»Ich brenne für den Grasbrook«

Exklusiv-Gespräch. Dr. Andreas Kleinau, Sprecher der Geschäftsführung der HafenCity Hamburg GmbH, über Gemeinschaftshäuser, Tempo 30 und Streitkultur

Herr Kleinau, Sie sind seit November 2021 Chef der HafenCity Hamburg GmbH (HCH). Wie fällt Ihre persönliche Einjahresbilanz aus? Als Verantwortlicher der HafenCity Hamburg GmbH denke ich nicht wirklich in Bilanzen. Unsere Arbeit, den Erfolg oder Misserfolg, möchte ich nicht so stark auf meine Person beziehen. Wir haben viele Dinge erleben müssen, mit denen wir absolut nicht rechnen konnten. Wir waren mitten in der Pandemie und hatten die Hoffnung, sie bald überwunden zu haben. Dann wurden wir am 24. Februar 2022 mit einem Angriffskrieg von Russland gegen die Ukraine in die nächste Krise gestürzt – plus die Folgen der daraus sich verschärfenden Gas-, Energie- und Lieferkettenkrisen sowie den explodierenden Baukostenpreisen. Seitdem sind wir besonders gefordert, uns mit den Auswirkungen auf die Immobilienmärkte und natürlich auch auf unsere Stadtentwicklungsprojekte zu beschäftigen. 
Foto oben: Was der HafenCity-Chef Andreas Kleinau an der Hamburger Streitkultur unterschätzt hat: „Die hohe Emotionalität, mit der einzelne Akteure ihre Interessen vertreten – sowohl in der zivilgesellschaftlichen als auch in der politischen Diskussion. Wir haben einige Projekte, die sehr kontrovers diskutiert werden. Da wird einem die Vehemenz erst klar, wenn man mitten im Auge des Sturms steht.“ © Catrin-Anja Eichinger

Was jeden und alle betrifft? Ja, und uns insofern noch einmal besonders, weil wir unsere Gesellschaft, die HafenCity Hamburg GmbH, in einen Transformationsprozess geschickt haben, um die notwendigen Voraussetzungen dafür zu schaffen, unsere Stadtentwicklungsaufgaben – in der HafenCity, auf dem Grasbrook, im Billebogen und der Science City Hamburg Bahrenfeld – weiterentwickeln und vo-rantreiben zu können. Dafür haben wir erst die organisatorischen Voraussetzungen schaffen müssen. Insofern habe ich mich gefreut, dass es am Nikolaustag 2022 eine der letzten Handlungen der früheren Stadtentwicklungssenatorin Dorothee Stapelfeldt war, bekannt zu geben, dass der Senat die Drucksache 21/18963 zur „Entwicklung, Erschließung, Bebauung und Finanzierung des neuen Stadtteils ,Grasbrook‘“ beschlossen und der Bürgerschaft mitgeteilt hat. Dort kann es nun zielstrebig weitergehen, um 3.000 Wohnungen zu bauen und 16.000 Arbeitsplätze zu schaffen. Und wir haben mit den Finanzierungsnachweisen und der Grundstücksübergabe an den Bauherrn Signa für den Elbtower einen weiteren Meilenstein erfolgreich bewältigt. Dabei sahen sich alle mit vollkommen veränderten Rahmenbedingungen wie veränderten teuren Zinsbedingungen und explodierenden Baukosten konfrontiert.

»Man hat mit zunehmender Pandemie-Dauer auch festgestellt, dass es nicht nur um Effizienz geht, sondern um ein kulturelles Miteinander im Unternehmen, um kreative Prozesse, um die Attraktivität gemeinsamen Arbeitens und vor allem auch um die sogenannte ›Verortung der eigenen Seele‹ beim Arbeitgeber.«
Andreas Kleinau über Büroarbeitsplätze

Was ist denn die gravierendste Änderung? Ich glaube, die gravierendste Veränderung ist, dass wir in der Vergangenheit ja immer über singuläre Krisen diskutiert haben und diese auch so erlebt haben. Aber es waren in der Regel immer Krisen von einzelnen Sektoren. Heute haben wir es mit einer Überlagerung von multiplen Krisen zu tun, wo eine neue Krise zu einer bereits bestehenden Krise dazukommt. Teilweise zeichnet sich für den Immobilienmarkt offenbar die Normalisierung eines etwas überhitzten Marktes ab. In den kommenden drei bis vier Jahren aber werden sich die Spielregeln in den Immobilienmärkten maßgeblich verändern. 

Andreas Kleinau zu Tempo 30 und dem Rückbau vierspuriger Straßen: »Das Thema wird wieder auf die Agenda kommen. Dafür stehe ich auch. Wir werden den Zeitpunkt sehr weise wählen, wann wir damit beginnen. Ob das jedoch immer im Einklang mit dem gleichzeitigen Rückbau vierspuriger Straßen sein kann, wird sich noch zeigen.« © Catrin-Anja Eichinger

Einige HafenCity-Makler reagieren auf die neue Situation, dass sie weniger in den Wohnungsbau, sondern künftig vor allem in den Bürobau bei schon vorab gefundenen Hauptmietern investieren wollen. Sicherheit vor Risiko. Wie schätzen Sie die Situation ein? Wir können das so noch nicht verzeichnen. Ja, wir haben Diskussionen mit unseren Bauherrinnen und Bauherren über die veränderten Rahmenbedingungen. Die hatten wir bei Stadtentwicklungsprojekten schon immer. Das gehört zum Geschäft. Wie gesagt, eine Zurückhaltung merken wir noch nicht. Allerdings sind wir mit der HafenCity ja auch in einer relativ reifen Phase. Es ist ein sehr gutes Umfeld, in dem man hier anlegen und investieren kann. Die Preis-Elastizität ist sicherlich bei anderen Stadtentwicklungsprojekten größer als in der HafenCity. Wenn sie überhaupt kommen sollten, werden diese Effekte garantiert erst mit einer gewissen Verzögerung in der HafenCity ankommen.

Trotzdem: Werden die vielen Büroflächen, gerade im Elbbrückenquartier samt Elbtower, auch angesichts von Homeoffice und intensiver Digitalisierung überhaupt noch gebraucht? Diese Frage wird eigentlich schon seit zwei Jahren, seit der Pandemie, gestellt, als man festgestellt hat, dass das mobile Arbeiten möglich ist und die Effizienzeinbußen nicht so groß sind. Man hat aber mit zunehmender Pandemie-Dauer auch festgestellt, dass es nicht nur um Effizienz geht, sondern um ein kulturelles Miteinander im Unternehmen, um kreative Prozesse, um die Attraktivität gemeinsamen Arbeitens und vor allem auch um die sogenannte „Verortung der eigenen Seele“ beim Arbeitgeber. 

Andreas Kleinau über den neuen HCH-Firmensitz und den Protest dagegen: „Mich hat jedoch manchmal die Tonalität, die Schärfe des Protests, einiger Nachbarn enttäuscht. Das fand ich gewöhnungsbedürftig, weil vielfach mit ungleichen Waffen gespielt wurde.“ © Visualisierung: Heinle Wischer und Partner, Freie Architekten

Das heißt? Dass sich Arbeitgeber Gedanken machen, wie sie ihre Mitarbeiter:innen an sich binden können, um der Flüchtigkeit von Arbeitsbeziehungen entgegenzuwirken. Es gibt nach wie vor eine sehr klare und gute Begründung für unternehmenseigene Büros. Die Arbeitsplatz-Fragen stellen sich extrem differenziert: An welcher Stelle werden welche Büros wie angeordnet? In welchem Umfeld befinden sich die Arbeitsplätze? Wie attraktiv sind diese für die Arbeitgeber, wie für die Mitarbeitenden? Genau dabei haben das Elbbrückenquartier wie auch der Elbtower viel zu bieten. Die HafenCity kann bei einer möglicherweise abnehmenden Nachfrage zeitgemäße nachhaltige Angebote machen, und sie wird resilienter als andere sein.

Werden Projekte, die die Anhandgabe bekommen haben, zurückgegeben? Eindeutig nein. Lediglich das Projekt des Kongresshotels im Elbbrückenquartier ist zurückgestellt worden, das besonders vulnerabel war. Das hatte einerseits mit dem sehr stark rückläufigen Kongressgeschäft und andererseits mit dem besonders schwierigen Hotelmarkt für Geschäftsreisende zu tun.  

Warum ist das für die HafenCity offenbar überschaubar? Weil wir keine Projekte spekulativ in den Markt geben, weil bei der HafenCity Hamburg GmbH immer eine klare Nutzungsabsicht besteht. 

Apropos Elbtower. Der hat gerade seine vier Meter dicke Bodenplatte mit rund 11.000 Kubikmeter Beton bekommen. Ist das Projekt unumkehrbar, wird 2026 eröffnet? Nach jetzigem Stand unseres Wissens ja. Soweit wir die Dinge beurteilen können, ist der Projektverlauf bisher vorbildlich. Der Entwickler hat alle notwendigen Meilensteine und auch die Vermietungsquote erreicht. Natürlich bin ich kein Hellseher und kann nicht alle Dinge voraussehen. Die Unwägbarkeiten des Lebens kann man nicht vollständig abschätzen. 

Andreas Kleinau über das neue Gemeinschaftshaus Baakenpark: „Die beiden Häuser im Grasbrookpark und Baakenpark werden Treffpunkte für die Menschen darstellen, die hier leben, und sie sind ganz bewusst in den Parks angeordnet.“ © ARGE_Hoffmann_Schlüter_Zeh

Ihre großen Stadtentwicklungsprojekte sind in den kommenden Jahren der Grasbrook, der Billebogen mit neuem Stadteingang und die Science City Bahrenfeld am Volkspark. Ist für Sie in der HafenCity überhaupt noch etwas zu tun? Ja, die drei neuen Großprojekte fordern uns schon stark. Bei der HafenCity reden wir sicher eher über das Nachjustieren. Zugleich gibt es viele Themen in der HafenCity, die einer intensiven Bearbeitung bedürfen. Wir diskutieren die Frage der Veränderung von Mobilität und den Ausbau der Biodiversität. Ferner haben wir noch einige Schlüsselgrundstücke, über die wir uns Gedanken machen, wie wir sie und wann wir sie besetzen wollen. Es gibt genug zu tun in der HafenCity, und sie wird mich nicht mit Langeweile quälen.

Welches Projekt liegt Ihnen besonders am Herzen? Alle (lacht). Natürlich ist das sicher unser eigener neuer Unternehmenssitz, das Null-Emissionsgebäude an der San-Francisco-Straße/Am Dalmannkai. Für uns besteht hier die einmalige Chance, mit dem Gebäude zu zeigen, wie nachhaltig man bauen kann und das mit neuen Materialien verbindet. Außerdem schließt es eine städtebauliche Lücke, und wir, alle 90 Mitarbeiter:innen der HafenCity Hamburg GmbH, freuen uns auf die neuen Arbeitsflächen, durch die wir im Unternehmen endlich zusammenrücken können. 

Hat Sie überrascht, dass Ihr neuer Firmensitz in der Nachbarschaft auf viel Gegenwind und Protest gestoßen ist? Nein, das hat mich nicht überrascht. Ich habe in meinem Leben gelernt, dass wir Menschen uns mit Veränderungen häufig nicht leichttun. Und ich finde es natürlich in einer Stadt, in der man lebt, in der gebaut wird und es zeitweise zu erheblichen Beeinträchtigungen und Veränderungen kommt, auch berechtigt, dass man eine kritische Distanz entwickelt und sich auch einmal über ein Normalmaß hinaus gestört fühlt. Mich hat jedoch manchmal die Tonalität, die Schärfe des Protests, einiger Nachbarn enttäuscht. Das fand ich gewöhnungsbedürftig, weil vielfach mit ungleichen Waffen gespielt wurde. 

VITA Dr. Andreas Kleinau führt seit 1. November 2021 als Vorsitzender die Geschäftsführung der HafenCity Hamburg GmbH (HCH) gemeinsam mit Geschäftsführerin Theresa Twachtmann, ebenfalls seit 1. November 2021 im Amt. Andreas Kleinau (56) ist schon seit September 2020 als HCH-Geschäftsführer im Unternehmen. Zuvor hat er 2015 gemeinsam mit Partnern die internatio­nale Immobilienberatungsgesellschaft Combine Consulting GmbH gegründet. Beratend begleitete er Entscheidungsprozesse zahlreicher Großprojekte, unter anderem auch in der HafenCity, etwa die neue Unternehmenszentrale des „Spiegels“ oder von New Work SE.
Der gebürtige Hamburger Kleinau studierte Betriebswirtschaftslehre an der Uni Hamburg, absolvierte unter anderem dort 1993 seine Promotion und begann seine berufliche Laufbahn bei dem Organisations- und Immobilienberater Quickborner Team. Andreas Kleinau hat zwei erwachsene Söhne aus erster Ehe und lebt mit seiner Frau und zwei noch minderjährigen Kindern in Hamburg-Hoheluft. 

Inwiefern? Ich dürfte als Vertreter eines öffentlichen Unternehmens nie in der Tonalität mit jemandem sprechen, mit dem sich viele Menschen das Recht herausnehmen, mit mir oder mit meinen Mitarbeitern zu sprechen. Das war schon eine harte Lernkurve. 

Sind alle nach der Pandemie noch nervöser und unnachsichtiger? Beim Thema Digitalisierung stellen wir fest, dass die Distanzlosigkeit wächst und die Leichtigkeit zunimmt, schwerelos seinen Emotionen auch in Schriftform freien Lauf zu lassen. Das finde ich durchaus verständlich, und ich bin jetzt auch kein nachtragender Mensch. Doch ich musste mich schon manchmal schützend vor meine Kolleginnen und Kollegen stellen. Ich persönlich muss und kann damit leben. Meine Kolleginnen und Kollegen müssen das jedoch nicht.

Noch einmal zu sachlichen Punkten: Man beklagt große Verschattungen der gegenüberliegenden Wohnhäuser, und man kritisiert, dass Sie angesichts von Überangeboten doch Büroflächen mieten könnten. Warum bauen Sie selbst?

Auch weil dieses Grundstück immer schon schwierig und unvollendet war. Und zum Glück wurde das ursprünglich dort geplante Umspannwerk ad acta gelegt. Es war die Gunst der Stunde, dass wir so die Landstromversorgung für die Kreuzfahrtschiffe am Überseequartier sichern und auch die städtebauliche Lücke schließen können. Wir haben früh identifiziert, dass es einfacher ist, wenn wir dies schwierige Grundstück als städtische Gesellschaft selbst entwickeln. 

Andreas Kleinau zum Protest gegen den Bau des Null-Rmissionshauses: „Ich finde es natürlich in einer Stadt, in der man lebt, in der gebaut wird und es zeitweise zu erheblichen Beeinträchtigungen und Veränderungen kommt, auch berechtigt, dass man eine kritische Distanz entwickelt und sich auch einmal über ein Normalmaß hinaus gestört fühlt. Mich hat jedoch manchmal die Tonalität, die Schärfe des Protests, einiger Nachbarn enttäuscht. Das fand ich gewöhnungsbedürftig, weil vielfach mit ungleichen Waffen gespielt wurde.  © Visualisierung: Heinle Wischer und Partner, Freie Architekten

Zu wenig sexy für einen Investor? Ich glaube, dass das Null-Emissionshaus sehr sexy sein wird. Und wir haben jetzt schon viele Anfragen zur Vermietung an Dritte und könnten schon heute auf die Eigennutzung verzichten und komplett vermieten. Es ist offenbar für viele spannend, in einem neuen, komplett nachhaltigen Gebäude zu arbeiten. 

Investoren in der HafenCity bemängeln immer wieder mal zu lang dauernde Entscheidungswege in der HCH. Was muss sich da noch verbessern? Wir sind schon ziemlich schnell mit unseren Entscheidungen. Und diejenigen, die das vortragen, nehmen eventuell auch einen etwas verkürzten Blickwinkel ein. Ich kenne andere Entscheidungsprozesse aus der Privatwirtschaft, die deutlich länger dauern. Also: Wir sind schon recht entscheidungsstark. Zugleich sind wir ein öffentliches Unternehmen, das auch öffentliche Interessen vertritt. Deswegen können wir manche Dinge nicht einfach per Handschlag machen. Aber ich glaube, für das, was möglich ist, haben wir sehr effiziente Prozesse – auch innerhalb der Stadt – etabliert. 

Sie tanzen mit Ihren Stadtentwicklungsprojekten Grasbrook, Billebogen, ­Science City Bahrenfeld und der HafenCity auf vielen Hochzeiten. Wie managen Sie das? Als Erstes muss man sich damit abfinden, dass man bei Weitem nicht alles abarbeiten kann, was man abarbeiten müsste. Und dass man seelisch überhaupt bereit ist, sich das selbst auch zuzugestehen. Ich versuche vernünftig zu priorisieren, transparent zu delegieren, Menschen mitzunehmen und sie auch zu befähigen, Entscheidungen vorzubereiten und diese mitzutreffen. Das ist das, was wir hier an Organisationsarbeit gerade leisten. Wenn Sie Verantwortung nicht delegieren, kommt es zu einem Bottleneck, einem Flaschenhals, dem Sie nicht entrinnen können, und irgendwann erzielen Sie einfach keine Wirkung mehr. Es muss jeder lernen, damit umzugehen. Doch genau das hat seinen Reiz, und man sucht es sich ja aus. Ich sage mal: Vorsicht bei der Berufswahl! (lacht)

Die HafenCity ist ja wie ein Dorf. Viele wünschen sich eine stärkere Präsenz des HafenCity-Chefs bei Veranstaltungen. Schaffen Sie es nicht, oder mögen Sie es nicht? Doch, das ist auch Teil meines Jobs. Aber es stimmt schon, ich pflege da eine etwas andere Handschrift. Für mich steht die Organisation der HafenCity Hamburg GmbH im Vordergrund und nicht der Protagonist, der Sprecher der Geschäftsführung. Da haben sich sicher viele an meinen Vorgänger, den omnipräsenten „Mr. HafenCity“, gewöhnt. 

Also Phantomschmerzen der Veränderung? Die gibt es überall. Und natürlich habe auch ich ein Familienleben und muss das alles ausbalancieren. Ich bin schon auf Veranstaltungen, aber so präsent, wie es zu mir passt.

Von Ihrem Vorgänger Prof. Bruns-Berentelg haben Sie das Dauerproblem weiterführende Schule im Lohsepark, den Campus HafenCity, geerbt. Im Sommer 2024 soll nach mehrjähriger Verzögerung der Bau der Schule für rund 1.700 Schüler:innen aus der HafenCity und den Nachbarstadtteilen aus Rothenburgsort, von der Veddel und dem künftigen Grasbrook beginnen. Einen Standort für die heutige temporäre Containerlösung des Campus HafenCity gibt es nicht. Die Eltern im Quartier sind verzweifelt. Wer bremst da immer wieder? Der Eindruck, dass gebremst wird, ist falsch. Wir sind erst seit Anfang Dezember mit der Schulbehörde ins Gespräch gekommen, die uns auf den Umstand hingewiesen hat, dass die ursprüngliche Planung, die Schülerinnen und Schüler der weiterführenden Schule während des Gebäudebaus in der Grundschule Baakenhafen mit aufzunehmen, nicht klappt. Es sind zwei Effekte neu eingetreten: Es gibt erstens deutlich höhere Anmeldezahlen, was ja sehr positiv ist, weil wir erreicht haben, dass viel mehr Familien mit Kindern zuziehen und ihre Kinder gerne vor Ort in der Schule anmelden. Und zweitens hat sich der Prozess verzögert, auch durch berechtigte Einwände der Zivilbevölkerung gegen die Planungen, mit denen man mal angetreten war. 

Verzögerungen um Jahre! Wir sind jetzt seit Anfang Dezember auf der intensiven Suche und der Evaluation von geeigneten Grundstücken. Wir werden zeitnah mit der Schulbehörde über ein oder zwei Grundstücke sprechen, die wir dann für die temporäre Schulnutzung ab Sommer 2024 anbieten können. Ihre Leser:innen sowie Eltern und Kinder müssen sich keine Sorgen machen. Wir werden dazu ein vernünftiges Grundstück finden.

Die Eltern- und Anwoh­ner:­innen-Initiative Schulcampus Lohsepark wie auch Schulsenator Ties Rabe sind für den temporären Standort auf den Baufeldern 74–76, dem Ex-Gelände von Gruner + Jahr. Die Stadt verhandelt parallel mit der stadteigenen Hamburg Port Authority (HPA) über einen neuen Firmenbau auf der Fläche. Wofür sind Sie? Diese Entscheidung stellt sich nicht. Man könnte eventuell beides realisieren, das HPA-Gebäude auf dem Baufeld 76 und die temporäre Schule auf den Baufeldern 74 und 75. Die beiden Konzepte konkurrieren nicht miteinander. Ich bin mir noch nicht sicher, ob das dauerhaft der beste Standort für die Schule wäre, denn es gibt immer noch die Aufgabe, auf den Baufeldern 74 und 75 die städtebauliche Lücke nach Norden, zu den Deichtorhallen hin, zu schließen. Damit würde man auch den notwendigen Schallschutz für den Lohsepark und die anliegenden Wohnungen ermöglichen. Wir untersuchen diese Option. 

Auch die Baufelder 86 und 87 rechts und links am Beginn der Baakenallee sind im Gespräch. Realistisch? Ich bin immer offen für kreative Ideen. Gerade bei diesen beiden Grundstücken muss man jedoch die Baukosten im Auge behalten, denn wir brauchen Flächen, die hochwassergeschützt sind. Das Grundstück zur Elbe hin liegt deutlich unterhalb der Hochwassergrenze und ist somit nicht wirklich finanzierbar. Das Grundstück am Baakenhafen wird als notwendige Zuwegung zu den Baustellen der drei Wasserhäuser benötigt. Die beiden Baufelder sind also latent blockiert. Wir haben  aber noch andere Optionen, über die wir zurzeit nicht sprechen können.

Wenigstens einen alternativen Standort? Wir schauen uns auch den Oberhafen genau an.

Sie haben jüngst noch einmal die neue nachhaltige 10-Minuten-Stadt – gegenüber der HafenCity – an der Norderelbe als grünes citynahes Projekt gelobt. Warum sind Sie Fan vom Grasbrook? Weil ich ein Fan der Veddel, von Rothenburgsort und von Wilhelmsburg bin. Der Grasbrook kann eine große unterstützende Kraft für diese Nachbarschaften entwickeln. Ich schaue dieses neue Quartier nicht von Norden an, aus der Perspektive der HafenCity, sondern genau aus den anderen Richtungen, von Süden und Osten. Und wenn Sie sich mit diesen Quartieren und deren vollkommen anderen sozialen Voraussetzungen im Vergleich zur HafenCity befassen, sehen Sie, welche Chancen das stärkere Zusammenwachsen mit dem Grasbrook hat. Das ist herausfordernd, aber möglich. 

Was zeichnet den Grasbrook aus? Wir haben dort die einmalige Gelegenheit, Stadtplanung neu zu denken und umzusetzen. Es ist das Privileg, auf einer Transformationsfläche einen Stadtteil neu zu konzipieren. Und zwar mit den notwendigen Beteiligungsprozessen, mit der Partizipation von Bürger:innen aus der Nachbarschaft des Grasbrooks. Der Grasbrook bietet für Rothenburgsort, die Veddel und Wilhelmsburg die Möglichkeit, neue Qualitäten für ihre Quartiere zu nutzen.

Wodurch? Der Grasbrook verfolgt das Ziel einer sozial gerechten und adäquaten Stadt. Das betrifft Fragen der Mobilität, der Digitalisierung, des Umgangs mit Biodiversität und mit möglichen Naturereignissen. Es ist ein Prozess von einer vagen Vision hin zu einer tragfähigen  Innovation. Vor allem müssen Sie sich diesen Ort mal ansehen und von dort aus Hamburg und die Nachbarquartiere wahrnehmen, dann werden Sie automatisch Fan vom Grasbrook. Wir machen da nicht „nur ein wenig Stadtplanung“. Nein, wir rücken vom Süden her an die Kante der Norderelbe heran. Ich brenne ein wenig für den Grasbrook, was für Hanseaten fast schon ein Glühen ist. (lacht)

Das wäre, wenn es gelänge, eine Art umgedrehte Gentrifizierung? Ob man das umdrehen kann, weiß ich nicht. Aber wir haben schon das Bild davon, dass die Grasbrook-Entwicklung mit den Nachbarinnen und Nachbarn auf Augenhöhe stattfindet. Der Grasbrook will eine Ergänzung dieser Quartiere darstellen, ohne sich anzubiedern. 

Im Frühsommer 2024 soll Ihr Herzensprojekt, die Gemeinschaftshäuser, mit dem ersten Gebäude im Baakenpark eröffnet werden. Was soll das leisten, und wer finanziert diese sozialen Treffpunkte für das Quartier? Die Fertigstellung ist für Ende der ersten Jahreshälfte 2023 geplant. Die Gemeinschaftshäuser sind ein Projekt, das in der HafenCity schon lange verfolgt und unter Einbeziehung der Zivilgesellschaft immer weiterentwickelt wurde. Die beiden Häuser im Grasbrookpark und Baakenpark werden Treffpunkte für die Menschen darstellen, die hier leben, und sie sind ganz bewusst in den Parks angeordnet. Zusätzlich bieten sie Angebote für privates Engagement, denn sie integrieren auch Arbeitsräume. So können zum Beispiel Kursangebote ermöglicht werden, und es gibt kleine Selbstversorgungsmöglichkeiten. Und nicht zuletzt werden auch die einfachsten Bedürfnisse, nämlich die Grundbedürfnisse, befriedigt, indem wir in den Häusern Toilettenanlagen vorsehen. Finanziert wird die Errichtung der Gemeinschaftshäuser aus dem Sondervermögen Stadt und Hafen. 

Und wie finanziert sich der Betrieb? In ihrem Betrieb werden sie durch das sogenannte Quartiersmanagement finanziert. Das ist ein Instrument, das wir in der HafenCity einsetzen können, weil in den Grundstückskaufverträgen seinerzeit schon sehr früh die Beteiligung aller Grundstückseigentümer:innen an dem sogenannten Quartiersmanagement vorgesehen wurde. Aus diesem Fundus heraus wird dann der Betrieb der Gemeinschaftshäuser mitfinanziert. 

Die Anwohner:innen- und Nachbarschaftsinitiative Netzwerk HafenCity e. V. war mit dem Projekt Tempo 30 in der HafenCity und dem Rückbau vierspuriger Straßen wie der Shanghai- oder Überseeallee in einem gemeinsamen Workshop mit der HCH und städtischen Partnern wie Verkehrsbehörde und den Verkehrsforschern von ARGUS schon mal sehr weit. Zurzeit liegt das Thema auf Eis. Warum? Das Thema wird wieder auf die Agenda kommen, da bin ich mir sehr sicher. Dafür stehe ich auch. Wir werden den Zeitpunkt sehr weise wählen, wann wir damit beginnen. Ob das jedoch immer im Einklang mit dem gleichzeitigen Rückbau vierspuriger Straßen sein kann, wird sich noch zeigen. Dabei spielen unter anderem juristische Fragestellungen eine Rolle.

Das heißt, Tempo 30 hat Priorität. Wann soll es weitergehen? Ich kann mir vorstellen, dass wir uns Ende 2023 mit dem Thema befassen. 

Was hat Ihnen der Aufsichtsrat der HCH mit dem Ersten Bürgermeister Peter Tschentscher ins Stammbuch geschrieben? Ich glaube, er hat Vertrauen in unser Handeln und in die Art und Weise, wie wir die HafenCity weiterentwickeln und die neuen Stadtentwicklungsgebiete angehen. Und er setzt zugleich auf die notwendige Weiterentwicklung der Gesellschaft, der HafenCity Hamburg GmbH. 

Was sind die strategischen Ziele? Die HafenCity Hamburg GmbH ist ja eher generisch gewachsen. Nach 17 Jahren Konstanz in der Geschäftsführung brauchen die Aufsichtsräte ein gewisses Vertrauen, dass die neue Führung auch Dinge verändert. Der Aufsichtsrat greift in die strategischen Arbeit nicht durch Vorgaben ein. Da haben wir schon einen recht großen Ermessensspielraum, wie wir unsere Strategien verfolgen, die wir dann natürlich mit dem Aufsichtsrat abstimmen. 

In der Politik würde man sagen, Sie haben Beinfreiheit. Das genießen wir sehr. Aber wir berichten auch stetig und halten unsere Aufsichtsratsmitglieder immer gut informiert über alle Entwicklungen. 

Und für die HCH müssen Senat und Bürgerschaft auch nicht jedes Quartal Geld nachschießen. Das erleichtert die Arbeit deutlich!

Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben? Als kooperativ, das heißt, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen, Verantwortung zu delegieren, aber auch zu erkennen, wann man notwendige Entscheidungen zu treffen hat. Und es heißt, alle mitzunehmen. Kooperation bedeutet, in alle Richtungen zu kommunizieren und nicht nur zu senden oder nur zu empfangen, wenn man mal auf Empfang gedrückt hat. 

Was sind Ihre persönlichen Ziele bei der HCH? Ich bin hier ja schon als Mensch mit abgeschlossenem Berufsweg eingestiegen. Deswegen sind meine Karriereziele sehr überschaubar. Ich empfand und empfinde es als ein wahnsinniges Privileg, weiterhin Teile der Entwicklung dieser Stadt, die ich sehr liebe, mit in die Hand nehmen zu können. Ich habe keine weiteren Karriereziele als dieses, was ich jetzt hier gerade erreicht habe, und es macht mir viel Freude. Und das mache ich so lange, wie es mir Freude macht. Das ist auch mein Privileg, das entscheiden zu können.

Was haben Sie an Ihrem neuen Job als HafenCity-Chef unterschätzt? Die hohe Emotionalität, mit der einzelne Akteure ihre Interessen vertreten – sowohl in der zivilgesellschaftlichen als auch in der politischen Diskussion. Wir haben einige Projekte, die sehr kontrovers diskutiert werden. Da wird einem die Vehemenz erst klar, wenn man mitten im Auge des Sturms steht. 

Also haben Sie vom ­Elbtower und der der ­Bürgerschaft gelernt? Gelernt, es auszuhalten. Aus dem Feld der Unternehmensberatung, aus dem ich kam, war ich einiges gewohnt und habe auch Hochachtung vor den demokratischen Institutionen. An die Schärfe der Debatten musste ich mich erst gewöhnen. Inzwischen komme ich damit ganz gut zurecht.

Was wollen Sie 2023 anders machen? Nichts wirklich anders, sondern unsere Projekte gut voranzubringen. Und ich hoffe natürlich für die HafenCity, dass der Baufortschritt des Überseequartiers und des Kreuzfahrtterminals in diesem Jahr gut von der Hand geht.

Solche Einkaufs- und Erlebniszentren werden immer im Herbst mit Blick aufs Weihnachtsgeschäft eröffnet. Bleibt es bei Frühjahr 2024? Ja, es gibt bestimmte Zeitpunkte, zum Beispiel für den Einzelhandel. Und das scheint auch die Osterzeit zu sein. Der jetzt angekündigte Zeitpunkt Frühjahr 2024 scheint sehr wohl gewählt zu sein. 

Gibt es ein Projekt, dem Sie besondere Aufmerksamkeit widmen, weil es womöglich zu scheitern droht, wie ein Fußballer beim Elfmeter? So ein einzelnes Projekt gibt es nicht. Jedoch wünsche ich mir ausdrücklich, dass wir alle bei dem geplanten Dokumentationszentrum zum erfolgreichen Torabschluss kommen. 

Weil so viele unterschiedliche Interessen an dem Objekt ziehen? Ich will einfach, dass es gelingt. Die Entwicklung, die das Projekt jetzt genommen hat, bedeutet für die die Opfervertreter und -verbände, diejenigen also, die schon sehr lange auf dieses Dokumentationszentrum warten, dass sie nun bis zur Fertigstellung noch einmal warten müssen. Das Projekt verläuft zurzeit in ruhigen Bahnen und nimmt einen sehr guten Verlauf. Dafür, dass uns das aber auch weiterhin gelingt, fühle ich mich selbst auch ein wenig in der Bringschuld. Ich habe nicht die Angst, dass wir das Tor verfehlen, aber das Dokumentationszentrum ist voll auf meinem Radar.

Spricht hier der Bürger Kleinau, der es gesellschaftspolitisch unbedingt möchte, dass das klappt? Ja, unbedingt.

Das Gespräch führte Wolfgang Timpe