Kolumne #103. HCZ-Kolumnist Jan Ehlert schreibt in seiner Kolumne »Literatur zur Lage« unter anderem aus gegebenem gesellschaftspolitischem Anlass über die Bücher „Michaela Kohlhaas“ und „Fliegen“
Sie schläft in Zelten oder unter freiem Himmel, manchmal auch als kurzzeitiger Gast in einem leer stehenden Ferienhaus. Man riecht sie – ehrlicherweise – schon von Weitem. Und nicht nur in den Nächten merkt sie, wie sehr sie sich von der Gesellschaft entfremdet hat: „Noch keine zwei Wochen auf der Straße, und sie fühlte sich wie ein blanker Fels […]. Was war es, das sie bisher geschützt hatte: das Wissen um ihre Wohnung?“
Foto oben: Die Protagonistin in Albrecht Selges Buch „Fliegen“: Mit knapp 65 kann sie die Miete nicht mehr zahlen. Es reicht gerade noch für eine BahnCard 100 – und so verbringt sie ihr Leben zwischen Nord und Süd ununterbrochen in den Zügen der Deutschen Bahn, als fahrender, wenn auch nicht als fester Wohnsitz. © picture alliance / Fotostand | Gelhot
In diese Wohnung kann sie, Michaela Kohlhaas, nicht mehr zurück. Heike Geißler erzählt ihre Geschichte, angelehnt natürlich an die berühmte Novelle von Heinrich von Kleist über den Pferdehändler, der sich aus Gerechtigkeitsstreben mit Fürst und Staat anlegt. Auch Michaela Kohlhaas ist auf der Straße, um für Gerechtigkeit zu kämpfen. Zunehmend verwahrlosend wird sie bei Geißler trotzdem ein Symbol für die Freiheit. Jene Freiheit, sich nicht länger den Zwängen von Leben und Marktwirtschaft zu fügen.
Zunehmend verwahrlosend wird sie bei Geißler trotzdem ein Symbol für die Freiheit.Jan Ehlert über die Figur der Michaela Kohlhaas
Doch nicht jeder wählt den Weg auf die Straße aus freien Stücken. So geht es auch der Protagonistin in Albrecht Selges wunderschönem kurzen Buch „Fliegen“: Mit knapp 65 kann sie die Miete nicht mehr zahlen. Es reicht gerade noch für eine BahnCard 100 – und so verbringt sie ihr Leben zwischen Nord und Süd ununterbrochen in den Zügen der Deutschen Bahn, als fahrender, wenn auch nicht als fester Wohnsitz. Und auch hier regt sich ein Kohlhaas’sches Unrechtsbewusstsein: Ältere Menschen, die ein Leben lang in ein Sozialsystem eingezahlt haben, haben nun oft nicht mehr genug, um Miete oder Pflegeheim zu bezahlen. Oft lässt man sich nichts anmerken, aus Scham. So wie Magda, geschieden und alleinerziehend, in Alice Grünfelders Familienroman „Jahrhundertsommer“, die um jeden Preis versucht, den Schein der schaffenden Hausfrau zu wahren – selbst als längst schon nichts mehr zu retten ist.

An Bilder von Pfandflaschen sammelnden Senioren haben wir uns traurigerweise fast schon gewöhnt. Doch ohne eine vernünftige Rentenreform droht uns eine noch viel größere Altersarmut als bisher. Gut also, wenn nun endlich ein Reformentwurf vorliegt. Bleibt abzuwarten, was davon wirklich am Ende bei den Rentenempfängern ankommt. Die Not ist es oft schon. Was immer hilft, ist daher, genauer hinzuschauen. Solidarisch mit denen zu sein, die es allein nicht mehr schaffen. In Albrecht Selges Roman ist es die Bankangestellte, die im Zug großzügig ihr Frühstück mit der allein reisenden Dauerbahnfahrerin teilt. Oder der Arzt, der sie ins Bordbistro einlädt. Es kann aber auch der Euro sein, den wir der verwahrlost aussehenden Frau schenken. Oder der Kaffee, den wir ihr ausgeben. Kleine Gesten, die unsere Rentenlücke nicht stopfen werden, die für die Betroffenen aber dennoch einen großen Unterschied machen können. Jan Ehlert
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Jan Ehlert ist Journalist und pendelt zwischen Hamburg und Hannover. Seine Passion sind Bücher. Er schreibt monatlich für die HafenCity Zeitung seine Kolumne »Literatur zur Lage«. © Agnes Fitek



