»Literatur zur Lage« #100: »Weiter Geschichten erzählen!«

Kolumne #100. HCZ-Kolumnist Jan Ehlert schreibt in. sein er Jubiläumskolumne »Literatur zur Lage« unter anderem aus gegebenem gesellschaftspolitischem Anlass über Boccaccio Meisterwerk „Decamerone«

Zehn junge Menschen fliehen aufs Land. Die Welt um sie herum droht im Chaos zu versinken, also wollen sie fernab der Menschenmassen abwarten, bis sich die Situation wieder beruhigt. Um sich die Zeit zu vertreiben und um die Hoffnung nicht zu verlieren, erzählen sie sich Geschichten. Das ist die Rahmenhandlung von Giovanni Boccaccios Meisterwerk „Decamerone“, eine Sammlung von nicht weniger als 100 Novellen. 
Foto oben: Bild zu Giovanni Boccaccios Novellensammlung »Decamerone«.© picture alliance | Heritage-Images

Inzwischen habe ich hier ebenfalls 100 Geschichten erzählt. Und wenn ich darauf zurückschaue, dann sehe ich, dass die meisten davon von Krisen und Konflikten erzählten: dem Angriffskrieg auf die Ukraine, dem Aufstieg der Autokraten, nicht zuletzt der Coronapandemie. Ja, die „Lage“, zu der ich hier regelmäßig die Literatur suche, scheint sich seitdem verschlechtert zu haben.  

»Die gefühlte gesellschaftliche Polarisierung durchbrechen und miteinander ins Gespräch kommen.« Jan Ehlert

HCZ-Autor Jan Ehlert im Traditionsschiffhafen. © Agnes Fitek

Vielleicht hilft aber gerade deshalb der Blick zurück in die Literatur. Denn wir sehen dort, dass wir Menschen schon viel schlimmere Krisen und Konflikte überstanden haben. Und auch, was für Freiheiten, die wir heute genießen, noch vor Kurzem nicht selbstverständlich waren. Da reicht es schon, wenn wir nur 50 Jahre zurückschauen, auf Kalten Krieg, RAF-Terror, Militärdiktaturen. Lesen wir die Bücher von damals, wie Heinrich Bölls „Katharina Blum“, Gudrun Pausewangs „Not der Familie Caldera“ oder Herbert Rosendorfers Roman „Großes Solo für Anton“, in dem (fast) die gesamte Menschheit verschwindet – eine literarische Reaktion auf Klimawandel und Massenvernichtungswaffen.

In sehr vielem, Bürgerrechte, globale Armut und ja, selbst Klimaschutz, ist die Welt seitdem besser geworden. Das heißt nicht, dass wir die Probleme unserer Zeit nicht ernst nehmen sollten. Aber um sie zu verstehen, müssen wir uns weiter Geschichten erzählen. Die gefühlte gesellschaftliche Polarisierung durchbrechen und miteinander ins Gespräch kommen. Was das bewirken kann, zeigen auf beispielhafte Weise die Romane von Juli Zeh: In „Über Menschen“ lässt sie eine junge Städterin aufs Dorf ziehen und konfrontiert sie dort mit ihren Vorurteilen über konservatives Gedankengut. In „Unterleuten“ schildert sie, wie sich ein Dorf wegen eines geplanten Windparks zerstreitet, sich aber auch neue Allianzen bilden. 

Auch hier können wir uns Boccaccio zum Vorbild nehmen: Seine zehn jungen Menschen lassen reihum jeden einmal das Gesprächsthema bestimmen. Und hören dann einander zu. Sie sind dabei nicht immer einer Meinung, an ihrer Freundschaft ändert das jedoch nichts. Ihre Welt ist damals nicht untergegangen, nach 100 Geschichten kehren sie zurück. Das Landhaus, in dem Boccaccio sie diese Geschichten erzählen lässt, es steht bis heute. Jan Ehlert

Interview mit Jan Ehlert aus Anlass seiner 100. Kolumne »Literatur zur Lage« unter: bbbb

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Jan Ehlert ist Journalist und pendelt zwischen Hamburg und Hannover. Seine Passion sind Bücher. Er schreibt monatlich für die HafenCity Zeitung seine ­Kolumne »Literatur zur Lage«. © Agnes Fitek

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