„Wir wollen 1. Liga spielen“

Hamburgs Innen- und Sportsenator über Politik, Lebensfreude und Rock’n’Roll in der HafenCity Von Wolfgang Timpe

Herr Grote, halb Hamburg ist in den großen Sommerferien und Sie nehmen noch viele Termine wahr und machen Pressekonferenzen. Wann und wo macht der Innen- und Sport-Senator Urlaub? In der zweiten Hälfte der Sommerferien. Am besten entspanne ich an der Nordsee. Sobald ich Seeluft atme, tritt unmittelbar Erholung ein. Später geht es dann noch nach Schweden. 

Foto oben: „Schon 2012 konnte man zum Beispiel abends im Club 20457 bei Toni feststellen, dass in der HafenCity Menschen wohnen und es ein normales Stadtteilleben gibt. Der Club 20457 ist die moderne Über­setzung von Eckkneipe.“ @Thomas Hampel

Schalten Sie nur im Norden ab? Nicht nur. Wir waren zuletzt auch mal in Südafrika und, da meine Frau kolumbianische Wurzeln hat , werden wir dieses Jahr dort wahrscheinlich Weihnachten und Silvester verbringen. 

Sie sind im niedersächsischen Ort Erpen am Teutoburger Wald geboren und an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste in Büsum aufgewachsen und leben seit fast 30 Jahren in Hamburg. Wo fühlen Sie sich zuhause und was ist für Sie Heimat? Ich fühle mich in Hamburg zuhause, aber Büsum und Dithmarschen bleiben für mich immer auch Heimat.

»Die Durchmischung der HafenCity mit bezahlbarem Wohnraum hat eindeutig zu spät 
begonnen.« Foto: Thomas Hampel
»Die Durchmischung der HafenCity mit bezahlbarem Wohnraum
hat eindeutig zu spät begonnen.« Foto: Thomas Hampel

Was hat der Norddeutsche Andy Grote, was zum Beispiel ein Münchner nicht erwerben kann? Norddeutsche Klarheit und Gelassenheit. 

VITA
Andy Grote ist Innen- und Sport-Senator der Freien und Hansestadt Hamburg und seit Januar 2016 Präses der Behörde für Inneres und Sport mit 15.600 Mitarbeitern und einem jährlichen Etat für 2019 und 2020 von jeweils rund 1,5 Milliarden Euro. Der 51-jährige SPD-Politiker, aufgewachsen in Büsum, verpflichtete sich nach dem Abitur zwei Jahre bei der Marine, studierte Rechtswissenschaften an der Uni Hamburg und war zehn Jahre selbstständig als Rechtsanwalt tätig, bevor er von 2012 bis 2016 Bezirksamtsleiter von Hamburg-Mitte war und das Wachsen der jungen HafenCity mit erlebte und gestaltete. Andy Grote und seine aus Kolumbien stammende Frau Catherine haben einen zweijährigen Sohn Carl und leben auf St. Pauli.

Sie sind am 14 Juni geboren, sind Zwilling und stehen unter dem prägenden kosmischen Einfluss der Planeten Merkur und Uranus. 
Das bestreite ich (lacht).

Für die Astrologie sind Sie damit ein starker Charakter mit „Individualität, Kreativität, Vielseitigkeit und Geselligkeit“ und den Schwächen aus „Kritiklust, Impulsivität und ungeduldiger Dominanz“. Worin erkennen Sie sich wieder? Ach, wissen Sie, das stimmt alles irgendwie, würden aber auch viele andere für sich in Anspruch nehmen. Ich habe da so meine Zweifel, aber widersprechen kann ich auch nicht (schmunzelt).

Von 2012 bis 2016 waren Sie Bezirksamtsleiter von Hamburg-Mitte und haben die entscheidende positive Wachstumsphase der HafenCity mitgemacht, zu der auch noch die Vollendung der Elbphilharmonie gehörte. Was ist Ihre prägendste HafenCity-Erinnerung als Bezirkschef? Es war die aufregendste Phase der HafenCity und für mich persönlich war zum Beispiel die Gründung des Forums HafenCity wichtig, weil dadurch die kommunalpolitische Beteiligung in der HafenCity gestartet ist. Es war schön mitzuerleben, dass die HafenCity damals angefangen hat, sich wie ein normaler Stadtteil anzufühlen. Schon damals konnte man zum Beispiel abends im Club 20457 bei Toni feststellen, dass in der HafenCity Menschen wohnen und es ein normales Stadtteilleben gibt. Der Club 20457 ist die moderne Übersetzung von Eckkneipe. 

»In der Hafen-City hatten wir große Schwierigkeiten Sport-, Schul- und Freiflächen ­auszuweisen. Das war ein ständiger Konflikt.« Foto: Thomas Hampel
»In der Hafen-City hatten wir große Schwierigkeiten Sport-, Schul- und
Freiflächen ­auszuweisen. Das war ein ständiger Konflikt.« Foto: Thomas Hampel

Ziehen Sie doch bitte für die HafenCity mal eine Bilanz. Was ist Ihrer Meinung nach gelungen und was ist schief gegangen? Wir haben mit der Durchmischung des Quartiers mit bezahlbarem Wohnraum eindeutig zu spät begonnen. Das hätte ich mir von Beginn an stärker gewünscht. Inzwischen ist es aber auf einem guten Weg. Die Kosten für die Herstellung bebaubarer Grundstücke und funktionierender Infrastruktur sind sehr hoch und treiben die Investitionen für die Bauherren in die Höhe. Das führt zu hohem Verwertungsdruck, das heißt zu hohen Mieten. Wir hatten zum Beispiel große Schwierigkeiten, Sportflächen auszuweisen und auch große Diskussionen um Schulhofflächen und generell um Freiflächen, weil es dann einfach schwer fällt, die Nutzungen, die nichts einbringen, trotzdem unterzubringen. Das war ein ständiger Konflikt und so hätte ich mir als Sportsenator mehr Sportmöglichkeiten gewünscht. Immerhin bewegt sich da ja mit den Möglichkeiten im Oberhafenquartier jetzt etwas. 

Eine nach wie vor lebhafte Debatte im Stadtteil zum Beispiel beim Schulcampus HafenCity, wo auf Kosten von Schulflächen inzwischen auch von Stadtplanung, Schulbehörde und HafenCity Hamburg GmbH zusätzlicher Wohnungsbau im Lohsepark geplant wird. Es gibt inzwischen zum Glück viele Bewohner, die sich artikulieren und ihre Interessen im Stadtteil vertreten, was zu Beginn der HafenCity noch nicht so ausgeprägt war. 

Warum tut sich die Politik so schwer, den Anwohnern das authentische Gefühl zu geben, ihren Stadtteil wirklich mitgestalten zu können? Man kann sehr viel erreichen. Bis dahin, dass kleine Initiativen großen Erfolg haben können. Jedenfalls kenne ich keinen Abgeordneten, der sich nicht mit den Initiativen, Gremien und Vereinen oder direkt mit den Bewohnern auseinandersetzt. Viele haben inzwischen Büros in den Stadtteilen, leben zum Teil selbst dort und kümmern sich. Diese Verantwortung hat deutlich zugenommen. Wenn man ernsthaft auf Politik zugeht und ein Grundverständnis dafür mitbringt, dass sich das eigene Interesse nicht immer zu 100 Prozent durchsetzen lässt, weil es eben auch noch andere Interessen gibt, dann wird man erfolgreich mitgestalten können. 

Prof. Bruns-Berentelg, Chef der HafenCity Hamburg GmbH sagte im jüngsten Interview bei uns, dass der Kapitalismus alleine nicht automatisch funktioniert und heute die HafenCity Hamburg GmbH mit den Investoren auch realisierbare Mietpreise für Wohnen und Gewerbe fest in Verträgen vereinbart – manchmal gedeckelt bei 15 Euro. Freut das den Sozialdemokraten Andy Grote? Das ist ja keine ganz neue Erkenntnis. Und das ist das Prinzip der nachhaltigen Konzeptvergabe von Grundstücken. 2011 hat der neue Senat entschieden, dass nicht nur der höchste gebotene Quadratmeterpreis zählt, sondern welche Nutzungen zu welchen finanziellen Bedingungen umgesetzt werden. Es war wichtig, Mietflächen für einen geringeren Preis für Nutzungen anzubieten, die nicht nur kommerziell sind und die ein Stadtteil dringend braucht. Das ist ein richtiges Prinzip. 

„Der Chance, am Entenwerder Park eine attraktive Sport- und Freizeitmöglichkeit zu schaffen, hänge ich noch nach, weil es einfach ein phantastischer Ort ist, den wir nicht gut genug nutzen.“ Foto: Thomas Hampel
„Der Chance, am Entenwerder Park eine attraktive Sport- und
Freizeitmöglichkeit zu schaffen, hänge ich noch nach, weil es einfach ein phantastischer Ort
ist, den wir nicht gut genug nutzen.“ Foto: Thomas Hampel

Viele Bewohner, nicht nur die Berufsnörgler, vermissen nachhaltig das Grüne und ordentliche Radwege in ihrem Stadtteil. Ist die HafenCity zu versiegelt? Ich kann das nachvollziehen, jeder hätte gerne möglichst viele Freiflächen, aber die HafenCity liegt absolut zentral. Und es war immer klar, dass es ein Stadtteil mit einer hohen Dichte werden wird. Und die Hamburger Stadtteile, denen man heute in der Stadt die höchste Lebensqualität zuordnet, den Gründerzeitvierteln wie Eimsbüttel, Eppendorf oder Winterhude, in denen viele wohnen wollen, sind auch Quartiere mit einer hohen Dichte und geringerem Grünanteil. Das kann ja auch eine lebendige Urbanität und hohe Qualität in einen Stadtteil bringen. Und in der HafenCity haben wir die einzigartigen Weitblicke durch die Wasserflächen und Grünflächen gibt es auch..

Genug? Es können immer mehr sein, , aber man darf nie den Vorteil vergessen, so zentral in der Stadt zu wohnen. 

Aber beim Sport sind Sie deutlich unzufrieden mit der HafenCity? Uns ging es beim Sportthema vor allem um ein Großspielfeld. Ein kleineres Spielfeld bekommt die HafenCity jetzt im Oberhafenquartier. Das ist ein Kompromiss. Man muss aber auch sehen, dass man u.a. durch die Wasserumgebung für das Geld, das ein Großspielfeld in der HafenCity kosten würde, in anderen Stadtteilen gleich mehrere neue Sportplätze realisieren kann. Unser Ziel als Sportbehörde ist es jedenfalls, dass der Sport bei der Stadtteilentwicklung in Zukunft von Anfang an mitgeplant wird. 

Wie hätten Sie eine Großspielfläche im Entenwerder Park gefunden? Ich fand das immer gut. Es war eine heiße Debatte: Einige monierten, dass das Gebiet teilweise überflutet würde, anderen gingen durch die Großspielfläche zu viel Grünflächen in Rothenburgsort bzw. im Entenwerder Park verloren. 

Und es hätte die Nachbarschaften von HafenCity und Rothenburgsort enger miteinander verbunden. Ist das Thema durch? Man weiß nicht, wann Debatten durch sind. Vielleicht flammen sie ja auch noch einmal auf. Zurzeit sind die kleinen Spielflächen in der HafenCity und die Modernisierung einer Großspielfläche in der Nachbarschaft in der Nähe Berliner Tor geplant. Das ist ein vernünftiges Konzept, aber der Chance, am Entenwerder Park eine attraktive Sport- und Freizeitmöglichkeit zu schaffen, hänge ich noch nach, weil es einfach ein phantastischer Ort ist, den wir nicht gut genug nutzen. 

Als früherer Bezirkschef kennen Sie alle Stadtteile von Mitte. Was zeichnet die HafenCity im Vergleich zu ihren Nachbarn von der Stadtküste aus? Die HafenCity zeichnet sich dadurch aus, dass sie in ihrem westlichen, zentralen Teil eine Fortsetzung der Innenstadt an die Elbe darstellt. Und im Osten mit dem Baakenhafenquartier an Rothenburgsort, Hammerbrook und die Veddel heranwächst. Dadurch übernimmt die HafenCity eine Brückenfunktion und hat so das Potenzial, Entwicklungsimpulse in die aus meiner Sicht vollkommen unterschätzten Stadtteile im Osten zu geben. Es werden da spannende neue Räume entstehen. Das neue Hamburg entsteht eher im Osten und Südosten. Man würde ja heute Hammerbrook-City-Süd als reinen Büro- und Gewerbestandort so nie wieder bauen an einer zentralen Stelle der Stadt. Es findet zurzeit eine Rückverwandlung der östlichen und südöstlichen Stadtteile durch Wohnen und Kultur statt. Das finde ich total spannend, auch weil die Quartiere am Wasser und an Kanälen liegen. Dort entsteht eine hohe Lebensqualität. Wir alle müssen uns mit unserem gewohnten Hamburg-Kompass neu orientieren. Das sind zentrale, attraktive Stadtteile von Hamburg, die jetzt eine Aufwertung erfahren. 

Wird das endlich der Sprung über die Elbe? Jetzt machen wir jedenfalls langsam ernst. Und dabei ist die HafenCity ein ganz wichtiger Teil. Denn wenn ich in den Süden und Osten Hamburgs will und erst einmal zum Hauptbahnhof muss, dann durch Hammerbrook und über die Elbbrücken und die Wilhelmsburger Reichstraße nach Wilhelmsburg fahre, nimmt das niemand als Sprung wahr. Das ist für viele eine halbe Weltreise. Wenn ich aber künftig zu Fuß oder mit dem Fahrrad vom Lohsepark über die neue Brücke dann in den Entenwerder Park gehen oder die direkte Verbindung von der HafenCity zur Veddel und zum Grasbrook nutzen kann, wächst tatsächlich etwas zusammen. Und der große weiterführende Schulcampus wird für die HafenCity, Rothenburgsort, Grasbrook und die Veddel ein weiterer Baustein des Zusammenwachsens. 

Wie erklären Sie einem Gast aus New York, Peking oder Singapur die HafenCity? Mit der HafenCity erfindet sich Hamburg neu, indem die Innenstadt ans Wasser wächst. Dort werden Urbanität und Zukunftszuversicht spürbar. Einfach für Nicht-Hamburger: Die HafenCity ist ein faszinierender, zentraler Stadtteil am Wasser, in dem man gut leben kann – und der sich ständig weiterentwickelt. Je mehr ich durch das Quartier gen Osten gehe, desto neuer wird alles. Ein komplett neu entstandener Stadtteil, was so nur noch in Oberbillwerder sein wird. Und durch das langsame Wachsen der verschiedenen Abschnitte der HafenCity nacheinander lernen alle ständig dazu und wir werden immer besser bei der Durchmischung und den vielfältigen Angeboten im Quartier – vom Cruise Center Hafencity bis zum Kultur- und Szenequartier Oberhafen mit Freiraum für Kreativität. 

Was wünschen Sie der HafenCity für die kommenden fünf Jahre? Dass sie einfach ein noch kompletterer Stadtteil wird mit noch viel unterschiedlicheren Bewohnern und einem noch viel breiteren Angebot an nichtkommerziellen Nutzungen. 

Können Sie sich persönlich vorstellen, mit Ihrer Frau Catherine und ihrem fast zweijährigem Sohn Carl in der HafenCity zu leben? Auch wenn die Lebensqualität in der HafenCity hoch ist: Wir leben gern auf St. Pauli und für uns steht kein Umzug an. 

Inzwischen sind Sie seit Januar 2016 Innen- und Sportsenator von Hamburg. Was war die größte Herausforderung beim Wechsel vom wichtigsten Bezirkschefposten in das politisch gewichtigere Senatorenamt? Erst einmal eine deutlich gestiegene Verantwortung für ganz Hamburg und als Innensenator bin ich vor allem auch verantwortlich für die Sicherheit und das Sicherheitsgefühl der Menschen, das für sie zu Recht ein Grundbedürfnis ist.

»Sicherheit bedeutet 
Freiheit. Jeder möchte sich in seiner Stadt frei und ohne Angst vor 
Bedrohungen bewegen 
können.« Foto: Thomas Hampel
»Sicherheit bedeutet Freiheit. Jeder möchte sich in seiner Stadt
frei und ohne Angst vor Bedrohungen bewegen können.« Foto: Thomas Hampel

Warum ist Menschen ein Sicherheitsbedürfnis so wichtig? Sicherheit bedeutet Freiheit. Jeder möchte sich in seiner Stadt frei und ohne Angst vor Straftaten oder Bedrohungen bewegen können und einfach wohlfühlen. Und die Menschen erwarten, dass ihnen in Notsituationen etwa durch Rettungsdienste, Feuerwehr und Polizei schnell geholfen wird. Das Sicherheitsempfinden der Bürger betrifft eben existenziell die Lebensqualität, weshalb sie in diesem Bereich besonders sensibel reagieren. 

Wie fühlt sich gewachsene Verantwortung an? Schläft man schlechter? Nein. Man braucht Ruhe, Kraft und Klarheit für das Amt des Innensenators. Wer Verantwortung als eine Last empfindet und nachts schlecht schläft, ist für die Aufgaben nur eingeschränkt geeignet. Das Amt bringt allerdings schon eine Ernsthaftigkeit mit sich, deswegen löst es bei mir jedoch keinen unterschwelligen Alarmzustand aus. Das wäre auch fatal, weil man dann die notwendige Ruhe und Klarheit, Entscheidungen zu treffen, verlieren würde. 

Wann haben Sie sich das erste Mal befreit über Ihren Senator-Job gefreut? Das kann ich so spontan nicht sagen. Man freut sich einfach, wenn Dinge gelingen. Dass ich zum Beispiel in meiner Zeit schon über 1.300 neue Polizistinnen und Polizisten vereidigen konnte. Zu erleben, mit welchem Idealismus und Enthusiasmus sie in ihren Beruf gehen, ist eine schöne Bestätigung und zeigt, dass unser Personalverstärkungsprogrammm wirkt.

Und der Sport-Senator freut sich über den Aufstieg der Hamburg Towers aus Wilhelmsburg in die Basketballbundesliga? Natürlich. Genauso wie darüber, dass wir seit Jahren -Beachvolleyball fördern, hier den deutschen Leitstützpunkt aufgebaut haben und regelmäßig hochkarätige Veranstaltungen nach Hamburg holen, bei denen dann wie jetzt im Juli zwei Hamburger sensationell Vizeweltmeister werden. Dafür arbeitet man. Das sind die Dinge, die Freude machen. 

Und der Innensenator? Der freut sich, dass die aktuelle Kriminalitätsstatistik zeigt, dass es noch nie so wenig Kriminalität in den vergangenen 30 Jahren in Hamburg gegeben hat wie heute. Das ist eine großartige Leistung unserer Polizei. Oder dass ich, nachdem seit 1994 keine neue Feuerwache mehr gebaut wurde, in kurzer Zeit zwei neue Feuer- und Rettungswachen entlang des A7-Elbtunneldeckels, so genannte Portalwachen, einweihen konnte.. Das alles zeigt, dass wir uns leistungsfähig und stark aufstellen. Wir begleiten einen Entwicklungsprozess der wachsenden Stadt. Wenn mehr Menschen in Hamburg leben, muss sich auch die Sicherheitsarchitektur weiterentwickeln. Daran arbeiten wir Tag für Tag. Sie führen in ihrer Behörde 15.600 Mitarbeiter*innen und verfügen für Kosten und Investitionen zurzeit über einen Etat von jährlich 1,5 Milliarden Euro. An der Börse wäre Sie ein Big Player.

Nun, die Innen-, Sozial- und Schulbehörde sind die Ressorts mit den großen Personalkörpern und Etats. Auch durchaus mit Macht. Ich würde sagen: Man hat Verantwortung und Möglichkeiten. Und die Chance, Dinge zu bewegen, besser zu machen und zu gestalten. Wir haben zum Beispiel gerade entschieden, dass wir eine kleine Spezialeinheit beim Verfassungsschutz aufstellen, um tiefer einzusteigen und detailliertere Kenntnisse über rechtsextreme Strukturen und deren Kommunikation sowie ihre Vernetzung im Internet zu gewinnen. Da haben wir eine Aufgabe. 

G20-Resümee zu den Gewaltexzessen: „Dass eine große Gruppe von 200 Gewaltbereiten so etwas unbemerkt vorbereiten kann, war jedenfalls ein Alarmzeichen. Unser Anspruch ist, dass uns so etwas künftig nicht mehr überraschen darf.“	 Foto: Thomas Hampel
G20-Resümee zu den Gewaltexzessen: „Dass eine große Gruppe von 200 Gewaltbereiten
so etwas unbemerkt vorbereiten kann, war jedenfalls ein Alarmzeichen. Unser Anspruch ist, dass uns so etwas künftig nicht mehr überraschen darf.“ Foto: Thomas Hampel

Nachholbedarf oder Aufgabe? Nein, kein Nachholbedarf. Wir beobachten ja ständig, wie sich die einzelnen Phänomenbereiche des Extremismus entwickeln und müssen unsere Strukturen und Organisation fortlaufend und überall anpassen. Wir haben in Hamburg zwar eine eher schwache rechte Szene und auch keine auffälligen Entwicklungen, aber bundesweit sehen wir eine vollkommen veränderte Lage und ein Erstarken der rechtsextremistischen Szene. Hass, Pöbelei und Bedrohung haben im Internet stark zugenommen. Und der Kasseler Regierungspräsident ist 74 Jahre nach dem Untergang des Nationalsozialismus von Rechtsextremisten ermordet worden. Wir haben ein neues Niveau rechtsextremistischer Bedrohung in Deutschland.

Sie haben anlässlich der zunehmenden extremistischen Gewalt von einer neuen „Entgrenzung“ bei links- und rechtsextremen sowie islamistischen Gewaltbereiten gesprochen. Was meinen Sie damit? Verfassungsfeindliche Gruppierungen versuchen, ihre extremistischen Positionen auch in die Mitte der Gesellschaft zu transportieren. Dies geschieht insbesondere über die gezielte strategische Besetzung gesellschaftlich breit diskutierter oder akzeptierter Themen durch Extremisten. Diese Strategie, die Grenzen zwischen demokratischem und extremistischem Spektrum aufzulösen, bezeichnen wir als Entgrenzung. So instrumentalisiert die linksextreme Interventionistische Linke populäre Themen wie den Klimaschutz und versucht Einfluss auf die „Fridays for Future“-Bewegung zu nehmen. Dasselbe gilt für Rechtsextremisten, die als Organisatoren hinter den „Merkel muss weg“-Demos stecken. Oder für Islamisten, die als Tarnung zum Beispiel einen Sportverein gründen oder populistische Internetkampagnen etwa gegen das Kopftuchverbot starten, obwohl ein Verbot nicht geplant ist. 

Apropos extreme Gewalt. Der G20-Gipfel in Hamburg vor zwei Jahren hat mit seinen Gewaltexzessen Ihre Amtszeit geprägt. Gerade wurde ein 36-Jähriger zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Es gab bislang 900 staatsanwaltliche Verfahren und bei 310 Anklagen wurden mehr als 180 Urteile von Hamburger Richter*innen gefällt. Sie sprachen damals von Terrorismus-ähnlichen Strukturen bei den Aktionen der brennenden Autos auf der Elbchaussee und den Eskalationen und Plünderungen im Schanzenviertel. Wie bewerten Sie heute das Ereignis? Noch nie hat es nach derartigen Ereignissen eine so intensive strafrechtliche Aufarbeitung gegeben. Wir haben inzwischen rund 950 Beschuldigte identifiziert und damit sinnvoll zu führende Strafverfahren. Das ist ein Novum. 

Manche hätten so eine Gewalteskalation im Amt des Innensenators nicht überlebt. Wie haben Sie das geschafft? Wir konnten im parlamentarischen Aufklärungsprozess deutlich machen, dass wir mit dem Wissen, was wir im Vorfeld des Gipfels hatten, extrem sorgfältig und professionell vorbereitet waren. Die Geschehnisse morgens an der Elbchaussee und abends im Schanzenviertel sind dann aber extrem von dem abgewichen, was man erwarten konnte. Und ja, mit den Situationen sind wir nicht gut zurecht gekommen. Wir haben aber daraus gelernt und auch schon Konsequenzen gezogen.

Hat das Frühwarnsystem versagt? Dass eine große Gruppe von 200 Gewaltbereiten so etwas unbemerkt vorbereiten kann, war jedenfalls ein Alarmzeichen. Unser Anspruch ist, dass uns so etwas künftig nicht mehr überraschen darf. Ein Indiz für bessere Beobachtung ist, dass die Polizei gerade zum 2. Jahrestag des Gipfels einen ähnlich gut vorbereiteten, konspirativ geplanten nächtlichen Brandanschlag von Linksextremisten verhindern konnte, wo die Festgenommenen Sturmmasken, Einweghandschuhe, Brandsätze, Wechselkleidung und Zettel der Anschlagsziele bei sich hatten. Unser Signal an die Szene ist: Ihr könnt nicht sicher sein, dass ihr davonkommt. Das ist ein großer Erfolg. 

Das Schöne an Ihrem Doppel-Senatorenamt ist, dass Sie dienstlich als Sportsenator abschalten können. Was bedeutet Ihnen als Kickervereinsmitgründer des FC Silbersack und als St. Pauli-Mitglied der Sport? Ich begeistere mich für Sport und das tut mir gut. Man kommt mit anderen Menschen zusammen, sorgt für Stressabbau und ein gutes Lebensgefühl. Und es macht natürlich Spaß, im Amt des Sportsenators Dinge zu bewegen, wie zum Beispiel mit der ActiveCity-Strategie. 

Sorgt der Sportsenator denn bei populären Sportarten Fußball, Handball und Eishockey künftig mit dafür, dass Hamburg wieder erstklassig spielt? Natürlich muss Hamburg den Anspruch haben, nicht nur im Basketball in der 1. Liga zu spielen. Wir haben zwei Fußballzweitligisten mit viel Erstliga-Erfahrung und ich traue denen zu, dass sie auch wieder aufsteigen. Durch solche Phasen muss man mal durch. Berlin ging es da zeitweise auch nicht besser. 

Wie halten Sie sich fit? Zu wenig (lacht). Ich mache Fitness-Funktionstraining, Schwimmen und Laufen.

Sie gelten als verständiger und teamfähiger Behördenchef, können aber auch impulsiv sein und klare Kante zeigen. Was regt Sie privat und beruflich auf? Da gibt es einiges. Unehrlichkeit, Heuchelei und moralisch-politische Überheblichkeit. Und im Amt ärgere ich mich, wenn Sachen nicht funktionieren. 

Was ist das beste Rezept dagegen?
Ruhe bewahren. 

Apropos Kante zeigen. Was sagen Sie als SPD-Politiker eigentlich zur Volkspartei SPD? Hinter diesem Anspruch steht eine Haltung der SPD, dass sie eine Politik formulieren will, die für eine Mehrheit der Bevölkerung funktioniert und mit der man gesellschaftliche Widersprüche und Gegensätze zu politischen Lösungen zusammenbringt. Gerade jetzt brauchen wir Parteien, die nicht in der Perspektive einzelner gesellschaftlicher Gruppen denken und argumentieren. Wer gesellschaftlichen Konsens herstellen will, sollte den am besten schon mal in der eigenen Partei finden und unterschiedliche Positionen zusammenbringen. Die SPD ist zum Beispiel die einzige Partei, die die Themen Wohnungsbau und Bezahlbarkeit von Mieten konkret voranbringt. Der Ex-Kanzler Gerhard Schröder hat der SPD gerade empfohlen, die Grünen nicht grün zu überholen, sondern sich um die Mitte der Gesellschaft und die Wirtschaft zu kümmern. 

Hat er Recht? Wer heute den Anspruch erhebt, eine Stadt oder ein Land zu regieren, muss sich auch um Klimaschutz kümmern. Wir müssen als SPD dafür Lösungen haben, aber es ist längst nicht die einzige wichtigeZukunftsfrage. Wenn die Kassiererin oder der Paketbote aus Rahlstedt oder Osdorf morgens aufstehen und sich fragen, wie sie eigentlich klarkommen sollen, ist für die nicht ein fehlender Lastenfahrrad-Aufzug das dringendste Problem. 

Schauen Sie nach den Erdrutscherfolgen der Grünen bei den Bezirks- und Europawahlen in Hamburg mit Bangen auf die Bürgerschaftswahl in Hamburg im Februar 2020? Nein. Die Grünen haben ein gutes Bezirkswahlergebnis erzielt und müssen jetzt zeigen, dass sie mit der Verantwortung klarkommen und für die Mehrheit der Menschen Politik machen können. Sie haben bisher nie aus der Sicht einer breiten Mehrheit Politik gemacht. Die Zustimmung zu Grün ist wesentlich dadurch zustande gekommen, dass ihr Urthema, der Klimawandel, eine andere gesellschaftliche Relevanz bekommen hat. Deswegen haben sie aber nicht automatisch bei anderen Themen mehrheitsfähige Konzepte. Die müssen sie ab jetzt liefern. 

Was macht die Hamburger SPD besser als das Willy-Brandt-Haus in Berlin, da sie immer erfolgreiche Bürgermeister und Senatoren stellen kann? Wir stehen in Hamburg einfach für eine stabile und klare Politik mit konkreten Zielen und verlässlicher Umsetzung. 2011 haben wir mit Olaf Scholz als Bürgermeister gesagt: Wir kündigen nur das an, was wir auch schaffen. In Hamburg wissen alle in der SPD, woran sie sind, und auch die Wähler wissen in Hamburg, woran sie mit der SPD sind. Das ist im Bund leider nicht immer so. 

Sie galten lange als ein „bunter Hund“, mit dem man mal gut um die Häuser ziehen konnte. Mit fast 50 Jahren haben Sie noch einmal geheiratet. Was bedeutet Ihnen Familie? Es verändert alles. Wenn man eine Familie gründet, beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Sie ist jetzt das Wichtigste und der Grund, warum man morgens aufsteht. 

Man trifft Sie gelegentlich in der HafenCity im Club 20457 von „Toni“ Fabrizi, wo Sie mit Ihrer Frau auch mal tanzend den frühen Morgen erleben. Sind Sie ein „Feierbiest“? Ich feiere gerne und das gehört zum Leben dazu. Politik, Lebensfreude und Rock’n’Roll schließen sich überhaupt nicht aus.  Das Gespräch führte Wolfgang Timpe

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