Ab in die Zukunft

Bis 2035 will Airbus ein Passagierflugzeug auf den Markt bringen, das komplett C02-neutral fliegt – dank Antrieb mit Wasserstoff

Nur Fliegen ist schöner – diese alte Weisheit gilt leider im Moment so gar nicht. Die Corona-Krise verhindert fast alle Flugreisen; weil die Restriktionen so uneinheitlich sind zwischen Ländern und Regionen steigt derzeit so gut wie niemand ins Flugzeug. Aber die Flugbranche ist sich sicher: Die Nachfrage nach Flugreisen wird zurückkommen. Vermutlich schon im neuen Jahr, wenn es auch noch wesentlich länger dauern wird bis die Rekord-Passagierzahlen von 2019 wieder erreicht oder übertroffen werden. Aber in der Flugbranche wird nichts mehr so werden wie vor dem Virus. Vor allem wird es weniger Geschäftsreisende geben, deshalb stützen die Airlines ihre Hoffnungen auf Freizeitreisende.
Foto oben: Revolutionäre Airbus-Entwicklung eines emissionsfreien Fliegers; Grazia Vittadini: „Der Nurflügler ist aerodynamisch das vorteilhafteste Modell zur Integration der Wasserstofftanks.“ @ Airbus 2020 

Aber eins scheint allen klar: Die Luftfahrt wird wieder zur Wachstumsbranche werden, die sie immer war. „Die Weltwirtschaft hat so viele Schläge weggesteckt, das wird sie auch diesmal schaffen, und mit ihr die Luftfahrt“, sagt etwa Emirates-Chef Sir Tim Clark. Als größter Kunde des Riesen-Airbus A380 war er oft im Airbus-Werk in Finkenwerder. Clark betont genauso wie Airbus und die gesamte Branche: „Wieder zu wachsen geht nur, wenn Fliegen nachhaltiger wird.“

Airbus-Technologiechefin Grazia Vittadini und Luftfahrtjournalist Andreas Spaeth. @ Andreas Spaeth
Airbus-Technologiechefin Grazia Vittadini und Luftfahrtjournalist Andreas Spaeth. @ Andreas Spaeth

Genau damit beschäftigt sich in Finkenwerder, Bremen und Toulouse die Airbus-Technologiechefin Grazia Vittadini. Die 51jährige Italienerin begrüßt Besucher gern mit einem norddeutschen „Moin“ und widmet sich dann ihrem Lieblingsthema: Zukunftsweisenden Flugzeugen mit Wasserstoffantrieb. Das Ziel ist ehrgeizig: Bis 2035 will Airbus das weltweit erste emissionsfreie Verkehrsflugzeug herausbringen. Dazu hat der europäische Hersteller drei verschiedene Konzepte vorgestellt, von denen am Ende eines umgesetzt werden soll. Airbus will sich an die Spitze der Transformation setzen, um für die Luftfahrt die Abkehr von fossilen Brennstoffen und damit die Dekarbonisierung voranzutreiben. „Dies ist ein historischer Moment für die gesamte kommerzielle Luftfahrt“, sagt Grazia Vittadini.

Es fehlt bis heute an alltagstauglichen Konzepten.

Zweiter Entwurf ist ein Turboprop-Flugzeug mit Propellerantrieb (Foto o. r.) für bis zu hundert Passagiere auf Kurzstrecken.@ Airbus 2020
Zweiter Entwurf ist ein Turboprop-Flugzeug mit Propellerantrieb (Foto o. r.) für bis zu hundert Passagiere auf Kurzstrecken.@ Airbus 2020

Die Idee, Wasserstoff statt Kerosin als Energiequelle für Flugzeugtriebwerke zu nutzen, ist nicht neu, aber sie ist immer noch schwer umzusetzen. Daher fehlte es bis heute an alltagstauglichen und wirtschaftlich zu betreibenden Flugzeugkonzepten. Denn Wasserstoff ist nicht pflegeleicht: Er weist zwar gegenüber Kerosin die dreifach höhere Energiedichte auf, ein großer Vorzug gegenüber Batterien, und wiegt nur ein Drittel so viel, benötigt aber bis zu viermal mehr Volumen als gängiger Treibstoff. Und Platz ist an Bord von Flugzeugen nun mal notorisch knapp und kostbar. Außerdem, und das macht es besonders anspruchsvoll, ist Wasserstoff ein sogenannter kryogener Treibstoff: Ein Gas, das erst bei minus 253°C flüssig und unter hohem Druck komprimiert für Antriebe nutzbar wird. Was wiederum einen doppelwandigen, zylindrischen oder kugelförmigen Tank erfordert. Wasserstoff lässt sich auf verschiedene Arten für Flugzeuge nutzen: Zur direkten Verbrennung in umgerüsteten Gasturbinen, durch Brennstoffzellen umgewandelt in elektrische Energie oder man produziert damit in Kombination mit CO2 synthetisches Kerosin. 

„Wir müssen nicht in komplett neue Technolo­gien investieren.“

„Wir müssen das Flugzeug um diese Bedingungen herum neu gestalten“, weiß Grazia Vittadini. Daran versucht sich Airbus jetzt gleich mit einem Trio an Vorschlägen: Einer davon ist ein Jet, der 120-200 Passagiere über Strecken von etwa 3.700 Kilometer Länge befördern soll, etwa auf innereuropäischen Routen. Zweiter Entwurf ist ein Turboprop-Flugzeug mit Propellerantrieb für bis zu hundert Passagiere auf Kurzstrecken, das mit gut 600 km/h rund hundert Stundenkilometer schneller wäre als heutige Turboprops. Beide Entwürfe sind von modifizierten Gasturbinen angetrieben, ergänzt durch einen Hybrid-Elektromotor gespeist aus Brennstoffzellen, und bewusst konventionell gehalten. „Wir müssen dafür nicht in komplett neue Technologien investieren“, erklärt Vittadini. Ein völlig neuartiges Konzept gibt es auch – einen Wasserstoff-getriebenen Nurflügler. Hier formen Flügel und Rumpf einen durchgehenden aerodynamischen Körper. Diese Konfiguration gilt ohnehin als zukunftsträchtig. „Der Nurflügler ist aerodynamisch das vorteilhafteste Modell zur Integration der Wasserstofftanks“, so Grazia Vittadini. „Aber das heißt nicht, dass das bei den anderen Parametern ebenfalls die optimale Lösung ist.“ Andreas Spaeth

INFO 1: Andreas Spaeth ist Luftfahrtjournalist und hat sein Büro in der Deichstraße www.andreas-spaeth.net

INFO 2:
Zeroe – Visionen für Wasserstoff-Flugzeuge:

• Airbus hat drei Konzepte für Wasserstoff-getriebene Flugzeuge vorgestellt.

• Eins davon soll bis 2035 emissionsfrei Passagiere befördern.

• Wahrscheinlichste Variante ist ein 600 km/h schnelles Turboprop-Flugzeug mit achtblättrigen Propellern für bis zu 100 Passagiere auf Kurzstrecken.

• Ein Entwurf zeigt einen Jet für 120-200 Passagiere, der ein wenig wie heutige Flugzeuge aussieht, nur mit längeren, flexibleren Tragflächen.

• Revolutionärste Idee ist ein Nurflügler, der aerodynamisch günstig ist und diegroßen Wasserstofftanks am besten unterbringen könnte.

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