Editorial 04.26: Schaulust

Wolfgang Timpe, Herausgeber und Chefredakteur der HafenCity Zeitung, über das Osterfest und Geschenke-Irrungen

Wolfgang Timpe.
© Privat

Schon klar, man soll höchste christliche Feiertage wie Weihnachten oder Ostern nicht gegeneinander ausspielen, weil jedes Fest seine eigene Botschaft seit Jahrhunderten am Leben hält. Und doch: Immer schon war das Osterfest für mich das schönste. Warum? Weil sich schon in meinen Kindertagen jedes Frühjahr meine Kleinfamilie um fünf Uhr morgens mit Stullen, gekochten Eiern und Tee-Thermoskanne an Karfreitag in den VW Käfer schwang, um über den Grenzübergang Helmstedt bei Braunschweig nach West-Berlin zu düsen. Ha, um nach rund acht bis zehn Stunden Fahrzeit – mit stundenlangem DDR-Grenzübergangs­aufenthalt – bei der Schwesterfamilie von Opapa in Zehlendorf anzukommen. Oster-Reiseabenteuer. 
Foto oben: Charity-Aktion mit Lindt-Osterhasen in der Europa-Passage, Hamburg. © Frank Gründel |citynewstv.de

Und für mich gehörte von klein auf die unendliche Spannung dazu, von der Abfahrt zu Hause bis Ostersonntag inklusive dem unendlich lang erscheinenden Kirchbesuch auf die Ostereiersuche zu warten. Schrecklich schön. Unser Berliner Familienteil lebte in einem riesigen Backstein-Beamtencarrée mit begrüntem Innenhof. Zehlendorf-Idylle und Ort meiner Sehnsucht. Denn nach dem grünen Licht zum Eiersuchen war ich verschwunden und kam strahlend mit tollen Fundstücken von Feuerwehrwagen bis Schüco-Autos wieder – um sie gleich wieder abzugeben, denn es waren die Ostereier anderer Kinder, die im Innenhof ihre Osterhasenpräsente suchten. Drama, Tränen, Zeter und Mordio schreien – wieder hergeben statt bekommen. Trotzdem gab’s am Ende noch Schönes für mich. Oster-Achterbahnfahrt. 

Das Ende vom Lied? Dass ich heute in der HafenCity stehe und beim Blick auf die Elbe weiß: Manchmal liegt das größte Glück nicht im Haben und auch nicht im Suchen und Finden, sondern im Schauen. Wenn die Sonne über den Elbbrücken aufgeht, ob werktags oder zu Ostern, und das Quartier noch still vor sich hin dämmert, ist das meine moderne Auferstehung und immer ein neuer Anfang. Mit der Gewissheit, dass der Frühling uns allen gehört. Ganz gleich, wo wir ihn suchen. In diesem Sinn: Frohe Oster-Entspannung! Wolfgang Timpe

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