Jubiläum. Nach 100 Kolumnen »Literatur zur Lage« haben wir mit HCZ-Autor Jan Ehlert über Weltliteratur, das Schreiben, die HafenCity, gute Laune und das Weltgeschehen gesprochen
Wissen Sie was, heute verraten wir Ihnen mal Geheimnisse der HafenCity Zeitung (HCZ) und lassen Sie in die Gedankenwelten unseres Autors und Kolumnisten Jan Ehlert schauen. Denn der Journalist und Moderator verdelt Monat für Monat unsere gedruckte Zeitung und unsere Website mit seiner wunderbaren Kolumne „Literatur zur Lage“. Und das nun seit über acht Jahren und in der April-Ausgabe mit seiner 100. Kolumne (Seite 2). Lesen Sie mal, warum für Jan Ehlert Weltliteratur die Empathie fördert und der NDR-Podcast „eat.READ.sleep“, der zu den beliebtesten literarischen Podcasts gehört, auf gute Laune setzt. Ihnen viel Spaß! Und wir bedanken uns bei Jan Ehlert für die treue und verlässliche Anregung, immer wieder über uns und das Weltgeschehen im Kleinen vor Ort nachzudenken und für uns und vor allem für Sie, die Leser:innen, zu schreiben.
Foto oben: Jan Ehlert zum Krimi „Tod in der HafenCity“: „Mir hat besonders gefallen, dass Toni Fabrizi nicht nur
diese Disziplin aufgebracht hat, nach Club-20457-Nachtschichten und an den wenigen freien Tagen seinen Krimi zu schreiben, sondern auch seine Figuren aus dem wahren Leben nie verraten hat.“ © Agnes Fitek
Hier finden Sie die 100. Kolumne „Literatur zur Lage« unter: bbb
Herr Ehlert, nach über acht Jahren veröffentlichen wir in der April-Ausgabe 2026 der HafenCity Zeitung wie immer auf Seite zwei Ihre inzwischen 100. Kolumne „Literatur zur Lage“. Was empfinden Sie bei diesem Jubiläum? Ich bin ein bisschen überrascht und auch ein wenig stolz, dass es jetzt schon eine kleine Tradition geworden ist. Als wir damals 2018 damit anfingen, hätte ich nicht gedacht, dass mir so viel einfallen würde und es auch ein Publikum dafür gibt, das regelmäßig auf diese Art etwas über Literatur erfahren möchte. Leider hat sich die Weltlage seit 2018 nicht so positiv entwickelt, wie ich es gehofft hatte. Umso dringender ist es, dass wir mit dem von uns für diese Kolumne gewählten Blick, mit der Literatur, auf die Weltlage schauen. Dieser kann dabei helfen, uns andere und neue Perspektiven zu eröffnen.

Was ist die Grundidee Ihres journalistisch-literarischen Blicks auf Klassiker und aktuelle Bücher sowie deren Korrespondenzen zu gesellschaftspolitischen Ereignissen in Deutschland und zum Weltgeschehen? Dass es seit Jahrhunderten viel klügere Menschen als Sie und mich gibt, die sich Gedanken darüber gemacht haben, wie man denn mit den Problemen in der Welt und im Umgang mit anderen Menschen am besten verfahren sollte. Und auch: was es für Lösungen gibt. Die Schriftsteller:innen haben das in ihre Essays, Gedichte, Kurzgeschichten und Romane einfließen lassen. Mein Grundgedanke war zu Beginn, dass wir zurückschauen, wie denn Menschen vor uns zum Beispiel mit dem Aufstieg von Autokraten umgegangen sind. Das war seinerzeit eine Veranstaltung, die ich unter dem Titel „Literatur zur Lage“ erstmals 2017 mit der Zeit Stiftung Bucerius gemacht habe. Donald Trump war zum ersten Mal zum US-Präsidenten gewählt worden, und wir sahen damals zugleich, dass auch in Europa autokratische Stimmen immer lauter wurden.
Und der Zeit Stiftung und mir war bewusst, dass das nicht zum ersten Mal passiert in der Geschichte. Der US-amerikanische Schriftsteller Sinclair Lewis, Literaturnobelpreisträger von 1930, hat damals schon darauf reagiert und in seinem Roman „Das ist bei uns nicht möglich“ dazu geschrieben; auch der britische Dichter und Schriftsteller William Shakespeare hat autokratisches Verhalten wahrgenommen und es in seinen Stücken und Texten verarbeitet, besonders in den Königsdramen. Der Gedanke für die Kolumne „Literatur zur Lage“ war: Vielleicht finden wir in den literarischen Werken der Welt Lösungsansätze und neue Gedanken, wie man auf solche Entwicklungen reagieren kann und ihnen nicht nur hilflos gegenübersteht. Dabei geht es nie darum, Dinge zu bewerten, sondern neue Perspektiven anzubieten. Es gibt halt immer mehr als den eigenen Blick aufs Thema, den man selbst gerade hat. Salopp gesagt: „Schaut mal hier oder lest mal dort“, um neue Türen zu öffnen. Das gab dann 2018 den Anstoß dazu, es zu versuchen, diese Idee monatlich in eine Kolumne zu gießen.
»Es gibt halt immer mehr als den eigenen Blick aufs Thema, den man selbst gerade hat. Salopp gesagt: ›Schaut mal hier oder lest mal dort‹, um neue Türen zu öffnen.«
Jan Ehlert über Weltliteratur
Kennen Sie als Kolumnist die berühmte Angst des Autors und des Journalisten vor dem leeren weißen Blatt Papier? Ja, natürlich kenne ich die. Sie wissen, wie oft Sie mir manchmal sagen müssen: „Es drängt jetzt wirklich, wann kommt denn der Text?“ Und mir fiel bis dahin nichts Überzeugendes ein. Es gibt selbstverständlich Ereignisse, die sich aufdrängen, wie zum Beispiel der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine, als uns beiden sofort klar war, dass das eine Lage ist, auf die wir eingehen müssen und wollen. Zum Glück gibt’s jedoch auch viele Monate, wo nichts wirklich Weltbewegendes oder Schlimmes, Gutes und Wichtiges passiert. Dann trotzdem einen Ansatz für die Idee zur Kolumne zu finden, ist nicht immer einfach. Und da entwickelt sich schon die Sorge vor dem leeren Blatt, und man startet drei- oder viermal neu, bis die richtige Idee zündet. Dabei hilft auch Disziplin, den Text abzugeben, auch wenn bei 100 Kolumnen sicher auch welche dabei waren, die mal weniger gelungen waren.
Was machen Sie, wenn Sie nicht sofort eine Idee für Ihre Kolumne haben? Indem ich an die Gedanken anknüpfe, die ich beim Lesen von Büchern mit Hamburg-Bezug hatte, gerne auch Bücher junger Autorinnen und Autoren, oder auch von Klassikern, die ich gelesen oder aus einem bestimmten Anlass wiedergelesen habe. Zum Beispiel an „König Lear“ und die Figur des bis zum tragischen Ende unerschütterlich treuen Dieners Graf von Kent, der sinngemäß sagt: „In dem Moment, wo wir anfangen, den Mächtigen zu schmeicheln und nicht mehr Widerrede zu geben, sind wir verloren.“ Da denke ich schon beim Lesen des viel schöneren Originaltextes von Shakespeare: „Damit kannst du mal was machen.“ Das Eingangstor zur Kolumne „Literatur zur Lage“ sind bei weniger überzeugenden Gedanken von mir also immer wieder Bücher, deren Ideen ich dann ausweite.
Häufig erlebt man als Leser:in Ihrer Kolumne, dass seit vielen 100 Jahren die Schriftsteller:innen in ihren Werken häufig Ereignisse, ob persönliche Dramen oder gesellschaftspolitische Konstellationen, schon einmal verarbeitet oder antizipiert haben. Ist das Leben denn eine einzige Folge von Wiederholungen? Lernen wir nichts aus der (Kultur-)Geschichte? Doch. Das Schöne ist, dass wir schon viel gelernt haben. Glücklicherweise leben wir aktuell trotz aller Kriege und Krisen immer noch mit in den friedlichsten Zeiten, die es weltgeschichtlich je gegeben hat. Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir uns ganz neue Fragen des Minderheitenschutzes und des Zusammenlebens stellen, die über Jahrhunderte hinweg keine Rolle spielten. Und wir lernen auch ständig weiter dank der Literatur, die immer auch Minderheiten eine Stimme gegeben hat und uns dadurch immer wieder ein Fenster zur Empathie öffnet, wir können uns durch die Literatur immer wieder in neue, andere Lebensentwürfe hineinversetzen. Trotzdem, ja, stehen wir als Menschen immer wieder vor ähnlichen oder gleichen Lebensfragen: Wie entscheide und verhalte ich mich? Werde ich von anderen Menschen gemocht? Was will ich wie in Zukunft anders und besser machen? Oder wie schaffe ich es, für mich ein sozial erträgliches und finanziell abgesichertes Leben zu führen? Ähnliche Fragen stellen sich in unterschiedlichen Jahrhunderten und unterschiedlichen Kulturen immer wieder.

Durch die Literatur können wir uns in neue und andere Lebensentwürfe hineinversetzen.“ © Agnes Fitek
Oder wie gehe ich mit Eifersucht um? Auch das. Uns bewegen immer wieder urmenschliche Themen und Bedürfnisse und Fragen: Wie gehen wir damit um, dass Menschen an die Macht kommen, die vielleicht andere Vorstellungen davon haben, wie man Macht ausüben sollte, als wir? Deswegen sind Shakespeares Stücke mit ihren Macht- und Liebe-Themen, die er auf der Bühne verhandelt, immer wieder in unterschiedlichsten Inszenierungen und Interpretationen gut anzuschauen – wie zum Beispiel „Romeo und Julia“. Ich liebe jemanden, den oder die ich nicht lieben darf, doch die Liebe ist so groß, dass sie sich über alle Hindernisse hinwegsetzt. Das Gefühl kennen weltweit viele Menschen und können sich in die Lage der Figuren hineinversetzen.
Das Schöne an der Literatur ist für mich, dass wir mit jedem Buch neue Blicke auf dieses alte Thema kennenlernen, weil dieses Thema immer wieder neu erzählt wird. Insofern helfen Bücher dabei, dass wir etwas über die großen Fragen der Menschheit, noch mehr aber über uns Menschen lernen. Literatur bietet die einzigartige Möglichkeit, unseren Empathie-Muskel mit jeder weiteren Seite zu stärken. Das braucht unsere Gesellschaft unbedingt.
In Ihrem erfolgreichen literarischen Podcast „eat.READ.sleep“, den Sie als Host gestalten, zeigen Sie sich und Ihre Kollegen locker vom Hocker und sind fast immer guter Laune. Sind Sie ein lesender Romantiker, für den das Glas immer halb voll ist? Natürlich wäre ich gerne Romantiker. Es hilft ja auch nichts, das Glas immer nur halb leer zu sehen. Bei allen Sorgen, die sich die Menschen zu Recht machen, geht es uns gesamtgesellschaftlich noch sehr gut, und es gibt viele großartige Bücher, die sich mit großartigen Themen beschäftigen. Warum soll ich darüber nicht Freude empfinden? Wenn man immer nur Sorgen mit sich herumschleppt, muss man ja verzweifeln. In der Tat versuchen wir mit unserem Podcast „eat.READ.sleep“ gute Laune zu verbreiten, denn wir wollen doch zum Lesen animieren! Das gelingt besser mit guter Laune und Leichtigkeit, auch wenn wir im Podcast natürlich auch über sehr ernste Themen reden. Ernste Themen werden nicht dadurch weniger wichtig, wenn man sie mit einer gewissen Leichtigkeit angeht.
»Man muss Konzentration und ganze Nachmittage aufbringen, um sich in die ›Buddenbrooks‹-Welten hineinzufühlen und hineinzudenken. Die Klick-Kultur könnte dafür sorgen, dass wir die Fähigkeit verlieren, uns auf bestimmte Medien intensiv einzulassen.«
Jan Ehlert
Leider noch was Ernstes: Wohin entwickelt sich die deutsche Gesellschaft und somit auch Hamburg und die HafenCity, wenn fast alle politischen Akteure und gesellschaftlichen Kräfte die militärische Aufrüstung und Wehrhaftigkeit von Deutschland und propagieren, die AfD demnächst offenbar im Osten regieren wird und zugleich viele Hundert Schüler:innen gegen den Zwangseinzug zur Bundeswehr demonstrieren? Ich denke, dass wir in Deutschland zu schnell in „ihr seid links oder rechts, ihr seid dafür oder dagegen“ einteilen, statt mit Menschen, die andere Ansichten als wir selbst haben, erst einmal ins Gespräch zu kommen und zuzuhören und Fragen zu stellen: Warum seid ihr so emotional und konfrontativ? Warum denkt ihr das, was ihr denkt? Am Ende ist Demokratie im Idealfall der Konsens, den diejenigen mit den besten Argumenten bestimmen und der die meisten Menschen überzeugt – und sie müssen zulassen, dass die anderen ihre Meinung sagen und ihre Haltung zeigen dürfen. Wir blenden zu oft diejenigen Stimmen aus, die Zweifel anmelden und andere Wege für richtig halten. Wir sollten mehr Demokratie wagen, dann brauchen wir uns auch um die Demokratie keine Sorgen machen.
Zurück zu Literatur und Leichtigkeit. In „eat.READ.sleep“ haben Sie bekannt, dass Sie Bücher wie „Gelb, auch ein schöner Gedanke“ oder „Zweckfreie Kuchenanwendungen“ nur aufgrund des Titels lesen, weil Sie wissen möchten, was sich hinter den Verlockungen des Buchtitels verbirgt. Sind Sie Abenteurer oder Buchkritiker? Zum Glück sind das nicht die einzigen Bücher, die ich lese (lächelt vielsagend; Anm. d. Red.), sondern Bücher, bei denen mich zunächst nur die Titel ansprechen. Ich mag kreative Titel wie „Zweckfreie Kuchenanwendungen“, bei denen ich nicht so genau weiß, wohin sie mich führen werden. Abenteuerlust gehört zu meinem Beruf dazu, immer wieder Neues zu entdecken auch in Genres, die nicht mein Kerngeschäft sind, wie Fantasy oder Romantasy und Heated Rivalry (Liebesgeschichten mit Magie und leidenschaftliche Rivalität; Anm. d. Red.).
Das gehört für mich als Literatur- und Buchkritiker dazu, kennenzulernen, was sich dahinter verbirgt und durch das Lesen angesagte Trends nicht nur zur Kenntnis zu nehmen, sondern sie auch inhaltlich beurteilen zu können. Ich bin oft überrascht, was für eine gute Qualität sich in solchen Genres verbirgt, die ich sonst nicht gelesen hätte.
Wie viele Bücher lesen Sie pro Woche? Ich lese immer gleichzeitig viele Bücher, wobei ich für ein Buch mit tausend Seiten natürlich ein wenig länger brauche als für eins mit hundert Seiten. Ich lese mindestens so um die 150 bis 200 Seiten pro Tag.
Wie hoch ist die literarische Trefferquote? Alles in allem erfreulich hoch. Natürlich gibt es immer wieder Phasen, in denen ich viele Bücher anlese und feststelle: Irgendwie ist nichts dabei. Und dann gibt es wieder Monate, da kann ich mich nicht entscheiden, weil es so viele tolle Bücher gibt, auch von jungen, noch unbekannten Autor:innen. Zum Beispiel das Buch „Gelb, auch ein schöner Gedanke“ von Nefeli Kavouras. Sie schreibt in einer poetischen Sprache darüber, wie das Sterben unser aller Leben verändert. So lange wir solche jungen Stimmen von Schriftsteller:innen haben, mache ich mir um die deutschsprachige Literatur keine Sorgen.
VITA. Jan Ehlert schreibt seit 2018 jeden Monat für die HafenCity Zeitung (HCZ) die Kolumne „Literatur zur Lage“ und feiert in der April-HCZ ein Jubiläum mit seiner 100. Kolumne. Für den 46-jährigen Reporter und Moderator bestimmen Bücher und Kultur sein (Berufs-)Leben und seine Leidenschaft. Jan Ehlert ist seit 2021 Abteilungsleiter Kulturportal im Norddeutschen Rundfunk (NDR). Ferner bestreitet er als Host zusammen mit Katharina Mahrenholtz und Daniel Kaiser seit 2020 mit über 160 Folgen den erfolgreichen Podcast „eat.READ.sleep“, in dem die drei Journalisten und Buchkritiker alle 14 Tage Lieblingsbücher, Neuerscheinungen und Bestseller vorstellen, Tipps und Orientierung geben und ferner „Interviews mit Büchermenschen, Fun-Facts und eine literarische Vorspeise“ servieren. „eat.READ.sleep“ gehört mit seiner lässigen Tonlage und literarischen Sachkenntnis zu den beliebtesten Literatur-Podcasts in Deutschland.
2005 beendete Jan Ehlert sein Studium als Magister Artium der Film- und Fernsehwissenschaft sowie der Publizistik an der Ruhr-Universität Bochum. Anschließend kehrte der gebürtige Schleswig-Holsteiner aus Bad Oldesloe wieder in den Norden zurück, um sein Volontariat beim NDR anzutreten. Dort entdeckte er schnell seine Liebe zum Radio. Seit 2008 arbeitet er für NDR Kultur als Reporter und Moderator, hauptsächlich zu Themen aus der Literatur und der Kulturpolitik. Für seine journalistische Arbeit wurde er 2012 mit dem Medienpreis der Kinderhospizstiftung ausgezeichnet. Er war von 2014 bis 2017 für die Vernetzung von Kulturthemen im Internet auf den Seiten von ndr.de zuständig. Von 2017 bis 2021 war er Redakteur für die Themen „Religion und Gesellschaft“. Jan Ehlert lebt mit seinem Ehemann in Hannover, wohnte lange in der HafenCity und pendelt aktuell zwischen den NDR-Funkhäusern Hamburg und Hannover.
Was ist Ihr jüngstes Lieblingsbuch und warum? „Die Wut ist ein heller Stern“ von Anja Kampmann liegt mir gerade sehr am Herzen. Ein Buch, in dem sie zurückreist in die 30er-Jahre in Hamburg und am Beispiel einer Artistin erzählt, wie langsam aus dem Blick aus der Zirkuskuppel der Blick auf eine finanziell nicht abgesicherte junge Frau wird, deren Verhältnisse sich in Deutschland Schritt für Schritt verschieben. Es gibt da nicht den einen großen Knall, sondern es sind ganz leise, vorsichtige Verschiebungen, weil Menschen wegschauen, weil Menschen plötzlich nicht mehr füreinander da sind. Das Buch sagt viel darüber aus, wie am Ende demokratiefeindliche Systeme an die Macht kommen können: In dem Augenblick, wo wir selbst alle anfangen zu vergessen, dass wir eine Verantwortung auch für unsere Mitmenschen haben und für sie da sein müssen.
Was muss ein Buch generell leisten, damit Sie dabeibleiben und es bis zum Schluss lesen? Mir ist Sprache unglaublich wichtig. Man muss merken, dass eine Autorin oder ein Autor ein Gespür für das richtige Wort hat, neue Wörter erfindet und die Sprache ein Abenteuer ermöglicht, weil sie mich überrascht und ich es so nicht schon zwei- oder dreihundertmal gelesen habe. Darüber hinaus wünsche ich mir, dass die Literatur mich mit menschlichen Fragen konfrontiert, die ich mir noch nicht gestellt habe. Ich möchte eine Entwicklung von Figuren im Buch erleben, in die Köpfe anderer Menschen eintauchen, in ihren Welten leben und an ihren Problemen, Herausforderungen, Zielen und Träumen teilhaben. Wenn das gelingt, bleibe ich gerne bis zum Ende dabei.
Sie interviewen und porträtieren Literaturnobelpreisträger und Bestsellerautoren. Was unterscheidet erfolgreiche Schriftsteller:innen von Tausenden von Buchautoren, die im Selbstverlag bei Amazon veröffentlichen und es nie in ein Verlagsprogramm oder auf die „Spiegel“-Bestsellerliste schaffen? Alle, die einen Roman oder ein Sachbuch beenden, haben meine volle Hochachtung, denn das ist ein anstrengender Prozess. Und sich mit den Themen und Figuren auseinanderzusetzen und die Disziplin aufzubringen, es bis zum Ende auch schreiben zu wollen, ist großartig und verdient allergrößten Respekt. Doch dann beginnt erst die eigentliche Arbeit am Manuskript, die Offenheit, das eigene Buch, das noch nicht perfekt ist, besser zu machen. Das ist die Hauptarbeit, die Lektorinnen und Lektoren von Verlagen leisten.
Selbst große Schriftsteller:innen mussten oft Ablehnungen ihrer Werke hinnehmen. Wirklich gute Schreibende nehmen sich das zu Herzen und schreiben ihr Buch teilweise um. Der russische Schriftsteller Nikolai Wassiljewitsch Gogol (1809–1852; Anm. d. Red.) hat seine Romane und Dramen bis zu siebenmal jeweils mit der Hand neu geschrieben, ehe er sie zur Veröffentlichung freigab. Das hervorragende Buch „Die Geschichten in uns“ von Benedict Wells handelt davon, wie lange es dauert, nicht aufzugeben, in einem richtigen Verlag unterzukommen, und von der Überzeugung, dass das eigene Schreiben mit jedem Schreiben immer besser wird. Dieser Wille, selbst immer besser werden zu wollen, bestimmt das Handwerk des Schreibens. Und wirklich gute Autorinnen und Autoren wissen das auch.
Wie beurteilen Sie, dass die Generation Z wie auch die Mehrheit der Gesellschaft Texte nur noch digital als News-Häppchen oder Online-Storys scannt oder Podcasts konsumiert? Lesen im klassischen Sinn ist out, aber der Bücherabsatz steigt jedes Jahr. Wie erklären Sie diesen Widerspruch? Damit, dass Ihre erste These falsch ist. Lesen ist nicht out. Das zeigt der Bücherabsatz, und das zeigen die langen Schlangen auf den Buchmessen, wo junge Menschen anstehen, um ein Autogramm ihrer Lieblingsautorin oder ihres Lieblingsautors zu bekommen. Weshalb auch die Buchreihe „Save“ der Hamburger Schriftstellerin Mona Kasten, die als „Maxton Hall“-Serie für Prime Video verfilmt wurde, so erfolgreich war. Im Gegenteil: Viele junge Menschen, die lesen, die sich Bücher kaufen, lassen sich mit ihnen vor Bücherregalen auf TikTok und Instagram abbilden. Nein, Lesen ist weiterhin im Trend, und vielleicht sind es eben die neuen Genres wie Romantasy oder Kastens Young-Adult-Bücher „Save“ und Plattformen wie BookTok auf TikTok. Ja, man liest weniger die Klassiker. Aber mal ehrlich, ich habe als Kind auch nicht Dostojewski gelesen. Dafür brauchte ich erst ein bisschen Lebenserfahrung und, ja, auch Muße.

Immersive Erlebnisshows wie „Gustav Klimt“ oder „Von Vermeer bis Van Gogh“ im digitalen Port des Lumières im Westfield-Center boomen. Ende 2026 kommt die global massenerfolgreiche Digitalschau der TeamLab-Künstler aus Tokio mit ihrer ersten Europa-Location, dem UBS Digital Art Museum, in den Baakenhafen. Tritt Erleben an die Stelle von Lesen und Virtual Reality an die Stelle von Kunstwerken im Original? Wie großartig, dass Gustav Klimt, Vermeer und Van Gogh auf diese Art vielen Menschen zugänglich gemacht werden, die sonst eventuell nie einen Bezug zu ihnen bekommen hätten und es sich eben nicht leisten können, nach Wien, Paris oder Amsterdam zu reisen und sich dort die Werke im Original anzuschauen. Warum sollte Kultur nicht auch die neuen digitalen Möglichkeiten umarmen und sich mit ihnen auseinandersetzen und die Möglichkeiten ausnutzen, die es dafür gibt? Als um 1450 Johannes Gutenberg den Buchdruck eingeführt hat, prophezeiten alle den „Untergang des Abendlandes“, weil nicht mehr handschriftlich geschrieben, sondern plötzlich in Massenauflagen gedruckt wurde. Und was ist passiert? Jenseits von mittelalterlichen Zirkeln von Eingeweihten konnten später weltweit viele Millionen von Menschen lesen. So wie heute zum Beispiel durch das Internet alle Werke von Goethe, Schiller oder Shakespeare auf projekt-gutenberg.org mit einem Klick zugänglich sind. Was für ein Geschenk!
Nur weil es neue Techniken und Rezeptionen gibt, verschwindet nicht das gute Alte, es wird nur in neue Formen integriert. Ich mache mir eher Sorgen darüber, dass etwas so Wichtiges wie Zeit, die Muße, verloren zu gehen scheint. Zeit, in irgendeine Kulturform, zum Beispiel Bücher, einzutauchen. Denn ein Buch wie die „Buddenbrooks“ von Thomas Mann braucht Zeit. Da kann man nicht mal eben durchscannen, um den Kosmos der Lübecker Unternehmerfamilie, seiner komplexen Figuren und den zeitgeschichtlichen Bezug zu begreifen. Man muss Konzentration und ganze Nachmittage aufbringen, um sich in die „Buddenbrooks“-Welt hineinzufühlen und hineinzudenken. Die Klick-Kultur könnte dafür sorgen, dass wir die Fähigkeit verlieren, uns auf bestimmte Medien intensiv einzulassen.
Sie haben lange in der HafenCity gelebt. Es sollen offenbar 2034 eine begehbare begrünte Kühne-Oper als Hamburgische Staatsoper auf das Baakenhöft kommen und das Naturkundemuseum „Evolutioneum“ in den noch fertig zu bauenden Elbtower. Wie finden Sie diese Kultur-Leuchtturmprojekte? Ich finde es großartig, dass wir über Kulturprojekte sprechen, die kommen sollen. Dass spannende neue Kulturorte und Leichtturmprojekte in der HafenCity wie offenbar die Kühne-Oper entstehen werden, bringt Menschen in den Stadtteil, die sich sonst für das Quartier nicht interessieren würden – und sie stoßen lebendige Debatten im Stadtteil an. Sie sehen doch an der Elbphilharmonie, so umstritten sie anfangs war, wie sie die HafenCity international sichtbar gemacht hat.
Das stimmt einerseits. Andererseits monieren viele Bewohner:innen, Einzelhandel und Gastronomie, dass sie ein Ufo sei. Die Menschen kommen direkt in die Elbphilharmonie und verlassen sie direkt wieder, ohne sich im Quartier aufzuhalten und zu konsumieren. Das befürchten viele auch von der Kühne-Oper. Außer Verkehrs-, Lärm- und Schadstoffemissionen nix gewonnen für den Stadtteil? Vielleicht muss man dann auch entsprechende attraktive Angebote machen. Ich erinnere viele Abende in der Elbphilharmonie, wo wir nach 22 Uhr noch etwas trinken und essen wollten, aber es gab kein Angebot in der HafenCity, also sind wir woanders hingegangen in Hamburg. Dass die Elbphilharmonie-Besucher:innen nach einem Konzert den Abend in der HafenCity in einem Restaurant, Bistro oder einer Weinbar ausklingen lassen wollen, halte ich für sehr wahrscheinlich.
Gibt es ein Lieblingslokal in der HafenCity? Es gab mein Lieblingslokal, den berühmten Club 20457, der jetzt leider seit Jahresbeginn geschlossen hat. Es war nicht nur ein Ort, an den man mit jeder und jedem hingehen konnte, sondern wo ich mich einfach gerne aufgehalten habe. Der Raum hat auf eine wunderbare Art Demokratie gelebt, weil man in diesem Raum schlicht sein durfte, egal, wer man war. Ob ich nach einem Elbphilharmonie-Besuch im Anzug oder im Kapuzenpulli zu einem Treffen mit alten Schulfreunden dorthin ging, man war dort immer willkommen und kam auch in den Austausch mit ganz anderen Menschen. Der Ort hat der HafenCity richtig gut getan, und es fehlen meiner Meinung nach grundsätzlich auch gesamtgesellschaftlich solche Orte, an denen Menschen aus unterschiedlichsten Lebenswelten zusammenkommen können.
»Für mich ist vollendeter Genuss aber auch eine wunderbar gedeckte Tafel, an der ich mit Freunden und guten Getränken sitze und bis spät in die Nacht gemeinsam über Bücher und Weltpolitik rede. Man schafft einen Ort, wo jeder sein darf, wie er ist, man sich auch mal streitet und am Ende trotzdem nach einem guten Essen und einem letzten Absacker als Freunde wieder auseinandergeht.«
Jan Ehlert
Wie hat sich die HafenCity verändert, nachdem Sie 2019 umständehalber nach Hannover gezogen sind? Sie hat sich stark verändert, strahlt nicht mehr diesen Pioniergeist aus, den ich noch kennengelernt habe, als ich ab 2014 hier fünf Jahre gelebt habe – und das ist gut so.
Warum? Weil sie sich erweitert hat, viele junge Familien sind dazugezogen, heute ist alles viel diverser. Durch diese Erweiterung, unter anderem auch Richtung Osten mit dem Baakenhafen, wird es ein anderer Stadtteil, und die Menschen müssen neu miteinander aushandeln, wie sie sich in der HafenCity begegnen, welche Orte sie haben und wo sie sich treffen wollen. Das ist für alle ein spannender Prozess, den hoffentlich viele Bewohner:innen mitbestimmen werden.
Zum Jahreswechsel ist der erste Stadtteil-Krimi „Tod in der HafenCity“ des Club-20457-Gründers Antonio „Toni“ Fabrizi mit viel Lokalkolorit erschienen, der an echten Quartiersorten spielt. Wie finden Sie das? Absolut großartig. Wo, wenn nicht in einer persönlich geführten Bar – ich weiß, wovon ich rede, da ich selbst mal hinter der Theke gestanden habe –, erfährt man so viele Geheimnisse, Träume und Geschichten von Menschen. Das Material liegt quasi auf dem Tresen. Mir hat besonders gefallen, dass Toni Fabrizi nicht nur diese Disziplin aufgebracht hat, nach Nachtschichten und an den wenigen freien Tagen seinen Krimi zu schreiben, sondern auch seine Figuren aus dem wahren Leben nie verraten hat.

Viele Leser:innen erkennen sich wieder, obwohl sie nicht immer den Anstoß für Toni Fabrizis Figuren gegeben haben. Eben weil er niemanden von seinen Clubgästen bloßgestellt und es zugleich geschafft hat, sie charakterlich so einzufangen, dass sie sich wiederzuerkennen glauben. Das zeigt Toni Fabrizis große Beobachtungsgabe. Für die HafenCity ist es ein Geschenk, weil man gemeinsam liest, gemeinsam rätselt und gemeinsam Orte wieder- oder neu entdeckt. Das trägt zur starken Identifikation mit dem Stadtteil bei.
Welches sind Ihre Lieblingsorte? Ich liebe den Traditionsschiffhafen, den Sandtorhafen zu Füßen der Elbphilharmonie. Gerade wenn das Wetter nicht so schön ist und man nur zuschauen kann, wie das Wasser anbrandet, Schiffe an- und ablegen. Oder die Terrasse des früheren Unilever-Hauses am Strandkai zur Elbe hin, wo die Schiffe vorüberziehen. Das Wasser ist das Besondere dieses Stadtteils, der für mich deshalb besonders lebenswert ist.
Beim HCZ-Fotoshooting im Sandtorhafen haben Sie Band eins der dreibändigen Ausgabe „Weltliteratur“ von Hanjo Kesting mitgebracht. Warum? Weil der Titel „Weltliteratur“ gut zu meiner Kolumne „Literatur zur Lage“ passt, in der ich Werke der Weltgeschichte mir und den Leser:innen wieder ins Gedächtnis rufe. Und Hanjo Kesting, NDR-Redakteur und Autor, war für meinen persönlichen Werdegang wichtig. Es ist meine Hommage an einen Menschen, der mir gezeigt hat, dass man mit Weltliteratur auf unsere jetzige Zeit blicken und Menschen damit begeistern und auch ein bisschen klüger und empathischer machen kann.
Wie erholen Sie sich vom täglichen Lesestress? Lesen ist für mich Erholung und der so oft zitierte Urlaub im Kopf. Ich bin mit meinen Gedanken ganz plötzlich anderswo und kann all meine Sorgen ausblenden. Lesen ist für mich das beste Mittel gegen Stress im Alltag!
Im Podcast „eat.READ.sleep“ geht es immer auch literarisch garniert ums Essen. Was ist für Sie vollendeter Genuss? Lesen ist erst mal eine sehr einsame Tätigkeit. Essen hingegen verbindet. Da kommen Menschen zusammen, lassen es sich gemeinsam gut gehen, man isst und kommt dann ins Gespräch – wie im Podcast. Man sitzt gemeinsam am Tisch und redet. Für mich ist vollendeter Genuss aber auch eine wunderbar gedeckte Tafel, an der ich mit Freunden und guten Getränken sitze und bis spät in die Nacht gemeinsam über Bücher und Weltpolitik rede. Man schafft einen Ort, wo jeder sein darf, wie er ist, man sich auch mal streitet und am Ende trotzdem nach einem guten Essen und einem letzten Absacker als Freunde wieder auseinandergeht. Das Gespräch führte Wolfgang Timpe
Mehr von Jan Ehlert im NDR-Podcast unter: »eat.READ.sleep«



