»Eigentlich glänzt da eine ganze Menge!«

Ausstellung.Der Fotograf Thomas Hampel präsentiert in der 31. Open-Art-Schau ab 24. April »Stadt im Fluss« auf dem Überseeboulevard die Entwicklungsgeschichte der HafenCity in den vergangenen 20 Jahren – auf 50 großen Bildtafeln

Endlich mal zu Hause: die 31. Open-Art-Ausstellung „Stadt im Fluss“. Reisten die großen Bildtafeln renommiertester Fotografen auf dem Überseeboulevard zu nachhaltigen und spannenden Reise- und Klimathemen rund um den Globus, widmet sich die aktuelle 31. Open Art ab 24. April facettenreich, historisch und prägnant sowie mit handwerklich-fotografischer Brillanz der 20-jährigen Entwicklungsgeschichte der HafenCity. Der Autor, Fotograf und Dokumentar Thomas Hampel hat zum Stadtteiljubiläum seine Hunderttausenden von Quartiersfotos gesichtet und eine ganz eigene Poesie des Quartiers komponiert. Die HCZ HafenCity Zeitung hat mit ihm exklusiv darüber gesprochen, was zwei Jahrzehnte fotografische HafenCity-, Speicherstadt- und Hafen-Begleitung mit dem „Mind-Set“ eines fotografierenden Dokumentars so anstellen und warum für Hampel das Jahr 2075 eine finale Rolle spielt. Lesen Sie mal!
Foto oben: Baakenhafen, Pfeilerbahn, Februar 2008. Die Trümmer der historischen Pfeilerbahn, eines Viadukts für den Bahnfernverkehr. Die über einen Kilometer lange Bahnstrecke mit ihren 126 akkurat gemauerten, kaiserzeitlichen Gewölben wird nach 100 Jahren abgerissen und ist Geschichte. Stattdessen führt die Bahntrasse nun über eine mit Spundwänden eingefasste Strecke, unter der es, anders als früher, in Richtung Oberhafen kein Durchkommen mehr gibt. © Thomas Hampel

Am Sandtorkai/Dalmannkai und Am Sandtorpark-Grasbrook, Oktober 2005. Auf den Magellan-Terrassen genießen ein paar wie für eine Theateraufführung verteilte Besucher die Abendsonne. Im Hintergrund ragt das heute längst verschwundene Silo der Kaffeelagerei auf, die sich auf einem bereits vor Jahrzehnten zugeschütteten Teil des Sandtorhafens angesiedelt hatte, der Blick auf die Speicherstadt ist noch unverstellt. © Thomas Hampel

Herr Hampel, Sie präsentieren in der Ausstellung „Stadt im Fluss“ auf dem Überseeboulevard 50 großformatige Fotografien aus rund 20 Jahren HafenCity. Wie haben Sie aus Ihren vielen Tausend Bildern diese Auswahl für die Open-Art-Galerie komponiert? Gute Frage, das war nicht einfach, Bilder gibt’s im Überfluss. Tatsächlich sind es Hunderttausende Fotos, die in den letzten Jahrzehnten im Gebiet der heutigen HafenCity entstanden sind. Ich war hier ja schon unterwegs, als das Areal noch Zollausland war und zum Freihafen gehörte. Im Auftrag der HafenCity Hamburg GmbH dokumentiere ich seit 2006 den Baufortschritt, sodass das Archiv ständig weiterwächst. Mit Vivian Brodersen, die die Ausstellung vonseiten des Überseequartiers organisiert, sichte ich seit Monaten meine im Pixelsediment wiederentdeckten Motiv-Favoriten, befreundete Kollegen haben mir mit professionellem Blick aufs Material geholfen, einige Wünsche wurden von den freundlichen Unterstützern der Ausstellung an uns herangetragen – so haben sich schließlich die finalen Themen und Bilder herauskristallisiert. Nun bin ich gespannt, wie die Betrachter auf dem Überseeboulevard diese Open-Art-Ausstellung beurteilen – es ist nach der von Richard Fischer 2013 die zweite, die sich ausschließlich mit dem eigenen Stadtteil beschäftigt. 

Hamburg liegt an der Elbe, wächst mit der HafenCity im früheren Freihafengebiet am Ufer des Stroms und gegenüber vom Hafen als Teil der neuen Innenstadt. Wie ist es zu dem vieldeutigen Titel „Stadt im Fluss“ gekommen? Den Titel fand ich treffend und mit einer schönen Prise Poesie versehen, auch wenn ich zugeben muss, ihn nicht erfunden zu haben. Es gibt natürlich einige Städte im Fluss – aber die HafenCity ist ganz und gar amphibisch und den Gezeiten ausgeliefert, der Übergang vom Freihafen zum Stadtteil ist fließend, mit der Stadt sind Architekturen, Planungen, Anforderungen und Ideen im Fluss. Zudem ist in den letzten Jahrzehnten viel Wasser die Elbe heruntergeflossen, sodass es für mich immer mal wieder die Möglichkeit gab, neue Sichtweisen zu proben. Es geht also um den Fluss der Ereignisse und die verflossene Zeit, um jede Menge Veränderung und Erkenntnis, aber natürlich auch um Vanitas: So kam es zu dieser Stadt im Fluss. 

Strandkai, Anlauf der „Queen Mary 2“, August 2011. Bad in der Menge: Die „Queen Mary 2“ ist wieder einmal in Hamburg, und wieder strömen begeisterte Schaulustige ans Elbufer und auf den Strandkai, um den gigantischen Liner zu sehen. Beim An- oder Ablegemanöver können Schiffe an bestimmten Stellen des Hafens, den Wendekreisen, gedreht werden. Im Fall der „Queen Mary 2“ drehen Azi-Pods – Gondeln mit Elektromotoren unter dem Rumpf – das riesige Schiff ohne Schlepperhilfe sanft in die richtige Position. © Thomas Hampel

Der ursprüngliche Freihafen und seine Gebäude wurden im wahrsten Sinne des Wortes platt gemacht. Sie dokumentieren seit Beginn der 2000er-Jahre Baugruben, Sandwüsten, Rohbau-Skelette und das Entstehen von Infrastruktur wie Straßen, U-Bahnen oder öffentlichen Plätzen und Parks. Haben Sie mal am Fertigwerden der HafenCity gezweifelt? Es wurde manche Barbarei begangen, und ich habe viel fotografiert – oft mit einer Art archäologischen Wehmut über den Lauf der Zeit. Einen Zweifel an der Fertigstellung der HafenCity insgesamt habe ich nie gespürt. Im Übrigen hätte dieser Zweifel in den Bildern ja auch wenig verloren. Die Aufgabe des Beobachters ist es doch, so gut wie möglich zu beobachten und diese Beobachtung für zukünftige Interpretationen offen zu halten. Im Laufe der Zeit, bei der Betrachtung der Fotos, kann sich natürlich ein vorhandener Zweifel bestätigen oder ein frischer keimen, da ist dann wieder alles im Fluss. 

Wie fühlt man sich als Fotograf, der künstlerisch das Entstehen von Stadt in Bilder bannt? Als Künstler oder als Mit-Baumeister? Natürlich müssen Beobachtungen verfeinert, Sinne und Intuition geschärft, an der Qualität des Bildes im Kontext von Erwartungshaltungen und eigenen Vorstellungen ästhetisch und inhaltlich geschraubt werden, aber: Kunst ist noch mal was anderes! Und ein Beobachter baut doch nicht mit, dass ergäbe sonst ein Quantum Unschärfe in den fotografischen Relationen. 

Überseequartier, Altes Hafenamt, Juli 2007. Eine Fata Morgana: Das jetzige Alte Hafenamt auf dem Überseeboulevard, in dem das 25hours-Hotel und das Restaurant Neni residieren, steht im Juli 2007 anmutig wie das Taj Mahal in einem kleinen See. Es ist der einsame Rest des ehemaligen Gebäudekomplexes der Behörde für Strom- und Hafenbau, der heutigen HPA. Hinter der Aufschüttung für die Osakaallee duckt sich das Gebäude der HafenCity Hamburg GmbH. © Thomas Hampel
Überseequartier, Altes Hafenamt, April 2007. Das Überseequartier vom Sandtorkai aus gesehen, am Horizont ist das Heizkraftwerk und dahinter ein AIDA-Kreuzfahrtschiff am Cruise-Center zu erkennen, links steht verloren das Alte Hafenamt, das heute den historischen Kern des Überseeboulevards bildet. © Thomas Hampel

Viele Ihrer Bilder haben als fotografisches handwerkliches Erkennungszeichen Spiegelungen. Sind das zufällige Dokumentationen in bestimmten Entstehungsphasen des Stadtteils, oder hatten Sie eine Idee, nach der Sie Ihre Fotomotive gesucht und ausgewählt haben? Ich liebe Reflexionen, die Spiegelung ist eine fantastische und oft leichter erträgliche Variante der Realität. Architekturen ­zerfließen, werden auseinandergenommen, in Wellen zerlegt, endlos wiederholt, verfremdet und fließen wieder zusammen. Überraschend und schön! Aber so ein Reflexionsbild ist in einer Pfütze fix gemacht, ohne inhaltliche Substanz bleibt es beim Effekt, der sich dann auch schnell wieder auflöst. Zwei schöne Reflexionen der frühen HafenCity haben es aber in die Ausstellung geschafft. 

Sie haben sich mal als „Flaneur“ bezeichnet, der durch den wachsenden Stadtteil stromert und besondere Augenblicke festhält. Sind Sie Künstler oder Dokumentar? Natürlich Dokumentar – der Künstler hat es, nach allem, was ich weiß, viel schwerer, über die Runden zu kommen, oder? Der Flaneur als Berufsbild gefällt mir schon wegen der in das Schlendern eingebauten Muße, der möglichen Tiefe und Feinheit der Wahrnehmung. Es gäbe noch eine Steigerung in der dokumentarischen Promenadologie, oder, wem das zu aufgesetzt klingt, der Strollology – ich arbeite laufend daran. 

Sie sind fotografischer Begleiter vom Werden und Stottern des Entstehens der HafenCity, in der auch das Westfield Hamburg-Überseequartier, das jetzt am 8. April eröffnet wird, fünf Jahre lang ein Feuchtbiotop war, ehe es nun nach zehn Jahren Bauzeit die neue Stadt im Stadtteil wird. Was denken Sie über solche Krisen wie zum Beispiel den Baustillstand des Elbtowers seit über einem Jahr? Ich bin in der glücklichen Lage, mir selbst ein Bild von den kriselnden Immobilien machen zu können, das manchmal, je länger die Krise anhält, umso reizvoller wird. Und selbst dann kann im Sinne der Projektentwickler noch alles gut werden: Das gilt eventuell auch für die vielleicht höchste Pra­line der Stadt, in wenigen Tagen jedenfalls beim großen Finale des ewigen Eröffnungsfestes beim Westfield Hamburg-Überseequartier. Aber, und das ist ja schon fast wieder vergessen, auch für die Elbphilharmonie sah es zeitweise gar nicht rosig aus. Mit zunehmender Krisenkenntnis stellt sich die Frage, was unsere charmante Halbmetropole wirklich braucht und weiterbringt. Und möglicherweise ist es an der Zeit, dass die üblichen verdächtigen Akteure aus den holzvertäfelten hanseatischen Hinterzimmern ans Licht der Gegenwart treten und sich ihrer Verantwortung stellen, statt weiterhin Milliardenvergleich zu spielen und das nächste große Ding aus dem Hut zu zaubern.

Sie waren neben der persönlichen fotografischen Begleitung der HafenCity mit Ihrer Kommunikations-, Design- und Grafikagentur Elbe&Flut immer in der Speicherstadt zu Hause. Was unterscheidet die Arbeit in der Zuckerbäcker-Klinker-Architektur des Welterbes von der im quadratisch-praktisch-eckigen Architektur-Stil des neuen Quartiers? Elbe&Flut – noch immer eine fabelhafte Zeit in guter Gesellschaft an einem schönen Ort! Dabei ist die Arbeit ortsunabhängig, nur der Ausblick beim Träumen ein anderer. Es ist inspirierend und schön, an einem historischen Ort zu arbeiten, in einem Gebäude, das jeder aus den Harry-Potter-Filmen kennt, in einem Ensemble, das zum Welterbe der UNESCO gehört. Aber für die Arbeit muss man sich dann selbstbestimmt oder im Auftrag auf etwas anderes konzentrieren. Übrigens: Zuckerbäcker waren das nicht, eher Ziegeleivertreter aus Hannover, die glücklicherweise diese Architektur bevorzugten. Aus den quadratisch-eckigen Gebäuden gegenüber gibt’s den besten Blick auf die abends rot glühenden Backsteine! 

Elbtorquartier, HafenCity Universität HCU, Januar 2016. Über die Baugrube des wegen der Uni-Nähe zum „Intelligent Quarter“ erklärten Komplexes mit dem Büroturm „Watermark“ von Störmer-Murphy Architects ragt das Gebäude weit hinaus. Die Universität ist ein Entwurf von Code Unique Architekten GmbH. Heute befindet sich an dieser Stelle der Henning-Voscherau-Platz – der vormalige Hamburger Bürgermeister hatte die Idee zur HafenCity gemeinsam mit dem HHLA-Vorstandschef Peter Dietrich entwickelt. © Thomas Hampel

Ihre Bilder dominiert in der großen Mehrheit eine kühle, eher nüchterne Eleganz des Stadtteils und seiner städtebaulichen Struktur. Ist die HafenCity zum Beispiel im Gegensatz zum großbürgerlichen Altbaustil Eppendorfs ein kalter Stadtteil Hamburgs? Diese Kälte, diese immer wieder unverfroren behauptete Kälte der Moderne! Nur weil es offenbar ein merkwürdiges Unbehagen an klaren Formen gibt, weil eine Sehnsucht nach Geborgenheit im Plüsch und Anachronismen sich als Vin­tage vermarkten lassen? Natürlich hat die Gründerzeit der Immobilienhaie und Spekulanten in Eimsbüttel und Eppendorf heute ihre Qualitäten im Städtebau, im Maßstab, in der Raumhöhe und so weiter, aber deshalb kann man dort nicht die Heizung runterdrehen. 

Was ist für Sie das Glanzstück der HafenCity? Das Wasser! Dessen Glanz, dauernde Bewegung und Reflexion! Um eine für beide Stadtteile fiese Sottise zu zitieren: Ohne das Wasser sähe manche Ecke der HafenCity auch nicht anders aus als Norderstedt! Ein virtuelles Glanzstück ist das nicht realisierte Science-Center von Rem Koolhaas. In der gebauten Realität macht das China-Shipping-Gebäude von Hadi Teherani, der der HafenCity-Architektur mal den Würfelhusten vorwarf, immer noch eine gute Figur. Die großzügigen Bahnhöfe von gmp an den Elbbrücken gefallen mir, die Magellan-Terrassen und neuerdings das nette Plätzchen am Strandhöft sind gute Orte. Auf Anraten eines Kenners habe ich mich auch mit den Qualitäten der Cinnamon-Zimtstange beschäftigt … eigentlich glänzt da eine ganze Menge! 

„In der gewaltigen Sandkiste des Überseequartiers ist am 11. März 2007 diese Planenkonstruktion erschienen und wirft Fragen auf. Was wird da drin geschützt, was eventuell verborgen? Wer hat die Sandkiste so schön glatt gestrichen? Dass es von dieser Welt ist, beweisen die knapp über den Rand der Sandburg ragenden Gebäude des Heizkraftwerks rechts und des Alten Hafenamts links. Dieses merkwürdige Objekt am Sandtorkai hat mich über die Jahre fasziniert. In Wirklichkeit ein temporärer Zugang zu irgendwelchen Sielen oder Infrastrukturen an der linken Ecke vom Pier 3, inzwischen längst verschwunden, kam es mir vor wie der Monolith aus ,2001 – Odyssee im Weltraum‘, den nur noch keiner entdeckt hat. Wieder eine Chance für einen zivilisatorischen Entwicklungsschritt verpasst – und da haben wir nun den Salat!“ © Thomas Hampel

Sie leben selbst im gemütlichen, eher kleinbürgerlichen Eimsbüttel mit seiner lebendigen
gastronomischen und kulturellen Vielfalt. Gibt Ihnen Eimsbüttel die Wärme, auf die die kosmopolitisch orientierten Menschen, die in die HafenCity ziehen, bewusst verzichten?
Weder ist die HafenCity kalt noch Eimsbüttel warm, die Gründerzeit ist kein Heizkörper und der rechte Winkel kein Kühlschrank. Kitsch verbindet, wie Manfred Stempels in ähnlichen Diskussionen gern Milan Kundera zitierte, aber das ist auch kein Allheilmittel: Trägt man diese thermischen Empfindungen vielleicht als unaufgeräumten Heizungskeller eigener Emotionen mit sich herum? Mir ist nicht der Windchill-Faktor der Stadtteile, sondern eigentlich nur die Distanz wichtig, die Bewegung zwischen den Aufgaben und Aggregatzuständen, die Abwechslung – und da hat Hamburg zwischen Eimsbüttel und der HafenCity allerhand zu bieten! 

Sie sind, wie so viele, immer wieder auch Gast im Club 20457. Warum kann die Raucherbar nun schon seit über 13 Jahren eine zweite Heimat für Hafen­Citizens sein? Wegen des schönen Schalls und Rauchs! Und natürlich wegen der Spiritualität in Gläsern. Ein Rückzugsort, der so ist, wie die übrige HafenCity im Marketing-Sprech auch sein möchte: echt, authentisch, ein wenig rau an der Oberfläche, aber sehr gastfreundlich und offen. An Tonis Theke kommt man unter Gesprächsschwaden und Rauchfetzen auf Gedanken. 

Wann machen Sie Ihr letztes Foto von der HafenCity? Zum Schluss. Ich plane es jetzt mal fürs Frühjahr 2075 ein.
Interview: Wolfgang Timpe

Info Die Ausstellung „Stadt im Fluss“ des Fotografen und HafenCity-Dokumentars Thomas Hampel präsentiert ab Donnerstag, 24. April, in der 31. Open-Art-Schau auf dem Überseeboulevard 50 große Bildtafeln aus den vergangenen 20 Jahren der HafenCity. Mehr Informa­tionen unter www.überseequartier-nord.de und www.echt-hafencity.de

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