Kreative Patrioten

Die Patriotische Gesellschaft ist seit über 250 Jahren aktiv in Hamburg – für Menschen, Debatten und ein freies Zusammenleben. Und: eine autofreie City!

Es war eine kleine Revolution. Da wo bisher nur Gott für den Schutz sorgen sollte, ganz oben auf einem Kirchturm, sollte ein Blitzableiter die Hamburger im 18. Jahrhundert vor einer weiteren Katastrophe schützen. Blitzeinschläge gehörten zum Alltag. Doch dank der Erfindungsgabe  des  Mitbegründers der Patriotischen Gesellschaft,  Johann Albrecht Hinrich Reimarus, wurde der erste Blitzableiter der Welt auf dem Turm der Hamburger St. Jacobi Kirche errichtet. Und er funktionierte. 

Foto oben: Heitere Eröffnungsstimmung bei der „Altstadt für alle“-Aktion zur autofreien City in der Rathaus-Nachbarschaft. ©Florian Marten

Haus der Patriotischen Gesellschaft nach 1881, mit Dachaufbauten und Fernmeldeanlagen des Telegraphenclubs: Ganz im Geiste der Aufklärung wurde hier schon immer Unerhörtes erdacht, das wenige Jahre später zum Alltag der jeweiligen Zeitgenossen gehörte – Sparkassen oder öffentliche Bücherhallen. Foto: Patriotische Gesellschaft
Haus der Patriotischen Gesellschaft nach 1881, mit Dachaufbauten
und Fernmeldeanlagen des Telegraphenclubs: Ganz im Geiste der Aufklärung wurde hier schon immer Unerhörtes erdacht, das wenige Jahre später zum Alltag
der jeweiligen Zeitgenossen gehörte – Sparkassen oder öffentliche Bücherhallen.
Foto: Patriotische Gesellschaft

Kleine Revolutionen gehören von Anfang an zur Geschichte der 1765 gegründeten Patriotischen Gesellschaft. Sie ist die älteste, zivilgesellschaftlich engagierte Organisation im deutschsprachigen Raum. Ganz im Geiste der Aufklärung wurde hier schon immer Unerhörtes erdacht, was vielleicht wenige Jahre später zum Alltag der jeweiligen Zeitgenossen gehörte: Sparkassen beispielsweise oder öffentliche Bücherhallen. In Hamburg gehen die Gründungen der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) oder des Museums für Kunst und Gewerbe auf Initiative der Patrioten zurück.

Willfried Maier, 1. Vorsitzender der Patriotischen Gesellschaft von 1765. Foto: Patriotische Gesellschaft
Willfried Maier, 1. Vorsitzender der Patriotischen Gesellschaft von 1765.
Foto: Patriotische Gesellschaft

Vor wenigen Wochen eröffnete die Initiative „Altstadt für Alle“, angesiedelt bei der Patriotischen Gesellschaft, das autofreie Rathausquartier. Monatelange Arbeit war diesem Schritt vorangegangen. In Workshops und kleinen Arbeitsgruppen hatte man unter Beteiligung von vielen Bürgern Konzepte und Ideen entwickelt; Geschäftsleute, Polizisten, Bezirksbeamte und andere zuständige Menschen im Viertel waren befragt, Meinungen gesammelt und ausgewertet worden.

Man kennt und vertraut uns – und wenn wir anklopfen, gehen schnell die richtigen Türen auf.“

Willfried Maier, 1. Vorsitzender der Patriotischen Gesellschaft von 1765

Eine Mammutaufgaube, möglich nur dank der vielen Ehrenamtlichen, die im permanenten Einsatz waren und sind. Für Willfried Maier, erster Vorsitzender im Ehrenamt, ist die erfolgreiche Umsetzung des Pilotprojektes (es ist für zwei Monate angelegt) ein gutes Beispiel für die feste Verankerung der Patrioten im Stadtleben: „Man kennt und vertraut uns  – und wenn wir dann mal anklopfen, dann gehen schnell die richtigen Türen   auf.“  Nicht nur die richtigen Türen gingen auf – mal wieder sind die Patrioten ihre Zeit ein kleines Stückchen voraus. Nur wenigen Tage nach der Eröffnung des Rathausquartiers veröffentlichten die Grünen ihr Wahlkampfpapier und forderten flugs, die gesamte Innenstadt in Zukunft autofrei zu gestalten. „Wichtige Impulse“, so Olaf Duge, stadtentwicklungspolitischer Sprecher der Grünen Bürgerschaftsfraktion, seien dabei von Altstadt für Alle, kurz AfA, gekommen. Duge selbst kennt und schätzt deren Workshops seit Jahren und definiert ein gemeinsames Ziel: Die Hamburger Innenstadt für alle wieder bewohn- und erlebbar zu machen.
400 Mitglieder hat die Patriotische Gesellschaft heute, es gibt den fünfköpfigen Vorstand und zwölf Leute im Team mit Geschäftsführerin Wibke Kähler-Siemssen. Und es gibt vor allem den großen, prachtvollen Backsteinbau an der Trostbrücke 4-6, direkt am Nikolaifleet, Hamburgs altem historischen Hafen. Über 600 Jahre lang stand hier  das Hamburger Rathaus. 1842, beim großen Brand, sprengte man es zur Gewinnung einer Brandschneise in die Luft. Anschließend bekamen die Patrioten den Platz zugeschlagen, ihr eigenes Haus am Johanniswall war Opfer der Flammen geworden. Zum Großteil durch die Bomben des Zweiten Weltkrieges zerstört, zählt das wieder aufgebaute Haus heute zu den wichtigsten Einnahmequellen des gemeinnützigen Vereins. 

Sich aktiv für die Stadt und die Menschen darin einzusetzen ist eine Bürgerpflicht.“

Willfried Maier, 1. Vorsitzender der Patriotischen Gesellschaft von 1765

Vermietungen und Verpachtungen bilden das Kerngeschäft. Es gibt ein gutgehendes Restaurant im Erdgeschoss, im Seiteneingang zum Keller eine traditionsreiche Bierkneipe. In den Sälen und Räumen tagen Arbeitsgruppen zu Themen wie Stadtentwicklung oder Migration, Gesundheit, Zukunft der Arbeit und Entwicklung der Demokratie. Lesungen und Konzerte ergänzen das Programm. Die Patrioten vergeben Stipendien an begabte Schülerinnen und Schüler und sind Gesellschafter bei der Obdachlosenzeitung Hinz&Kunzt. 
Ein bis zwei Tage pro Woche arbeitet Vorstandsvorsitzender Willfried Maier für die Patrioten, für den gebürtigen Wuppertaler ein „Ehren“amt im besten Sinne des Wortes.  Sich aktiv für die Stadt und die Menschen darin einzusetzen, sei eine für ihn Bürgerpflicht. Eines jedoch hat er sich der 77jährige auch auf die Agenda geschrieben: „Wir wollen und müssen uns verjüngen.“  Mit  zeitgemäßen Ideen wie dem autofreien Rathausquartier könnte dies gut gelingen. Dorothea Heintze

INFO I
Über die Patriotische Gesellschaft von 1765

Die Patriotische Gesellschaft von 1765 wurde am 11. April 1765 in Hamburg als Hamburgische Gesellschaft zur Beförderung der Künste und nützlichen Gewerbe in der Epoche der Aufklärung gegründet. Im Sinne unseres Leitspruchs „Seit 250 Jahren. Nützlich für Hamburg. Aktiv für die Menschen“ engagieren wir uns für die Förderung von Wissenschaft und Bildung, die Fürsorge für Bedürftige, die Studentenhilfe sowie die Förderung der Toleranz auf allen Gebieten der Kultur und der Völkerverständigung. DH

INFO II
Projekt Autofreie Innenstadt. Ein kreativer Festakt eröffnet das Pilotprojekt Stadtraum für Menschen der Initiative Altstadt für Alle (AfA) im Herzen der Altstadt. Noch bis 31. Oktober  sind die Kleine Johannisstraße, die Schauenburger Straße und die Parkplätze am Dornbusch eine innovative Fußgängerzone. „Klappt das hier“, so verspricht Bezirksamtsleiter Falko Droßmann, „kann man das immer weiter fortführen.“

Falko Droßmann, Bezirkschef Mitte, bei der Premiere: „Klappt das hier, kann man das immer weiter fortführen.“ Foto: Florian Marten
Falko Droßmann, Bezirkschef Mitte, bei der Premiere: „Klappt das hier,
kann man das immer weiter fortführen.“ Foto: Florian Marten

„Diesen Stadtraum können wir alle jetzt in Beschlag nehmen“, betont Johannes Jörn vom Vorstand der Patriotischen Gesellschaft in seiner Begrüßung. Seit dem Beginn des Projekts am 1. August entdecken immer mehr Hamburger das traditionsreiche Quartier direkt beim Rathausmarkt. 
Tag für Tag entwickelt sich der Stadtraum neu: Eine Sitzgruppe vor dem Friseur, eine Tischtennisplatte vor dem Herrenausstatter, kleine mobile Gärten von Grau trifft Grün, mobile Holzbänke und Sitzquadrate des Kollektivs LU’UM und gastronomische Angebote auf ehemaligen Parkplätzen laden ein zum Verweilen und Entdecken. 

 Johannes Jörn, Vorstand der Patriotischen Gesellschaft: „Diesen Stadtraum können wir alle jetzt in Beschlag nehmen.“ Foto: Florian Marten
Johannes Jörn, Vorstand der Patriotischen Gesellschaft: „Diesen Stadtraum können
wir alle jetzt in Beschlag nehmen.“ Foto: Florian Marten

Ein besonderes Highlight setzt die renommierte Ballonkünstlerin Sina Greinert mit ihren bunten Hutkreationen aus Kautschukballons, die schon bald viele Köpfe schmücken. „Heute haben die Bürger den Hut auf“, betont Rolf Kellner, Kurator des Kulturprogramms des Projekts. DH

3 Fragen an …

Dr. Willfried Maier 

über Nazi-Opfer, antisemitische Hetzer und Unabhängigkeit

Herr Maier, vor einigen Wochen haben Sie den Hamburger Senat in einem dringenden Appell dazu aufgefordert, sich für den Schutz Ihres Ehrenmitgliedes Esther Bejarano auszusprechen. Was war geschehen?
Esther Bejarano ist 94 Jahre alt. Sie ist eine Verfolgte und ein Opfer des Naziregimes. Wir haben entdeckt, dass ihr Name auf einer Liste antisemitischer Hetzer mit einem gelben Stern versehen aufgeführt ist. Dort soll der angebliche „jüdische Einfluss“ auf die Weltpolitik dokumentiert werden. Wir finden, dass allein schon so eine Liste ein Verbrechen darstellt und verboten werden müsste. 

Wie waren denn die Reaktionen in der Öffentlichkeit auf Ihre Initiative? Antisemitismusbeauftrage der Bundesregierung hat einen Brief geschrieben. Natürlich haben alle die Liste verurteilt. Aber es gibt sie noch, und der Name von Frau Bejarano steht da immer noch. Wir empfinden solche Listen auch als eine direkte Bedrohung, und zwar nicht erst seit dem Mord an Walter Lübcke. Das Bundeskriminalamt sah leider keinen Grund zum Einschreiten. Das ist nicht zu akzeptieren. Wie werden an dem Thema dranbleiben.  

Gehört so ein Appell zu den Kernaufgaben der Patriotischen Gesellschaft? Ich finde, ja. Wir sind eine von Parteiinteressen unabhängig agierende Institution. Ich glaube, wir haben eine Bürgerpflicht öffentlich einzugreifen, wenn Unrecht geschieht und Menschen in ihrer Integrität verletzt werden. Das haben wir hier gemacht und werden hoffentlich auch in Zukunft weiter so agieren. Interview Dorothea Heintze

Dr. Willfried Maier
war von 1997 bis 2001 Stadtentwicklungssenator von Hamburg und bis 2013 Abgeordneter der Grünen im Senat. Seit 2018 ist Maier 1. Vorsitzender der Patriotischen Gesellschaft.  

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