HCZ-Kolumnist Jan Ehlert erörtert in seiner Kolumne »Literatur zur Lage« im Monat Februar das Thema Iran
Zu Hunderten sind sie auf die Straßen gegangen, die Menschen im Iran. „Sie sind unbewaffnet. Mit jedem Schritt flechten sich ihre Stimmen enger zu einem Zopf zusammen. ‚Bisharaf! Bisharaf! Bisharaf! Gewissenlos! Gewissenlos! Gewissenlos!‘“ So beginnt der Roman „Im Herzen der Katze“ von Jina Khayyer, für den sie im Januar im Hamburger Literaturhaus den Mara-Cassens-Preis erhielt. Eine junge Frau verfolgt darin über Instagram die Proteste im Iran, hilflos, ohnmächtig, wütend: „Mein Herz wird zu Wasser, meine Tränen überrollen mich. Ich bin nicht darauf vorbereitet, auf Instagram Persisch zu hören, aus fremden Mündern, die allein durch die Sprache vertraut klingen.“
Foto oben: Viele Iraner:innen und Hamburger:innen demonstrierten am 17. Januar in der Innenstadt gegen das Regime, die Gewalt und die Unterdrückung sowie die Abschaltung des Internets im Iran. © picture alliance / ABBfoto
Die Proteste, die Khayyer beschreibt, sind jene aus dem Jahr 2022, doch die Bilder ähneln sich auf erschreckende Weise. Denn auf die unbewaffneten Proteste folgte damals wie heute Gewalt. Und auch diesmal ist fraglich, ob die Proteste und der Wunsch nach größerer Freiheit Erfolg haben.
»Mein Herz wird zu Wasser, meine Tränen überrollen mich.«
Jina Khayyer, »Im Herzen der Katze«

Auch in Hamburg gingen im Januar Tausende auf die Straße, um die Protestierenden im Iran zu unterstützen. Die Bilder und Berichte aus dem Land sind jedoch spärlich. Und so bleiben uns vor allem die Erzählungen. Erschütternde Berichte über die Situation im Iran, von denen es viele gibt. Und das schon seit Jahrzehnten. Baram Moradi berichtet in seinem autofiktionalen Roman „Das Gewicht der anderen“ von Verfolgung und Folter nach der Islamischen Revolution 1979. Delphine Minoui erzählt am Beispiel eines jungen 16-jährigen Mädchens von der Gewalt gegen Frauen. Und Marjane Satrapis Graphic Novel „Persepolis“, in der sie die brutale Unterdrückung westlicher Ansichten schildert, wurde bereits 2004 auf der Frankfurter Buchmesse als „Comic des Jahres“ ausgezeichnet. Auch dieses Buch hat nichts von seiner Aktualität verloren.
Doch Jina Khayyers Buch öffnet uns auch die Augen für einen anderen Iran. In Erinnerungen an Besuche als junge Frau, die die uralten kulturellen Traditionen und die herzliche Gastfreundschaft der Menschen dort erlebt, die die Schönheit des Landes noch immer sieht und an sie glaubt. „Im Herzen der Katze“ ist daher bei aller Wut und allem Schmerz trotzdem ein Buch, das Hoffnung macht. Darauf, dass ein Wandel vielleicht doch noch möglich ist. „Die Zeit ist jetzt“, sagt eine der Figuren bei Jina Khayyer. Vielleicht gelten diese Worte aus dem Jahr 2022 ja diesmal. Es wäre den mutigen Iranerinnen und Iranern so sehr zu wünschen. Jan Ehlert
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Jan Ehlert ist Journalist und lebt in Hamburg-HafenCity und in Hannover. Seine Passion sind Bücher. Er schreibt monatlich für die HafenCity Zeitung seine Kolumne »Literatur zur Lage«. © Privat



