Sommertheater

Das Coronavirus austanzen: Vom 12. bis 30. August findet das Internationale Sommerfestival Kampnagel vor Publikum statt – plus ”4 Fragen an …“ den künstlerischen Leiter András Siebold

Fast alle Festivals wurden 2020 wegen der Pandemie abgesagt oder ins Netz verlegt. Das Internationale Sommerfestival soll aber tatsächlich vom 12. bis 30. August auf dem Kampnagelgelände stattfinden – zwar in einer abgespeckten Version, aber mit Publikum. „Uns war es wichtig, nicht komplett im digitalen Raum zu verschwinden“, sagt Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard. Ihrer Ansicht nach sollte ein Festival ein Ort der Versammlung sein, in Covid-19-Zeiten natürlich unter strikter Einhaltung der Hygieneregeln: „Wir wollen kein Corona-Hotspot werden.“

Foto oben: Florentina-Holzinger-Produktion „Tanz“: Aus einer surrealen Ballett-Trainingseinheit entwickelt sich ein überhöhter Pornodreh im Splatterstil. © Nada Gank

Deshalb werden die meisten Veranstaltungen ins Freie verlegt. Auf vier Bühnen im Avant-Garten der Kampnagelfabrik sind rund 50 Programmpunkte geplant. Dort machen zum Beispiel die Aktivisten vom Peng! Collectiv einen „Klingelstreich beim Kapitalismus“, zudem ist in diesem Areal der „BotBoot“-Launch angesetzt. Dieses Onlinespiel hat der Gamedesigner Sebastian Quack entwickelt. Es lädt Interessierte ein, die HafenCity mit dem Mobiltelefon per Augmented Reality, also in der erweiterten Realität, zu erkunden.

Kampnagel-Intendantin ­Amelie Deuflhard setzt auf Hygieneregeln für alle: „Wir wollen kein Corona-Hotspot werden.“ © Marcelo Hernandez
Kampnagel-Intendantin ­Amelie Deuflhard setzt auf Hygieneregeln für alle: „Wir wollen kein Corona-Hotspot werden.“ © Marcelo Hernandez

Bei der Eröffnungsveranstaltung sitzen die Zuschauer dagegen in einer nur zu einem Viertel gefüllten Halle auf Abstand, wenn die österreichische Choreografin Florentine Holzinger mit ihrem Ensemble das Stück „Tanz“ präsentiert. Es beginnt mit einer Ballettstunde bei Beatrice „Trixie“ Cordua, einst John Neumeiers erste Ballerina. Aus der surrealen Trainingseinheit entwickelt sich ein überhöhter Pornodreh im Splatterstil. Das ist gewiss nichts für schwache Nerven.

Das Kampnagelfestival öffnet sich neu für Musik, Kunst, Tanz und Theater.

Weniger drastisch geht es bei dem deutsch-britischen Performance-Kollektiv Gob Squad zu. Für „Show me a good Time“ schwärmen die Akteure mit Videokameras auf die Straße aus, um sich mit Passanten eine gute Zeit vor dem Ende der Welt zu machen. Was sie dabei erleben, wird live fürs Publikum übertragen. Diese Arbeit hat ebenso einen Bezug zur Realität wie Kim Nobles „Lullaby for Scavengers“, das eine Geschichte über Freundschaft in einer Phase der Isolation erzählt. „Einige Produktionen wurden vom Coronavirus beeinflusst oder beschäftigen sich direkt mit ihm“, erzählt András Siebold, künstlerischer Leiter des Internationalen Sommerfestivals.

Festivalleiter András Siebold: „Einige Produktionen wurden vom Coronavirus beeinflusst oder beschäftigen sich direkt mit ihm.“ © Marcelo Hernandez
Festivalleiter András Siebold: „Einige Produktionen wurden vom Coronavirus beeinflusst oder beschäftigen sich direkt mit ihm.“ © Marcelo Hernandez

So hat etwa die Australierin Samara Hersch mit „Body of Knowledge“ ein Projekt aus der Taufe gehoben, für das man nicht einmal vor die Tür gehen muss. Wer sich daran beteiligen will, bekommt Requisiten nach Hause geschickt. Mit ihnen baut man sich daheim eine eigene kleine Bühnenwelt auf, die über den Laptop online geht. Im Laufe des Abends bekommt jeder Teilnehmer Anrufe von Teenagern aus Australien und Europa. Sie stellen intime Fragen, aus denen sich ein Dialog über Sexualität, Zukunftsängste oder Trauer entfalten soll.

Der Komponist Thies Mynther, der Performer Veit Sprenger und der Bildende Künstler Tobias Euler machen indes mit ihrer „Moon Machine“, einer fahrenden Musikmaschine, eine Prozession durch die Stadt – vom Dammtor an der Alster entlang bis zu Kampnagel. Im Avant-Garten spielen sie anschließend ein Konzert. Parallel dazu stellt das Trio ein Gemeinschaftswerk in der Ausstellung „Corona Sound System“ im Kunstverein aus. Auch diese Schau ist ein Teil des Internationalen Sommerfestivals, das sich für Musik oder Kunst ebenso öffnet wie für Tanz und Theater. Dagmar Leischow

Info

Das Internationale Sommerfestival findet vom 12. bis 30. August auf dem Kampnagelgelände statt. Kartentel.: 040-270 949-49; tickets@Kampnagel.de – weitere Infos unter www.kampnagel.de

„4 Fragen an…“
András Siebold über das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel und seine Beziehung zur HafenCity.

Wie schwer ist es, während einer Pandemie das Internationale Sommerfestival zu organisieren? Sehr schwierig. Wir mussten mit der Planung dauernd von Neuem beginnen, weil uns einige Produktionen weggebrochen sind. Aufgrund von Visaregelungen oder Reiseverboten für die Künstler. Ständig standen wir vor der Frage: Bis zu welchem Punkt können wir ein Projekt weiterverfolgen? Wann müssen wir umplanen?

Trotz strikter Hygieneregeln eröffnen Sie das Festival mit Tanztheater. Wie soll das funktionieren? Die Gruppe geht vorab in Quarantäne und macht dann einen Corona-Test. So wird sichergestellt, dass wir bei Florentine Holzingers Inszenierung „Tanz“ ein infektionsfreies Ensemble auf der Bühnen haben.

Für das Onlinespiel „Botboot“ kooperieren Sie mit Kunst und Kultur HafenCity. Wir haben uns immer wieder mit Ellen Blumenstein, der Kuratorin der HafenCity, ausgetauscht. Sie hatte einen Augmented-Reality-Stadtspaziergang mit dem Mobiltelefon geplant. Dafür haben wir uns nun zusammengetan.

Haben Sie eigentlich eine persönliche Verbindung zur HafenCity? 2017 haben wir dort „Theater der Welt“ gemacht. Zur Elbphilharmonie haben wir ebenfalls einen guten Draht. Ansonsten gehe ich mit meinen Kindern gern mal zu den Kletterseilen im Lohsepark oder kaufe bei Andronaco ein. Dagmar Leischow

András Siebold (Foto oben) ist künstlerischer Leiter des Internationalen Sommerfestivals auf Kampnagel.

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