»Ich werde an meine Kindheit erinnert«

Ausstellung. Das Bucerius Kunst Forum zeigt mit der gr0ßen Schau »Kinder, Kinder! ­Zwischen Repräsentation und Wirklichkeit« fünf Jahrhunderte Kunstgeschichte

Rineke Dijkstra, Julia, Amsterdam, 7. März 2022; 2022. Mauritshuis, Koninklijk Kabinet van Schilderijen, Den Haag. © Rineke Dijkstra / Galerie Max Hetzler

Wie werden eigentlich Kinder in der Kunst dargestellt? Dieser Frage spürt die Ausstellung „Kinder, Kinder! Zwischen Repräsentation und Wirklichkeit“ im Bucerius Kunst Forum bis zum 6. April mit rund 150 Werken von Tizian oder Paula Modersohn-Becker aus dem 16. bis zum 21. Jahrhundert in sechs Kapiteln nach. Der erste Raum steht unter dem Motto „Mutter, Vater und Kind“. Nicht ohne Grund begegnet man hier Antonio Solarios Bild „Madonna mit Kind“, entstanden Anfang des 16. Jahrhunderts. Unverkennbar stützt Maria ihren kleinen Sohn Jesus bei seinen ersten Schritten. „Er war die Keimzelle für andere Kinderdarstellungen“, erläutert die Kuratorin Katrin Dyballa.
Foto oben: „Kinder Kinder!“-Kuratorin Katrin Dyballa über Trost und Tod:„Früher ließ man Kinder auf dem Totenbett porträtieren, heute hängt man sich Bilder von ihnen zu Lebzeiten auf.“ © Ulrich Perrey

Die Mutter-Kind-Beziehung dominierte zunächst die Kunst. Dass sie vor allem im 18. Jahrhundert immer inniger gezeigt wurde, ist nicht zuletzt den reformpädagogischen Theorien von John Locke und Jean-Jacques Rousseau zu verdanken. Zuweilen gesellte sich damals auch der Vater ins Bild – mal als Joseph-Figur eher im Hintergrund, mal als Beschützer der Familie. Völlig anders hat der Maler Heinrich Eduard Linde-Walter 1911 mit seinem Gemälde „Der Maler Gutmann mit Kind“ das Thema Vaterschaft auf die Leinwand gebracht. Man sieht auf den ersten Blick, wie sehr Bernhard Gutmann seine Tochter liebt.

Neben der Liebe spielt in dieser Schau der Tod ebenfalls eine Rolle. Die Bildnisse verstorbener Kinder sollten einst den Eltern Trost spenden. Albrecht Dürers Mutter etwa gebar 18 Kinder, von denen nur drei überlebten. Katrin Dyballa ist sich sicher, dass sie um jeden ihrer toten Sprösslinge getrauert hat – so wie es Eltern bis in die Gegenwart tun: „Früher ließ man Kinder auf dem Totenbett porträtieren, heute hängt man sich Bilder von ihnen zu Lebzeiten auf.“

Interessant ist, wie Mädchen und Jungen in früheren Jahrhunderten abgebildet wurden. Wie kleine Erwachsene, manchmal sogar wie Göttinnen oder Götter. Ein Paradebeispiel dafür ist Gerrit van Honthorsts „Allegorie mit Prinz Wilhelm II. (1626–1650) und seinen beiden Schwestern“ von 1629. Der kleine Prinz tritt als Amor auf, an der Leine führt er einen wilden Panther. Das hat Symbolcharakter, Wilhelm II. soll später das Land mit Liebe führen und zugleich Probleme meistern können.

Thomas Lawrence, Bildnis der Kinder des Lord George ­Cavendish, 1790. Städel Museum, Frankfurt am Main, Dauerleihgabe der Adolf und Luisa Haeuser-Stiftung für Kunst und Kulturpflege.

Schon Ende des 15. Jahrhunderts ließen Adlige ihren Nachwuchs malen. Bald taten es ihnen vermögende Bürger:innen gleich. Wer sich diese Bilder anschaut, bleibt unweigerlich an Jan Antonisz van Ravesteyns „Porträt des Hugo Grotius (1583–1645) im Alter von 16 Jahren“ von 1599 hängen. Dieser Überflieger, der bereits als Teenager zweimal promoviert hatte, hat das Gesicht eines jungen Mannes, es wirft die Frage auf: Wie lange ist man eigentlich Kind?

Zumindest Kinder aus einfachen Verhältnissen mussten früh etwas zum Familienunterhalt beitragen, bis weit ins 19. Jahrhundert war Kinderarbeit nicht verpönt. Johannes Hersts „Kleine Seilerbahn am Jaagpad in Gouda“ von 1795 liefert das Indiz dafür. Auch ärmere Familien schickten ihre Sprösslinge aber durchaus in die Schule. Gerade auf dem Land bezahlten sie die Lehrkräfte in Naturalien. Davon erzählt „Das Klassenzimmer“ von Jan Josef Horemans d. J., gemalt um 1733.

Daphne Wright, Söhne, 2011. © Daphne Wright; © Foto: Courtesy the artist and Frith Street Gallery, London.

Die Kinder der Reichen genossen hingegen Einzelunterricht und deutlich mehr Freiraum. An Thomas Lawrences „Bildnis der Kinder des Lord George Cavendish“ von 1790 lassen sich die Ideale der Aufklärung festmachen. Das Trio darf sich beim Spiel in der Natur frei entfalten. Rineke Dijkstras Foto „Julia, Amsterdam, 7. März 2022“ führt dann ins 21. Jahrhundert. Diese Aufnahme verhehlt nicht, dass das Smartphone inzwischen ein ständiger Begleiter der Jugendlichen geworden ist. Ob das eher ein Moment zum Schmunzeln oder zum Kopfschütteln ist, muss jede:r für sich entscheiden. Kathrin Baumstark, Direktorin des Bucerius Kunst Forums, findet: „Die Ausstellung ist spannend, nachdenklich und manchmal sogar witzig. Ich werde oft an meine eigene Kindheit erinnert.“ Dagmar Leischow

Info Die Ausstellung „Kinder, Kinder! Zwischen Repräsentation und Wirklichkeit“ läuft bis zum 6. April im Bucerius Kunst Forum in Hamburg. Karten und weitere Informationen unter www.buceriuskunstforum.de

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