Die Hamburger »Pride Week« beginnt nach dem Berliner CSD-Attentat im Zeichen von Trauer, Zusammenhalt und Haltung. Für die Pride Week und den CSD-Umzug am Samstag, 1. August, sind stark erhöhte Sicherheitsmaßnahmen getroffen
Seit Sonntagnachmittag hängt Trauerflor an der Inter Inclusive Pride Flag vor dem Hamburger Rathaus. Das Symbol für Vielfalt, Gleichberechtigung und gesellschaftlichen Zusammenhalt ist damit selbst zu einem Zeichen der Trauer geworden. Anlass ist der mutmaßlich islamistisch motivierte Terroranschlag auf den Christopher Street Day (CSD) am 25. Juli 2026 in Berlin, bei dem eine Frau getötet und zahlreiche Menschen zum Teil schwer verletzt wurden. Am selben Tag hat in Hamburg die Pride Week begonnen. Das diesjährige Motto „Solidarisch queer. Haltung zeigen – für eine Zukunft ohne Angst“ erhält dadurch eine bedrückende Aktualität.
Foto oben: Blumen und Beileidsbekundungen vor dem Brandenburger Tor zwei Tage nach dem Anschlag auf die Feiern des 48. Berliner Christopher Street Day (CSD) mit einer Toten und 29 teils schwer Verletzten. Der CSD in Berlin war in der Nacht zum Sonntag von einem mutmasslich islamistisch motivierten Anschlag erschüttert worden, als ein Mann mit einem Kastenwagen in eine Menschenmenge im Berliner Tiergarten fuhr und mit einer Stichwaffe auf weitere Passanten losging.
© picture alliance / epd-bild | Christian Ditsch
Die »Pride Week« beginnt mit einer neuen Flagge
Der Anschlag hat weit über Deutschland hinaus Entsetzen ausgelöst. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bezeichnete den Christopher Street Day als „Symbol für Freiheit, Würde und Gleichberechtigung“. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron erklärte, „auf Hass und Gewalt werde Europa mit Einheit, Freiheit und Entschlossenheit“ antworten. Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni sprach den Opfern ihre Solidarität aus. Internationale Medien werteten die Tat als Angriff auf demokratische Grundwerte und eine offene Gesellschaft.
Auch Hamburg reagierte unmittelbar. Der Erste Bürgermeister Dr. Peter Tschentscher sprach den Angehörigen der Opfer und den Verletzten sein Mitgefühl aus. Am Rathaus wurde Trauerflor geflaggt. Rund 800 Menschen versammelten sich am Sonntag am geplanten Denk-Ort für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt an der Lombardsbrücke, um der Opfer zu gedenken. Hamburgs Innensenator Andy Grote und die Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank verurteilten den Anschlag scharf.

Carola Veit (3. v. r., vorne) und Gleichstellungssenatorin Maryam Blumenthal (4. v. r., vorne) mit Parlaments-
und Pride-Week-Vertreter:innen die Regenbogenflagge am Hamburger Rathaus – und erstmals die
»Inter Inclusive Pride Flag« der vielfältigen LGBTIQ+-Community. © Hamburgische Bürgerschaft
Katharina Fegebank erklärte: „Die Nachricht von dem Terroranschlag beim CSD in Berlin macht mich zutiefst betroffen, traurig und wütend. Dass ausgerechnet ein Fest der Liebe und Vielfalt Ziel eines mutmaßlich islamistischen Anschlags wird, macht einmal mehr erschütternd deutlich, dass queere Menschen auch heute noch Angst haben müssen – einzig und allein deshalb, weil sie queer sind. Das ist unerträglich.“ Gleichzeitig machte sie deutlich: „Ich wünsche mir, dass von unserem Hamburger CSD ein starkes, unübersehbares Zeichen des Zusammenhalts ausgeht. Wir lassen uns unsere Freiheit, unsere Liebe und unsere Vielfalt von keinem Terroristen der Welt kaputtmachen.“
»Wir halten dagegen, bekennen Farbe – bis unsere ganze Stadt ein Safe Space ist.“
Carola Veit
Zum offiziellen Auftakt der Pride Week hissten Hamburgs Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit, Gleichstellungssenatorin Maryam Blumenthal sowie die Co-Vorsitzenden von Hamburg Pride e. V., Jenny Saitzek und Christoph Kahrmann erstmals die »Inter Inclusive Pride Flag« am Hamburger Rathaus. Sie erweitert die klassische Regenbogenflagge und macht auch intergeschlechtliche Menschen, Trans-Menschen sowie Black, Indigenous and People of Color sichtbar. Der schwarze Streifen erinnert an Menschen, die mit HIV leben oder an den Folgen von AIDS gestorben sind.
Maryam Blumenthal sagte: „Wir senden heute eine klare Botschaft: In einer Zeit, in der queerfeindliche Angriffe zunehmen und Kräfte stark werden, die die Vielfalt unserer Gesellschaft offen in Frage stellen, weichen wir keinen Schritt zurück, sondern gehen gemeinsam weiter voran. Im Kampf um gleiche Rechte darf Stillstand niemals eine Option sein.“
Auch Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit erinnerte daran, dass Gleichberechtigung kein Selbstläufer sei. Die Ehe für alle besteht erst seit zehn Jahren, das Selbstbestimmungsgesetz erst seit zwei Jahren. Gleichzeitig stieg die Zahl der in Hamburg registrierten Straftaten im Zusammenhang mit sexueller Orientierung oder geschlechtlicher Diversität im vergangenen Jahr auf 166 Fälle. Das entspricht einem Anstieg von elf Prozent. „Solche Taten sollen einschüchtern. Deshalb halten wir dagegen, bekennen Farbe – bis unsere ganze Stadt ein Safe Space ist“, sagte Veit. Nach dem Anschlag ergänzte sie: „Der Angriff in Berlin zeigt auf furchtbarste Weise, wie wichtig der Zusammenhalt, die Sichtbarkeit und die Gemeinschaft sind. Die Tat wird uns nicht einschüchtern.“

die »Inter Inclusive Pride Flag« am Hamburger Rathaus gehisst. Sie erweitert das traditionelle
Regenbogensymbol und macht auch intergeschlechtliche Menschen, Trans-Menschen sowie Black, Indigenous and
People of Color sichtbar. Der schwarze Streifen erinnert an Menschen, die mit HIV leben oder an den Folgen
von AIDS gestorben sind. © Hamburgische Bürgerschaft
Auch Hamburg Pride e.V. sieht in der Beflaggung weit mehr als Symbolik. Die Vorsitzenden Jenny Saitzek und Christoph Kahrmann erklärten: „Die Regenbogenflagge am Hamburger Rathaus ist ein wichtiges Zeichen dafür, dass unsere Stadt für Vielfalt, Akzeptanz und Zusammenhalt steht. Als Hamburg Pride setzen wir uns dafür ein, dass queeres Leben in all seinen Facetten sichtbar und sicher sein kann – nicht nur während der Pride Week, sondern das ganze Jahr über.“ Erstmals werden in diesem Jahr auch beide Gebäude der Hamburgischen Bürgerschaft beflaggt. Neben der Inter Inclusive Pride Flag weht dort zusätzlich die klassische Regenbogenflagge als Erinnerung an die Ursprünge des Christopher Street Day.
Einigkeit gegen Hass – unterschiedliche Signale
Der Berliner Anschlag hat in Hamburg zu einer breiten Solidarität der demokratischen Parteien geführt. Besonders deutlich fiel die Reaktion der CDU-Bezirksfraktion Hamburg-Mitte aus. Gemeinsam mit Mitgliedern der Bezirksversammlung hisste sie die Regenbogenflagge am Bezirksamt. Und der Fraktionsvorsitzende Dr. Gunter Böttcher sagte: „Der Anschlag ist ein Angriff auf die Freiheit aller. Kein Mensch darf durch Gewalt eingeschüchtert oder in die Unsichtbarkeit gedrängt werden. Umso deutlicher muss jetzt Solidarität mit einer akut bedrohten Gemeinschaft gezeigt und ein Zeichen gegen religiösen Fundamentalismus und Menschenhass gesetzt werden.“
Roland Hoitz, Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU-Bezirksfraktion Hamburg-Mitte und stellvertretender Landesvorsitzender der LGBTIQ+-CDU-Organisation LSU Hamburg, ergänzte: „Das Hissen der Regenbogenflagge ist gerade nach dem Berliner CSD-Anschlag ein unentbehrliches Signal geworden. Ein gesellschaftliches Symbol für Vielfalt, Respekt, Toleranz und gegen Diskriminierung. Die Flagge setzt ein internationales Zeichen der queeren Bewegung für Akzeptanz und Menschenrechte.“

Gerade diese Bilder und Stellungnahmen aus Hamburg stehen jedoch im traurigen Kontrast zur Bundespolitik. Während die CDU in Hamburg-Mitte die Regenbogenflagge bewusst als Zeichen der Solidarität hisste, entschied sich die Bundes-CDU erneut dagegen, zum Berliner CSD eine Pride- oder Inter Inclusive Pride Flag an ihrer Parteizentrale zu hissen.
Gerade weil die Regenbogenflagge heute weltweit für Respekt, Sichtbarkeit und gleiche Rechte steht, hatten viele Menschen erwartet, dass sie auch an der CDU-Bundesgeschäftsstelle wehen würde. Eine Flagge schützt niemanden vor Gewalt. Sie sorgt jedoch für Sichtbarkeit von Minderheiten und ist ein öffentlich wahrnehmbares Symbol der Solidarität und kann Betroffenen das Gefühl vermitteln, wahrgenommen und unterstützt zu werden. Vor diesem Hintergrund wurde die Entscheidung der Bundes-CDU innerhalb der queeren Community und darüber hinaus vielfach bedauert.
Diskutiert wurde nach dem Anschlag auch die Kommunikation von Bundeskanzler Friedrich Merz. In seiner ersten öffentlichen Reaktion sprach er von einem Angriff auf die freie und offene Gesellschaft. Dass die queere Community als unmittelbares Ziel des Anschlags zunächst nicht ausdrücklich genannt wurde, kritisierten zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter der Community. Der Autor und Journalist Johannes Kram sagte anschließend unter anderem im Interview mit den ARD-Tagesthemen, ein Anschlag auf einen Christopher Street Day müsse „als Anschlag auf queere Menschen auch deutlich benannt“ werden. Wer die „konkrete Zielgruppe sprachlich nicht sichtbar“ mache, werde ihrer „besonderen Betroffenheit“ nicht gerecht. Später stellte Friedrich Merz ausdrücklich klar, dass seine Solidarität den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Christopher Street Day sowie der queeren Community gelte und bezeichnete „den Anschlag zugleich als Angriff auf die freiheitliche und offene Gesellschaft“.
Wie sich die demokratischen Parteien für LGBTIQ+ einsetzen
Trotz unterschiedlicher politischer Schwerpunkte herrscht unter den demokratischen Parteien Einigkeit darüber, dass queere Menschen dieselben Rechte und denselben Schutz verdienen wie alle anderen Bürgerinnen und Bürger. Die SPD hat zahlreiche gleichstellungspolitische Reformen mitgetragen und in Hamburg den Aktionsplan „Hamburg l(i)ebt vielfältig“ entwickelt. Er bündelt Maßnahmen gegen Diskriminierung, stärkt Prävention und fördert die gesellschaftliche Teilhabe queerer Menschen. Die Hamburger Grünen zählen seit Jahrzehnten zu den wichtigsten politischen Unterstützern der LGBTIQ+-Bewegung. Viele Reformen wie die „Ehe für alle“ oder das „Selbstbestimmungsgesetz“ wurden von ihnen maßgeblich initiiert und begleitet.

„Der Anschlag ist ein Angriff auf die Freiheit aller. Kein Mensch darf durch Gewalt eingeschüchtert oder in die Unsichtbarkeit gedrängt werden. Umso deutlicher muss jetzt Solidarität mit einer akut bedrohten
Gemeinschaft gezeigt und ein Zeichen gegen religiösen Fundamentalismus und
Menschenhass gesetzt werden.“ © Hamburgische Bürgerschaft
Die CDU hat sich in gesellschaftspolitischen Fragen in den vergangenen Jahren deutlich weiterentwickelt. Während frühere Reformen innerhalb der Partei kontrovers diskutiert wurden, positionieren sich heute zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter klar gegen Queerfeindlichkeit. Das gemeinsame Hissen der Regenbogenflagge in Hamburg-Mitte gilt vielen als sichtbarer Ausdruck dieser Entwicklung. Und Christdemokraten der LGBTIQ+-Community organisieren sich in der LSU Hamburg.
Die FDP versteht gleiche Freiheitsrechte unabhängig von sexueller Orientierung oder geschlechtlicher Identität als Kern liberaler Politik. Sie unterstützte „Die Ehe für alle“ und setzt sich für den Schutz vor Diskriminierung sowie die Stärkung individueller Freiheitsrechte ein. Und war auch eine treibende Kraft zur Verabschiedung für das „Selbstbestimmungsgesetz“ kurz vor dem Ampel-Aus. Auch Die Linke fordert seit Jahren den Ausbau von Beratungsangeboten, Schutzräumen und Maßnahmen gegen Hasskriminalität.
Der Hamburger CSD will für die Demokratie demonstrieren
Für die CSD-Demonstration am Sonnabend werden rund 250.000 Besucherinnen und Besucher erwartet. Nach dem Anschlag in Berlin überprüfen Polizei, Veranstaltende und Sicherheitsbehörden ihre Planungen noch einmal. Zusätzliche Zufahrtssperren, eine erhöhte Polizeipräsenz und weitere Schutzmaßnahmen sollen die Sicherheit gewährleisten. Eine Absage stand dennoch nie zur Debatte – im Gegenteil. Für viele Beteiligte ist Sichtbarkeit gerade jetzt wichtiger denn je.

»Pride Week«-Trauer-Gottesdienst in der Dreieinigkeitskirche im Stadtteil St. Georg teil, um den Opfern des
Anschlages beim CSD in Berlin zu gedenken. © Frank Gründel |www.citynewstv.de
Der Ursprung des Christopher Street Day (CSD) liegt in den Stonewall-Unruhen vom 28. Juni 1969 in New York City. Polizisten führten damals eine Razzia in der Bar „Stonewall Inn“ in der Christopher Street im Stadtviertel Greenwich Village durch, woraufhin sich Gäste und Anwohner gegen die Polizeigewalt und die Diskriminierung wehrten.
Mehr als ein halbes Jahrhundert, über 57 Jahre später, erinnert der Anschlag in Berlin schmerzhaft daran, dass Freiheit, Gleichberechtigung und gesellschaftliche Vielfalt auch heute keine Selbstverständlichkeit sind. Die Pride Week in Hamburg ist deshalb in diesem Jahr weit mehr als ein Festival der Vielfalt. Sie ist ein Bekenntnis zur Demokratie und zu den Grundrechten aller Menschen. Das Bild des Trauerflors an der Pride Flag vor dem Rathaus bringt diese Botschaft auf den Punkt: Hamburg trauert mit den Opfern von Berlin. Gleichzeitig macht die Stadt deutlich, dass Hass, Terror und Einschüchterung nicht darüber entscheiden werden, wer sichtbar sein darf und wer nicht.
Die AfD lehnt als einzige Partei zahlreiche gleichstellungspolitische Maßnahmen ab, unterstützt Christopher-Street-Day-Veranstaltungen nicht und wird im Leitartikel der konservativen Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) vom Montag, 27. Juli, mit ihren populistischen Forderungen nach „konsequenter Remigration“ als vordergründige Lösung der islamistischen Hass-Thematik ausgebremst: „Niemand sollte den verführerischen Behauptungen glauben, die auf der ganz rechten Seite des polirischen Spektrums verbreitet werden, dass es ein einfaches Mittel dagegen gäbe. Das, was propagiert wird, die erzwungene ,Remigration’ der muslimischen Einwanderer, ist jedenfalls nicht eines, mit dem unsere offene Gesellschaft gerettet würde, im Gegenteil. Die muss sich durch Zusammenstehen behaupten: im Zorn, in der Trauer, im Trotz.“ Jimmy Blum



