»Ich will Menschen begeistern«

Neue Behörde, grüner Chef. Dr. Anjes Tjarks, Senator für Verkehr und Mobilitätswende, über falsche Prioritäten, neue Angebote und innere Ruhe

Foto oben: Verkehrssenator Dr. Anjes Tjarks: „Die Mobilitätswende für Hamburg ist zwingend notwendig. Wir haben 2007 über 50 Millionen Personenkilometer pro Tag quer über alle Verkehrsträger in Hamburg abgewickelt, 2018 ist dieser Wert auf 70 Millionen pro Tag angestiegen. Das ist eine Steigerung um 40 Prozent innerhalb von zehn Jahren. Wir sind eine wachsende Stadt, der Einzelne wird immer mobiler – aber auf derselben Fläche!“ ©Thomas Hampel

Herr Senator, Sie sind gebürtiger Hamburger und in Jenfeld aufgewachsen. Sie haben an der Uni Hamburg und im südafrikanischen Stellenbosch Englisch und Politik studiert. Was hat Sie damals nach Südafrika geführt? Es gab ein Austauschprogramm zwischen der Uni Hamburg und der Uni Stellenbosch. Darüber habe ich jemanden kennengelernt, dem ich 2002 nach Stellenbosch gefolgt bin und mit dem ich übrigens heute noch gut befreundet bin. Das war eine sehr coole Zeit mit vielen prägenden Eindrücken von einem zerrissenen, gespaltenen Land.

Der Mobilitätswende-Senator in seinem neuen Dienstzimmer am Alten Steinweg 4 über seine Ziele: „Die lebendige und autoarme Innenstadt, die Verdoppelung des Radwegeausbaus, die Entwicklung von Hamburg als Fahrradstadt, der Schnellbahn­ausbau und ein deutlicher Ausbau von öffentlichem Nahverkehr durch den Hamburg-Takt.“ ©Thomas Hampel
Der Mobilitätswende-Senator in seinem neuen Dienstzimmer am Alten Steinweg 4 über seine Ziele: „Die lebendige und autoarme Innenstadt, die Verdoppelung des Radwegeausbaus, die Entwicklung von Hamburg als Fahrradstadt, der Schnellbahn­ausbau und ein deutlicher Ausbau von öffentlichem Nahverkehr durch den Hamburg-Takt.“ ©Thomas Hampel

Rassismus ist dort immer ein Alltagsthema. Auch bei uns schlägt nach dem Tod des Amerikaner George Floyd die Rassismus-Debatte hohe Wellen, in Berlin werden schon Straßennamen ausgetauscht. Wie kommt es zur Explosion dieses Themas? In Südafrika ist das Thema immer präsent – auch nach dem Ende der Apartheid. Das ist bei uns in Deutschland natürlich nicht so extrem, aber dennoch haben wir gesehen, dass das Thema auch hier immer virulent ist. Wir müssen Menschen Chancen eröffnen, die unabhängig von Aussehen und Herkunft sind. In einer Stadt wie Hamburg, in der Menschen aus über 180 Nationen leben, ist das eine zentrale Fragestellung – für den Einzelnen, aber auch für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. 

Wir wollen für Radfahrer und Fußgänger eine Brücke zwischen dem Grasbrook und der HafenCity bauen. So steht es im Koali­tionsvertrag.«
Dr. Anjes Tjarks (Die Grünen). Senator für Verkehr und Mobilitätswende

Sie sind seit langem Fraktionschef der Grünen in der Bürgerschaft und haben jetzt einen Karrieresprung als Senator für die neu geschaffene Behörde für Verkehr und Mobilitätswende hingelegt. Wie gravierend hat sich in den ersten drei Wochen Ihr Alltag mit nun insgesamt 1.100 Mitarbeitern geändert? Gearbeitet habe ich vorher schon viel, daran wird sich nicht so viel ändern. Ich würde auch nicht von einem Karrieresprung, sondern von einer neuen oder anderen Aufgabe sprechen, die man wirklich machen und wollen muss. Sonst ist diese Aufgabe zu groß und die Gefahr droht, dass die Bilanz nicht gut genug ausfällt. Ich empfinde es aber vor allem als große Ehre, mich die nächsten fünf Jahre als Senator um den Verkehr und die Mobilitätswende kümmern zu dürfen. Ich bin begeistert von dieser Aufgabe, weil ich mit meinen 39 Jahren seit 37 Jahren in Hamburg lebe, seit 34 Jahren Fahrrad fahre und weiß, dass hier viel, viel mehr geht. Das ist ein sehr ernsthaftes Anliegen von mir.

VITA Dr. Anjes Tjarks
von Bündnis 90/Die Grünen wurde am 10. Juni 2020 zum Senator für Verkehr und Mobilitätswende im sogenannten Senat Tschentscher II ernannt, im neuen auf fünf Jahre gewählten Senat von Hamburgs Ersten Bürgermeister Dr. Peter Tschentscher. Das gewonnene Mandat für die 22. Bürgerschaft von Tjarks ruht für die Zeit seiner Amtszeit als Senator. Der 39-Jährige ist seit 1998 Mitglied der Grünen (damals GAL), wurde im März 2011 über die Liste der Partei erstmals Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft und war bis zu seiner Ernennung zum Senator Fraktionsvorsitzender der Grünen in der Bürgerschaft. 
Der gebürtige Hamburger ist in Jenfeld aufgewachsen und hat nach dem Abi am Gymnasium Marienthal zunächst Zivildienst geleistet. Danach studierte er Englisch und Politik in Hamburg und im südafrikanischen Stellenbosch, arbeitete mehrere Jahre als Lehrer an der Klosterschule in St. Georg und promovierte dann in Politikwissenschaft und Kognitive Linguistik mit dem Dissertationsthema „Familienbilder gleich Weltbilder“. Tjarks hatte sich und Die Grünen im Bürgerschaftswahlkampf mit Verkehrsthemen, u.a. zur Fahrradstadt und zur autoarmen Innenstadt, und den Hamburger Umwelt- und Klimazielen profiliert. Der durchsetzungsstarke und lösungs­orientierte Politiker ist verheiratet, hat drei Söhne, lebt in Altonas neuer Mitte und ist Fahrradfan.

Anjes Tjarks über das HafenCity-Leuchtturmprojekt Westfield  Überseequartier-Hamburg: „Ich glaube, dass in dem Projekt mehr Chancen stecken als die meisten Kritiker glauben. Es muss darum gehen, Menschen nach Hamburg zu bringen, die sonst nicht nach Hamburg kommen. Die HafenCity ist ein toller öffentlicher Raum, den neben den Anwohnern auch viele andere nutzen sollten.“ ©Thomas Hampel
Anjes Tjarks über das HafenCity-Leuchtturmprojekt Westfield Überseequartier-Hamburg: „Ich glaube, dass in dem Projekt mehr Chancen stecken als die meisten Kritiker glauben. Es muss darum gehen, Menschen nach Hamburg zu bringen, die sonst nicht nach Hamburg kommen. Die HafenCity ist ein toller öffentlicher Raum, den neben den Anwohnern auch viele andere nutzen sollten.“ ©Thomas Hampel

Empfinden Sie sich eher als Behördenchef oder als grüner Verkehrschef? Nein, ich bin Senator für Verkehr und Mobilitätswende und das bedeutet für den gesamten Verkehr. Ich bin für die Menschen in Hamburg tätig – als Grüner aus einer grünen Perspektive.

Und die Radfahrer machen sich besonders viel Hoffnungen. Ich möchte auch ganz viel für den Radverkehr tun, aber der Behördenauftrag lautet Verkehr und Mobilitätswende und das umfasst mehr als Radverkehr. Damit sind alle Verkehrsteilnehmer vom Fußgänger bis zum Autofahrer gemeint. Ich möchte den Mobilitätsmix deutlich verschieben und dafür die Menschen mit neuen Angeboten begeistern. Und ich kann Leute begeistern, weil ich selbst begeistert bin. Schließlich nehmen wir wirklich viel Geld in die Hand, um etwas zu verändern. 

»Ich bin begeistert von dieser Aufgabe, weil ich mit meinen 39 Jahren seit 37 Jahren in Hamburg lebe, seit 34 Jahren Fahrrad fahre und weiß, dass hier viel, viel mehr geht. Das ist ein sehr ernsthaftes Anliegen von mir.« ©Thomas Hampel
»Ich bin begeistert von dieser Aufgabe, weil ich mit meinen 39 Jahren seit 37 Jahren in Hamburg lebe, seit 34 Jahren Fahrrad fahre und weiß, dass hier viel, viel mehr geht. Das ist ein sehr ernsthaftes Anliegen von mir.« ©Thomas Hampel

Bei der Stabübergabe in der Wirtschaftsbehörde sagten Sie, dass Sie lange auf Ihren jetzigen Erfolg hingearbeitet haben. Wie kann man das? Man muss sich auf ein solches Amt gut vorbereiten und die inhaltlichen Ziele werden ja schon einige Jahre früher festgesteckt. Mit der autoarmen und lebendigen Innenstadt beschäftigen wir uns als Grüne ja schon länger und haben das Thema bewusst in den Wahlkampf eingebracht. Dann bekommt man ein Gespür dafür, wie und in welchem Maße man Veränderungen vorantreiben kann. 

Sie führen bundesweit die erste Behörde mit einem imperativen Gestus: Mobilitätswende. Wie kam es zu dieser Zielsetzung im Behördennamen? Das gibt es tatsächlich nirgendwo sonst in Deutschland und ist von uns ganz bewusst als Auftrag im Koalitionsvertrag festgeschrieben worden.

­Wir sind eine wachsende Stadt, der Einzelne wird immer mobiler – aber auf derselben Fläche! Wenn wir unsere Mobilität erhalten wollen, ist die zwingende Voraussetzung, dass wir weniger Fläche einnehmen für diese Mobilität. Und zwar jeder Einzelne.«
Dr. Anjes Tjarks (Die Grünen). Senator für Verkehr und Mobilitätswende

Warum? Weil die Mobilitätswende für Hamburg zwingend notwendig ist. Wir haben 2007 über 50 Millionen Personenkilometer pro Tag quer über alle Verkehrsträger in Hamburg abgewickelt, 2018 ist dieser Wert auf 70 Millionen Personenkilometer angestiegen. Das ist eine Steigerung um 40 Prozent innerhalb von zehn Jahren. Wir sind eine wachsende Stadt, der Einzelne wird immer mobiler – aber auf derselben Fläche! Wenn wir unsere Mobilität erhalten wollen, ist die zwingende Voraussetzung, dass wir weniger Fläche einnehmen für diese Mobilität. Und zwar jeder Einzelne. Im Kern brauchen wir die Mobilitätswende, um selbst mobil zu sein und mobiler zu werden. Klimaschutz, mehr Lebens- und Aufenthaltsqualität, weniger Luftverschmutzung und eine schönere Stadt – das kommt alles noch oben drauf. Die Mobilitätswende ist damit auch die Voraussetzung für einen fließenden Wirtschaftsverkehr.

Hamburg gewinnt häufiger mal in Rankings den ungeliebten Titel deutsche Stau-Hauptstadt zu sein. Wann gibt es Entlastung für leidgeprüfte Autofahrer? Ich finde Staus nicht gut. Aber wir führen in Hamburg häufig eine Scheindebatte um den Stau. Wir haben mittlerweile eine professionelle Baustellenkoordinierung und die Baustellen sind im Grundsatz nicht wirklich ursächlich für Stau. Wir haben zu viel Verkehr auf zu kleiner Fläche. Wir brauchen eine funktionierende Infrastruktur und dazu gehört, dass man Straßen in Ordnung hält – auch für den Wirtschaftsverkehr. Das ist Grundvoraussetzung für wirtschaftliche Kraft und Prosperität in einer Metropolregion.

»Es ist in Ordnung, den Blick mal wieder auf die Innenstadt zu richten. Uns geht es ausdrücklich um die städtebauliche Integra­tion beider Stadtteile, der traditionellen Innenstadt mit der HafenCity, eine fußläufige Verbindung zwischen beiden Stadtteilen, die derzeit durch Autoverkehr in vielen kleineren Straßen behindert wird.« ©Thomas Hampel
»Es ist in Ordnung, den Blick mal wieder auf die Innenstadt zu richten. Uns geht es ausdrücklich um die städtebauliche Integra­tion beider Stadtteile, der traditionellen Innenstadt mit der HafenCity, eine fußläufige Verbindung zwischen beiden Stadtteilen, die derzeit durch Autoverkehr in vielen kleineren Straßen behindert wird.« ©Thomas Hampel

Sie sind nicht nur seit 22 Jahren Mitglied der Grünen, sondern gelten auch als Fahrrad-Maniac. Treten Sie immer noch in die Pedale oder nutzen Sie inzwischen einen Dienstwagen? Ich fahre Fahrrad, Bus und Bahn. Ob ich einen Dienstwagen brauche, werde ich später entscheiden. Ich muss die Situation erstmal auf mich wirken lassen.

Bislang konnten Sie als Fraktionschef die reine grüne Lehre vertreten. Als Senator müssen sie alle Verkehrsteilnehmer und das Gesamtwohl der Stadt Hamburg im Blick haben und die Gruppe ist größer als in der Bürgerschaft. Warum trauen Sie sich das zu? Mein Ziel ist es immer, ein freundlicher Mensch zu bleiben. Respekt auch vor Andersdenkenden ist ein Kernbestandteil jeder vernünftigen Politik. Als Fraktionschef war ich ja schon für alle Themenfelder in der gesamten Stadt zuständig und habe – um ein Beispiel zu nennen – 2015 in der Flüchtlingskrise mit Dr. Andreas Dressel, dem heutigen Finanzsenator und damaligen SPD-Fraktionschef, alle Bürgerverträge ausgehandelt, um diese Stadt in der Flüchtlingspolitik zu einen. Die AfD spielt in Hamburg auch deshalb keine Rolle, weil wir als rot-grüne Regierungskoalition eine Politik betreiben, die die Menschen mitnimmt und alle umfasst. Die große Zufriedenheit mit dieser Politik hat sich auch im Wahlergebnis der Bürgerschaftswahl im Februar widergespiegelt.

Wie viel Peter Tschentscher steckt in Ihnen? Der Bürgermeister hat ja im Wahlkampf auch gesagt, dass er die ganze Stadt im Blick habe. Mein Anliegen ist es, für die gesamte Stadt Politik zu machen und besonders auch für das Umland. Wenn man Hamburg verkehrspolitisch ohne die Pendlerbeziehungen von 370.000 Ein- und Auspendlern jeden Tag denkt, wird es nicht funktionieren. Ich habe sehr lange in Jenfeld gewohnt und weiß, wie wichtig es ist, eine gute Verkehrsanbindung nicht nur im Zentrum, sondern auch und vor allem in den Außenbezirken zu haben. Dafür werde ich mich einsetzen.

Was wollen Sie besser machen als der parteilose bisherige Verkehrsverantwortliche Michael Westhagemann? Ich möchte mich nicht vergleichen. Nach jeder Wahl gibt es einen neuen Auftrag und der lautet jetzt: Mobilitätswende. Ich bin Verkehrssenator für alle Verkehrsteilnehmer, aber mit dem Ziel, die Mobilitätswende nach vorne zu bringen.

Der Wirtschaftssenator ist immer noch zuständig für Innovation, was u.a. bislang die Mobilität und den ITS-Weltkongress im Herbst 2021 in Hamburg mit dem Untertitel „Experience Future Mobility Now“ betrifft. Wer von Ihnen beiden hat denn da jetzt den Hut auf bei diesen Themen? Es gibt eine Aufgabenteilung und für den ITS-Kongress bin ich zuständig.

War es schwierig, die Aufgaben untereinander zu verteilen? Koalitionsverhandlungen und Verhandlungen um Personen und Behörden darf man sich nicht als besonders freudvolle Angelegenheit vorstellen. Das sind schon harte Verhandlungen. 

Hatten und haben Sie ein bestimmtes Ziel vor Augen, dass Sie unbedingt erreichen möchten? Ja, das sind die lebendige und autoarme Innenstadt, die Verdoppelung des Radwegeausbaus, die Entwicklung von Hamburg als Fahrradstadt, der Schnellbahnausbau und ein deutlicher Ausbau von öffentlichem Nahverkehr durch den Hamburg-Takt.

Ein erster Schritt zu einem ihrer großen Ziele, Hamburg zu einer wirklichen Fahrradstadt zu machen, werden Pop-up-Bike-Lanes u.a. wie die vom Baumwall über den Sandtor- und Brooktorkai zu den Deichtorhallen sein. Was nützt das der Nachhaltigkeit, wenn der geschaffene Raum für Radfahrer am Ende doch wieder nur temporär ist? Es kann zeigen, was geht oder auch, wo die Probleme liegen. In der HafenCity, am Sandtorkai/Brooktorkai, gibt es einen guten Radweg stadteinwärts an der Wasserseite, auf der Strecke stadtauswärts ist der Radweg dagegen nicht vorhanden. Gleichzeitig würden wir durch eine Pop-up-Bike Lane einen Lückenschluss zwischen dem Baumwall und den Deichtorhallen hinbekommen. Dort startet einer der schönsten Radwege in Hamburg in Richtung Osten nach Rothenburgsort und Kaltehofe.

Die HafenCity ist Hamburgs jüngster Stadtteil und trotzdem ein Quartier, in dem immer noch Autos Vorfahrt haben und anfangs gar keine Radwege geplant wurden. Wie kann so etwas passieren? Das ist mir auch ein Rätsel. Aber die Zeiten haben sich geändert. Fahrradfahren ist sehr beliebt in Hamburg, 70 Prozent der Hamburger geben an, sehr gern Fahrrad zu fahren. Für die müssen wir Wege bauen und Angebote schaffen, die richtig Lust machen, Fahrrad zu fahren. 

Viele HafenCity-Anwohner wünschen sich einen Rückbau der Straßen wie Shanghaiallee oder Sandtorkai, die quasi als Transitstrecken in die Innenstadt geplant wurden. Dürfen sie mit Ihnen als Verkehrssenator auf den Rückbau hoffen? Ich bin jetzt seit drei Wochen im Amt. Wir beginnen jetzt mal mit der Pop-Up-Bike-Lane. Die muss dann auch genutzt werden. Eine Pop-Up-Bike-Lane hilft ja nichts, wenn sie keiner will. Ich glaube, je erfolgreicher solche Projekte sind, desto leichter wird es im weiteren Prozess.

Kommt Tempo 30 in der Hafencity? Das kann ich jetzt nicht beantworten.

Wo werden Sie auf dem neuen Stadtteil Grasbrook Ihren Fußabdruck als grüner Verkehrssenator hinterlassen? Werden Sie bisherige Planungen grün korrigieren? Zunächst finde ich die bisherigen Planungen für den neuen Stadtteil ganz gut. Er wird von vornherein extrem autoarm geplant, hat einen sehr schönen Elbpark mit dem deutschen Hafenmuseum an der Spitze. Jetzt geht es darum, den Grasbrook verkehrlich in die Stadt zu integrieren.

Im Koalitionsvertrag steht, dass der Grasbrook ein Smart-Mobility-Stadtteil weitgehend ohne motorisierten Individualverkehr sein soll. Wie kann das gehen? Es wird entscheidend sein, dass es uns gelingt, eine Anbindung wie die geplante U-Bahn-Station auf dem Grasbrook zu schaffen, bevor die ersten Menschen dorthin ziehen. Das ist entscheidend für die künftige Mobilitätsnutzung, weil die Menschen dann wissen, dass der ÖPNV vor der Haustür liegt und sie kein Auto brauchen. Das ist etwas ganz anderes, wenn der erst drei Jahre später kommt. Ferner wollen wir für Radfahrer und Fußgänger eine Brücke zwischen dem Grasbrook und der HafenCity bauen. So steht es im Koalitionsvertrag.

Auch im Koalitionsvertrag steht, dass das neue Cruise Center HafenCity zunächst nur für Kreuzfahrtschiffe bis 2.000 Passagiere ausgelegt wird. Ist das der Einstieg aus der Kreuzschifffahrt am künftigen Westfield Überseequartier-Hamburg? Nein. Wichtig ist, dass die Schiffe dort mit Landstrom versorgt werden, wie wir es im Koalitionsvertrag festgeschrieben haben.

Wie bewerten Sie persönlich die Überseequartier-Süd-Pläne als Mixed-Used-Quartier mit einer erhofften Frequenz von rund 50.000 Besuchern und Nutzern pro Tag? Ich glaube, dass in dem Projekt mehr Chancen stecken als die meisten Kritiker glauben. Es muss darum gehen, Menschen nach Hamburg zu bringen, die sonst nicht nach Hamburg kommen. Die HafenCity ist ein toller öffentlicher Raum, den neben den Anwohnern auch viele andere nutzen sollten.

Im Koalitionsvertrag wird ausführlich über die Revitalisierung von Neu- und Altstadt sowie der Innenstadt mit der Mönckebergstraße gesprochen. Eine nachhaltige attraktive Verbindung zur HafenCity zu Fuß und mit dem Rad war offenbar kein Thema. Hat die Innenstadt-Lobby erfolgreich gegen die HafenCity im neuen rot-grünen Senat gearbeitet? Als Stadt haben wir die letzten Jahrzehnte in die HafenCity investiert, die wunderbare Elbphilharmonie gebaut und auch der östliche Abschluss ist mit dem Elbtower schon geplant. Da sollte sich die HafenCity jetzt nicht benachteiligt fühlen. Es ist in Ordnung, den Blick wieder auf die Innenstadt zu richten. Uns geht es ausdrücklich um die städtebauliche Integration beider Stadtteile, der traditionellen Innenstadt mit der HafenCity, eine fußläufige Verbindung zwischen beiden Stadtteilen, die derzeit durch Autoverkehr in vielen kleineren Straßen behindert wird. Wir werden mit dem Bau der A26 Ost uns auch ansehen, ob man die Willy-Brandt-Straße nicht anders dimensionieren kann, um die Integration zu erleichtern. Auch ein autofreier Burchardplatz wäre ein perfekter Trittstein zwischen Mönckebergstraße und HafenCity – ein Platz vor dem Chile-Haus, unserem Welt-Kulturerbe, auf der anderen Seite der Sprinkenhof. Er ist Hamburgs einziger Platz, der komplett in Backstein gefasst ist und ein Platz, der – wenn man ihn mit Leben füllen würde – Menschen aus ganz Europa anziehen würde. Und noch etwas: Von der HafenCity in die Innenstadt fährt die modernste U-Bahnlinie Europas.

Der Oberbaudirektor denkt u.a. sogar an breite Fußgängerüberwege über die Willy-Brandt-Straße. Finden Sie das machbar? Richtig ist, dass wir diese Straße für den Verkehr brauchen, da darf man sich nichts vormachen. Gleichzeitig müssen aber die Querungsmöglichkeiten für Fußgänger verbessert werden. Wenn man sich intensiv und präzise mit dem Thema beschäftigt, kann man, glaube ich, eine Menge, zum Beispiel über Ampelschaltungen, besser steuern als das heute der Fall ist.

Jetzt mal zum wahren Leben. Sie sind verheiratet und haben drei Jungs, Zwillinge von 12 Jahren und einen Achtjährigen. Haben die Ihnen schon Wünsche oder Hausaufgaben mit auf den Weg gegeben? (lacht) Da wir zuhause kein Auto haben und alles mit dem Rad erledigen, wünschen sich meine Kinder einfach auch viele gute Radwege. Und das sagen sie mir auch immer wieder.

Sind Sie ein guter Grüner? Ich bin schon öko im Kern, aber vor allem will ich ein guter Verkehrssenator sein.

Finden Ihre Kinder eigentlich cool, dass ihr Vater Senator ist? Meine Kinder sind noch nicht in dem Alter, in dem sie in solchen Kategorien denken. Zuhause bin ich vor allem Papa.

Was bedeutet Macht für Sie? Es bedeutet Verantwortung, mit dem Wählerauftrag gut und richtig umzugehen und die Gesellschaft für unsere Ideen zu begeistern.

Was werden Sie aus Ihrem alten Leben vermissen? Man ist in seinem persönlichen Leben als Senator schon eingeschränkt. Ich gehe zum Beispiel gern in der Elbe baden, ich bin schon eine Wasserratte. Aber jetzt habe ich immer eine Schere im Kopf: Politiker, die baden gehen, geben kein gutes Bild ab (lacht).

Ihre Doktorarbeit hat den Titel „Familienbilder gleich Weltbilder“. In einem Satz: Was heißt das und was hat Sie daran interessiert? Gemeint ist, dass wir das Wertesystem, in dem wir aufwachsen, auf unser Weltbild, auf unsere politischen Anschauungen übertragen. Es erklärt vieles, zum Beispiel, warum einige ein härteres Vorgehen der Polizei fordern oder andere sich für mehr Gleichberechtigung einsetzen.

Welche Ihrer Eigenschaften hilft Ihnen in Ihrem neuen Amt? Ich war im meinem sportlichen Leben immer besser in Ausdauerlauf als im Sprint. Das bedeutet: Ich habe ein großes Herz mit einem langsamen Puls und der gibt mir eine große innere Ruhe.

Welche Eigenschaft hätten Sie gern, die Sie nicht haben? Ich kann streiten, auch hart, aber ich habe eigentlich nicht so viel Lust dazu. Manchmal hilft die Lust dazu aber, Streitsituationen leichter zu meistern.

Als Fraktionschef haben Sie sich als durchsetzungsstark und lösungsorientiert profiliert. Wie wollen Sie Ihre Behörde führen? Ich will die Menschen begeistern für das, was wir tun. Ich möchte sie mitnehmen auf unserer Reise zur Mobilitätswende. 

Haben Sie Vorbilder? Es gibt Politiker, die mir großen Respekt abnötigen wie Joschka Fischer oder Barack Obama, aber Vorbilder im eigentlichen Sinn habe ich nicht.

Sie sind neu im Amt und die Behörde ist neu. Auf wen hören Sie? Ich bin hier auf eine tolle Truppe gestoßen, die sind begeisterungsfähig, noch mehr, wenn man mal ein paar Handbremsen löst. Ich glaube, man sollte in einen Dialog gehen und dann muss man Entscheidungen treffen. Und das kann ich.

Wo machen Sie Urlaub? Die Kinder sind jetzt mit meinen Eltern an der Ostsee und meine Frau und ich fahren später mit ihnen in die Alpen.

Welches ist Ihr Lieblingsort in Hamburg? Eine Weide am Elbstrand, nicht weit weg vom Alten Schweden-Felsen, die ins Wasser ragt.

Wie schalten Sie ab? Sport. Fahrradfahren und laufen, Fahrradfahren und laufen. Da kommen mir die besten Gedanken. 

Was stresst Sie? Eigentlich nichts.

Was war die weiteste Strecke, die Sie mit dem Fahrrad zurückgelegt haben? Das sind 120 Kilometer von Altona zum Schöneberger Strand bei Kiel – da machen meine Kinder gerade Urlaub.
Das Gespräch führte Wolfgang Timpe 

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