Literatur zur Lage: »Wieder nichtig und klein!«

Kolumnist Jan Ehlert erörtert in der Januar-Ausgabe 2026 der HafenCity Zeitung in seiner „Literatur zur Lage“, #97, u.a. den Roman „A Long Way Down“ von Nick Hornby und sein Neujahrswunder

Kolumnist Jan Ehlert zitiert den Hamburger Schriftsteller Wolfgang Borchert in Bezug zum Corona-Lockdown: Die Tür schließt sich hinter ihm und nun, so Borchert, „hatte man mich mit dem Wesen allein gelassen, nein, nicht nur allein gelassen, zusammen eingesperrt, vor dem ich am meisten Angst habe: Mit mir selbst“. © Privat
Kolumnist Jan Ehlert. © Privat

Im neuen Jahr kann es nur noch schlimmer werden, davon ist der in die Jahre gekommene Talkmaster Martin überzeugt. Und so beschließt er in der Silvesternacht, seinem Leben ein Ende zu setzen. Doch er ist nicht der Einzige: Auf dem Dach des Hochhauses, von dem er springen möchte, trifft er drei weitere Menschen, die den gleichen Vorsatz gefasst haben. Die vier kommen ins Gespräch, lernen sich kennen – und fassen Stück für Stück wieder neuen Lebensmut. Von diesem kleinen Neujahrswunder erzählt der britische Autor Nick Hornby in seinem Roman „A Long Way Down“, eine meiner liebsten Silvestergeschichten. 
Foto oben: „Dann werden wir sehen, dass wir eben nicht allein sind. Und aus einer hoffnungsarmen Silvesternacht kann so ein Jahr voller neuer Erfahrungen werden.“ © picture alliance / CHROMORANGE | Michael Bihlmayer

Eine Geschichte, die auch deshalb so wichtig ist, weil der Blick ins Jahr 2026 zunächst wenig Grund zum Optimismus verkündet. Der Zulauf zu demokratiefeindlichen Parteien nimmt weiter zu, die Gefahr eines Krieges mit Russland wächst – und auch wenn der US-amerikanische Präsident angeblich viele Konflikte dieser Welt beendet haben will: Friedlicher ist es auf der Erde nicht geworden. Dazu kommen Zukunftssorgen, weil die Kosten steigen, die Wirtschaft schwächelt, die Umwelt untergeht. 

Fast schon untergangsprophetisch wahr klingt es da, was Olivia Butler 1993 in ihrem Roman „Die Parabel vom Sämann“ für das Jahr 2026 vorausgesagt hat. „Wenn scheinbare Stabilität zusammenbricht, […] verfallen Menschen häufig Ängsten und Depressionen, Not und Gier.“ Immerhin, es gibt bei Butler 2026 auch „Windows-Fernseher, in die man reingeht, statt nur davor zu sitzen“. Aber ist das eine wünschenswerte Zukunft? Auch T. C. Boyle schürt mit seinem Roman „Ein Freund der Erde“ wenig Hoffnung, dass es 2026 besser wird: Desillusioniert zieht sich sein Protagonist, der Umweltaktivist Tierwater, in die Wälder zurück. Er habe „nichts, überhaupt nichts“ erreicht.

Nein, das Jahr 2026 wartet wirklich nicht mit großen Hoffnungen auf. Aber, und das zeigt Nick Hornbys Silvestermärchen: Nur weil wir nichts Gutes erwarten, heißt das nicht, dass nicht trotzdem etwas Gutes passieren kann. Weltpolitisch haben wir das nicht in der Hand, diese Gespräche müssen andere führen. Aber wir können Olivia Butlers Prophezeiung widerlegen, indem wir nicht in Depressionen, Not und Gier verfallen. Sondern, wie bei Hornby, uns auf unsere Menschlichkeit besinnen und wieder mehr miteinander reden, gerade auch mit Menschen, die uns eigentlich fremd sind, die aber die gleichen Zukunftssorgen teilen. Dann werden wir sehen, dass wir eben nicht allein sind. Und aus einer hoffnungsarmen Silvesternacht kann so ein Jahr voller neuer Erfahrungen werden – und die Sorgen, die uns 2025 noch groß und wichtig erschienen, werden 2026 vielleicht wieder nichtig und klein. 
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Jan Ehlert lebt in der HafenCity. Seine Passion sind Bücher. Er schreibt monatlich für die HafenCity Zeitung seine Kolumne »Literatur zur Lage«.

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