HafenCity-Krimi, Kapitel II: »Anne fährt nach Hause …«

Vorabdruck II. Der HCZ-Kolumnist Antonio »Toni« Fabrizi, Inhaber des Club 20457, hat seinen ersten Krimi »Tod in der HafenCity« geschrieben. Das Feedback auf Kapitel I war überwältigend – und die Spekulationen, wer wen oder was verkörpert, blühen kräftig

Klar, auch die Redaktion der HafenCity Zeitung hat damit gerechnet, dass das Echo auf das erste Kapitel von Antonio Fabrizis Premierenkrimi lebhaft sein würde, dass es aber mit Anne, nur einer, der ersten Hauptfiguren des Krimis „Tod in der HafenCity“, die Spekulationen über mögliche reale Vorbilder in den digitalen medien wie an der Theke von Tonis Club 20457 so viral geht, haben auch wir unterschätzt. In der Advenzszeit ist Spekulatius offenbar ein unfassbar beliebtes Gesellschaftsspiel. Auch der Autor Antonio Fabrizi fühlt sich geehrt und zugleich überrascht: „Es gibt diese besonderen Momente im Leben“, so Fabrizi gegenüber der HafenCity Zeitung, „in denen einem erst bewusst wird, wie wertvoll sie sind und dass man sie genießen sollte. Als in der November-Ausgabe der HafenCity Zeitung das erste Kapitel meines Krimis ,Tod in der HafenCity‘ erschien, war ich natürlich stolz. Die positive Resonanz darauf hat mich jedoch völlig überrascht und regelrecht überrollt.“
Foto oben: Toni über zwei Figuren von „Tod in der HafenCity“: „Agnes und Lisa. Beide sind real, wohnen in der HafenCity und sind auf dem Foto zu sehen, das diesen Bericht begleitet. Sie bewegen sich täglich durch die Straßen des Stadtteils, meist begleitet von vier Pfoten. Welche Spuren sie im Krimi aufnehmen und welche sie hinterlassen, wird sich erst zeigen.“ © Agnes Fitek

Obwohl Antonio Fabrizi selbst ein kommunikativer Aktivist der digitalen Medien ist, hat ihn die Vielfalt vermeintlicher Wahrheiten, wer sich hinter welcher Krimi-Figur als mögliche reale HafenCity-Figur verbirgt, erstaunt. „Social Media ist heute der Ort für schnelle Reaktionen, Kommentare und Fragen. Das ist spannend, kann jedoch persönliche und reale Begegnungen nicht ersetzen“, sagt Fabrizi. „Umso besonderer ist es, im Vorbeigehen ein kurzes ,coole Idee‘ oder ,bin gespannt auf den Krimi‘ zugerufen zu bekommen. Diese unmittelbaren Momente bedeuten mir sehr viel.“

Und, wer wüsste das eigentlich besser als der Ex-Banker, Bar-Tender und Theken-Flüsterer und Jungschriftsteller: Die HafenCity ist ein Dorf und der Klatsch im Quartier rasiert auch gerne mal haarschaf oder ganz weiträumig an dem Wahren vorbei. Antonio Fabrizi: „Gleichzeitig geschieht gerade etwas, das ich auch in meinem Krimi beschreibe. Wir leben in einem Stadtteil, der wie kaum ein anderer vernetzt ist. Eine unbedachte Aussage oder Vermutung findet ihren Weg durch die zahlreichen Kommunikationskanäle und am Ende entsteht eine vermeintliche Wahrheit, die gar keine ist, aber von vielen geglaubt wird. Das erste veröffentlichte Kapitel“, so Fabrizi weiter, „hat genau eine solche Welle ausgelöst. Die allgegenwärtige Frage, wer sich hinter der Joggerin in Kaptitel I verbirgt, scheint für einige bereits beantwortet zu sein. Immerhin kann ich mit einem kleinen Augenzwinkern festhalten, dass bislang alle Vermutungen zuverlässig am Ziel vorbeigehen. Und weil Spekulationen nun einmal dazugehören, möchte ich ihnen an dieser Stelle ganz bewusst ein wenig Nahrung geben“, sagt der Kriminovize mit einem offensiven Augenzwinkern.

„Machen wir uns nichts vor. Spekulationen gehören zum Spiel. Zwei Namen tauchen in ,Tod in der HafenCity‘ auf: Agnes und Lisa. Beide sind real, wohnen in der HafenCity und sind auf dem Foto oben zu sehen. Sie bewegen sich täglich durch die Straßen des Stadtteils, meist begleitet von vier Pfoten. Welche Spuren sie im Krimi aufnehmen und welche sie hinterlassen, wird sich erst zeigen“, sagt der Autor. Achtung, liebe Leser:innen unseres Vorabdrucks des 2. Kapitel: das ist ein sogenannter Cliffhanger! 

„Das Schreiben ist für mich ein faszinierender und sehr persönlicher Prozess. Während ich an dieser fiktiven Geschichte arbeite, durchlebe ich zugleich eine ebenso spannende persönliche Entwicklung. Einen Ort wie den Club 20457 nach Silvester 2025, mit den sich schließenden Türen nach dem dann letzten Club-Abend an der Osakaallee zu schließen, berührt mich emotional sehr. Gleichzeitig richtet sich mein Blick nach vorn, auf neue Ideen und Konzepte. Der Krimi und die Fortsetzungsgeschichte des Club 20457 haben dabei eine Gemeinsamkeit. Mehr wird erst verraten, wenn die Tinte auf dem Papier steht.“ Punkt.

Understetement prägt Antonio Fabrizi und seine Zukunft: „Bis dahin wünsche ich euch viel Freude mit dem zweiten Kapitel des Krimis.“ WT

Autor Antonio Fabrizi: „Die allgegenwärtige Frage, wer sich hinter der Joggerin in Kaptitel I verbirgt, scheint für einige bereits beantwortet zu sein. Immerhin kann ich mit einem kleinen Augenzwinkern festhalten, dass bislang alle Vermutungen zuverlässig am Ziel vorbeigehen.“ © Tobias Castillo

Der Streifenwagen rollte an, die Türen klappten schwer ins Schloss. Anne saß auf der Rückbank, den Gurt quer über der Brust, die Hände fest ineinander verschränkt. Die beiden Polizisten vorne redeten kaum miteinander, nur das Knacken des Funkgeräts unterbrach die Stille. Sie fuhren durch die HafenCity, nur wenige Straßenlaternen warfen Lichtflecken auf das nasse Kopfsteinpflaster. Anne sah hinaus. An ihr zogen vertraute Gebäude vorbei. Eben noch war sie dort gelaufen, frei, mit dem Rhythmus ihrer Schritte, und jetzt fühlte sich jeder Blick wie ein Schnitt durch zwei völlig verschiedene Welten an. Wie harmlos das angefangen hatte. Ein normaler Lauf, ein Versuch, den Kopf freizubekommen. Die Gedanken an Kartons, an Baumängel, an die kleine Hundegruppe. Und dann plötzlich die Tragödie, in die sie hineingestolpert war.

,So etwas passiert doch nur anderen‘, dachte sie, während sie die Stirn an die kühle Scheibe lehnte. Man schaut Krimis, man liest Schlagzeilen. Aber man selbst. Man ist Zuschauer. Man ist nie Teil davon. Und jetzt … Das Bild des leblosen Gesichts tauchte vor ihr auf, hart und unwiderruflich. Sie schloss kurz die Augen, doch der Eindruck blieb: die starren Augen, der offene Mund. 

Die Fahrt dauerte kaum zehn Minuten. Als der Wagen am Westfield-Center vorbeifuhr, fiel ihr Blick auf das hell erleuchtete Logo. Die Schaufenster, die beleuchteten Geschäfte, sogar die Werbung auf den digitalen Screens wirkte auf einmal fast tröstlich. Vertraute Alltäglichkeit, Konsum, Normalität: so anders als die bedrohliche, kalte Atmosphäre des Oberhafens, wo der Tote gelegen hatte. Für einen Moment konnte sie sich an dem Anblick festhalten, so, als könnte das Licht der Geschäfte die Dunkelheit der Nacht ein Stück weit verdrängen. Doch tief in ihr wusste sie, das, was sie erlebt hatte, ließ sich nicht einfach wegwischen.

Wenige Minuten später bog der Wagen in ihre Straße ein. Anne spürte, wie ihr Herz wieder schneller schlug. Gleich würde sie Thomas und Coco gegenüberstehen, und sie ahnte, dass sie auch dort nicht wirklich zur Ruhe kommen würde. Als Anne aus dem Polizeiauto stieg und sich von den Beamten verabschiedete, bemerkte sie nicht, dass auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Mann reglos stehen geblieben war. Er starrte sie an. Erst als der Streifenwagen weiterfuhr, löste er seinen Blick und griff zu seinem Handy. Die Nacht war stiller als zuvor.

Anne dagegen sah nur den Hauseingang. Sie wollte nur noch durch diese Tür und in ihrem sicheren Zuhause ankommen. Die letzten Meter fühlten sich länger an als der gesamte Lauf zuvor. Ihre Finger froren, ihre Schultern brannten vor Erschöpfung, und als die schwere Glastür hinter ihr ins Schloss fiel, löste sich ein winziger Faden aus der Verspannung in ihrem Brustkorb. 

Sie rief den Aufzug. Die Sekunden bis zur Ankunft dehnten sich. Als die Türen endlich aufglitten, stieg sie ein und presste sich sofort in die hintere Ecke. Den Wohnungsschlüssel hielt sie in einer Hand, mit der anderen klammerte sie sich an die Metallstange an der Wand. Der Fahrstuhl war leer. Eine gesamte Seite verspiegelt. Und obwohl sie es nicht wollte, sah sie ihr Spiegelbild. Blass. Verquollen. Die Augen gerötet. Ein Gesicht, das sie selbst kaum erkannte.

Der Aufzug ruckte leicht an und setzte sich in Bewegung. Anne zählte die Stockwerke viel zu langsam, dann wieder viel zu schnell. Sie wollte nur noch in die Wohnung. Sicherheit. Wärme. Eine Tür zwischen sich und der Nacht. Als sich die Türen im fünften Stock öffneten, trat sie hinaus. Genau in diesem Moment ertönte der Signalton ihres Handys aus der Jackentasche. Kurz, scharf, unerbittlich. Anne erstarrte. 

Sie griff nach dem Handy und sah die Benachrichtigungen. Neun verpasste Anrufe von Thomas. Und eine neue Nachricht.

„Anne. Ab jetzt schweigst du.“

Der Boden unter ihr schien kurz wegzurutschen. Eine eisige Leere breitete sich in ihrer Brust aus. Ihr Kopf wurde schlagartig leer und laut zugleich. Sie wollte nur noch in die Wohnung. Nur rein. Nur die Tür zu.

Mit zitternden Fingern fischte sie den Schlüssel hervor, doch ihre Hände gehorchten ihr nicht mehr. Der Schlüssel glitt ihr aus den Fingern, klirrte auf den Boden. Sie bückte sich, keuchend, hob ihn auf, versuchte es erneut. Da riss die Tür von innen auf. Anne schrie laut auf. Thomas stand im Türrahmen, bleich und außer sich vor Sorge. Der Rest brach über beide herein wie ein Sturm.“ Antonio „Toni“ Fabrizi

Liebe HCZ-Leser:innen! Nun ist zwar die Tinte fürs neue Projekt noch nicht trocken, aber fest steht: Der Club 20457, die HafenCity-Nachbarschafts­institution, hat am 31.12.2025 mit einer Schluss-Sause und den wirklich allerletzten ­Getränken nach 14 erfolgreichen Jahren seine Tore geschlossen. Zeit für Antonio »Toni« Fabrizi hoffentlich ab März 2026 ein neues Gastro-Entertainment-Kapitel im Großraum Magdeburger Hafen aufzuschlagen. O-Ton Fabrizi: „Lasst euch überraschen. Es wird spannend. Auf bald!“ Na, dann mal ein kräftiges ,Glück auf!‘ für den Neustart in 2026. WT

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