Geschichte. Hamburg macht für Schüler:innen die Erinnerung an die Verbrechen des National­sozialismus mit dem Besuch einer von acht Hamburger Gedenkstätten zur Schulpflicht

Geschichte steht nicht nur in Schulbüchern. Sie findet sich mitten in Hamburg. An Orten, an denen Menschen verfolgt, entrechtet, deportiert und ermordet wurden. Orte, die bis heute daran erinnern, wohin Hass, Ausgrenzung und eine menschenverachtende Ideologie führen können. Hamburg will diese Geschichte künftig allen Schülerinnen und Schülern näherbringen. Deshalb wird der Besuch einer Gedenkstätte zur Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus verbindlicher Bestandteil des Lehrplans. 
Foto oben: Erinnerungsort denk.mal Hannoverscher Bahnhof im Lohsepark in der HafenCity: Gedenkstätten-Vorstand Oliver von Wrochem: „Wir schaffen durch unsere Bildungsarbeit Räume für eine offene und faktenbasierte Debattenkultur und für Begegnung und Dialog.“ © Miguel Ferraz | HafenCity Hamburg GmbH

Im Juli 2022 zeigte die Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte eine
temporäre Ausstellung mit Briefen und Postkarten deportierter Jüdinnen, Juden, Sinti und Roma im Hamburger Lohsepark am Gedenkort denk.mal Hannoverscher Bahnhof. © Catrin-Anja Eichinger

Die neue Regelung gilt ab der fünften Jahrgangsstufe. Jede Schülerin und jeder Schüler soll im Laufe der Schulzeit mindestens einmal einen entsprechenden Erinnerungsort besuchen. Bislang war ein solcher Besuch in den Bildungsplänen bereits vorgesehen. Mit der neuen Regelung soll sichergestellt werden, dass tatsächlich alle Schulklassen diese Möglichkeit nutzen. 

Schulsenatorin Ksenija Bekeris sieht darin einen wichtigen Beitrag zur politischen Bildung. „Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenwürde bilden das Fundament unseres Zusammenlebens. Doch sie sind nicht selbstverständlich.“ Schulen hätten eine Schlüsselrolle, wenn es darum gehe, jungen Menschen demokratische Werte zu vermitteln. Gedenkstätten zeigten eindrücklich, welche Folgen Antisemitismus, Rassismus und Ausgrenzung haben können. 

Gegen das Vergessen, Dokumente des Erinnern, Teil der Gegenwart. Ausstellung
„Briefe und Postkarten“ vom Juli 2022 im Lohsepark. Gerade für junge Menschen aus der HafenCity
liegt die Geschichte damit unmittelbar vor der eigenen Haustür. © Catrin-Anja Eichinger

Besonders viele Erinnerungsorte liegen im Bezirk Hamburg-Mitte. Gleich vier der acht empfohlenen Einrichtungen befinden sich im Bezirk. Dazu gehört das denk.mal Hannoverscher ­Bahnhof in der HafenCity. Von hier aus deportierten die Nationalsozialisten zwischen 1940 und 1945 mehr als 8.000 Jüdinnen und Juden sowie Sinti und Roma. Für viele Menschen begann an diesem Ort der Weg in Ghettos und Konzentrationslager. Heute erinnert der Gedenkort im Lohsepark an ihre Schicksale. Gerade für junge Menschen aus der HafenCity liegt die Geschichte damit unmittelbar vor der eigenen Haustür. 

Auch die Gedenkstätte Bullenhuser Damm in Rothenburgsort gehört zu den empfohlenen Orten. Hier ermordete die SS im April 1945 zwanzig jüdische Kinder, die zuvor für medizinische Experimente im Konzentrationslager Neuengamme missbraucht worden waren. Gemeinsam mit ihnen wurden vier erwachsene Häftlinge und mindestens 24 sowjetische Häftlinge ermordet. Die ehemalige Schule ist heute ein Ort des Gedenkens und der historischen Bildung. 

Am Geschichtsort Stadthaus in der Hamburger Neustadt erfahren Schulklassen, wie die nationalsozialistische Verfolgung organisiert wurde. In dem Gebäudekomplex befanden sich während der NS-Zeit zentrale Dienststellen der Hamburger Polizei, darunter die Gestapo. Von hier aus wurden Menschen überwacht, verfolgt und in Konzentrationslager verschleppt. 

Ein weiterer Erinnerungsort ist die Gedenk- und Bildungsstätte Israelitische Töchterschule auf St. Pauli. Die ehemalige jüdische Mädchenschule steht für jüdisches Leben in Hamburg und dessen Zerstörung durch die Nationalsozialisten. Ihre Geschichte zeigt, wie jüdische Kinder und Jugendliche schrittweise aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen wurden. Außerhalb von Hamburg-Mitte gehören die KZ-Gedenkstätte Neuengamme, die Gedenkstätten Fuhlsbüttel und Poppenbüttel zu den Empfehlungen. Hinzu kommt das Mahnmal St. Nikolai in der Hamburger Altstadt. Es erinnert insbesondere an den Zweiten Weltkrieg, die Luftangriffe auf Hamburg und deren Folgen. Auch dieser Ort soll für die historische Bildungsarbeit genutzt werden. 

Kultursenator Dr. Carsten Brosda betont, dass Erinnern mehr bedeutet als das bloße Besichtigen historischer Gebäude. „Die Aufgabe des Erinnerns und Gedenkens endet dabei nicht an den Toren der Gedenkstätten, sondern ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.“ Gerade in einer Zeit, in der wieder versucht werde, einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen, müsse das Bewusstsein für die nationalsozialistischen Verbrechen gestärkt werden. 

Die Besuche sollen deshalb nicht als gewöhnliche Schulausflüge stattfinden. Lehrkräfte müssen sie pädagogisch vorbereiten und anschließend im Unterricht aufarbeiten. Die Schülerinnen und Schüler sollen Fragen stellen, historische Zusammenhänge verstehen und über die Bedeutung der Vergangenheit für die Gegenwart diskutieren. Dafür stellt das Landesinstitut für Qualifizierung und Qualitätsentwicklung in Schulen Unterrichtsmaterialien und Fortbildungen bereit. 

Für die Familien entstehen keine Kosten. Eintrittsgelder, Führungen sowie die An- und Abreise können die Schulen über ihre Budgets abrechnen. Neben den acht empfohlenen Hamburger Einrichtungen kommen auch geeignete Gedenkstätten in anderen deutschen Städten und im Ausland infrage. 

Oliver von Wrochem, Vorstand der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte, sieht in der Initiative eine Chance, historische Bildung mit aktuellen gesellschaftlichen Fragen zu verbinden. „Dabei schaffen wir durch unsere Bildungsarbeit Räume für eine offene und faktenbasierte Debattenkultur und für Begegnung und Dialog.“ Die Entscheidung des Senats knüpft an das Hamburger Gedenkstättenkonzept von 2023 an. Damals hatte die Stadt beschlossen, die Erinnerungskultur langfristig zu stärken. Nun folgt ein weiterer Schritt, der unmittelbar den Schulalltag betrifft. 

Denn die Generation, die den Nationalsozialismus selbst erlebt hat, wird immer kleiner. Persönliche Berichte von Zeitzeugen können künftig immer seltener aus erster Hand vermittelt werden. Umso wichtiger werden die historischen Orte, Dokumente und Lebensgeschichten der Opfer. Mit der neuen Regelung will Hamburg erreichen, dass kein junger Mensch die Schule verlässt, ohne sich zumindest einmal intensiv mit diesem Teil der deutschen Geschichte beschäftigt zu haben. Ein Gedenkstättenbesuch allein macht noch keinen überzeugten Demokraten. Er kann jedoch Fragen aufwerfen, zum Nachdenken anregen und zeigen, warum Menschenwürde, Freiheit und Demokratie geschützt werden müssen. Jimmy Blum

gedenkstaetten-hamburg.de