»Die Geschäfte laufen wieder«

Exklusivgespräch Dietmar Hamm, Geschäftsführer der Kontorhausverwaltung Bach und Levantehaus-Manager, über die wiederbelebte Innenstadt, die Fitness von Einzelhandelskonzepten und die willkommene Nachbarschaft der HafenCity

Herr Hamm, durch Ihre langjährige Tätigkeit in der Kontorhausverwaltung Bach und im City Management Hamburg kennen Sie die Innenstadt seit 23 Jahren in verantwortlicher Position aus dem Effeff. Wie laufen die Geschäfte in der City? Wir haben jetzt durch die Zeit mit Corona seit diesem Frühjahr eine Art Neustart in der Innenstadt und freuen uns darüber, dass wir die früheren Kunden- und Besucherfrequenzen langsam wieder bekommen. Gerade in der Spitalerstraße haben wir in diesem Sommer hervorragende Besucherzahlen. 
Foto oben: Geschäftsführer Dietmar Hamm über die Bedeutung der Innenstadt: „Wir sind die Stadt. Wir sind die Achse zwischen Hauptbahnhof und Rathaus, wir haben die wunderbare Architektur und die Geschichte Hamburgs und der Innenstadt, die es zu erzählen gilt.“ © Catrin-Anja Eichinger

Wie zählen Sie das? Wir haben sowohl in der Mönckebergstraße wie auch in der Spitalerstraße ausreichend Skill-Punkte, wo wir mit Lasertechnik die Zahl der Kunden und Passanten pro Minute zählen lassen können. Wir können so nicht nur die Besucherströme erfassen, sondern auch ihre Laufwege. Wir freuen uns, dass die Menschen jetzt wieder in die Innenstadt kommen. Nicht nur zum Einkaufen, sondern – gerade im Sommer – auch zum Flanieren und Erleben. Das macht einfach gute Laune. Die Geschäfte laufen wieder entsprechend gut.

Manager Dietmar Hamm vor dem Levantehaus: „Die Mönckebergstraße ist 50 Meter breit und 500 Meter lang. Sie brauchen, um eine solche Straße als Fußgängerzone belebt zu halten, eine hohe 24-Stunden-Grundfrequenz, damit es nicht ,zu luftig‘ wird auf der Straße.“ © Catrin-Anja Eichinger
Manager Dietmar Hamm vor dem Levantehaus: „Die Mönckebergstraße ist 50 Meter breit und 500 Meter lang. Sie brauchen, um eine solche Straße als Fußgängerzone belebt zu halten, eine hohe 24-Stunden-Grundfrequenz, damit es nicht ,zu luftig‘ wird auf der Straße.“ © Catrin-Anja Eichinger

Gilt das für alle? Es ist doch so: Wer sich und seine Geschäftsidee in der Innenstadt gut aufstellt und sich mit einem guten passenden Sortiment attraktiv präsentiert, der verdient auch sein Geld. 

Gilt das auch für das Levantehaus in der Mönckebergstraße? Das Levantehaus ist ein Markenprodukt, ein Zusammenschluss von Manufakturen, inhabergeführtem Einzelhandel und internationalen Brands mit einem Fünf-Sterne-Hotel. Diese Kombination macht das Levantehaus zu einem ganz eigenen Standort, zu einer Destination in der Destination Innenstadt. Hier wird es immer besondere Angebote geben, und vieles wird individualisiert, man kann sich Dinge maßschneidern lassen. Diese individuellen Produkte sind immer gefragt, und insofern sind wir mit dem Levantehaus als Produkt im Gesamtmarkt Innenstadt sehr zufrieden. 

Hat das in der Pandemie geholfen? Wir und andere Grundeigentümer und Geschäfte haben extrem unter der Großbaustelle in der Mönckebergstraße gelitten, die beinahe zwei Jahre den Geschäftsbetrieb belastet hat. Das hat weh getan, und wir haben in der Mönckebergstraße in der Kombination von Pandemie und Großbaustelle leider auch den einen oder anderen Mieter verloren. Seit Beendigung der Baustelle im Juni merken wir, dass die Mönckebergstraße wieder zu ihrem früheren Glanz zurückkehrt.

Sie sind seit 23 Jahren im Levantehaus und der Kontorhausverwaltung Bach dabei, kennen Ups and Downs. Haben Sie in der Pandemie mal nachhaltig gezweifelt? Nein, ich habe und werde niemals an der Qualität der Innenstadt wie auch der Mönckebergstraße zweifeln. 

Warum? Weil wir die Stadt sind. Wir sind die Achse zwischen Hauptbahnhof und Rathaus, wir haben die wunderbare Architektur und die Geschichte Hamburgs und der Innenstadt, die es zu erzählen gilt. 

Jüngst haben Sie und das City Management Hamburg mit der Open-Air-Ausstellung „Angekommen“ mit zwölf mächtigen dreieinhalb Meter hohen Bronze-Affenskulpturen die Mönckebergstraße zur Kunstmeile gemacht. Warum diese 14-tägige Aktion im Juli, und was sagen die Geschäftsleute dazu? Erst einmal haben wir uns gefreut, dass die Mönckebergstraße nun wieder vollkommen frei und ohne Baustellen und Einrüstungen war. Und so haben wir die Gelegenheit genutzt und konnten zeigen, dass die Mönckebergstraße ein Erlebnis- und ein Kulturraum sein kann – und nicht nur ein Fahrstreifen für Busse. 

Dietmar Hamm in 9 Sätzen

Karriere ist für mich … kein Ziel und unwichtig.

Abschalten kann ich … am besten zu Hause mit meiner Familie.

Meine Schwäche … ist, dass es mir schwerfällt, mich zu erholen. Ich bin halt, weil ich meinen ­Beruf liebe, immer in Bereitschaft. Wenn Sie so wollen, bin ich mental 24/7 Innenstadt.

Ich kann gut verzichten auf … Unehrlichkeit.

Meine Stärke ist … Aufrichtigkeit.

Mein schönstes Shopping-Erlebnis … liegt in der Zukunft.

Ein Traum von mir ist … so glücklich weiterzuleben, wie ich lebe.

Richtig ärgern … kann ich mich über ideologische Entscheidungen.

Glück bedeutet für mich … Glück.

Jetzt fahren die Busse wieder, wo sich doch viele nach einer busfreien Mönckebergstraße mit einer grünen wertigen Aufenthaltsqualität sehnen. Kommt ein grünes Fußgängerzonenparadies Mönckebergstraße mit viel Außengastronomie und Outdoor-Eventflächen? Ja, die Busse sind wieder da, aber es ist ein großer Unterschied, ob man zehn Buslinien über die Mönckebergstraße fahren lässt oder nur drei. Wir haben jetzt die gute Situation, dass die drei beliebtesten frequenzstarken Buslinien, die auch in die Randbezirke Hamburgs fahren, weiterhin bei uns fahren. Die kurz getakteten Expressbusse werden jedoch weiter über die Steinstraße geführt. Diese Kombination sichert die Erreichbarkeit der Mönckebergstraße und entlastet sie zugleich. Wir sind jetzt wieder eine Flaniermeile.

Geschäftsführer Dietmar Hamm im Konferenzraum der Kontorhausverwaltung Bach, im Hintergrund ein Bild des Levantehaus-Gründers Franz Bach: „Für uns ist Kultur kein Selbstzweck, sondern wir sehen sie als positives Engagement. Ja, Kultur ist ein Teil unserer DNA im Levantehaus.“ © Catrin-Anja Eichinger
Geschäftsführer Dietmar Hamm im Konferenzraum der Kontorhausverwaltung Bach, im Hintergrund ein Bild des Levantehaus-Gründers Franz Bach: „Für uns ist Kultur kein Selbstzweck, sondern wir sehen sie als positives Engagement. Ja, Kultur ist ein Teil unserer DNA im Levantehaus.“ © Catrin-Anja Eichinger

Wäre eine busfreie Flaniermeile nicht attraktiver? Wir müssen uns immer wieder vor Augen halten, dass die Mönckebergstraße 50 Meter breit und 500 Meter lang ist. Sie brauchen, um eine solche Straße als Fußgängerzone belebt zu halten, eine hohe 24-Stunden-Grundfrequenz, damit es nicht „zu luftig“ wird auf der Straße. Mir ist die Flexibilität lieber, dass wir in der Mönckebergstraße für ein attraktives Kultur-Event oder für eine Veranstaltung, die die Flaniermeile ungewöhnlich beleben kann, temporär Busse und Taxiverkehr aus der Straße herausholen. Die Läden, Praxen, Büros und Hotels in unmittelbarer Nähe von uns müssen schon erreichbar bleiben und durch eine flexible sinnvolle Mobilität ergänzt werden. Das ist der richtige Kompromiss zwischen Mobilität und attraktiver Innenstadt. Busse sind nicht alternativlos, deshalb können wir uns mittelfristig eine busfreie Mönckebergstraße vorstellen.

Wie fällt Ihre persönliche Bilanz der Affenskulpturenschau „Angekommen“ aus? Es ging uns darum, mit einer spektakulären Aktion den nach der Baustelle wiedergewonnenen Straßenraum zu inszenieren. Es kamen Tausende von Menschen, die sich mit den Affen fotografieren ließen, die sie in den Arm genommen haben, die mit diesen Skulpturen spielerisch umgegangen sind. Das ist für uns immer der größte Erfolg, wenn die Gäste und die Kunden durch ihre Sympathie gegenüber diesem Kunstwerk zeigen, dass sie es annehmen, ja vielleicht sogar auch nach so etwas gesucht haben. Wir haben anhand unserer Frequenzmessungen festgestellt, dass wir in der Woche mit den Affen zur Vorwoche ohne Affen eine Steigerung von 65 Prozent hatten. 

Was heißt das für Sie als Kaufmann? Dass diese Kunstaktion und ihr Besuch der Anlass waren, dass viele Menschen extra deswegen in die Stadt gekommen sind. Und das sind genau die Indikatoren, die das City Management und uns beflügeln. Die Innenstadt ist nicht unattraktiv, sie muss nur auch gute Angebote machen. Die City ist ein lebendiger Stadtraum und durch die Mischung aus Architektur, Kultur und das besonders schöne Angebot an Geschäften und Gastronomie ein lebendiges Ganzes.

VITA Dietmar Hamm ist Geschäftsführer der Kontohaus­verwaltung Bach, ­Manager des Levantehauses in der Mönckeberg­straße und stellvertretender Vorstandsvorsitzender der City ­Management Hamburg, eines Netzwerks mit mehr als 850 Unternehmen in der Innenstadt und der Hafen­City, von ­Einzelhandel, Gastronomie und Hotellerie bis zur Medien-, Dienstleistungs- und Immobilienwirtschaft. Der 58-Jährige wechselte nach seinem Studium zum ­Immobilienfachwirt ab 1990 zur Immobilienwirtschafts­agentur Jones Lang Wootton/Lasalle, wo er als Associate Director und Head of Shopping Center Management für den Aufbau des ­Einzelhandelsbereichs sowie für den Fach­bereich ­Centermanagement verantwortlich zeichnete. 1999 wechselte Hamm dann zur Kontorhausverwaltung Bach/Levantehaus, bei der er die Bereiche Centermanagement, Konzeption und Vermietung aller Einzelhandelsflächen ­(unter anderem das Levantehaus) der Eigentümerfamilie Bach in vierter Generation verantwortet. Seit 2017 ist der Manager Geschäftsführer des Unternehmens. Dietmar Hamm ist verheiratet, hat einen Sohn und wohnt mit seiner Familie in Hamburg-Eppendorf.

Salopp gesagt: Nicht sex sells, sondern art sells? Kunst verkauft? Nein, das finde ich nicht. Das ist zwar charmant provokativ formuliert, doch Kunst und Kultur bringen doch vor allem Menschen zusammen. Den zivilisierten Menschen macht doch aus, dass ihn die Basis seiner eigenen Kultur prägt, dass er die Kultur der Kommunikation mit anderen pflegt. Kultur ist der wesentliche Baustein von uns Menschen. Für mich ist wichtig, dass über die Affenskulpturen auch diskutiert wurde und einige sie auch kritisch gesehen haben. Wieder andere haben sie nicht bewertet, sondern sie einfach erlebt. Diese Palette von Meinungen und die Einstellungen zu dem, was die Menschen ausmacht, fördert das Erleben von Kultur. Dafür den öffentlichen Stadtraum zu nutzen ist eine sehr wichtige Aufgabe, die wir hier erfüllen. 

Schon Levantehaus-Gründer Franz Bach vermietete vor über 100 Jahren die obersten zwei Etagen als Ateliers an Künstler:innen. Kann Kultur eine DNA von Shopping sein? Shopping ist eine Form von Kultur. Das Schönste ist doch das Zusammenspiel verschiedener Aktivitäten und das Erlebnis verschiedener Höhepunkte: wenn Menschen halt einen Museumsbesuch mit einem Stadtbesuch verbinden, der vielleicht auch noch dazu dient, ein Mitbringsel zu besorgen oder sich in irgendeiner Form etwas zu gönnen. Die Hamburger:innen gehen nicht ausschließlich zum Shoppen in die Stadt, sondern um den Stadtraum zu erleben – und dabei kann Shopping eine Station sein.

Im Kerngeschäft sind Sie ein klassischer Manager der Immobilien in der Innenstadt und haben zugleich Kunst und Kultur als Tradition in der Geschichte Ihrer Häuser. Wie pflegen Sie diese? Das Levantehaus ist grundsätzlich ein Kulturraum. Wir haben immer laufende Ausstellungen und interessante Kooperationspartner. Wir arbeiten mit dem Bucerius Kunst Forum oder dem Filmfest Hamburg zusammen und zeigen in diesem Jahr noch Ausstellungen, die mit der Hamburger Architektenkammer realisiert werden. Außerdem haben wir Ende 2022 noch eine wichtige Ausstellung zu Ehren des früheren Oberbaudirektors Fritz Schumacher. Darauf freue ich mich, denn er hat als Architekt und Stadtplaner sowie als Oberbaudirektor von 1909 bis 1933 das städtebauliche Gesicht Hamburgs mit der modernen Backsteinkultur ganz wesentlich geprägt. Wir sind unseren Kulturinstitutionen verbunden und möchten den Hamburger:innen und unseren Gästen auf eine leichte Art Kultur vermitteln. Dafür sind wir auch mit dem KulturMerkur für unternehmerische Kulturförderung ausgezeichnet worden. Für uns ist Kultur also kein Selbstzweck, sondern wir sehen sie als positives Engagement. Ja, Kultur ist ein Teil unserer DNA im Levantehaus. 

Mit dem Weggang von Karstadt Sport, Galeria Kaufhof und C&A ist die Mönckebergstraße als Epizentrum des Einkaufens beschädigt worden. Was soll Ihrer Meinung nach mit den großen Einzelhandelsflächen passieren? Ich finde nicht, dass das „Epizentrum“ des Einkaufens beschädigt wurde. Wenn Konzepte nicht mehr angenommen werden, dann haben sie auch keine Existenzberechtigung mehr. Es ist doch besser, wenn in das Herz der Innenstadt investiert wird, um eine neue Nutzungsdurchmischung, neue Konzepte und neue Anlässe zu schaffen, um die Innenstadt aufzusuchen. Diese Veränderungen, die neuen temporären Kulturnutzungen etwa beim Kaufhof-Gebäude mit seiner wunderbaren Fassade oder im Karstadt-Sport-Haus, erlebe ich als äußerst positiv. 

Das Karstadt-Sport-Haus wird für seine kulturellen Zwischennutzungen, die die Hamburg Kreativ Gesellschaft managt, von der Stadt mit neun Millionen Euro gefördert. Ist das Geld gut investiert? Selbstverständlich unterstütze ich jede Art von attraktiver Zwischennutzung, und dieses ist ein Weg, das zu machen. Und bevor Menschen vor leeren Schaufenstern stehen, ist eine solche Nutzung hochkommunikativ und hält aufregende Überraschungen bereit. 

Ist Kultur nur ein Trostpflaster für die Krise? Eindeutig nein. Kultur ist ein wesentlicher Baustein unserer Existenz und kann deswegen niemals ein Trostpflaster sein, sondern ist ein wesentlicher Lebensinhalt, den wir jeden Tag leben, ohne dass wir es uns vielleicht ständig bewusst machen. Unser Leben, so wie wir es leben, und was wir an Ritualen und Begegnungen am Tag haben, ist eine Form von Kultur. Für mich ist deswegen der Begriff Kultur nicht immer gleich aufzuhängen an Hochkultur oder an Mu-seen, sondern auch an kleineren Kunstaktionen und der Art, wie wir miteinander leben. Das gemeinschaftliche Erleben von Dingen, die kreativ geschaffen worden sind, ist ein Highlight in unserem Alltag. 

Sie selbst haben als Kontorhausverwaltung Bach den Vertrag mit dem Tophotel Park Hyatt nicht verlängert. Warum? Das Levantehaus entwickelt sich immer weiter. 1912 war es eines der modernsten Bürohäuser Hamburgs. 1997 haben wir es zu seiner heutigen Funktion und seinen hochwertigen Nutzungen hin verändert und mit dem Hyatt damals ein Fünf-Sterne-Hotel unmittelbar am Hauptbahnhof und in einer Shoppingmeile etabliert. Das wurde über 23 Jahre lang von der Stadt, den Hamburger:innen und prominenten Gästen aus Pop und Politik wie etwa den Rolling Stones, der deutschen Fußball-Nationalmannschaft oder drei Staatspräsidenten beim G20-Gipfel extrem gut angenommen. 

Wer kommt stattdessen? Das kann ich Ihnen leider noch nicht verraten, aber es wird wieder ein Fünf-Sterne-Hotel sein, das für das Levantehaus neue Impulse setzen wird. Und nebenan wird mit zwei neuen Hotels, zum Beispiel einem Hyatt Centric im ehemaligen C&A-Gebäude mit neuen Konzepten für die Außengastronomie zum Barkhof/Jacobikirchhof hin, der öffentliche Stadtraum neue Attraktionen erhalten. 

Mit der Pandemie hat sich die Krise des Einzelhandels verschärft, und Fachkräftemangel sowie Onlineshopping machen dem stationären Einzelhandel das Leben schwer. Muss sich die Innenstadt neu erfinden? Die Innenstadt verändert sich immer, jeden Tag, und es wird immer auch Veränderungen im Einkaufsverhalten geben, inm dem, was der Kunde wünscht. Dem hat sich die Innenstadt bislang immer angepasst, war manchmal auch Vorreiter. Erst waren Warenhäuser der neueste Schrei, dann kamen die Shoppingmalls. Und mit jedem neuen Shoppingcenter in den Hamburger Bezirken hat man die Innenstadt totgesagt. Gerne noch einmal: Die Innenstadt ist kein reiner Shopping-Standort, sondern ein Quartier, in dem alles zusammenkommt, was die Stadt mit Kultur, Gastronomie und öffentlichen Stadträumen ausmacht. Da ist Shopping nur ein Baustein. Und wenn es verändertes Einkaufsverhalten gibt, muss man sich dem anpassen.

Wie? Durch möglichst viele frische, neue Konzepte, die heute dem sogenannten Multi-Channel-Vertrieb folgen, indem Produkte auf ganz unterschiedlichen Vertriebswegen vermarktet werden. Dem aktuellen Wunsch der Kunden, in ihrem Lieblingsgeschäft auch von zu Hause aus shoppen zu können, muss auch die Innenstadt gerecht werden. Und im Großen und Ganzen funktioniert das inzwischen auch ganz erfolgreich. 

Der Alte Wall geht mit neuen Konzepten und aufwendiger Restaurierung von Gebäuden neue Wege. Der richtige Weg? Der Alte Wall, die Stadthöfe oder die Kaisergalerie und künftig auch der Gänsemarkt sind Quartiere, die hochwertig und mit viel Liebe zum Detail gestaltet werden. In den nächsten vier, fünf Jahren wird in die Innenstadt, in die Gebäude und in die Konzepte so viel investiert wie schon lange nicht mehr. Die Innenstadt erlebt eine Art von Wiederauferstehung. Diese Investitionen sind ein Signal, dass die Innenstadt enormes Potenzial hat. Ein Investor baut neue Häuser und vermietet Flächen, wenn er sich von diesem Investment Ertrag verspricht, und dieses Versprechen kann die Hamburger Innenstadt einlösen. Wir haben Zukunft. 

In den vergangenen Jahren haben die Grundeigentümer und Kaufleute der Innenstadt rund 75 und die Stadt 50 Millionen Euro in die Modernisierung der City und die Verbesserung der Aufenthaltsqualität unter anderem von Plätzen investiert. Reicht das? Wir sind als Kaufleute nie wunschlos, sondern wollen aus den jeweiligen Situationen immer das Bestmögliche machen. Jede Art von Investition, sei es von der Stadt, den Grundeigentümern oder den Kaufleuten, ist ein gutes und lebendiges Zeichen für die Innenstadt.

Es sind nur zehn Minuten Fußweg von Rathaus und Mönckebergstraße in die HafenCity. Die bekommt im Herbst 2023 mit dem neuen Westfield Hamburg-Überseequartier einen potenten Wettbewerber. Ist das eine Erweiterung der Innenstadt oder eine Bedrohung? Das City Management Hamburg betreut die HafenCity seit vielen Jahren auch als Geschäftsgebiet, die neuen Investoren des südlichen Überseequartiers sind Mitglieder bei uns und arbeiten auch im Vorstand des City Managements mit. Wir sind eine Familie, eine Innenstadt und arbeiten abgestimmt am gemeinsamen Erfolg. Wir wünschen dem Überseequartier, dass es erfolgreich sein wird, weil es dann auch die Innenstadt bereichern kann.

Viele Kaufleute betrachten das Überseequartier aber als übermächtige Konkurrenz. Ich weiß nicht, wer das so sieht. Wir vom City Management begleiten die Erweiterung der Kerncity durch die HafenCity jedenfalls positiv. Die HafenCity ist leider, und das beklagen zu Recht viele, immer noch ein solitärer Standort, dessen Anbindung an die Kerncity noch längst nicht ausreichend gut gelöst ist. Wenn eine problemlose Fußweg- und Fahrradverbindung, der attraktive Austausch von Besucher- und Kundenfrequenzen zwischen der HafenCity und der Kerncity gewährleistet ist, haben wir Innenstadtkaufleute überhaupt kein Problem. Ich bin kein Architekt und kein Stadtplaner, und es gibt viele Vorschläge, die Willy-Brandt-Straße als Hindernis zu überwinden, die ich nicht bewerten will. Letztendlich brauchen wir jedenfalls eine intelligente fahrrad- und fußgängerfreundliche Querung oder Überquerung, damit der Austausch zwischen Kerncity und HafenCity erfolgreich sein wird. 

Sind die HafenCity und das Überseequartier nicht doch lästige Konkurrenz? Nein. Ich sehe die HafenCity nicht als Konkurrenz. In der HafenCity wohnen Menschen, die neben ihrem eigenen Quartier auch die Innenstadt nutzen. Wohnen können wir historisch bedingt in der Kerncity nicht ohne Weiteres abbilden. Die HafenCity wie auch etwa die Elbphilharmonie sind außerdem touristische Anziehungspunkte für Besucher:innen – auch für die klassische Innenstadt. Wir sind der Kern der Stadt, sind die Geschichte der Stadt mit dem Rathaus als Mittelpunkt. Und die Innenstadt lässt kein Gast aus, der Hamburg besucht.

Was hat die HafenCity, was die Innenstadt nicht hat? Neben der Elbphilharmonie vor allem einen tollen Abenteuerspielplatz im Grasbrookpark.

Haben Sie als Eppendorf-Bewohner einen Lieblingsort in der HafenCity? Das ist das Scharnier zwischen Tradition und Moderne, der Sandtor- und Brooktorkai mit der Speicherstadt und gegenüber die HafenCity. Man geht über eine Brücke, ob am Magdeburger Hafen oder am Sandtorhafen, und befindet sich in einem vollkommen anderen, modernen Stadtteil. 

Können Sie sich vorstellen, in der HafenCity zu wohnen? Selbstverständlich. Allerdings würde ich mir einen nicht so steinernen Stadtraum wünschen. In den Gründerzeit-Stadtvierteln gibt es eine klare Struktur, eine klare Trennung zwischen Privatheit und Öffentlichkeit: Hier die Altbauten mit ihren Vorgärten, dann der Fußweg, die Baumreihen und erst dann die Straße. In der HafenCity beobachte ich, dass sich die Menschen im Erdgeschoss zum Beispiel mit Jalousien „abschotten“ oder Fenster zukleben, weil alle Gebäude an der Grundstücksgrenze, direkt am Fußweg liegen und so das Öffentliche und die vorbeigehenden Menschen den Bewohner:innen im Erdgeschoss extrem nahe rücken. 

Was ist für Sie persönlich die wichtigste Hoffnung in den kommenden Jahren? Die Gesundheit. Sind Sie gesund, steht Ihnen alles offen, denn Sie können bestimmen, was Sie machen wollen.

Beunruhigen Sie der Ukraine-Krieg und die Energie- und Gaskrise? Ja. Doch die größte Hoffnung ist die Hoffnung.
Das Gespräch führte Wolfgang Timpe