Buchtipps: Lesen, Chillen, Summertime

Literatur. Unser HCZ-Autor und Kolumnist Jan Ehlert hat für Sie seine 10 Buchtipps für
eine relaxte und anregende Lektüre in den Sommerferien 2026 zusammengestellt 

Jahrzehntelang hat Anna den Haushalt des Dorfpastors geführt. Als dieser plötzlich stirbt und ein neuer, sehr norddeutscher Pastor ins tiefbayerische Blumfeld kommt, braucht sie viel Fantasie und Diplomatie, um ihn an das Leben im Süden zu gewöhnen. Vielleicht zu viel Fantasie, denn schon bald glauben alle, dass „der Neue“ ein leiblicher Sohn von Papst Benedikt ist. In vielen weiteren Anekdoten zeigt sich, wie sehr Anna das Dorf zusammenhält. Ein absolutes Wohlfühlbuch mit viel Sommeratmosphäre, ein klein wenig Herzschmerz und der richtigen Prise Tiefgang. Jan Ehlert 
Foto oben: Sonne, Sand und Buch. Viel Spaß mit den Lese-Welten unseres HCZ-Autors Jan Ehlert.© picture alliance / Westend61 | Gabi Dilly

Martina Bogdahn, »Mirabellentage«; Kiepenheuer & Witsch, 352 Seiten, Hardcover, 23 Euro. 

Eine romantische Enemies-to-Lovers-Geschichte mit Tiefgang: Der Star des Eishockeyteams braucht dringend Nachhilfe, um seinen Notenschnitt zu halten. Er macht mit Musikstudentin Hannah einen Deal: Er gibt vor, ihr Freund zu sein, damit ihr heimlicher Schwarm auf sie aufmerksam wird. Wie zu erwarten, verlieben sich beide ineinander. Wie sie sich aber annähern und dabei schwere Traumata überwinden, das ist sensibel und einfühlsam erzählt. Und ein paar Wahrheiten, was Liebe wirklich ausmacht, finden sich hier auch. Das Buch ist die Vorlage für die Erfolgsserie „Off Campus“ auf Amazon Prime, aber weitaus besser und vielschichtiger. Jan Ehlert

Elle Kennedy, »The Deal – Reine Verhandlungs­sache«; Piper Verlag, 464 Seiten, Hardcover, 22 Euro. 

Ein Axthieb rettet den jungen Adrian vor dem Krieg: Wegen seiner Verletzung kann er nicht eingezogen werden. Später sieht er am Beispiel von in schwerstem Maße Kriegsversehrten, was Gewalt und Grausamkeit mit Menschen macht, während der nächste Krieg schon am Horizont dämmert. Ein aufwühlender Roman von sprachlicher Größe über die furchtbaren Verletzungen, die das 20. Jahrhundert hinterlassen hat, und über die Kraft, dennoch weiterzuleben. Ein würdiges
Buch für den diesjährigen Siegfried-Lenz-Preis in Hamburg. Jan Ehlert 

Norbert Gstrein, »Im ersten Licht«; Hanser, 416 Seiten, Hardcover, 27 Euro. 

In einer fiktiven Stadt nahe der polnischen Grenze kreuzen sich die Schicksale ganz unterschiedlicher ­Menschen. Tom sucht nach etwas, was seinem Leben endlich Bedeutung gibt. Marie kämpft damit, es jenseits von Sanditz nicht geschafft zu haben, und Roland verliebt sich bei einem Diebeszug in einen Mann. Rietzschel erzählt von Menschen, die sich in einer härter werdenden Welt zu behaupten suchen, und von den Träumen und Hoffnungen, die sich mit der Wende nicht erfüllten. Sprachgewaltig und lebensnah. Jan Ehlert

Lukas Rietzschel, »Sanditz«; dtv Verlag, 480 Seiten, Hardcover, 26 Euro. 

Wenn draußen die Sonne scheint, fällt die Büroarbeit drinnen umso schwerer. Die junge Sophie schmeißt daher spontan ihr Praktikum und kauft sich ein Haus in der ostdeutschen Provinz. Das ist allerdings ziemlich heruntergekommen. Doch mithilfe von YouTube-Tutorials und freundlichen Nachbarn gelingt es ihr, sich dort etwas Neues aufzubauen. Ein wunderschöner Sommerroman über Freud und Leid des Landlebens, über den Mut, einfach einmal auszubrechen, und über die Frage, wie man eigentlich artgerecht Hühner hält. Vorsicht: Die Rückkehr ins Büro fällt nach der Lektüre deutlich schwerer. Jan Ehlert 

Anna Katharina Scheidemantel, »Statt aus dem Fenster zu schauen«; Pola Verlag, 352 S., 22 Euro. 

Ein Antiquar wagt sich endlich an sein eigenes Geschäft. Eine Blumenhändlerin schwärmt heimlich für einen Nachbarn. Ein junger Mann weiß nicht, wohin mit seiner Wut. Sie alle wohnen in der gleichen Straße. Und Robert Seethaler ist einfach ein Meister darin, mit wenigen Worten ganze Biografien zu erschaffen. Hier sind es nicht nur diese drei, sondern viele Stimmen, die sich zu einem Chor aus Gefühlen, Ängsten und Sorgen zusammenfügen. Nicht immer ist klar, wer hier eigentlich gerade spricht, und dennoch kann man sich dem Sog dieses großen atmosphärisch starken Perspektivenpanoramas nicht entziehen. Jan Ehlert

Robert Seethaler, »Die Straße«; Claassen Verlag, 240 Seiten, Hardcover, 25 Euro. 

Screenshot

Ein Wiedersehen mit alten Bekannten aus dem so liebenswerten Strout-Universum: Olive Kitteridge, die knarzige alte Dame, ist wieder da und zieht aus dem Altenheim heraus noch immer die Fäden. Bob Burgess, ein alternder Anwalt, versucht indes rauszufinden, was es mit seiner Beziehung zu Lucy auf sich hat: Freundschaft oder doch noch mehr? Ein wunderschönes Buch über die Frage, warum wir uns manchen Menschen näher fühlen als anderen. Und warum es am Ende doch immer gut ist, sich voneinander zu erzählen, auch – oder gerade – wenn es wehtut. Jan Ehlert

Elizabeth Strout, »Erzähl mir alles«; Luchterhand, 400 Seiten, Hardcover, 25 Euro. 

Julia wächst als Kind eines schwarzen US-Soldaten und einer weißen deutschen Mutter in der Nach­kriegsbundesrepublik auf. Trotz der Erfahrungen mit alltäglichem Rassismus und dem Gefühl des Ausgeschlossenseins entwickelt Julia ein starkes Selbstbewusstsein, was vor allem ihrer unermüdlichen Oma Berta zu verdanken ist – eine meiner literarischen Lieblingsfiguren dieses Frühjahrs. Ein selten erzählter Blick auf die frühen Jahre im deutschen Wirtschaftswunderland und ein Mut machendes Plädoyer für Toleranz und Allyship. Jan Ehlert

Marion Kraft, »Weltenwechsel«; Orlanda, 416 Seiten, Hardcover, 26 Euro. 

Was tun, wenn die große Liebe zerbricht und für das Kinderkriegen nicht mehr viel Zeit bleibt? Die Protagonistin dieses humorvoll geschriebenen Romans versucht es mit Tinder-Dates, Patchworkaffären und Paketboten-Verführung. Neben diesen rasant geschriebenen Passagen geht es aber auch um die große Frage, wie man in einer Welt von Onlinedating und perfekten Social-Profilen trotzdem so etwas wie Vertrauen und tiefere Verbindungen aufbauen kann. Lebensklug und lustig zugleich. Jan Ehlert

Yade Yasemin Önder, »Anti-Müller«; Park X Ullstein, 240 Seiten, Hardcover, 23 Euro. 

Schon lange träumt Vincent davon, den legendären verschollenen zehnten Band von Laurence Sternes Meisterwerk „Tristram Shandy“ zu finden. Dann bekommt er die Chance, doch woher nimmt man so schnell 150.000 Euro? Gleichzeitig sucht Vincent noch immer nach seiner Mutter, einer begnadeten Geschichtenerzählerin, die vor vielen Jahren verschwand. Ein unglaublich witziges Buch, in dem es viel um die Liebe zu Büchern geht und in dem die Grenze zwischen Wahrheit und Erfindung sehr, sehr fließend ist. Besonders schön ist, was ChatGPT über dieses Buch sagt: Das hätte ich gern geschrieben. Jan Ehlert

Markus Orths, »Die Enthusiasten«; Galiani Berlin, 368 Seiten, Hardcover, 24 Euro. 

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