Kolumne #105. HCZ-Kolumnist Jan Ehlert schreibt in seiner Kolumne »Literatur zur Lage« unter anderem aus gegebenem gesellschaftspolitischem Anlass über die Sommer-Waldbrände und den Klimawandel – und u.a. das Buch »Die Geschichte des Wassers«
Seit Tagen schon sind sie auf der Flucht vor den furchtbaren Waldbränden in Südeuropa: David und Lou, Vater und Tochter, haben fast alles verloren, ihre Heimat ist durch Dürre und Hitze so wie viele Landstriche Europas längst unbewohnbar geworden. Nun sind sie in einem Flüchtlingscamp untergekommen, gemeinsam mit vielen anderen, die es Richtung Norden treibt.
Foto oben: Aus Theodor Fontanes »Wanderungen durch die Mark Brandenburg«: „Das Heidekraut, die 10 Fuß hohen Tannen, das Kieferngestrüpp, alles war trocken wie Stroh; das Feuer brauste bereits durch die niedrigen Kronen und ungeheure Rauchwolken stiegen auf, die fast die Sonne verdunkelten.“ © Waldbrände im Hürtgenwald bei Düren, NRW. picture alliance/dpa | Max Lametz
Maja Lunde hat in ihrem Bestseller „Die Geschichte des Wassers“ David und Lou auf diese Reise geschickt. Das Buch spielt im Jahr 2041 – eine nicht allzu ferne Zukunft, die damals, als der Roman 2018 erschien, dennoch zu weit entfernt zu sein schien, um sie ernst zu nehmen. Auch Fiona Sironic, die im vergangenen Jahr für ihren umständlich betitelten, aber großartigen Roman „Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft“ für den Deutschen Buchpreis nominiert war, richtet den Blick ihrer jungen Protagonistin auf Artensterben und flächendeckende Waldbrände, ein Schreckensszenario, das sie in den 2050er-Jahren ansiedelt.
»Gewöhnt euch dran.«
Das Motto, das sich in Jens Liljestrands Waldbrand-Roman „Der Anfang von morgen“ durch das Leid der Feuerflüchtlinge zieht.
Doch die Bilder, die uns in den vergangenen Wochen aus Spanien, Südfrankreich und auch aus dem Hürtgenwald erreichten, lassen erahnen, dass Lundes und Sironics Zukunftsdystopien schon viel früher eintreten könnten. Nicht nur wegen der steigenden Temperaturen, sondern auch wegen fehlgeleiteter Forstwirtschaft und Fahrlässigkeit. Schon Theodor Fontane warnte in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ davor, wie eine eigentlich geplante Verbrennung von Heidekraut in Gentzrode in die Katastrophe münden kann: „Das Heidekraut, die 10 Fuß hohen Tannen, das Kieferngestrüpp, alles war trocken wie Stroh; das Feuer brauste bereits durch die niedrigen Kronen und ungeheure Rauchwolken stiegen auf, die fast die Sonne verdunkelten.“

Roman ,Das Ministerium für die Zukunft‘ von Kim Stanley Robinson ans Herz gelegt. In ihrer fiktiven Zukunftsvision
zeigt sie, dass wir Menschen durchaus lernfähig sind und aus den Klimakatastrophen
der Vergangenheit lernen können. © Agnes Fitek
Bei Fontane kann der Brand durch den mutigen Einsatz von Menschen gestoppt werden. Und auch das Feuer im Hürtgenwald bei Düren in Nordrhein-Westfalen konnte schließlich unter Kontrolle gebracht werden. Doch die nächste Hitzewelle kommt bestimmt. „Gewöhnt euch dran“ ist denn auch das Motto, das sich in Jens Liljestrands Waldbrand-Roman „Der Anfang von morgen“ durch das Leid der Feuerflüchtlinge zieht.
Allen, die sich nicht an die Bilder dieses Sommers gewöhnen wollen, sei der Roman „Das Ministerium für die Zukunft“ von Kim Stanley Robinson ans Herz gelegt. In ihrer fiktiven Zukunftsvision zeigt sie, dass wir Menschen durchaus lernfähig sind und aus den Klimakatastrophen der Vergangenheit lernen können. Wir sollten nur bald mit dem Lernen anfangen, damit unsere Welt nicht im Jahr 2041, so wie bei Maja Lunde beschrieben, zu großen Teilen unbewohnbar geworden ist. Jan Ehlert
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Jan Ehlert ist Journalist und pendelt zwischen Hamburg und Hannover. Seine Passion sind Bücher. Er schreibt monatlich für die HafenCity Zeitung seine Kolumne »Literatur zur Lage«. © Agnes Fitek



