Konzert. HCZ-Autorin Dagmar Leischow sprach mit Johannes Oerding übers Album »Heimat« und sein Volksparkstadion-Event – als FC-St.-Pauli-Fan
Er ist wohl inzwischen neben Udo Lindenberg Hamburgs berühmtester Hutträger: Johannes Oerding. Auch während des Interviews im Büro seiner Booking-Agentur auf St. Pauli trägt er den für ihn typischen schwarzen Pork Pie. Gestresst wirkt er überhaupt nicht, dabei muss der 44-Jährige zwischen der Veröffentlichung seines Albums „Hotel“, das einen dezenten Country-Einschlag hat, und dem Start seiner Tournee gerade jede Menge Termine wuppen. Nach einer einjährigen Weltreise ist er nun wieder bereit, als Musiker voll aufzudrehen.
Foto oben: Singer-Songwriter Johannes Oerding: „Hamburger Regen macht nass, aber tut nicht weh.“ © Tim Tyson
Herr Oerding, haben Sie einige Lieder für Ihr Album „Hotel“ wieder in St. Peter-Ording geschrieben? Diesmal nicht. Die meisten Songs habe ich in meinem Sabbatical geschrieben, als ich auf Weltreise war. Ich habe fünf Kontinente zumindest berührt. In den USA wollte ich unbedingt nach Minneapolis, wo Prince sein Studio hatte. Ansonsten war ich auf Hawaii, in der Karibik, in Japan und in etlichen anderen Ländern.
»Wenn man ein Team unterstützt, gehört auch eine gewisse Rivalität dazu. Bei sportlicher Rivalität bin ich immer dabei. Sie endet allerdings bei mir, sobald Fanlager verschiedener Vereine aufeinander losgehen. Das ist für mich absoluter Bullshit.«
Johannes Oerding
Das Stück „Hamburger Regen“ ist aber zu Hause entstanden, oder? Nein, auf Waiheke – das ist eine kleine Insel vor Neuseeland. Ich saß mit meiner Gitarre auf dem Balkon, und plötzlich fing es an, monsunartig zu gießen. Weil mich dieser Regen an Hamburg erinnert hat, habe ich nach neun Monaten unterwegs zum ersten Mal Heimweh bekommen. Ich begann ich mit Tränen in den Augen zu singen: „Hamburger Regen macht nass, aber tut gar nicht weh.“ In diesem Moment hat mir selbst der Regen, der mir normalerweise auf den Sack geht, gefehlt. Ich glaube, wenn man auf einmal Sachen vermisst, die einen sonst nerven, hat man einen guten Ort für sich gefunden.
Fühlen Sie sich in Hamburg inzwischen mehr daheim als in Geldern-Kappelen am Niederrhein, wo Sie aufgewachsen sind? Ja. Ich bin trotzdem froh, dass ich sozusagen meine Grundausbildung auf dem Dorf in der Natur gemacht habe. Aber mein Musikerleben begann erst, nachdem ich mit 19 nach Hamburg gezogen war. Mittlerweile bin ich schon länger im Norden als am linken Niederrhein. In Hamburg ist meine Musik entstanden, hier spielen die Geschichten, von denen meine Songs erzählen. Hamburg ist der wichtigste Ort für mich als Mensch.

Und wie ist es für Sie, wenn Sie heute Ihre alte Heimat besuchen? Das ist wie Ferien auf dem Ponyhof. Dort ist für mich die Welt in Ordnung. Ich kann einfach wie so ein Junge sein und gelte nicht die ganze Zeit als wichtig.
In Hamburg hingegen steuern Sie auf Ihre größte Show zu – ein Konzert im Volksparkstadion. Wie fühlt es sich für Sie als FC-St.-Pauli-Fan an, dort aufzutreten? Leider sind Konzerte im Millerntor-Stadion aus Lärmschutzgründen verboten, sonst würde ich natürlich dort spielen. Als ich mich dann für das Volksparkstadion entschieden habe, hatte ich schon ein bisschen Schiss, weil ich mir nicht sicher war, ob wirklich 50.000 Menschen kommen würden. Jetzt weiß ich: Es wird rappelvoll.
Haben Sie dennoch das Gefühl, feindliches Terrain zu betreten? Mit Sicherheit werde ich mir den ein oder anderen Spruch nicht verkneifen können. Vielleicht habe ich sogar unter meinen Klamotten ein St.-Pauli-Trikot an. Doch ich bin kein so harter Fußballfan, dass ich mit den HSV-Leuten gar nichts zu tun haben will.
Also sind Sie kein Ultra? Nein. Klar braucht jeder Verein eine gewisse Ultra-Szene, die ihn die hard-mäßig supportet und das Fundament von allem ist. Wenn man ein Team unterstützt, gehört auch eine gewisse Rivalität dazu. Bei sportlicher Rivalität bin ich immer dabei. Sie endet allerdings bei mir, sobald Fanlager verschiedener Vereine aufeinander losgehen. Das ist für mich absoluter Bullshit. Ich bin einfach open-minded und freue mich, dass in Hamburg beide Vereine in der ersten Liga spielen. Es wertet die Stadt doch auf, wenn die Bayern oder die Dortmunder nach Hamburg kommen und wir geile Lokalderbys haben. Dagmar Leischow
Info Johannes Oerding tritt Sa., 20. Juni, 18 Uhr, im Volksparkstadion auf. Am Sa., 12. September, 20 Uhr, gastiert er mit der NDR Bigband in der Barclays Arena. Karten und weitere Informationen unter: kj.de



