Hammerbrook: Rohdiamant

HafenCity-Nachbar Hammerbrook gestaltet Wohnen und Arbeiten am Wasser neu

Wenn man aus östlicher Richtung mit der Bahn zum Hauptbahnhof fährt, fällt einem ein Gebäude besonders ins Auge: der Berliner Bogen. Diesen Bürokomplex – zu den Mietern zählt unter anderem die Körber AG – hat der Architekt Hadi Teherani entworfen. Der Berliner Bogen ist ein prägnantes Wahrzeichen des Stadtteils Hammerbrook geworden. Denn dieses Viertel, dessen Großteil als „City Süd“ gilt, ist nach der Innenstadt der gefragteste Bürostandort Hamburgs. Banken, Versicherungen oder Technikunternehmen haben sich hier angesiedelt. Zudem gibt es in der Nordkanalstraße die traditionsreiche Helm AG, die 1900 als Familienunternehmen gegründet wurde. Sie startete als Im- und Exportfirma, heute ist sie ein Mischkonzern mit Spezialisierung auf den Chemiehandel.
Foto oben: Oberhafen-Nachbar Hammerbrooklyn-Digital-Campus: Auf fünf Geschossen sollen dort kluge Köpfe aus der gesamten Welt zusammenfinden, um interdisziplinär zu experimentieren und Inno­vationen umzusetzen. © Visualisierung: Hammerbrooklyn.DigitalCampus

Dennoch: Hammerbrook hat mehr zu bieten als nur Industrie und Betonklötze. Büroangestellte zieht es in der Mittagspause oft an den Mittelkanal. Sobald die Sonne scheint, tummeln sie sich am Vera-Brittain-Ufer. Alternativ kann man auch am Sonnin- oder Südkanal, an der Bille oder am Wasserbassin entlangschlendern. Zum Beispiel zum Victoriakai-Ufer, wo die sogenannten Floating Homes, die Hausboote, liegen.

Hammerbrook wächst: 750 Wohnungen im Sonnin-Quartier auf dem früheren Gelände des Elektronikherstellers Sharp und 330 Wohnungen im Projekt Hammerleev. © Dagmat Leischow
Hammerbrook wächst: 750 Wohnungen im Sonnin-Quartier auf dem früheren Gelände des Elektronikherstellers Sharp und 330 Wohnungen im Projekt Hammerleev. © Dagmat Leischow

Vom Wasser aus sieht man Hammerbrook noch mal aus einer etwas anderen Perspektive. Wer mit einer Barkasse durch die Kanäle schippert, entdeckt durchaus einige Perlen. Etwa die ehemalige Schokoladenfabrik von 1908 an der Wendenstraße, in der heute Büroräume, Fotostudios und Wohnateliers untergebracht sind. Überhaupt wird Wohnen in Hammerbrook dank einiger Großbauprojekte allmählich wieder populärer. 750 Wohnungen sind im Sonnin-Quartier auf dem Gelände des ehemaligen Elektroherstellers Sharp entstanden, dazu kommen 330 weitere Wohnungen aus dem Projekt Hammerleev. Damit liegt man natürlich immer noch weit unter dem Level der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Damals lebten mehr als 60 000 Menschen in dem Arbeiterviertel – bis die Operation Gomorrha in der Nacht vom 27. auf den 28. Juli 1943 Hammerbrook quasi komplett zerstörte. Nur wenige Gebäude blieben stehen, 12.000 Hamburger starben. Danach hielt es lediglich einige hundert Einwohner in diesem Viertel.

Bis heute herrscht ein krasser Gegensatz zwischen Einwohner- und Arbeitnehmerzahl. Am 31. Dezember 2019 hatten 4.619 Personen in Hammerbrook ihren ersten Wohnsitz angemeldet, während rund 20.000 Berufstätige von auswärts dort täglich ihren Arbeitsplatz aufsuchen. Mit der S-Bahn fahren sie vom Hauptbahnhof nur zwei Minuten bis zur Station Hammerbrook (City Süd). Radler können den Elberadweg nutzen, im Südosten führt er nach Rothenburgsort, gen Nordwesten gelangt man in die Innenstadt. In Richtung HafenCity biegt man einfach auf die Oberbaumbrücke ab, zuvor passiert man den Großmarkt, bei dem jährlich mehr als eine Millionen Tonnen Obst und Gemüse umgeschlagen werden. Genau wie die Markthalle oder die Freie Akademie der Künste gehört er erst seit dem 1. März 2008 zu Hammerbrook, weil seinerzeit der Stadtteil Klostertor aufgelöst wurde.

Ebenfalls im Norden, zwischen der HafenCity und St. Georg, liegt das Münzviertel. Seinen Namen verdankt es der 1886 erbauten Münzburg. Dort wurden bis 1982 Geldstücke für die Bundesrepublik Deutschland geprägt. Das bekannteste Gebäude dieses Quartiers ist jedoch das ehemalige Hamburger Hauptpostamt Hühnerposten, das seit 2004 die Zentralbibliothek der Öffentlichen Bücherhallen beherbergt. Neben der Literatur steht die Subkultur hoch im Kurs. Die Bewohner engagieren sich sehr für ihre Nachbarschaft, zum Beispiel mit dem Münzviertel-Straßenfest. Des Weiteren verzeichnet die Gegend die höchste Dichte an sozialen Einrichtungen in ganz Deutschland.

Somit ist Hammerbrook ein Stadtteil mit erstaunlich vielen Gesichtern. Einen weiteren Schritt nach vorne dürfte das Viertel mit dem Hammerbrooklyn-DigitalCampus machen. Auf fünf Geschossen sollen dort kluge Köpfe aus der gesamten Welt zusammenfinden, um interdisziplinär zu experimentieren und Innovationen umzusetzen. Gegenwärtig ist allerdings noch die grüne Box am Stadtdeich, das temporäre Labor von Hammerbrooklyn. Als Verweis auf eine spannende Zukunft. Dagmar Leischow

INFO http://www.hamburg.de/sehenswertes-hammerbrook

Bezirksamtschef Falko Droßmann: „Die Transformation vom reinen Gewerbestandort zu einem Viertel, in dem Wohngebiete integriert sind, muss behutsam passieren. Schließlich wollen wir auch Arbeitsplätze und Gewerbeflächen erhalten.“ © Wolfgang Timpe
Bezirksamtschef Falko Droßmann: „Die Transformation vom reinen Gewerbestandort zu einem Viertel, in dem Wohngebiete integriert sind, muss behutsam passieren. Schließlich wollen wir auch Arbeitsplätze und Gewerbeflächen erhalten.“ © Wolfgang Timpe

„Noch ein Geheimtipp“

Interview: Bezirksamtschef Mitte, Falko Droßmann, über die Zukunft von Hammerbrook

Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten mehr als 60.000 Menschen in Hammerbrook. Könnte das Viertel wieder an diese Zahl herankommen? Das ist eher unwahrscheinlich, zumal sich die Wohnverhältnisse heutzutage gewandelt haben. Wir sind in Hammerbrook aber auf einem guten Weg. In kaum einem anderen Stadtteil entstehen so viele neue Wohnungen. 2013 gab es dort 863 Wohnungen, Ende 2019 waren es schon 2.966 Wohnungen.

Müsste jetzt nicht die Infrastruktur verbessert werden? Noch gilt Hammerbrook als Geheimtipp. Je mehr Menschen dorthin ziehen, desto mehr wird sich die Gegend ändern. Im SonninQuartier wurden bereits einige Geschäfte eröffnet. Bloß muss die Transformation vom reinen Gewerbestandort zu einem Viertel, in dem Wohngebiete integriert sind, behutsam passieren. Schließlich wollen wir auch Arbeitsplätze und Gewerbeflächen erhalten. 

Wer wohnt eigentlich in Hammerbrook? Viele Familien. Gut doppelt so viele wie im Hamburger Durchschnitt. In den letzten sechs Jahren hat sich die Einwohnerzahl von 1800 auf fast 5000 erhöht. Besonders Haushalte mit Kindern, die bezahlbaren Wohnraum zu schätzen wissen, zieht es nach Hammerbrook.

Könnte dieser Stadtteil irgendwann ein Hammerbrooklyn werden, also ein überteuertes Trendviertel für Besserverdiener? Das glaube ich nicht. Man findet in Hammerbrook ganz unterschiedliche Wohnungstypen. Die geförderten Wohnungen haben eine Bindung zwischen 15 und 25 Jahren. Natürlich gibt es auch Bestandshalter, zum Beispiel Genossenschaften oder die Saga. Sie stehen bestimmt nicht im Verdacht, später sehr hochpreisige Eigentumswohnungen zu schaffen. 

Wie wichtig ist Hammerbrook als Wirtschaftsstandort? Hamburg-Mitte ist Hamburgs Cashcow. Insgesamt sind in Hammerbrook fast 3400 Unternehmen ansässig. Vor allem aus dem Bereich Handel- und Dienstleistungen, aber auch rund 1200 Firmen des produzierenden Gewerbes. Das Gewerbe- und Industriegebiet vom südlichen Hammerbrook über Rothenburgsort bis Billbrook gilt als das größte Industriegebiet Norddeutschlands. Dort wird ein großer Wert erwirtschaftet, der interessanterweise eher Menschen in anderen Stadtteilen zugutekommt. In Bezug auf die Einkünfte der Einwohnerinnen und Einwohner ist Hamburg-Mitte der mit Abstand ärmste Bezirk Hamburgs.
Die Fragen stellte Dagmar Leischow

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