Platz da!

Am Sandtor- und Brooktorkai hat Mobilitätswendesenator Anjes Tjarks am letzten März-Wochenende die dritte Pop-up-Bikelane Hamburgs eröffnet
Plus: 7 Fragen an … Mobilitätswendesenator Dr. Anjes Tjarks

Das gesellschaftliche Klima ist für Fahrrad-Fans wie gemalt: Ohne grüne Mobilität und nachhaltige Lebensqualität kommt zurzeit kein Zukunftskonzept für Großstädte aus. Und die psychodynamischen Folgen der Pandemie, das strikte Zurückgeworfensein auf sich selbst und die Beschäftigung mit der Frage „Wer bin ich?“, wird zu einer diversen, alle Gesellschaftsklassen überspringenden Mottofrage: Wie bewege ich mich? Der moderne Mensch jedenfalls gerne mit dem Pedalgerät. Und immer offensiver gewünscht: bitte in breiten smarten Radfahrspuren! Ich trete, also bin ich. Radfahrendes Selbstbewusstsein als Großstadtkultur.
Foto oben: Jungfernfahrt von Mobilitätswendesenator Anjes Tjarks Am Sandtorkai / Bei St. Annen am Sonntag, 28. März 2021: „Wir haben recht urzfristig für kleines Geld einen fast zwei Kilometer langen Radweg angelegt und probieren das aus. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Bewohner:innen der HafenCity das auch gut finden und nutzen werden. Ich bin optimistisch.“ © Thomas Hampel

Mitarbeiter der HBV, der Hanseatischen Baustellen- und Verkehrssicherung, bereiteten ab fünf Uhr morgens die Pop-up-Bikelane am Sandtorkai / Bei St. Annen vor. © Thomas Hampel
Mitarbeiter der HBV, der Hanseatischen Baustellen- und Verkehrssicherung, bereiteten ab fünf Uhr morgens die Pop-up-Bikelane am Sandtorkai / Bei St. Annen vor. © Thomas Hampel

Dass Hamburg sich nun vor längerem schon mal fürs oberflächliche Ökoimage schnell als „Fahrradstadt“ ausrief, während die HafenCity noch ohne Radwege entwickelt wurde, brachte selbst hartnäckigste Brennmotor-PS-Jünger zum Schmunzeln. Wer etwa in Utrecht mal das mehrstöckige Fahrradparkhaus vorm Bahnhof erlebt hat, weiß: Die gestern vom Mobilitätswendesenator eingeweihte Pop-up-Bikelane am Sandtorkai, ist nur das geordnete Abarbeiten von der verkehrspolitischen Pkw- auf die fußbetriebene Zweiradkultur. Keine Revolution, nur ein konsequenter und nachhaltiger Schritt zu sanfter grüner Vorfahrt für die Bikerkultur. „Durch die neue Pop-up-Bikelane erhöhen wir zu vergleichsweise geringen Kosten nicht nur die Sicherheit und den Komfort für Radfahrende maßgeblich, sondern schaffen auch eine gute Verbindung zwischen Innenstadt, HafenCity und Hamburger Südosten – für Pendler, Fahrradlieferdienste, Ausflügler und Alltagsradler gleichermaßen“, sagte Verkehrssenator Anjes Tjarks anlässlich der Eröffnung der dritten temporären Fahrradspur in Autospurbreite seit seinem Dienstantritt im Sommer vergangenen Jahres. 

„Mehr Radverkehr“, so Verkehrssenator Anjes Tjarks, „bedeutet für die Menschen vor Ort auch weniger Lärm und bessere Luft. Insofern zahlt die neue Pop-up-Bikelane auf die Mobilitätswende, den Umweltverbund und eine verbesserte Lebensqualität ein.“ © Wolfgang Timpe
„Mehr Radverkehr“, so Verkehrssenator Anjes Tjarks, „bedeutet für die Menschen vor Ort auch weniger Lärm und bessere Luft. Insofern zahlt die neue Pop-up-Bikelane auf die Mobilitätswende, den Umweltverbund und eine verbesserte Lebensqualität ein.“ © Wolfgang Timpe

Und für die knapp 5.000 Anwohner:innen und werktäglich rund 15.000 Arbeitenden in der HafenCity hat die 1,85 Kilometer lange und bis zu 3,70 Meter breite Fahrradspur vom Baumwall bis zur Brooktorbrücke an den Deichtorhallen eine Signalwirkung für mehr Lebensqualität im jungen Stadtteil mit seinen vierspurigen Transferstraßen wie Shanghai- und Osakaallee oder Am Sandtorkai und Brooktorkai. „Mehr Radverkehr“, so Tjarks, „bedeutet für die Menschen vor Ort auch weniger Lärm und bessere Luft. Insofern zahlt die neue Pop-up-Bikelane auf die Mobilitätswende, den Umweltverbund und eine verbesserte Lebensqualität ein.“ Und für Kirsten Pfaue, Koordinatorin für die Mobilitätswende in der Verkehrsbehörde, wächst auch die Erlebnisqualität unmittelbar entlang des Weltkulturerbes.„Der nördliche Abschnitt der HafenCity vor der Kulisse der historischen Speicherstadt ist einer der schönsten Orte Hamburgs. Viele Radfahrerinnen und Radfahrer sind schon jetzt zwischen Niederbaumbrücke und Oberbaumbrücke täglich unterwegs – obwohl die Radverkehrsinfrastruktur bislang nur unzureichend vorhanden war. Mit der neuen Pop-up-Bikelane ändert sich das.“

Die neue komfortable Fahrradspur, Gesamtkosten rund 182.000 Euro, soll zunächst ein Jahr lang getestet, forscherisch begleitet und dann ausgewertet werden. Die parallel laufende Untersuchung soll Aufschluss über die Auswirkungen auf das Radverkehrs- und Kfz-Aufkommen sowie etwaige Rückstauungen geben. Anlass, nach den beiden  Pop-up-Bikelanes Am Schlump und an der Max-Brauer-Allee, es nun auch in der HafenCity auszuprobieren, waren neben dem faktischen Platz auch statistische Gründe. „Schon jetzt sind am Knotenpunkt zwischen Sandtorkai, Brooktorkai, Bei St. Annen und Osakaallee täglich rund 3.000 Radfahrende unterwegs. Das entspricht einem Anteil am Verkehrsaufkommen von über einem Drittel – und das auf einer bis heute auf der Nordseite entlang der Speicherstadt nicht vorhandenen Radverkehrsinfrastruktur“, erläutert der Mobilitätswendesenator (siehe Interview re.). 

Bislang war die Radverkehrsführung Am Sandtorkai, zur „Südseite“ zum Sandtorhafen und der eigentlichen HafenCity hin, zwischen der Wilhelminenbrücke und dem Kehrwiedersteg unterbrochen. Der Radverkehr kam vom Baumwall auf einem Radfahrstreifen an, der dann hinter der Wilhelminenbrücke auslief. Erst ab Kehrwiedersteg gab es wieder einen Radweg, der genutzt werden konnte. Die Radfahrenden sollten in diesem Bereich im Mischverkehr auf der Fahrbahn fahren, nutzten aber nicht selten auch den Gehweg, was zu Konflikten mit Fußgängern führte, analysierte die Behörde. 

In Fahrtrichtung Niederbaumbrücke wird eine Pop-Up-Bikelane in Form eines Radfahrstreifens in Gelbmarkierung auf dem äußeren (rechten) Fahrstreifen durchgängig aufgebracht. Im Bereich des Kopfsteinpflasters vor der Niederbaumbrücke werden zur Trennung des Rad- und Kfz-Verkehrs Markierungsnägel verlegt. © Wolfgang Timpe
In Fahrtrichtung Niederbaumbrücke wird eine Pop-Up-Bikelane in Form eines Radfahrstreifens in Gelbmarkierung auf dem äußeren (rechten) Fahrstreifen durchgängig aufgebracht. Im Bereich des Kopfsteinpflasters vor der Niederbaumbrücke werden zur Trennung des Rad- und Kfz-Verkehrs Markierungsnägel verlegt. © Wolfgang Timpe

In Fahrtrichtung Niederbaumbrücke wird eine Pop-Up-Bikelane in Form eines Radfahrstreifens in Gelbmarkierung auf dem äußeren (rechten) Fahrstreifen durchgängig aufgebracht. Im Bereich des Kopfsteinpflasters vor der Niederbaumbrücke werden zur Trennung des Rad- und Kfz-Verkehrs Markierungsnägel verlegt. Die Pop-Up-Bikelane weist dabei Breiten zwischen 2,80 und 3,73 Metern auf. Im Knotenpunkt Brooktorkai/Shanghaiallee wird eine der beiden Linksabbiegespuren in die Shanghaiallee dem Radverkehr zugeteilt.

Für Wolfgang Weisbrod-Weber, Sprecher der Verkehrs AG im Netzwerk HafenCity, nur eine weitere Etappe zum Ziel, den „kompletten Rückbau“ der vierspurigen Straßen im Quartier und am Ende auch ein lärm- und emissionsdämpfendes Tempo 30 „für die gesamte HafenCity“ zu erreichen. © Thomas Hampel
Für Wolfgang Weisbrod-Weber, Sprecher der Verkehrs AG im Netzwerk HafenCity, nur eine weitere Etappe zum Ziel, den „kompletten Rückbau“ der vierspurigen Straßen im Quartier und am Ende auch ein lärm- und emissionsdämpfendes Tempo 30 „für die gesamte HafenCity“ zu erreichen. © Thomas Hampel

Für Wolfgang Weisbrod-Weber, Sprecher der Verkehrs AG im Netzwerk HafenCity, nur eine weitere Etappe zum Ziel, den „kompletten Rückbau“ der vierspurigen Straßen im Quartier und am Ende auch ein lärm- und emissionsdämpfendes Tempo 30 „für die gesamte HafenCity“ zu erreichen. Mal abwarten, ob am Sandtorkai genügend Radfahrer:innen in den kommenden zwölf Monaten unterwegs sein werden, damit aus der Pop-up-Pflanze Bikelane eine stolze Fahrradstraße entlang des Weltkulturerbes und am Eintrittstor in die HafenCity wird. Wolfgang Timpe 

7 Fragen an … Anjes Tjarks

über Pop-up-Bikelanes, den Rückbau vierspuriger Straßen und Tempo 30 in der HafenCity

1 Herr Tjarks, seit Sonntag, 28. März, gibt es Am Sandtorkai eine Pop-up-Bikelane nun auch in der HafenCity. Warum und warum hier?In der HafenCity kann der Fahrradverkehr deutlich gefördert werden. Und wir haben hier an der Kreuzung Bei St. Annen / Am Sandtorkai 3.000 Radfahrende bei 10.000 Autofahrenden gehabt, ein Drittel des Verkehrs – und auf der Nordseite vom Sandtor- und Brooktorkai entlang der Speicherstadt gab es kein Angebot für Radfahrer:innen. Zugleich ist es jetzt eine gute Verbindung vom Großmarktradweg bis hin zur Elbphilharmonie. Hier entsteht ein Fahrradwegenetz, das uns irgendwann auch vom Baumwall besser nach Altona führen wird.

„Also, wir haben recht kurzfristig für kleines Geld einen fast zwei Kilometer langen Radweg angelegt und probieren das aus. Das ist eine Angebotsplanung an einer Stelle, wo wir gerne den Radverkehr fördern wollen und ich mir gut vorstellen kann, dass die Bewohner:innen der HafenCity das auch gut finden und nutzen werden. Ich bin optimistisch“, sagt Mobilitätswendesenator Anjes Tjarks. © Thomas Hampel
„Also, wir haben recht kurzfristig für kleines Geld einen fast zwei Kilometer langen Radweg angelegt und probieren das aus. Das ist eine Angebotsplanung an einer Stelle, wo wir gerne den Radverkehr fördern wollen und ich mir gut vorstellen kann, dass die Bewohner:innen der HafenCity das auch gut finden und nutzen werden. Ich bin optimistisch“, sagt Mobilitätswendesenator Anjes Tjarks. © Thomas Hampel

2 Sie verkörpern die Mobilitätswende. Kann Hamburg allein mit Fahrradfahrer:innen und Fußgänger:innen in die Großstadt-Zukunft gehen? Nein, kann es nicht, aber die verbesserten Radfahrerbedingungen werden einen wichtigen Beitrag zu einer besseren Lebensqualität in der Stadt leisten. Hamburgweit gehört dazu vor allem der weitere Ausbau des ÖPNV, wobei der in der HafenCity u.a. mit der U4-Linie und der U- und S-Bahnstation Elbbrücken und den Bussen schon sehr gut ausgestattet ist. Deshalb muss man mindestens in der östlichen HafenCity erst gar kein Auto anschaffen. 

3 Warum muss man auf der Nordseite der Pop-up-Bikelane die Straßenseite wechseln? Wir haben temporär eine Hochbaustelle, wo ein Speicher noch bis Frühjahr 2022 saniert wird und die muss umfahren werden. 

4 In einem Jahr entscheidet sich, ob für Autos zurückgebaut wird oder eine dauerhafte Radlösung kommt. Machen Sie temporäre grüne Symbolpolitik? Mal langsam. Also, wir haben recht kurzfristig für kleines Geld einen fast zwei Kilometer langen Radweg angelegt und probieren das aus. Das ist eine Angebotsplanung an einer Stelle, wo wir gerne den Radverkehr fördern wollen und ich mir gut vorstellen kann, dass die Bewohner:innen der HafenCity das auch gut finden und nutzen werden. Ich bin optimistisch. 

5 Es gibt relativ wenig Widerstand der Autofahrer. Pandemiebedingt ist der Verkehr stark reduziert. Haben Sie Glück?Diese Pläne und den Sandtorkai / Brooktorkai hatten wir schon vor Pandemie-Zeiten im Blick und es gab dort auch nicht so viel Verkehr, sodass man eine Spur herausnehmen kann.  

6 Der HafenCity-Chef Jürgen Bruns-Berentelg strebt die „Fünf-Minuten-Stadt“ an. Alles klimaneutral in kurzen Wegen zu erreichen. Ein realistisches Ziel? Für ganz Hamburg ist das kein offizielles Leitbild. Aber es geht schon darum, Verkehr zu vermeiden und Wege zu verkürzen. In der HafenCity wird man am Ende alles in der Nähe haben, was den urbanen Charme des Stadtteils ausmachen wird. Das ist – gerade für die Innere Stadt – eine sehr spannende Überlegung.

7 Warum spielt Radfahren, Lebensqualität, eine so große Rolle? Wenn sich 70.000 Menschen bei Fridays for Future versammeln, führt auch das u.a. bei vielen zur positiven Akzeptanz der Mobilitätswende.
Die Fragen stellte Wolfgang Timpe

Dr. Anjes Tjarks ist Senator für Verkehr und Mobilitätswende der Freien und Hansestadt Hamburg.

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