Kampf um Konsens

Blick auf das Baufeld 77, Schulcampus HafenCity: Zwischen Bolzplatz und Versmannstraße sollen künftig 1.400 Schüler zur Schule gehen. © Wolfgang Timpe

Der künftige Schulcampus im Lohsepark polarisiert: Spielplatz auf dem Dach oder Wohnungen auf dem Spielplatz? Im HafenCity-Forum wird Bürgerbeteiligung geübt. Von Wolfgang Timpe

Es gibt Krach in der HafenCity: Es geht um das Baufeld 77, in zentraler Lage im Dreieck zwischen Lohsepark, Versmannstraße und Bahntrasse. Hier wird eines Tages eine der großen weiterführenden Schulen im Bezirk Mitte stehen. Eine Schule, wie es sie in Hamburg bisher nicht gibt: Stadtteilschule und Gymnasium in einem Gebäude, eine Clusterschule für gemeinsames Lernen von Schülern aus verschiedenen Schulformen; mit einer Schulleitung und einem Kollegium, zukunftsweisend und innovativ, passend zur HafenCity. Altstadt, Veddel,  Rothenburgsort gehören ebenso zum direkten Einzugsgebiet; erwartet werden an die 1400 Schüler mit „sieben Zügen“, sieben parallelen Klassen pro Jahrgang.

Der Schulcampus Lohsepark wird eines der größten Schulneubauprojekte der Stadt.

Doch nun gibt es Streit um die Bebauung. Denn anders als ursprünglich geplant, soll rund ein Drittel der für den Schulcampus vorgesehenen Fläche mit Wohnungen bebaut werden und ein Teil des Schulhofs dafür auf das Dach der künftigen Schule verlegt werden. Eltern, Jugendliche und Initiativen sind sauer und haben inzwischen auch die rot-grüne Bezirksversammlung Hamburg-Mitte auf ihrer Seite. Gemeinsam gehen sie auf Konfrontationskurs zur Schulbehörde und zur HafenCity GmbH.
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Gastkommentar zum Schulcampus HafenCity von Gemeindepastor
Frank Engelbrecht, St. Katharinen.
© Thomas Hampel

Gastkommentar
Eine Anlaufstelle für die Nachbarschaft

Eine wunderbare Idee: der Schulcampus Lohsepark als Stadtteilschule, Gymnasium und aktivierende Anlaufstelle für die Nachbarschaft. Doch seit das städtebauliche Gutachterverfahren vom März 2018 Teile des Grundstücks mit Wohnen belegt, gibt es Streit. Aus stadtplanerischer Vogelperspektive mag die Idee der Trennung des Schulgrundstücks mit Schulhof auf dem Schuldach und Platz für Wohnungen naheliegen. Aber ein breites Bündnis von Engagierten in der HafenCity hat als Initiative Schulcampus Lohsepark von Anfang an alternative Vorschläge gemacht. Ihre aus langjährigem Engagement gespeiste, lokale Perspektive macht sichtbar: Da geht mehr! 

Hier ist der Ort, mutig zu sein und statt Wohnen eine Infrastruktur für Akteure zu planen, die Nachbarschaft stadteilübergreifend einbinden; so wie das längst geschieht, beispielsweise bei Kick’n’Plant auf dem Bolzplatz mit Urban Gardening, einem der lebendigsten Orte der HafenCity. Der Schulcampus Lohsepark lebt als Schul- und Nachbarschaftsprojekt vom Zusammenspiel der Kompetenzen der Engagierten vor Ort und dem Fachwissen aus Politik, Verwaltung und Entwicklungsgesellschaft. Nur im Schulterschluss bekommen wir die guten Lösungen, über die unsere Nachkommen auch in 100 Jahren noch sagen: „Hut ab für die Weitsicht derer, die damals die Verantwortung trugen!“
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Wie groß wird also der Platz, den die jungen Menschen zur Verfügung haben werden? Wenn Wohnungen auf dem Grundstück entstehen, wie kompakt muss die Schule dann geplant werden? Schulhof auf dem Dach? Soll die Schule wirklich nur eine Schule sein, oder auch eine soziales Begegnungszentrum der HafenCity? Fragen über Fragen – da hilft ein kurzer Blick zurück.

Die Planungen für den Schulcampus laufen seit vielen Jahren. Varianten wurden diskutiert, es gab Workshops undDiskussionen – mit Vertretern der Behörden, mit dem Vorstand des Netzwerk HafenCity e.V. und vielen Pädagogen. Als gute Ganztagsschule war Platz für viel Bewegung der Jungen und Mädchen geplant, immer ging es um die gesamten 11 000 Quadratmeter. Immer war das ganze Grundstück dem „Gemeinbedarf“ gewidmet, und das wiederum heißt: Flächen für eine öffentliche Nutzung. Doch dann kamen das städtebauliche Gutachterverfahren und die Jurysitzung zum Architektenbriefing und nach diesen Plänen soll das Grundstück nun geteilt werden: Wohnungsbau auf der nördlichen Hälfte; ein stark komprimierter Schulbau mit Schulhof auf dem Dach. Damit das überhaupt möglich ist, soll der ursprüngliche Bebauungsplan Ende Juni geändert werden. Und dagegen gibt es nun erheblichen Widerstand.

Wie unversöhnlich die Fronten aufeinander prallten, zeigte sich Ende März beim ersten HafenCity-Forum im Ökumenischen Forum an der Shanghaiallee. Auf der Tagesordnung stand „nur“ der Schulcampus. Als der Abend unter Regie von Stadteilmanager und Moderator Sascha Bartz nach über zwei Stunden ein Ende fand, war klar: Man hätte noch viel mehr Zeit gebraucht. Wie unter einem Brennglas treten die Probleme der gesamten HafenCity am Beispiel des Baufeldes 77 zu Tage.

Info zum HafenCity Forum
Mitreden! Mitwirken!
Das HafenCity Forum wurde als Nachfolger des Bürgerforums durch die Bezirksversammlung Hamburg-Mitte eingesetzt. Das Forum bietet den Bewohnern, Unternehmern und allen anderen Akteuren der HafenCity die Möglichkeit ihre Anliegen öffentlich zu präsentieren und diese mit ihren Nachbarn und mit den anwesenden Politikern zu diskutieren.  Unter der Leitung von Sascha Bartz, der die Veranstaltungen im Auftrag des Bezirksamtes organisiert und moderiert, finden jährlich zwei Veranstaltungen statt, zu denen alle Interessierten eingeladen sind. Die nächste Sitzung ist für September geplant.  Themen können im Vorwege an info@hafencityforum.infogemeldet werden. CF

Dabei geht es vor allem um die eine und entscheidende Grundfrage: Wie lässt es sich verhindern, dass das berechtigte und wichtige Interesse nach mehr Wohnraum für alle ausgespielt wird gegen das ebenso berechtigte und wichtige Interesse der HafenCity-Bewohner nach ausreichendem Sozialraum für alle in der HafenCity? Wie wichtig ist der Stadt Hamburg der Raum für Bildung und Bewegung von Kindern und Begegnung von Menschen? 

Zwischen dem Podium, besetzt mit dem Landesschulrat Thorsten Altenburg-Hack und Dieter Polkowski von der Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen (BSW) für die städtische Seite, und dem Publikum und ihrem Vertreter Jochen Blauel von der Initiative Schulcampus Lohsepark andererseits, ging es scharf hin und her. Die Fronten sind verhärtet. Umso bedauerlicher, dass Oberbaudirekter Franz-Josef Höing kurzfristig wegen Krankheit absagen musste und Bezirksamtsleiter Falko Droßmann leider früher gehen musste, bevor das wirkliche Thema richtig starten konnte.

Sitzung des HafenCity Forum im Ökumenischen Forum, Shanghaiallee:
„am Ende einen Kompromiss finden“. © Thomas Hampel

Sicher ist: Der Streit geht weiter, mittlerweile auch im Senat und in der Bürgerschaft. Im Anschluss an das HafenCity-Forum hatten die Grünen und die SPD aus dem Bezirk Mitte einen Antrag mit einer klaren Forderung gestellt: Mehr Sozialräume für das ganze Viertel in der Schule; mehr Weite, mehr sogenannte Joker-Flächen auf dem Gelände zur freien Verfügung, mehr Entwicklungsspielraum für Schule, Schüler und die ganze HafenCity. Im Umkehrschluss dann aber auch: kein Wohnungsbau auf Baufeld 77.

Schon am nächsten Tag war es so in der Presse zu lesen: „SPD und Grüne sprechen sich gegen Wohnungsbau am Lohsepark aus“ aus. Für eine differenzierte Sichtweise – es geht nicht gegen Wohnungsbau, sondern für mehr dringend nötige Räume und Flächen für  künftiginsgesamt über 14.000 Menschen in der HafenCity – war kein Platz. Und da in wenigen Wochen am 26. Mai die Wahlen zur Bezirksversammlung anstehen, schlugen die Wellen hoch. Wer will schon in den Wahlgang gehen mit dem Slogan: „keine Wohnungen“. Zudem genießt die HafenCity bei vielen Hamburgern noch immer den Ruf eines Luxuswohnviertels. Prompt gab es einen Rückpfiff von oben und nun fordern SPD und Grüne lediglich eine „Zurückstellung des Wohnungsbaus bis zur Fertigstellung des neuen Schulentwicklungsplans“ – was auch immer das genau heißen will.

Orientierung im Streit kann möglicherweise der große Stadtforscher Richard Sennet geben. Erst kürzlich plädierte er in einem Interview mit einem Hamburger Magazin für mehr Mut zum Planen ohne zu planen: „Eine offene Stadt passiert nicht einfach, man muss die Voraussetzungen schaffen, damit sie sich entwickeln kann.“ Differenziert urteilt auch Bezirksamtschef Falko Droßmann im Exklusiv-Interview mit der HafenCity Zeitung (ab S. 4 in dieser Ausgabe): „Neu ist, dass Menschen plötzlich teilhaben wollen an solchen Entscheidungen in der HafenCity. Und das ist für alle eine anspruchsvolle Aufgabe.“ Um allerdings auch im gleichen Gespräch, typisch Droßmann, an realistischer Klarheit nichts zu wünschen übrig lässt. Denn, egal welche Lösung kommen wird, „wichtig ist“, so der Bezirkschef, „dass man am Ende einen Kompromiss findet, mit dem alle gleich schlecht oder gleich gut leben können“. Wolfgang Timpe

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