Ränkespiele der Mächtigen – ein großer Spaß!

Theater. Die Komödie »Im weißen Rössl« im Hansa-Theater wird im Zusammenspiel mit dem White Horse Orchestra mit Jazz, Folk, Foxtrott und Marschmusik aufgehübscht

Der Zahlkellner Leopold war für den Sänger Peter Alexander in der Verfilmung der Operette „Im weißen Rössl“ von 1960 eine Paraderolle. Im Fernsehen kam das Singspiel als Klamotte daher, getragen von Stars wie Waltraut Haas, Gunther Philipp oder Karin Dor. Nun bringt Franz Wittenbrink den Klassiker im Hansa-Theater auf die Bühne. Seine Inszenierung ist bunt und lustig, hat aber auch Tiefe. Sie beschäftigt sich – zumindest am Rand – mit Tourismus und Übertourismus, mit dem Aufeinandertreffen von Städtern und Landbevölkerung. Der Fabrikant Wilhelm Giesecke, den Michael Prelle als ewigen Nörgler mit Berliner Schnauze zeichnet, beschwert sich darüber, dass in einem beschaulichen österreichischen Örtchen am Wolfgangsee frühmorgens der Hahn kräht. Als er schließlich doch mal, wie die Einheimischen, in eine Krachlederne schlüpft, fühlt er sich wie bei den Kastelruther Spatzen. 
Foto oben: Das putzmuntere „Rössl“-Ensemble:Der Zuschauerraum ist in die Aufführung einbezogen, das Publikum scheint direkt im „Rössl“-Garten zu sitzen. © Kerstin Schomburg

Noch mehr wurmt es ihn, dass ausgerechnet Dr. Otto Siedler (Stephan Schad), der Rechtsanwalt seines Konkurrenten Sülzheimer, im selben Hotel wie er abgestiegen ist. Bis Sülzheimer junior, der schöne Sigismund (Holger Dexne), anreist. Mit ihm will Giesecke seine Tochter Otilie (Victoria Fleer) verkuppeln, um sein Imperium zu erweitern und einen Rechtsstreit beizulegen, allerdings hat sich Otilie längst in Dr. Siedler verguckt. Den Juristen himmelt auch die fesche „Rössl“-Wirtin Josepha Vogelhuber (Susanne Jansen) an, mit der ihr Zahlkellner Leopold Brandmeyer (Michael Rotschopf) so gerne anbandeln würde.

Schauspieler Michael Rotschopf wird als Zahlkellner Leopold von Susanne Jansen als „Rössl“-Wirtin Josepha angehimmelt. © Kerstin Schomburg

Das garantiert allerlei Irrungen und Wirrungen, getragen von einem großartigen Ensemble. Gleich zu Beginn entzückt Sabrina Ascacibar als jodelnde Postbotin. Das lispelnde Klärchen (Anneke Schwabe) wirkt vielleicht auf den ersten Blick etwas naiv, entpuppt sich aber als eine Frau, die durchaus weiß, was sie will. Slapstick-Momente, etwa wenn der Piccolo (Eva Mayer) eine Watschn kriegt, wechseln sich ab mit Gassenhauern von „Es muss was Wunderbares sein …“ über „Im Salzkammergut, da kamma gut lustig sein“ bis zu „Was kann der Sigismund dafür …“. Die altbekannten Melodien hat Franz Wittenbrink, der an diesem Abend als Pianist ein Teil des wunderbaren White Horse Orchestra ist, ein bisschen aufgehübscht. Mal vereinigt sich Folklore mit Jazz, mal begegnet Wienerlied klassischer Musik, Foxtrott, Marschmusik und Walzer schwingen ebenfalls mit.

Das White Horse Orchestra, geleitet von Pianist und Regisseur Franz Wittenbrink, mischt die Komödie musikalisch mächtig auf. © Kerstin Schomburg

Eine schöne Idee ist, dass der Zuschauer:innenraum sozusagen in die Aufführung einbezogen wird. Das Publikum scheint direkt im „Rössl“-Garten zu sitzen. Dazwischen werden die Klassenverhältnisse zwischen Besitzenden und Ärmeren ausgeleuchtet, die Ränkespiele der Mächtigen und die Unberechenbarkeit der Liebe. Das ist vor allem eins: ein großer Spaß. Der Schlussapplaus für diese gute Unterhaltung hält lange an. Dagmar Leischow

Info 
„Im weißen Rössl“ läuft bis zum 3. Mai im Hansa-Theater. Karten und mehr Infos unter: hansa-theater.com

Schauspielerin Sabrina Ascacibar im Weißen Rössl als Postbotin Kathi, als Kuhmagd und als Präsidentin des Jodelvereins. © Kerstin Schomburg

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