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Wie kann man für so etwas Worte finden?

Kolumne »Literatur zur Lage«, No. 72 von Jan Ehlert

Gerade war es noch ein fröhliches Musikkonzert, dann brach der Horror über die Feiernden herein. „Ich dachte: Aha, hier also, jetzt. Das also ist mein letzter Atemzug. Sie knallten die Leute mit einem gewissen Spaß ab, würde ich sagen. Sie waren sehr jung und ganz ruhig. Irgendwann hatte das Sturmgewehr von einem von ihnen wohl eine Ladehemmung und ein anderer half ihm, das in Ordnung zu bringen, und machte dabei Scherze wie ein guter Freund am Schießbudenstand.“ So berichten Überlebende vom Terrorangriff auf das Bataclan in Paris im November 2015, nachzulesen in dem ergreifenden Buch „V13“ von Emmanuel Carrère. Gerade erst ist es erschienen, da gehen die Bilder eines weiteren grausamen Terroranschlags um die Welt: die furchtbaren, menschenverachtenden Morde der Hamas in Israel. Und wieder ist ein Musikfestival eines der Ziele. Wie kann man für so etwas Worte finden?

Wer den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern ansatzweise verstehen will, der kann in Daniel Specks Roman „Jaffa Road“ eine menschliche Sicht auf beide Seiten finden.
Der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern hat eine lange, tragische Geschichte mit viel zu vielen Opfern. David Grossmans bewegende, autobiografische Geschichte „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ oder Zeruya Shalevs Roman „Schmerz“ erzählen davon genauso wie Adania Shibli in ihrem leisen, beobachtenden Roman „Eine Nebensache“. Wer diese Geschichte ansatzweise verstehen will, der kann in Daniel Specks Roman „Jaffa Road“ eine menschliche Sicht auf beide Seiten finden. 

Kolumnist Jan Ehlert zitiert den Hamburger Schriftsteller Wolfgang Borchert in Bezug zum Corona-Lockdown: Die Tür schließt sich hinter ihm und nun, so Borchert, „hatte man mich mit dem Wesen allein gelassen, nein, nicht nur allein gelassen, zusammen eingesperrt, vor dem ich am meisten Angst habe: Mit mir selbst“. © Privat
Kolumnist Jan Ehlert. © Privat

Diese menschliche Sicht dürfen wir nicht verlieren. Die barbarischen Morde der Hamas sind durch nichts zu rechtfertigen. Israel muss reagieren. Und doch dürfen nicht die palästinensischen Zivilisten die Leidtragenden sein. Wie schwer dieses Dilemma auszuhalten ist, das hat vor ein paar Jahren der amerikanische Schriftsteller Column McCann in seinem Roman „Apeirogon“ herzergreifend gezeigt: Er erzählt zwei Geschichten: Die eines palästinensischen und die eines israelischen Vaters, die beide bei Anschlägen ihre Kinder verloren haben. Doch sie erstarren nicht in Hass. Sie finden tatsächlich einen Weg, miteinander zu reden. Miteinander gegen Gewalt und Terror einzutreten. Diese Väter gibt es wirklich, und ihre Geschichte macht in diesen Zeiten Mut: dass es Wege geben kann aus der Spirale der Gewalt. 

Auch bei Emmanuel Carrère findet sich eine solche Geschichte der Hoffnung: Zwei Väter, einer der eines gestorbenen Attentäters, einer der eines Opfers, haben sich in ihrem Schmerz angenähert, gemeinsam ein Buch geschrieben. „Il nous reste les mots“, heißt es, „Es bleiben uns die Worte“. Ein bewegendes Plädoyer für Toleranz, auch in den schwersten Momenten. Ein Buch der Hoffnung, gerade dann, wenn einem selbst die Worte fehlen. Jan Ehlert
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Jan Ehlert lebt in der HafenCity. Seine Passion sind Bücher. Er schreibt monatlich für die HafenCity Zeitung seine ­Kolumne »Literatur zur Lage«. © Privat

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