»Literatur zur Lage« #104: Saure Apfelringe und Elbphilharmonie

Kolumne #104. HCZ-Kolumnist Jan Ehlert schreibt in seiner Kolumne »Literatur zur Lage« unter anderem aus gegebenem gesellschaftspolitischem Anlass über Auf- und Absteiger der Gesellschaft – und das Buch »Die zweitgrößte Liebe«

Es könnte die ganz große Liebe sein: Henry, Sohn aus wohlhabendem Elternhause und Michelle, Tochter einer alleinerziehenden Reinigungskraft. In einer Hamburger Hotelbar haben sie sich kennengelernt und sofort verstanden. Doch der Versuch, ihre zwei Welten zueinander zu bringen, er fällt schwer. Denn auch wenn Geld in ihrer Beziehung kein Thema sein soll: Wie geht man damit um, wenn der eine sich schon immer mehr leisten konnte und für die andere jeder Tag ein Kampf ums finanzielle Überleben war? 
Foto oben: Die Zuneigung zerbricht am Ende in »Die zweitgrößte Liebe«. Doch sie zeigt auch, wie schön die Zeit des Kennenlernens war. Eine Zeit, die das Leben der beiden bereichert hat. © picture alliance / Westend61 | Kniel Synnatzschke

Ruth-Maria Thomas erzählt in ihrem gerade erschienenen Roman „Die zweitgrößte Liebe“ von Henry und Michelle. Sensibel greift sie damit ein Thema auf, das in der Literatur nur selten vorkommt: die unsichtbaren Grenzen zwischen den gesellschaftlichen Klassen. Bei Thomas zeigen sie sich in kleinen, genauen Beschreibungen, wie etwa dem gemeinsamen Besuch in der Elbphilharmonie: „Ihr Picknick bestand aus sauren Apfelringen und Dr. Pepper. Sie weinte ihre Wimperntusche in das Taschentuch, und er fühlte sich, als hätte er irgendetwas existentiell Wichtiges verpasst.“ 

Jan Ehlert an seinem Lieblingsort der HafenCity, dem Traditionsschiffhafen am Fuß der Elbphilharmonie. © Agnes Fitek

Wie sehr uns unser Aufwachsen prägt, das hat schon Pierre Bourdieu in seinem beeindruckend klugen Werk „Die feinen Unterschiede“ präzise beschrieben. Und in den großen Romanen von Honoré de Balzac, etwa in „Vater Goriot“, oder Guy de Maupassant können wir von den Auf- und Absteigern der Gesellschaft lesen. Und auch in der deutschsprachigen Literatur dieses Jahres finden sich Geschichten, die nicht im Akademikermilieu spielen, sondern hinter der Fleischtheke oder, wie bei Denis Pfabe in seinem sprachgewaltigen Buch „Die Möglichkeit einer Ordnung“, im Baumarkt um die Ecke.

Auch die HafenCity ist in den vergangenen Jahren gemischter geworden, was Milieus und Einkommensklassen betrifft. Was das für Chancen bietet, kann man bei Pfabe und Thomas nachlesen. Aber auch, wie schwer es ist, eine gemeinsame Sprache zu finden. Umso mehr braucht es Orte des Austauschs, in denen sich Menschen außerhalb ihrer Alltagsblasen begegnen können. Und die Bereitschaft, sich auf andere Lebenswelten einzulassen. Nicht die Augen zu verdrehen, wenn jemand die unausgesprochenen Benimmspielregeln in Baumärkten oder Elbphilharmonien nicht beherrscht. 

Wie schwer das ist, das zeigt die Liebe von Henry und ­Michelle: Sie wird am Ende an den gegenseitigen Erwartungen zerbrechen. Aber sie zeigt auch, wie schön die Zeit des Kennenlernens war. Eine Zeit, die das Leben der beiden bereichert hat. Saure Apfelringe und Elbphilharmonie: vielleicht nicht die größte, aber möglicherweise die „zweitgrößte Liebe“. Jan Ehlert

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Jan Ehlert ist Journalist und pendelt zwischen Hamburg und Hannover. Seine Passion sind Bücher. Er schreibt monatlich für die HafenCity Zeitung seine ­Kolumne »Literatur zur Lage«. © Agnes Fitek

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