»Große Gesten entsprechen meinem Wesen«

Neue Pop-up-Galerie an der Osakaallee präsentiert Ausstellung „Face to Face“

Selbstbewusste souveräne Frauentypen im Stil der Andy-Warhol-Pop-Art gemalt, inszeniert, collagiert und zusätzlich verfremdet mit typografischen Pointierungen. Die Pop-up-Ausstellung „Face to Face“ des Galeristen Axel Wieczorek und der beiden Künstler:innen Anna Schellberg und mittenimwald eröffnet die neue Pop-up-Galerie auf der Ladenfläche Osakaallee 4, unweit des Clubs 20457.
Foto oben: Künstler:innen Anna Schellberg und mittenimwald, in der Pop-up-Galerie Osakaallee 4, 20457 HH. © www.antikult.com

Noch bis zum 8. Mai präsentiert Wieczorek die Werke der beiden Hamburger. Für den Galeristen ist es „eine ,Fine Art meets Punk‘-Ausstellung, in der die zwei neben ihren neuen Arbeiten erstmals auch gemeinsame Werke zeigen“.

Anna Schellberg ist eine der prominestensten Vertreterinnen der zeitgenössischen deutschen Pop-Art. Die 30works-Galerie in Köln über sie: „Anna Schellberg vermag es, gleichermaßen bekannten wie unbekannten Heldinnen ein Denkmal zu setzen. Indem sie ihren Frauenantlitzen durch divers kolorierte, gegenläufig gesetzte Farbbalken das Gelackte, Formelhafte nimmt und sie damit abstrahiert, konstruiert sie ein neues Bild von Schönheit.“

Mittenimwald stieg aus seinem Grafikwerbejob aus und wurde ein Meister der Schablonen, Aufkleber und Collagen. Mit seiner Erfahrung in der Werbung machte sich mitten-imwald daran, eine besondere Art von Bildsprache zu schaffen, inspiriert von Punkkultur, Pop-Art und Werbung, bei der spezielle typografische Botschaften seine provokanten Bilder begleiten. Dabei ist mittenimwald der Street-Art treu geblieben und inszeniert seine Heldinnen in klassischer Stencil-Manier.

„Lana“. © www.antikult.com
„Lana“. © www.antikult.com
„Stronger Than You“. © www.antikult.com
„Stronger Than You“. © www.antikult.com
„Mystery Girl“. © www.antikult.com
„Mystery Girl“. © www.antikult.com

Herr Wieczorek, warum investieren Sie als Zwischennutzung in die temporäre zehntägige Pop-up-Ausstellung „Face to Face“ in der Osakaallee in der HafenCity? Während der Pandemie haben viele Künstler richtig gelitten – keine Ausstellungen, keine Begegnungen, kaum Öffentlichkeit. Anna Schellberg und mittenimwald haben sich während dieser Zeit so richtig in die Arbeit gestürzt und jetzt total spannende neue Werke abgeliefert. Für so eine Ausstellung braucht es zwingend die perfekte Location – urban, zentral, offen, belebt und begehrt. Das nördliche Überseequartier in der HafenCity war sofort meine erste Wahl. 

Ihre Galerie Antikult hat sich dem Thema „Urban Pop-Art“ verschrieben. Was hat zeitgenössische Kunst, was Klassisches nicht hat? Zeitgenössische Kunst ist frei – sie ist an keine bestimmten Techniken, spezifischen Materialien oder besonderen Konzepte gebunden. Es gibt weder einen typischen Malstil noch eine einzelne, feste Form des künstlerischen Ausdrucks. „Fine Art meets Punk“ wie bei Anna Schellberg und mittenimwald, das wäre früher undenkbar gewesen. 

Was ist für Sie Pop-Art, und welche:n Künstler:in hat Sie am nachhaltigsten beeindruckt? Bei Pop-Art wird Alltägliches der Populärkultur aus dem bekannten Umfeld isoliert und plakativ und oft in knalligen Farben verfremdet dargestellt. Arg verkürzt: Glamour & boom! Antikult vertritt neben der Pop-Art aber auch Urban Art, die sich aus der Street-Art-Szene entwickelt hat. Für mich ist der irische Street-Art-Künstler Conor Harrington einer der ganz Großen mit seinen riesigen Wandmalereien, die schon an historische Gemälde erinnern. 

„Red Killer Queen“, Ausstellungsplakat. © www.antikult.com.
„Red Killer Queen“, Ausstellungsplakat. © www.antikult.com

Sie sind Galerist. Handeln Sie zuerst als Unternehmer und dann als Liebhaber oder umgekehrt? Wenn man selbst nicht von einer Sache begeistert ist, kann man kaum andere dafür begeistern. Aber natürlich gibt es auch strategische und wirtschaftliche Überlegungen, wie man einen Künstler langfristig begleiten und weiterentwickeln kann. Am Ende muss immer die Chemie stimmen. Denn wenn der Funke zwischen Künstler und Galerist nicht überspringt, ist selbst der beste Businessplan nichts wert! 

Die Ausstellung „Face to Face“ präsentiert bis 8. Mai die Künstler:innen Anna Schellberg und mittenimwald. Warum haben Sie die beiden für die HafenCity-Räume ausgewählt? Beide sind technisch überragend, habe eine einzigartige Handschrift, klare Botschaften und machen keine Kompromisse. Vor wenigen Jahren war Anna Schellberg noch ein Geheimtipp, heute ist sie eine der angesehensten Künstler:innen in der deutschen Pop-Art-Szene. Mittenimwald gehört zu den bekanntesten Urban-Art-Künstlern Deutschlands und genießt auch international großes Renommee. Beide zusammen in einer Ausstellung, dann noch mit gemeinsamen Werken – der totale Hammer! 

Pop-up-Galerist Osakaallee 4, Axel Wieczorek. © www.antikult.com
Pop-up-Galerist Osakaallee 4, Axel Wieczorek. © www.antikult.com
Künstlerin Anna Schellberg. © www.antikult.com
Künstlerin Anna Schellberg. © www.antikult.com

Frau Schellberg, Sie bearbeiten Ihre Heldinnen im Stil der Pop-Art sehr oft plakativ mit kräftigem Pinselstrich. Warum? Große Gesten entsprechen meinem Wesen, so bringe ich meine Empfindungen am besten auf die Leinwand – ohne Kompromisse. Aber es sind keine Pinselstriche im herkömmlichen Sinn, ich arbeite fast ausschließlich mit alten Plastikkarten, von der abgelaufenen Kredit- bis zur Hotelzimmer-Karte. Das gibt mir beim Malen eine sehr große Flexibilität und den Bildern eine gewisse Großzügigkeit und Tiefe. 

Durch Ihre intensive Arbeitsweise bekommen Ihre Frauenheldinnen etwas Gebrochenes, oft Widersprüchliches. Warum wählen Sie Frauen aus, und was haben diese Frauen, was Männer einfach nicht haben? Die Motive, für die ich mich entscheide, müssen mich berühren und etwas in mir auslösen. Selbstbewusste Frauen strahlen enorme Energie aus, diese ich versuche in meinen Arbeiten zu übernehmen. Das scheint mir ganz gut zu gelingen. Denn es sind spannenderweise oft Frauen, die gerade selbst eine große Veränderung in ihrem Leben anstreben, die sich für meine Bilder interessieren. 

Künstler mittenimwald. © www.antikult.com

Mittenimwald, Sie sind von Beruf Werbegrafiker, haben in mehreren Agenturen gearbeitet und sind dann in die Kunst gewechselt. Typografie spielt bei Ihnen eine große Rolle. Warum brauchen Bildheldinnen, neben dem künstlerischen Ausdruck, überhaupt noch Buchstaben und Text? Über die Jahre habe ich eine eigene Bildsprache erschaffen, inspiriert von Punkkultur, Pop-Art und Werbung. Spezielle typografische Botschaften geben den oft provokanten Bildern erst richtig Tiefe. Ich verwende auch komplexe Hintergründe, die meine Frauenmotive in immer wieder neue Kontexte setzen. Verstärkt wird das durch Typografien, die oft sozialkritisch sind.

Was macht Ihre ­Frauenmotive denn so einzig­artig? Oft setze ich meine Frauenfiguren in immer wieder neue Kontexte. Verstärkt wird das durch Typografien, die immer überraschend anders sind: mal dezent im Hintergrund, aber auch mal dominant wie ein kreativer Schlag ins Gesicht. Meine Motive tragen Gasmaske, Militaria und Punk-Devotionalien, um weibliche Stereotypen wie Unschuld, moralische Überlegenheit und vorgebliche Marienhaftigkeit gezielt zu unterlaufen. 

Frau Schellberg und mittenimwald, warum stellen Sie zusammen aus und was inspiriert Sie beide gegenseitig? Anna Schellberg: Wir sind beide Hamburger, haben uns gesucht und gefunden. Mittenimwald ist für mich ein Meister der Schablone. Seine Detailtreue ist legendär: Jedes Haar, jede Wimper, jeder Faltenwurf eines Kleidungsstücks ist höchst detailliert herausgearbeitet. Er hat seinen eigenen Weg gefunden und akzeptiert keine Grenzen.
Mittenimwald: Anna Schellberg ist einfach eine richtig gute Malerin und hat höchste Ansprüche an sich selbst. Sie schafft es, mit wenigen Farbstrichen Porträts zu erschaffen, die durch eine unglaubliche Intensität die Blicke des Betrachters aufsaugen. Und sie kann nicht anders, dafür reichen ihr drei Worte: Paint or dieI
Die Fragen stellte Wolfgang Timpe

INFO Pop-up-Austellung „Face to Face“ mit Anna Schellberg und mittenimwald in der Osakaallee 4 noch bis 8. Mai. Infos: www.antikult.com

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