»Literatur zur Lage« #102: »Wenn aus Stars Schatten werden«

Kolumne #102. HCZ-Kolumnist Jan Ehlert schreibt in seiner Kolumne »Literatur zur Lage« unter anderem aus gegebenem gesellschaftspolitischem Anlass über den Buckelwal „Timmy“

Einsam steht Sven auf dem Fußballplatz. Hier hat er einst seine größten Erfolge gefeiert, doch das scheint Ewigkeiten her: „Der alte Glanz des Platzes, das Lächeln seiner Freunde, das Gefühl von Unbesiegbarkeit – alles war fort. Nichts war mehr übrig, außer Schlamm, Regen und dem Echo einer Zeit, die er nicht wieder zurückholen konnte.“ So beschreibt Lars-Wilhelm Baumgarten in seinem gerade erschienenen Roman „Tore des Lebens“, was übrig bleibt, wenn der Applaus im Stadion verebbt ist. Wenn aus Stars Schatten werden. 
Foto oben: Lesung mit Fußballweltmeister Christoph Kramer und seinem Roman »Das Leben fing im Sommer an«: Sonnige Public-Viewing-Erlebnisse, die uns mitreißen. Und die uns gegen alles bessere Wissen glücklich machen können. © picture alliance  / SZ Photo | Robert Haas

Der Sport war schon immer ein Spiel, das Sehnsüchte weckte. Nach dem perfekten Tor, dem noch schnelleren Lauf, dem einzigartigen Sprung. Auch die Fußball-WM, die in diesem Monat beginnt, wird wieder neue Helden schaffen, denen wir zujubeln können. Und andere Karrieren beenden, die wir gleichfalls schnell vergessen. Baumgarten, der lange als Spielervermittler tätig war, kennt den Betrieb, den Druck genauso wie die Euphorie. Das macht seinen Fußballroman so besonders. 

Vom unglaublichen Druck erzählt auch der – sprachlich hervorragende – Roman „Routinen“ von Son Lewandowski. Hier geht es nicht um Fußball, sondern ums Kunstturnen. Um Kunstfiguren wie Nadia Comăneci, Dominique Moceanu und Simone Biles, Frauen, die schon als Mädchen Superstars waren. Nicht aus eigenem Antrieb, sondern weil Eltern und Trainer es so wollten. Lewandowskis Blick auf die harten Trainingsbedingungen, bei denen keine Schwäche, kein Schmerz, keine Süßigkeit zugelassen war, ist erschütternd und lässt diese Sportart in einem ganz anderen Licht erscheinen. Als einen Sport, der am Ende doch nur Kommerz ist, und das auf Kosten seiner Athletinnen und Athleten. 

Dass auch Fußball längst nur Kommerz ist, der nur zum Schein noch Teamgeist und Toleranz vor sich herträgt, das beweist nicht zuletzt Fifa-Boss Gianni Infantino beständig aufs Neue. Ein neu geschaffener Friedenspreis für den US-Präsidenten, um ihn gnädig zu stimmen. Eintrittspreise für Gruppenspiele, die sich kaum ein Fan mehr leisten kann. Auch hier kann einem die Lust am Sport schnell vergehen. Wir müssen hinter die Kulissen schauen, gerade wenn es schmerzt. 

Und doch: Es bleibt der Traum von einem neuen Sommermärchen, das wir doch so gut gebrauchen könnten. So wie in Christoph Kramers wunderschönem Fußball-Roman „Das Leben fing im Sommer an“, in dem der Weltmeister von 2014 den Sommer beschreibt, der sein Leben veränderte. Vielleicht ist das ja auch diesen Sommer wieder möglich. Ich würde es uns wünschen: Einen Sommer mit sonnigen Public-Viewing-Erlebnissen, die uns mitreißen. Und die uns gegen alles bessere Wissen glücklich machen können. 

Jan Ehlert ist Journalist und pendelt zwischen Hamburg und Hannover. Seine Passion sind Bücher. Er schreibt 
monatlich für die HafenCity Zeitung seine ­Kolumne »Literatur zur Lage«. © Agnes Fitek

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