New City

1. Grasbrook-Forum. Schon Mitte 2021 soll feststehen,wie der neue Stadtteil künftig gestaltet sein soll. Eine Herausforderung für die Planer sind auch Lärmemissionen von den Elbbrücken

Die Lage ist top: Ein Haus an der Uferpromenade des Moldauhafen-Quartiers im neuen Stadtteil Grasbrook, der zu einem der innovativsten und nachhaltigsten Stadtteile Hamburgs werden soll (siehe auch Interview S. 17). Wer hier wohnt, kann aufs Wasser und die imposanten Elbbrücken blicken. Doch just die Nähe zu diesem Bauwerk über die Norderelbe könnte das Wohnen auf dem Grasbrook beeinträchtigen. Denn der Lärm des motorisierten Verkehrs auf den Elbbrücken wie auch des Eisenbahnverkehrs dröhnt nahezu rund um die Uhr ins Viertel.  
Foto oben: Blick auf die schwebende U4-Station „Moldauhafen“ mit ihrer darunter liegenden Fußweg- und Radfahrerbrücke. © Herzog & de Meuron | Vogt

„Uns war nicht bewusst, wie stark sich der Lärm darstellen würde“, räumte Yasmin Kherad, Projektleiterin des Architektenbüros Herzog & de Meuron, das Dilemma beim 1. Grasbrook-Forum Anfang November ein. Es war die erste öffentliche Veranstaltung zum Stand der Dinge auf dem Grasbrook seit dem Finale des städtebaulichen Wettbewerbs im April. Der prämierte Entwurf des Teams Herzog & de Meuron und Vogt Landschaftsarchitekten, beide aus der Schweiz, wird das städtebauliche und freiraumplanerische Gesicht des Stadtteils bestimmen. Seit Juni arbeitet das Team weiter an den Entwürfen, eng vernetzt mit Verkehrsexperten von argus Stadt und Verkehr Partnerschaft mbH aus Hamburg, die das Mobilitätskonzept erstellen.

Blick von der HafenCity auf den künftigen Stadtteil Grasbrook: An der großzügigen Elbuferpromenade  ist eine Bebauung geplant, die den Dialog zum gegenüberliegenden Baakenhafen-Quartier aufnehmen soll. © Herzog & de Meuron | Vogt
Blick von der HafenCity auf den künftigen Stadtteil Grasbrook: An der großzügigen Elbuferpromenade ist eine Bebauung geplant, die den Dialog zum gegenüberliegenden Baakenhafen-Quartier aufnehmen soll. © Herzog & de Meuron | Vogt

Das Interesse war groß. Obwohl die Veranstaltung Anfang November coronabedingt nur via Livestream übertragen werden konnte, hatten sich mehr als 260 Besucher*innen eingewählt. Parallel lief ein Live-Chat als Beteiligungsformat für Fragen und Kommentare der Zuhörer. Vor Ort im Auswanderermuseum BallinStadt waren Prof. Jürgen Bruns-Berentelg und Dr. Andreas Kleinau von der HafenCity Hamburg GmbH sowie Senatorin Dorothee Stapelfeldt und Oberbaudirektor Franz-Josef Höing von der Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen. Die Planer aus der Schweiz und Hamburg waren zugeschaltet. 

„Je zentraler die Flächen, desto klarer bekennen wir uns zum Erbbaurecht.“

Um die übergeordnete Planung ging es zu Beginn. Senatorin Stapelfeldt formulierte noch einmal die hohen Ansprüche an den Grasbrook. Der Ort solle ein Innovationsstadtteil für neue Ideen und Gestaltungsansätze werden, wie Hamburg es noch nicht gesehen habe. Es gehe um Energieeffizienz und Mobilität, aber auch um einen Stadtteil zum Wohlfühlen an einem Ort, der bislang Hafengebiet ist. Oberbaudirektor Franz-Josef Höing wies darauf hin, dass der Grundcharakter des ersten Entwurfs geblieben sei. Angesichts der Hochhäuser auf den Animationen, die im Chat kritisiert wurden, betonte Höing, dass noch nicht abgeschlossen geplant sei, wie hoch die Häuser nun wirklich gebaut würden. 

Das 1. Grasbrook-Forum am 2. November als gestreamte Beteiligungsveranstaltung mit den Projektverantwortlichen im Live-Chat im Auswanderermuseum in der Ballinstadt: Hamburgs ­Oberbaudirektor Franz-Josef Höing und Senatorin Dorothee Stapelfeldt von der Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen; Prof. Jürgen Bruns-Berentelg, Vorsitzender, und Dr. Andreas Kleinau von der Geschäftsführung der HafenCity Hamburg GmbH (v.l.n.r.). © Thomas Hampel / HafenCity Hamburg GmbH
Das 1. Grasbrook-Forum am 2. November als gestreamte Beteiligungsveranstaltung mit den Projektverantwortlichen im Live-Chat im Auswanderermuseum in der Ballinstadt: Hamburgs ­Oberbaudirektor Franz-Josef Höing und Senatorin Dorothee Stapelfeldt von der Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen; Prof. Jürgen Bruns-Berentelg, Vorsitzender, und Dr. Andreas Kleinau von der Geschäftsführung der HafenCity Hamburg GmbH (v.l.n.r.). © Thomas Hampel / HafenCity Hamburg GmbH

Im zweiten Teil gingen die Planer auf einzelne Orte ein. Am Beispiel des Moldauhafen-Quartiers erläuterte Projektleiterin Kherad von Herzog & de Meuron die Wohnqualitäten. Es zeichne sich durch Wohnen am Wasser und den neuen Park aus, Dächer würden genutzt werden für Photovoltaikanlagen, an der großzügigen Elbuferpromenade sei eine Bebauung geplant, die den Dialog zum Baakenhafen-Quartier aufnehmen solle. In der zweiten Reihe seien „hölzerne Architekturformen“ geplant. Doch das Lärmproblem ist noch nicht abschließend gelöst. Die Gebäude hätten nun deswegen eine L-Form bekommen, so Kherad, doch die Lücken zwischen den Häusern, die eigentlich für grüne Wege gedacht waren, „werden in Bezug auf die Lärm-emissionen Schwierigkeiten machen.“ 

Blick auf das neue Grasbrook-Quartier von Westen, von der Elbe aus: Flankiert vom Baakenhafen-Quartier und dem künftigen Elbtower  (l. von den Elbbrücken), liegt vorne das künftige Flaggschiff ­„Peking“ des Deutschen Hefenmuseums; direkt hinter „Peking“ befindet sich die Fußgänger- und Fahrradbrücke zur HafenCity. Der zentrale Blick auf den Grasbrook und den Moldauhafen mit Ebbe zeigt die Wohnbebauungen entlang der Norderelbe und direkt links vom großen Grasbrook-Park, der zum Süden hin mit dem transparenten, 500 Meter langen Dach des darunter geplanten Freizeit- und Stadtteilzentrums für den Grasbrook und die Veddel eingefasst wird. Rechts, südlich vom Moldauhafen befinden sich Unternehmen der Hafenwirtschaft. © Herzog & de Meuron | Vogt
Blick auf das neue Grasbrook-Quartier von Westen, von der Elbe aus: Flankiert vom Baakenhafen-Quartier und dem künftigen Elbtower (l. von den Elbbrücken), liegt vorne das künftige Flaggschiff ­„Peking“ des Deutschen Hefenmuseums; direkt hinter „Peking“ befindet sich die Fußgänger- und Fahrradbrücke zur HafenCity. Der zentrale Blick auf den Grasbrook und den Moldauhafen mit Ebbe zeigt die Wohnbebauungen entlang der Norderelbe und direkt links vom großen Grasbrook-Park, der zum Süden hin mit dem transparenten, 500 Meter langen Dach des darunter geplanten Freizeit- und Stadtteilzentrums für den Grasbrook und die Veddel eingefasst wird. Rechts, südlich vom Moldauhafen befinden sich Unternehmen der Hafenwirtschaft. © Herzog & de Meuron | Vogt

Im Hafentor-Quartier ist eine Mischnutzung mit Gewerbe, kultureller und sozialer Infrastruktur geplant. Die Hochhäuser als Hochpunkte sind bislang nur angedeutet. Markant in diesem Quartier werden ein transparent überdachtes Stadtteilzentrum für die beiden Stadtteile Grasbrook und Veddel sein, dass das 500 Meter lange Dach des jetzigen Überseequartiers aufgreift. Gegenüber soll zudem die U-4-Haltestelle entstehen, Arbeitstitel „Moldauhafen“. Sie soll rund 16 Meter über dem gleichnamigen Hafenbecken liegen und unterhalb der Gleise eine zweite Ebene für Fuß- und Radverkehr umfassen. Senatorin Stapelfeldt musste jedoch einräumen, dass die Finanzierung noch aussteht und eine Fertigstellung noch nicht absehbar sei. „Das nächste große Projekt in Hamburg ist die U5“, so Stapelfeldt zurückhaltend.

Ehrgeizig, aber umsetzbarer präsentiert sich das Mobilitätskonzept. Lautet das politische Ziel für Hamburg, den motorisierten Individualverkehr von 36 Prozent in 2017 auf 18 Prozent in 2030 zu verringern, sollen auf dem Grasbrook nur noch zwölf Prozent aller Wege mit dem Auto erledigt werden. Wie kriegen wir eine Stadt organisiert, in der Autos nur eine untergeordnete Rolle spielen? 

Es ist noch nicht endgültig beschlossen, wie hoch die Hochhäuser werden. 

Wie gelingt ein Alltag ohne Auto und zwar so, dass man das gut findet? Das sind Fragen, die den Verkehrsplaner Christian Scheler, Teilprojektleiter für Mobilität und Logistik bei ARGUS, bewegen. „Diese Aufgaben in die Umsetzung zu bringen, ist eine der zentralen Herausforderungen beim Grasbrook“, sagt Scheler in einem Hintergrundgespräch mit dieser Zeitung. „Als Stadt haben wir das Ziel, Co2 zu reduzieren. In neuen Stadtteilen können wir zeigen, wie die Mobilitätswende und der Transformationsprozess funktionieren kann.“ Kurze Wege, Vernetzung, übergeordnete Wege für Radfahrer und Fußgänger, einen Kfz-Stellplatzschlüssel von 0,2 bis 0,3 pro Wohneinheit, smarte Lösungen, die mit digitalen Ansätzen zu verwirklichen sind, das sind nur einige Ideen der Planer. 

Im Chat diskutierten die Teilnehmer*innen rege über Erschließung und Verkehr, die geplante Brücke zur Elbquerung für Fußgänger und Radfahrer, die Verlängerung der U4, die Anbindung des Grasbrooks über Fähren und das Thema Wohnen. Manchmal wurde polemisiert, oft jedoch mit Sachkenntnis hinterfragt und mehr als einmal wurde aus dem Forum angemahnt, die Expertenbeiträge zeitlich zu begrenzen. 

Skepsis schwang bei der Anmerkung einer Nutzerin mit, dass der geplante Drittel-Mix mit nur einem Drittel öffentlich gefördertem Wohnungsbau viel zu wenig sei für die Nachbarschaft des Grasbrook und für Hamburg insgesamt. Eine positive Antwort konnte Senatorin Stapelfeldt auf die Frage geben, ob geplant sei, Grundstücke auf dem Grasbrook im Erbbaurecht zu vergeben. Überwiegend wolle die Stadt so mit den Grasbrook-Flächen verfahren, sagte die Senatorin. „Je zentraler die Flächen, desto klarer haben wir uns zum Erbbaurecht bekannt in der Stadt. Und der Grasbrook ist zentral“, bekräftigte Stapelfeldt. Zudem habe Hamburg seit 2019 richtig gute Bedingungen für das Erbbaurecht geschaffen. Katrin Wienefeld

INFO
Das nächste, 2. Grasbrook-Forum, ist für den Sommer 2021 geplant. Fortlaufend gibt es aktualisierte Informationen unter: www.grasbrook.de

INFO II
Beteiligungsprozess
Grasbrook 2021

Auf Warften mit einer Höhe von 9,70 Metern über Normalnull wird auf dem Grasbrook in diesem Jahrzehnt ein neuer Stadtteil entstehen. Geplant sind rund 3.000 Wohnungen für 6.000 Menschen und 16.000 Arbeitsplätze, vor allem klein- und mittelständische Unternehmen und Start-ups sollen sich dort ansiedeln. Drei Quartiere unterteilen den Stadtteil: Das Moldauhafen-Quartier wird vorrangig als Wohnviertel gebaut, für das Hafentor-Quartier und das Freihafenelb-Quartier sind Mischnutzungen und gewerbliche Nutzungen vorgesehen. Markante Orte sind ein Volkspark und ein Stadtteilzentrum. Zur sozialen und kulturellen Infrastruktur gehören Kitas, eine Grundschule, Sportplätze und mit dem Deutschen Hafenmuseum ein Kulturleuchtturm. 
Das 1. Grasbrook-Forum vom 2. November 2020 bildete den Auftakt für die zweite Phase der Bürgerbeteiligung. Der Fortgang wird auf www.grasbrook.de dokumentiert. Im kommenden Jahr sind Workshops und Fachwerkstätten mit Nachbarn aus den umliegenden Stadtteilen, potenziellen Bauherren und Nutzern geplant. 
Unter den Bedingungen der Corona-Pandemie werden im kommenden Jahr  überwiegend digitale oder hybride Beteiligungsformate eingesetzt. Die Planung der Städtebauer sieht von April bis Juni 2021 den Übergang von der Funktions- in die Realisierungsplanung vor, von September 2021 an können erste Anhandgaben an Investoren erfolgen. Die Ausschreibungen für den Grasbrook beginnen vermutlich 2022, Baubeginn könnte 2023 sein. Die HafenCity Hamburg als verantwortliche Gesellschaft schätzt die Aufwendungen zur Zeit auf  3,5 Milliarden Euro von privaten Investoren sowie etwa 500 Millionen Euro an öffentlichen Mitteln, die aus dem Sondervermögen der HafenCity Hamburg GmbH aus den Grundstücks­erlösen des Stadtteils investiert werden sollen. Hinzu kommen die Kosten für die U-Bahn-Anbindung, die noch nicht kalkuliert werden können. Katrin Wienefeld

Fakten über den Grasbrook: Verteilung der Nutzungen von Bruttogeschossflächen:
• Wohnen: Insgesamt   288.500 qm, davon 25.300 qm studentisches Wohnen
• Gewerbe: 570.500 qm 

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