Essay: Ist Hamburg Öko-Hipster-Kleinstadt?

Rettet die Großstadt Hamburg!, wünscht sich HCZ-Autor Carl Bischoff von den verantwortlichen Stadt- und Landschaftsplanern wie auch Bauherrenplanern

Das Jahr 2020 und die fortdauernde Corona-Krise haben für viele Menschen den Alltag radikal verändert. Möglicherweise wird es auch eine Epochenwende für die Stadtentwicklung an der Elbe. Als neue Norm für urbane Räume gilt jetzt endgültig der Öko-Biedermeier mit verordneter Gemütlichkeit. 
Foto oben: Grüne Nachhaltigkeitsidee am Bau im Baakenhafen: „Mit hoher Naivität beschäftigt man sich mit dem Märchen der Selbstversorgung. Salat soll auf dem Dach geerntet und später im Erdgeschoss-Bistro verkauft werden. Bleibt zu hoffen, dass dies niemand ernsthaft glaubt.“ © Eble Messerschmidt Partner Architekten und Stadtplaner PartGmbB, Tübingen

Es scheint sich in der Krise der Glaube an zwei Dinge verfestigt zu haben: 1. Die Party unter dem Motto „Boom der Wohnungsmärkte“ wird niemals enden. 2. Das Ziel einer klimaneutralen Stadt lässt sich durch Fahrradfahren und Öko-Romantik erreichen. Ist Hamburg auf dem Weg von einer Metropole zur Öko-Hipster-Kleinstadt?

Heute begeistern sich Architekten und Planer für Gewächshäuser auf dem Dach.

Der mondänste Ort Hamburgs war seit jeher der Jungfernstieg. Jetzt stehen dort Blumenkübel als Hygge-Modell für die City, die aussehen wie aus der Waldorfschule. Wenn auch nur temporär geplant, sagen sie viel aus über das Verständnis, was von Urbanität in Zukunft erwartet werden kann. Wer künftig beim neuen ICE-Halt Altona-Diebsteich aussteigt, wird sich zwischen Sportplätzen und Parks wieder finden, anstatt in einem lebendigen Bahnhofsquartier. Genau das, was jemand erwartet, wenn er in einer Millionenstadt ankommt. 

In der HafenCity zählten einst hohe Erdgeschosse für Läden als Inbegriff einer großstädtischen Anmutung. Heute begeistern sich die Planer für Gewächshäuser auf dem Dach und für eine Kommune, die Vorgärten pflegt. Mit hoher Naivität beschäftigt man sich mit dem Märchen der Selbstversorgung. Salat soll auf dem Dach geerntet und später im Erdgeschoss-Bistro verkauft werden. Bleibt zu hoffen, dass dies niemand ernsthaft glaubt.

Blick vom Baakenhafen aus gen Osten auf den künftigen Amerigo-Vespucci-Platz mit dem 245 m hohen Elbtower im Elbbrückenquartier der HafenCity: Haben die Stadtplaner für die Metropole Hamburg eigentlich noch Visionen? © Hosoya, Schäfer, Chipperfield
Blick vom Baakenhafen aus gen Osten auf den künftigen Amerigo-Vespucci-Platz mit dem 245 m hohen Elbtower im Elbbrückenquartier der HafenCity: Haben die Stadtplaner für die Metropole Hamburg eigentlich noch Visionen? © Hosoya, Schäfer, Chipperfield

Haben die Stadtplaner für die Metropole Hamburg eigentlich noch Visionen?

Entwickelt sich die HafenCity etwa zum Ökodorf? Sind die Planer des neuen Stadtteils, nach zwei Jahrzehnten mit Konzepten breiter Verkehrsschneisen, etwa geläutert? Nicht ganz, wie war das noch mal: gleich und gleicher. Einerseits werden Bürger durch Bauverbote von Stellplätzen in Tiefgaragen zum Verzicht auf das eigene Auto gezwungen, anderseits beansprucht die städtische  Entwicklungsgesellschaft für sich etwas anderes:  Der öffentliche Bürgersteig vor ihrer Tür wird zum  Privatparkplatz deklariert, die Ladesäule direkt an der Hausfassade. Ein Privileg, undenkbar für jeden anderen in der HafenCity.

Großgeschrieben wird die Aufforderung zur breiten Mitgestaltung der Bürger bei der Planung ihres Quartiers. Aber ist die wirklich ernst gemeint? Die Beteiligungsverfahren der HafenCity sind eher eine Farce. So lange Bebauungspläne nach gut Dünken angepasst und Gebäudehöhen still und heimlich nach oben geschraubt werden, sind städtische Vertreter unglaubwürdig, wenn sie gleichzeitig Mitbestimmung predigen. Lästig ist die Meinung von mündigen Bürgern bei der Entwicklung der perfekten Stadt. Bürgerbeteiligung findet nach dem unrühmlichen historischen Vorbild statt: Es muss nach Beteiligung aussehen, aber wir (gemeint sind die Vertreter der Stadt) müssen alles in der Hand haben. 

Warum beschäftigen sich Stadtplaner und Politiker nicht mehr mit der Zukunft urbaner Räume?

Während des Lockdowns im Frühjahr zählte es für viele zu einer neuen Großstadterfahrung ohne Hektik mit dem Fahrrad durch die Hamburger Innenstadt zu radeln. Es herrschte eine unheimliche Ruhe auf den Straßen. Nur wenige Menschen waren unterwegs, Läden und Cafés waren  geschlossen. Aber niemand zieht doch in eine Stadt um Ruhe und Natur zu finden. Schätzen wir nicht viel mehr den Glamour einer Metropole, die Freiheit der Anonymität und die Möglichkeit überall Unerwartetes zu entdecken.

Pop-up-Bike-Lanes und Blumenkübel machen eine Metropole noch nicht lebenswert, stehen sie doch eher für Elemente einer toten Kleinstadt. Wer glaubt denn ernsthaft, dass damit Hamburgs ambitionierte Klimaziele erreicht werden können. Der Schlüssel zu Hamburgs Klimaneutralität ist weder Öko-Romantik noch die Missionierung der Bürger zum Verzicht. Gelingen kann er nur, wenn  ideologiefrei  über den Einsatz modernster Technologien nachgedacht wird. Schon die Corona-Krise zeigt: die Bereitschaft, zum Verzicht ist klein; die Bereitschaft, in Verteilungskämpfe um den  Wohlstand einzusteigen, ist hoch. Die Corona-Erfahrung sollte ein warnender Hinweis sein, mit welchen Mitteln Klimaziele erreicht werden können, ohne den Frieden in der Gesellschaft, die Freiheit und den Wohlstand für alle zu gefährden. Carl Bischoff

Carl Bischoff ist vor zwei Jahren aus Berlin in die westliche HafenCity gezogen, schätzt die offene Atmosphäre des Quartiers, arbeitet als Design-Freelancer oft von zu Hause mit Blick auf die Speicherstadt und liebt die inspirierenden Spaziergänge durch das Viertel. Seine Leidenschaft sind lebendige selbstbewusste Metropolen.

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