»Gerne dauerhaft einen Wochenmarkt betreiben«

Edeka-HafenCity muss wegen eines Wasserschadens bis Anfang April schließen – und eröffnet einen Container-Pop-up-Markt auf dem -Überseeboulevard. -Inhaber Markus Böcker über neue Konzepte und frische Produkte

Herr Böcker, zuerst die wichtigste Frage 2020: Wie geht es Ihnen? Die Familie ist gesund und als Edeka-Team sind wir bislang verschont geblieben von Corona. Insofern geht es uns sehr gut.
Foto oben: Edeka-HafenCity-Chef Markus Böckerzum immensen Wasserschaden im Markt: „Wir passen uns der jeweiligen Situation an. Wir haben schon so viele Verzögerungen erlebt, ob bei der Elbphilharmonie oder dem Weiterbau der HafenCity nach Osten. Wir nehmen es, wie es ist. Es kommt, wie es kommt.“ © Wolfgang Timpe

Als Edeka-Markt gehören Sie seit neun Jahren zu den HafenCity-Einzelhändlern der ersten Stunde. Wie finden Sie die HafenCity anno 2020? Zum Arbeiten finde ich die HafenCity immer noch sensationell spannend, weil sich die HafenCity ständig verändert und wächst, neue Gebäude hinzukommen, neue Kontakte entstehen. Ich find’s gut. 

Seit über 20 Jahren ein Genuss-Tandem in der Hamburger Einzelhandelsszene, Edeka-HafenCity-Inhaber Markus Böcker und sein Kompagnon Christian Barg: „Ich bin die rechte Hand des Teufels“, bezeichnet sich Barg selbst – und beide lachen darüber. © Stimmungsfänger / Stefan Karstens
Seit über 20 Jahren ein Genuss-Tandem in der Hamburger Einzelhandelsszene, Edeka-HafenCity-Inhaber Markus Böcker und sein Kompagnon Christian Barg: „Ich bin die rechte Hand des Teufels“, bezeichnet sich Barg selbst – und beide lachen darüber. © Stimmungsfänger / Stefan Karstens

Sie wohnen selbst nicht in der HafenCity. Fühlen Sie sich trotzdem als HafenCity-Einwohner? Ich wohne mit meiner Familie in Reinbek in Schleswig-Holstein, weil wir es ländlich mögen und trotzdem alles gut von dort zu erreichen ist. Wir fühlen uns aber auch auf besondere Art und Weise als HafenCity-Einwohner, weil wir hier im Quartier eine der ersten gewesen sind und sämtliche Entwicklungen der HafenCity, positiv wie negativ, miterlebt haben. Mit den Jahren verwächst man mit dem Stadtteil, weil man tagtäglich hier ist und viele Kunden persönlich kennt. Wir sagen immer: Die HafenCity ist ein Dorf. Der Charakter wird sich mit dem südlichen Überseequartier natürlich verändern, aber im Kern bleibt die HafenCity ein Dorf in Hamburg – mit allen Vor- und Nachteilen. Und ich weiß, wovon ich spreche: Ich bin auf dem Dorf groß geworden. Und wenn ich zu spät nach Hause kam, wussten das viele. 

»Wir haben uns Konzepte in ganz Europa angeschaut. Es ging darum, wie man die Frische einfach am besten halten kann.«

Was ist aus Ihrer Sicht der Vorteil und was der Nachteil? Der Vorteil ist sicherlich das Persönliche: Man kennt sich untereinander und es ist eine Gemeinschaft. Aber, um im Bild zu bleiben: Es weiß eben auch jeder, wenn man zu spät kommt. 

Als Edeka-Markt sind Sie in Corona-Zeiten systemrelevant und hatten nie geschlossen. Wie hat sich das auf Ihre Umsätze ausgewirkt, fühlen Sie sich als Krisengewinner? Nein, wir gehören definitiv nicht zu den Krisengewinnern, weil wir an diesem Standort nicht nur für die Nahversorgung der Anwohner zuständig sind, sondern genauso die Touristen, die Bauarbeiter und die Angestellten der hier ansässigen Büros, mittags versorgen. Von diesen vier Zielgruppen sind in der Corona-Krise drei komplett weggebrochen. Dementsprechend haben wir Umsatzeinbußen hinnehmen müssen. Das können knapp 5.000 Einwohner der HafenCity nicht ausgleichen. Man darf nicht vergessen: Wir haben ein Einzugsgebiet wie ein Dorf. Hinzu kommt, dass die extrem hohen Mieten hier, die ich in den ersten Jahren mangels Umsatz nicht bedienen konnte, gestundet wurden. Das muss weiterhin abbezahlt werden. Das geht alles auf meine Kosten.

Markus Böcker führt als Inhaber seit 2011 den Supermarkt Edeka-HafenCity auf dem Überseeboulevard. Der 46-jährige Unternehmer ist gebürtiger Westfale aus einem Dorf zwischen Münster und Dortmund, ist verheiratet und hat drei Kinder – siebenjährige Zwillinge und eine 15-jährige Tochter. Den Einzelhandelskaufmann hat er von der Pike auf gelernt, kam 1999 nach Hamburg, wo er erst bei Karstadt und der Coop arbeitete, um dann 2008 einen Edeka-Markt in Lauenburg an der Elbe zu übernehmen. Den Markt gab er mit seinem Engagement in der HafenCity auf, um sich persönlich ganz auf die neue Aufgabe konzentrieren zu können. Mit Kompagnon Christian Barg arbeitet Böcker schon seit den Karstadt-Zeiten 1999 zusammen. Barg selbst bezeichnet sich selbst scherzhaft als „rechte Hand des Teufels“, worüber auch Böcker heute noch lachen kann. Der Edeka-HafenCity ist ein Vollsortimenter auf 1.500 Quadratmetern und beschäftigt 55 Mitarbeiter.

Zu wenig Frequenz wird auch von der Werbegemeinschaft immer wieder beklagt. Worauf hoffen Sie, wann erwarten Sie einen spürbaren Anstieg? Wir warten eigentlich auf nichts, wir passen uns der jeweiligen Situation an. Wir haben schon so viele Verzögerungen erlebt, ob bei der Elbphilharmonie oder dem Weiterbau der HafenCity nach Osten. Wir nehmen es, wie es ist. Es kommt, wie es kommt. 

Was würden Sie in der Corona-Krise anders als unsere Politiker machen? Ich hätte es härter durchgezogen. Die Politiker werden ihre Entscheidungen nach bestem Wissen und Gewissen treffen, das sind weitreichende Entscheidungen, die Politiker vielleicht besser überblicken. Aber hier geht es um Menschenleben.

»Auch in der HafenCity spielt der Preis eine Rolle. Denn auch wenn der Kunde Champagner kauft, möchte er sein Wasser gut und günstig haben. Hier lebt keine Schickeria. «

Was hat Corona mit Ihnen und Ihrer Familie gemacht? Der erste Lockdown hat uns als Familie noch mehr zusammengeschweißt, wir sind in einer Situation, in der es uns gutgeht: Wir haben Freifläche, Hund, Garten. Für uns als Familie, die Tochter ist 15, die Zwillinge sind sieben Jahre alt, war die Zeit positiv und intensiv. Das Edeka-Team ist näher zusammengerückt. Wir versuchen hier, auf alle Bedürfnisse der Mitarbeiter einzugehen. 

Zurzeit leeren sich ihre Regale im Markt und werden teilweise nicht wieder aufgefüllt. Der Grund: Sie gehen ab Januar 2021 für rund drei bis vier Monate mit Foodtruckcontainern auf den Überseeboulevard, weil Ihr Laden nach einem riesigen Wasserschaden grundsaniert werden muss. Wie kam es dazu? Das ist richtig. Der Wasserschaden wurde Anfang des Jahres festgestellt. Man hat mehrfach Versuche unternommen, die Ursache herauszufinden. Das zog sich hin, bis man am Ende feststellte, dass der Estrich des Marktes nicht mehr tragfähig ist. Einfach ausgedrückt heißt das: Wir schwimmen im Markt. Der Fußboden und Estrich werden nur noch durch die Fliesen zusammengehalten. Überall ist es feucht, an einigen Stellen steht das Wasser sogar zwei, drei Zentimeter hoch. 

Ihnen fehlen jetzt 1.500 Quadratmeter Verkaufsfläche. Was werden Sie draußen in den Containern anbieten? Wir haben nur eine kleine Fläche zur Verfügung. Voraussichtlich werden wir den Wochenmarkt mit fünf Containern à zehn Fuß bestücken. Dort werden wir Obst, Gemüse, Wurst, Käse, Delikatessen, Wein und Fisch anbieten. Es wird so sein, dass die Container offen zugänglich sind und es einen Kassen-Container gibt. Es wird ein Art Pop-Up-Markt sein, mit dem wir den Wochenmarkt ergänzen wollen. Ich würde mir wünschen, dass sich dieses Konzept dauerhaft etablieren kann. Wir würden einen solchen Wochenmarkt gern betreiben. Ein Wochenmarkt gehört in einen Stadtteil wie die HafenCity. Bislang fehlt das.

Warum ziehen Sie übergangsweise nicht in einen der Leerstände am Überseeboulevard? Es gibt sie doch. Wir haben zusammen mit dem Quartiersmanagement und der HafenCity Hamburg GmbH wirklich alle Möglichkeiten ausgelotet. Die Flächen, die Sie ansprechen, stehen seitens der Eigentümer nicht zur Verfügung. 

Wann rechnen Sie mit der Wiedereröffnung Ihres Markts? Voraussichtlich in der ersten oder zweiten April-Woche. Also nach Ostern.

Einerseits sind Sie Supermarkt-Platzhirsch in der HafenCity, andererseits gibt es auch Dauerkritik der Kunden. Etwa an der Frische von Gemüse und Obst oder der seit längerem nicht mehr vorhandenen Frischetheke für Fisch, Fleisch, Käse & Co. Was sagen Sie dazu? Es gibt eine Unternehmensentscheidung, die ich treffen musste, weil die Frischetheke wirtschaftlich nicht tragfähig war, sondern vom Rest des Marktes mit mehreren 10.000 Euro monatlich subventioniert wurde. Das geht auf Dauer nicht, denn ich bin kein Franchise-Nehmer, sondern zu 100 Prozent selbstständiger Kaufmann. Die Entscheidung, die Frischetheke, das Herzstück des Marktes zu schließen, haben wir uns nicht leichtgemacht. Ich habe mir dazu Rat geholt bei Fachleuten von Edeka Nord. Wir haben uns Konzepte in ganz Europa angeschaut, wie wir weiter verfahren könnten. Und hier ging es nicht um Mitarbeiterabbau, sondern darum, wie man die Frische einfach am besten halten kann. 

Das heißt, es blieb zu viel Ware liegen? Ja, genau. Nach einer Analyse von Fachleuten wäre eine Frischetheke nicht annähernd wirtschaftlich zu betreiben, selbst dann nicht, wenn die HafenCity ihre volle Einwohnerzahl erreicht hätte. Das Problem ist, dass es in der HafenCity nicht genügend Kunden gibt, um einen Markt mit einer Frischetheke zu betreiben. Dafür haben wir hier einfach zu wenig Frequenz. Die HafenCity hat sich nicht so entwickelt, wie man es uns voraussagt hat, bevor wir den Markt hier übernommen haben.

Setzen Ihnen bei diesem Frischethema u.a. die Rindermarkthalle auf St. Pauli oder Ihr Edeka-Wettbewerber Niemerszein in St. Georg und neuerdings auch in Rothenburgsort zu? Es ist so, dass wir Qualitäten mehrfach überprüfen. Im Laufe des Tages wird ein Produkt nicht besser. Es kommt auf die Lager-Dauer an, die bei uns sehr kurz ist. Aber wir haben von Beginn an Durchzug im Geschäft, was dazu führt, dass es im Sommer zu warm ist und im Winter ein kalter Wind durchzieht. Wir sind bemüht, aber dass es zu Qualitätsmängeln kommt, kann man nicht ausschließen. Kritiker wird es immer geben. Im Übrigen: Niemerszein & Co. haben den Edeka-Markt in der HafenCity bewusst nicht haben wollen, weil die Anforderungen an die Wirtschaftlichkeit bei hohen Mieten und niedriger Kundenfrequenz extrem anspruchsvoll sind.

Noch eine Verbraucherfrage: Warum kann man beispielsweise bei Rewe immer frischen Kopfsalat kaufen, bei Edeka nicht? Der klassische Kopfsalat hält bei uns wegen des schon erwähnten Durchzugs ganze drei Stunden. Das macht keinen Sinn.

Eine weitere Dauerklage ist, dass ständig die Waren an neuen Orten gesucht werden müssen. Warum räumen Sie und ihr Team ständig um? Ich kann das Unverständnis verstehen, aber es gibt gute Gründe, die eine Neuordnung notwendig machen. Wenn sich Anforderungen und Strategien verändern – wie etwa, wenn wir einen Mittagstisch anbieten wollen – müssen wir darauf reagieren. Alle Umbaumaßnahmen sind gezielt auf den Konsumenten ausgerichtet und passen sich der Situation an.

Der Supermarkt nebenan mit seinen vertrauten Mitarbeitern ist immer auch ein bisschen wie Familie. Neben Ihrem treuen jungen Mitarbeiter an der Fleischtheke und 2 bis 3 Kolleginnen an der Kasse – haben Sie Probleme, Ihre Mitarbeiter zu halten? Wir haben das Problem, dass wir in diesem Stadtteil nur wenig Aushilfskräfte bekommen können, denn alle haben ihren Job. Deshalb haben wir lange mit einem Studentenwerk zusammengearbeitet. Mittlerweile haben wir ein sehr gutes Team, auf das wir stolz sind, weil unsere Mitarbeiter uns gezeigt haben, dass sie auch in schwierigen Zeiten zu uns stehen. 

Früher gab es in Ihrer sehr guten Wein- und Spirituosenabteilung Verkostungen oder man traf sich zu Silvester in Ihrem Markt. Kommt so etwas wieder? Es hat bis kurz vor dem ersten Lockdown diese Verkostungen und Weinproben noch gegeben. Was uns möglich sein wird, auch unter fortgesetzten Corona-Bedingungen, werden wir versuchen wieder aufzubauen.

Ist an mir vorbeigegangen, müsste man eventuell die Kommunikation verbessern? Natürlich sind wir dabei und die Kommunikation wird sich verbessern, auch bezüglich der Schließungsphase und Wiedereröffnung. Postwurfsendungen sind eine Möglichkeit. Aber man braucht für ein gutes Marketing auch Manpower und Leute, die etwas davon verstehen. Wir versuchen alles, um die Kunden abzuholen.

Stimmt es eigentlich, dass Ihr Mittagstisch relativ gesehen Ihr bester Umsatzbringer ist? Was heißt bester Umsatzbringer? Ich glaube, dass ein Zusammenspiel von vielen Faktoren dazu führt, dass wir den Büromitarbeitern etwas bieten können. Dazu gehören kurze Wege und eine kurze Verweildauer im Markt, weil die Mittagspause nun mal begrenzt ist. Auch während der Umbauphase wird es einen Foodtruck auf dem Überseeboulevard geben.

Wie erleben Sie eigentlich Ihren erfolgreichen Bio-Konkurrenten gegenüber von Alnatura? Wir freuen uns, dass er da ist, weil er noch mehr Kunden anzieht und das Sortiment eine gute Ergänzung darstellt. 

Im Sommer 2021 werden im Baakenhafen-Quartier am Lola-Rogge-Platz der Discounter Aldi und ein weiterer Edeka-Markt eröffnen. Stärkt das den Wettbewerb oder fürchten Sie die Konkurrenz? Natürlich betrifft uns das, weil das Dorf HafenCity und der aufzuteilende Kuchen einfach zu klein sind. Aber wir nehmen den Wettbewerb an und werden unsere Hausaufgaben machen. Wir wollen uns aber auch nicht mit Discountern vergleichen und jeder Edeka ist unterschiedlich. Wir haben hier die besondere Situation, dass wir vier, fünf ganz unterschiedliche Kundengruppen haben. Denen müssen wir uns anpassen. Das ist unsere Stärke und das wird sie auch bleiben.

Das heißt, Sie können und wollen nicht ausschließlich ein Luxus-Segment bedienen? Nein, das gibt es auch nicht in der HafenCity, auch wenn hier natürlich Menschen wohnen, die ein überdurchschnittliches Einkommen haben. Aber auch in der HafenCity spielt der Preis eine Rolle. Denn auch wenn der Kunde Champagner kauft, möchte er sein Wasser gut und günstig haben. Es ist ganz und gar nicht so, dass hier in der HafenCity die Schickeria lebt, wie es oft gesagt wird. Hier sind die Leute aus meiner Sicht bodenständig und nahbar. Sie wissen, was gut ist und wissen gute Ware zu schätzen, weil sie selbst viel kochen und frische Zutaten brauchen.

Haben Sie ein Arbeits- oder Markt-Motto? Wenn Sie die Ansage kriegen, dass Sie den Markt räumen müssen, können Sie entweder den Kopf in den Sand stecken oder Sie gehen voran. Wir sind mit Herz und Leidenschaft bei der Arbeit und das sagen wir auch unseren Mitarbeitern: Wenn du mit Liebe deinen Job machst, dann werden wir viel Spaß und Freude haben. Wir sehen uns im Team häufiger und länger als unsere Familien. Deshalb ist es wichtig, dass sich jeder Mitarbeiter wohlfühlt. Das ist unsere Strategie. Gebt den Kopf nicht an der Tür ab, seid offen, kritisch, redet mit uns und macht euren Job mit Liebe. 

Was wünschen Sie sich persönlich für das neue Jahr? Persönlich und für mich wünsche ich mir nichts, weil ich glücklich bin mit meiner Familie und dem, was ich habe. Für unser Team hoffe ich, dass wir gemeinsam gestärkt aus dieser Krise herauskommen, die herausfordernd ist für jeden Einzelnen, und dass sich neue Spielfelder eröffnen. Und natürlich, dass wir alle gesund bleiben.

Und was wünschen Sie sich für die HafenCity? Ich wünsche mir, dass sich die HafenCity weiter zu einem lebendigen, zu einem lebens- und liebenswerten Stadtteil entwickelt, auch wenn sich ihr Charakter in den nächsten Jahren verändern wird. Das Gespräch führte Wolfgang Timpe

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