Essay: Ökologie und Ökonomie breiter aufstellen

Vernetzte Digitalstadt Hamburg – ein Essay von Prof. Dr. Jörg Müller-Lietzkow, Präsident der HafenCity Universität HCU

© Illustration: Tobias Hahn; HafenCity Zeitung
© Illustration: Tobias Hahn; HafenCity Zeitung

Smart Cities, neue Mobilität oder digitale Transformation sind alles immer wieder genannte Herausforderungen an die Städte von morgen. Gleichzeitig werden die „Smart Rural Areas“, die Digitalisierung von Regionen, zunehmend Gegenstand der Betrachtung. Hamburg wird dabei häufig als die digitalste und smarteste Stadt Deutschlands genannt. Dieses Lob ist einerseits erfreulich und gilt vor allem rund um den Stadtkern; andererseits verpflichtet diese Situation zugleich, mehr aus diesem Wissen und den Erfahrungen zu machen. Die Chancen für Hamburg stehen dabei nicht schlecht, denn mit dem Digital Urban Twin, den Bemühungen rund um die Science City in Bahrenfeld und den neuen Start-up-Zentren passiert einiges. Doch die Stadt der Zukunft wird sich mehr strecken müssen. Die Vereinbarkeit von Ökologie und Ökonomie, die Umsetzung vielfach wohlklingender Ideen in tatsächlich skalierende und nicht nur an einem Ort stattfindende Konzepte, sind die nächste Stufe. 

Prof. Jörg Müller-Lietzkow ist Präsident der HafenCity 
Universität Hamburg (HCU) und berät die Politik in Berlin bei digitalen Zukunftsfragen. © HCU
Prof. Jörg Müller-Lietzkow ist Präsident der HafenCity Universität Hamburg (HCU) und berät die Politik in Berlin bei digitalen Zukunftsfragen. © HCU

Mich interessiert die Verbindung sowie Gestaltung digitaler Städte mit der Nachhaltigkeit sowie vor allem auch die Verantwortung der Unternehmen in diesem Kontext. Gerade im Zusammenhang mit den Entwicklungen sowohl im Innenstadtbereich Hamburgs als vor allem auch in den neu entstehenden Stadtteilen Grasbrook und Bahrenfeld gilt es, die Chancen, die sich bieten, nicht nur dazu zu nutzen, Hamburg besser zu machen, sondern vor allem auch eine hohe Skalierbarkeit zu erreichen. 

Hamburg fehlt eine nachhaltigkeitsorientierte Initiative, die skalierbare Technologien entwickelt.

Leider besteht – und das ist nicht auf Hamburg bezogen – zu oft der Glaube, dass ein vermeintlicher „Wettbewerbsvorteil“ darin bestünde, dass Städte digitaler als andere seien und einzelne Insellösungen entwickelt werden. Genau das Gegenteil aber ist der Fall. Erst durch Skalierbarkeit, durch standardisierte Lösungen und eine umfängliche Vernetzung, die durch andere Städte genutzt wird, untereinander mit offenen Schnittstellen steigt der Mehrwert eines Netzwerkes überproportional an. Diese simple Erkenntnis lässt sich sehr leicht aus dem Metcalfeschen-Gesetz ableiten, welches besagt, dass der Nutzwert eines Kommunikationsnetzwerkes quadratisch ansteigt, die Kosten aber nur linear. Übertragen auf die Technologien von Smart Cities verhält es sich ähnlich: Es bedarf skalierender Technologien und umgesetzter Reallabore, die dies vorantreiben, denn der Mehrwert wird für alle deutlich höher als die eingesetzten Mittel. 

Nun ist es nicht so, dass nicht die Erkenntnis schon bei einigen Akteuren in Hamburg angekommen wäre. Es fehlt aber eine nachhaltigkeitsorientierte Initiative, die sich zum Ziel setzt, kompatible und skalierbare Technologien, Lösungen und Services zu entwickeln, die dann auch möglichst gut von Dritten nicht nur adaptiert und selbst erneut entwickelt, sondern auch direkt eingesetzt werden können. Daraus entstehen nicht nur wirtschaftliche Chancen, sondern es werden vor allem die schon angesprochenen Standards geschaffen. 

Wieso beschäftigt sich ausgerechnet der Präsident der HafenCity Universität Hamburg mit dieser Fragestellung rund um die Digitalisierung, drücken doch ganz andere Fragen im Bereich des Bauens, der Stadtplanung und -gestaltung? Der Grund ist naheliegender, als man denkt. Gerade in unseren Fachgebieten werden langfristige Infrastrukturen geschaffen, deren Korrekturen besonders aufwendig und teuer sind. Will man also nachhaltig agieren, müssen Infrastrukturen künftig so gestaltet werden, dass sie die Implementierung der Technologien deutlich einfacher gewährleisten und nutzbar machen. 

Allein der schleppende Breitbandausbau in Deutschland verdeutlicht, wie schwierig nachträgliche Korrekturen sind und zu welchen unnötigen Problemen mangelnde Standardisierung führt. Dabei gilt es nicht nur, isoliert Forschung oder Produktentwicklung zu betreiben, sondern an der Schnittstelle, dem Transfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, die rich-tigen Weichen zu stellen. Etwas verkürzt geht es aber nicht nur um „Chips im Beton“, sondern auch um die sich daraus ergebenden Services. Auch diese sollten einen Beitrag leisten, dass eben nicht nur möglich gemacht wird, was möglich ist, sondern vor allem ein entlastender Beitrag den innovatorischen Grad mitbestimmt. 

Erfolge von Reallaboren führen zur Triple-Win-Situation für Hamburg, Wirtschaft und Wissenschaft.

Was hat das nun mit Hamburg, der HafenCity, dem Grasbrook oder auch Bahrenfeld zu tun? Nun, es besteht die große Chance, dass nicht nur die Stadt ihre Hausaufgaben macht – hier sind hervorragende Vorleistungen zu verzeichnen – und wir als Wissenschaft das flankieren, sondern auch die Wirtschaft muss die Chancen neuer Reallabore nutzen, um genau diese gesuchten nachhaltigen Standards zu generieren und die Services zu erproben. Gerade solche erprobten und sichtbaren Erfolge tragen zur schnellen Verbreitung bei und bedeuten eine Triple-Win-Situation für Hamburg sowie deren Wirtschaft und Wissenschaft. Gelingt also die Koordination dieser Aktivitäten, hat Hamburg die besten Chancen nicht nur die „digitalste Stadt Deutschlands“ zu bleiben, sondern vor allem auf dieser Basis neue prosperierende Wirtschaftsunternehmen mit zu befördern, die Arbeitsplätze und Wertschöpfung für die Stadt bedeuten. Die HafenCity Universität Hamburg hat dazu jüngst mit dem Hamburg Wireless Innovation Competence Center hierzu einen ersten gewichtigen Baustein geliefert. Lassen Sie es uns gemeinsam für Hamburg angehen. Jörg Müller-Litzkow

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