweit ja auch bereits begonnen. In diesem Zusammenhang sollte aus unserer Sicht die Rolle des Baakenhafens im Erinnerungskonzept eingeordnet werden. Der Kultursenator hat anlässlich der geplanten Oper auf dem Baakenhöft von einer „kritischen Kommentierung“ am Baakenhafen gesprochen. Für die Erarbeitung einer solchen Kommentierung steht die Behörde für Kultur und Medien sowohl mit der Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen als auch mit der HafenCity Hamburg GmbH, der Forschungsstelle Hamburgs (post-) koloniales Erbe und dem Beirat zur Dekolonisierung im Austausch.
Aber zwischen einem Hinweisschild und einem nationalen Dokumentationszentrum gibt es ja noch andere Möglichkeiten für eine nachhaltige Geschichtserinnerung. Ich baue darauf, dass es zu einer angemessenen Würdigung und Markierung dieses Themas kommt. Übrigens wird der Baakenhafen, nicht aber explizit der Baakenhöft, im Erinnerungskonzept „Hamburg dekolonisieren!“ als eine der Leerstellen in der Erinnerung an den deutschen Kolonialismus im Hamburger Stadtraum benannt. Wir können uns daher auch andere Orte als das Baakenhöft oder direkt den Petersenkai im Baakenhafen vorstellen.
Der Senat und die Kühne-Stiftung haben jüngst die Pläne und den Vertrag für eine neue Oper auf dem Baakenhöft vorgestellt. Deren Bau will der Mäzen und Milliardär Klaus-Michael Kühne mit rund 330 Millionen Euro finanzieren, nach Fertigstellung zu Beginn der 2030er-Jahre will er die Oper der Stadt schenken. Wie finden Sie das? In Aussicht steht, dass auf der Halbinsel Baakenhöft ein Operngebäude entsteht, das nicht nur für Musiktheaterfans ein Anziehungspunkt sein wird, sondern für alle Menschen. Ein Ort mit sorgsam gestalteten öffentlichen Freiräumen, die der einmaligen Lage des Grundstücks gerecht werden. Diese wundervolle Geste lohnt es, genauer untersucht zu werden. Genau das machen wir jetzt.
Ein Vorbild soll unter anderem das King Salman Stadium in Riad, Saudi-Arabien, gewesen sein, das komplett begrünt und vollständig von Freiraum umgeben ist. Finden Sie das realistisch? Wir erleben jeden Tag an der Elbphilharmonie, wie gerne die Menschen sich dort aufhalten. Es reicht, nach Skandinavien zu schauen, wo die Menschen, wie in Oslo, sozusagen auf ihrem Opernhaus leben.
Allerdings ist das Gebäude nackt, aus Beton und Stahl und Glas. Für mich wird es eine zentrale Aufgabenstellung sein, die Freiräume in diesem Vorhaben mitzudenken. Natürlich werden wir uns auch Gedanken zur Bürger:innen-Beteiligung machen, die unter anderem auch die öffentlichen Nutzungen des Baakenhöft betreffen. Da haben wir als HafenCity Hamburg GmbH schon steuernde Funktion, unabhängig vom Geschmack und Anliegen des Stifters, des Senats und der Bürgerschaft. Jetzt warten wir aber erst mal ab, was die neue Bürgerschaft beschließen wird. Sollte es zu einem positiven Beschluss kommen, werden wir dazu breit kommunizieren.
Wir haben in der HafenCity um Jahre verzögerte Baustarts sowie teures Bauen und teure bürokratische Bauhürden. Was lässt Sie als Zukunftsminister der HafenCity trotzdem täglich lächelnd zur Arbeit gehen? Dass wir, egal welche Krise uns gerade heimsucht, ständig an der Zukunft Hamburgs arbeiten können. Nicht nur in der HafenCity, sondern auch in der Science City Bahrenfeld, dem Billebogen und auf dem Grasbrook schaffen wir dafür die Voraussetzungen. Wir haben ein zukunftsfähiges Standort-Portfolio mit hoher Qualität, auf das ich absolut vertraue.
Und was wird während der Baukrise aus den hochwassersicher aufgeschütteten Sandhügeln des künftigen Stadtteils Grasbrook, die still vor sich hindämmern? Ach, wissen Sie, das hat man von der HafenCity zu Beginn auch gesagt, als mein Vorgänger Prof. Bruns-Berentelg auf den leeren Sandhügeln vor der Speicherstadt stand und vom neu wachsenden Stadtteil erzählt hat. Auf dem Grasbrook stehen wir ganz und gar nicht still. Wir sind bereits mitten im Infrastrukturbau als Voraussetzung für den Hochbau. Jetzt fangen wir mit den ersten Straßen sowie mit Baumaßnahmen für die Ufer- und Kaianlagen an. Wir schaffen die planerischen Voraussetzungen für den B-Plan Grasbrook 2. Das betrifft das Moldauhafenquartier, für das wir das erste östlichste Grasbrook-Baufeld für den Markt vorbereiten.
Sie haben hier in der HCZ mal gesagt, dass Sie für den Grasbrook brennen. Darum ist es ruhig geworden. Hat die Ernüchterung Oberhand gewonnen? Definitiv nein. Ich bin beim Grasbrook sehr optimistisch. Stellen Sie sich mal auf das Baakenhöft. Denken Sie daran, dass dort vielleicht Hamburgs neue Oper entsteht. Und dann stellen Sie sich die umgekehrte Perspektive vor: Sie stehen also auf dem Grasbrook mit Blick auf die HafenCity. Sie haben einen neuen grünen Park, soziale Infrastruktur und eine U-Bahn vor der Haustür. Ich glaube, da werden auch Sie sagen: „Dies ist eine der begehrtesten Wohnanlagen, die wir in Hamburg haben werden.“
Das Gespräch führte Wolfgang Timpe