„Künstliche Intelligenz tötet“

Wohin führt uns Künstliche Intelligenz? Mit dieser Frage setzte sich der Philosoph Richard David Precht im Großen Saal der Elbphilharmonie im Rahmen des Harbour Front Literaturfestivals auseinander. Dabei stand ihm der belgische Pianist Wim Mertens zur Seite

Selbstironie ist Richard David Precht nicht fremd. Den Beweis dafür liefert er bei seinem Auftritt mit dem belgischen Pianisten Wim Mertens beim Harbour Front Literaturfestival 2020 im Großen Saal der Elbphilharmonie gleich zu Anfang. Kaum ist er in Jeans, Hemd und Turnschuhen ganz lässig gekleidet auf die Bühne gekommen, da spricht er schon die Ehemänner seiner weiblichen Fans an – insbesondere jene, die sich mit Technik und Computern auskennen. „Die Informatiker verfolgen nun lauernd, wie ein langhaariger Philosoph künstliche Intelligenz erklärt“, witzelt er.

Foto oben: Der Philosoph Richard David Precht legt sich bei seiner musikalischen Lesung mit dem belgischen Pianisten Wim Mertens im Großen Saal der Elbphilharmonie fest: „Eine Künstliche Intelligenz hat keinen Verstand, keine Vernunft.“ © Thomas Hampel / Harbour Front Literaturfestival

Der 55-Jährige hat vor ein paar Monaten sein Buch „Künstliche Intelligenz und der Sinn der Lebens“ veröffentlicht. Statt einfach einige Kapitel aus diesem Werk vorzulesen, sinniert er lieber völlig frei darüber, wohin uns Künstliche Intelligenz führen wird. Für seine Ausführungen liefert Wim Mertens mit Stücken wie „Close Cover“, „Not at Home“ oder „European Grasses“ den passenden Soundtrack. Wer seine der Minimal Music zuzurechnenden Kompositionen hört, wundert sich: Warum hat dieser Mann in der Welt der modernen Klassik eigentlich bis dato nicht den Bekanntheitsgrad von Philip Glass oder Michael Nyman erreicht? Rein oberflächlich betrachtet kann man sich in seine warmen Klänge vollkommen ungehemmt fallen lassen. Sie hüllen einen ein wie eine flauschige Wolldecke. Blickt man indes tiefer, so erkennt man: Gerade „Struggle for Pleasure“ setzt repetitiv auf einen Wechsel aus Anspannung und Entspannung.

Was wäre aber, wenn wir eine starke Künstliche Intelligenz, eine Superintelligenz, hätten? Dieser Frage geht Precht auf den Grund. Er bringt einen Roboter ins Spiel, dessen Aufgabe es sei, Kaffee zu holen. Wenn diese Künstliche Intelligenz außer Kontrolle geriete, würde sie jeden Menschen töten, der ihr auf dem Weg zum Kaffeeautomaten im Weg stünde.

Auf jeden Fall ist Mertens Musik emotional – das macht sie so menschlich. Denn bei uns Mensch treffen in erster Linie Gefühle Entscheidungen, weniger der Verstand. Das behauptete zumindest der Philosoph David Hume, den Precht zitiert, während er Vergleiche zwischen Menschen und Maschinen anstellt. Im Silicon Valley gelte der Mensch als defizitäre Maschine, doziert der gebürtige Solinger, der in Düsseldorf wohnt: „Menschen denken nicht regelbasiert. Logik und Kalkül sind für sie meistens uninteressant.“ Darum müsse der Mensch optimiert werden, finden jedenfalls die Transhumanisten. Einer ihrer bekanntesten Vordenker ist Ray Kurzweil, Director of Engineering bei Google. Bereits 1999 veröffentlichte er sein Buch „The Age of Spiritual Machines“, in dem er Prognosen für das 21. Jahrhundert stellte. Für das Jahr 2019 prophezeite er virtuelle Lehrer, Haushaltsroboter, selbstfahrende Autos. So weit ist es bekanntlich nicht gekommen. „Wir haben heute eine schwache Künstliche Intelligenz“, bringt es Precht auf den Punkt.

Was wäre aber, wenn wir eine starke Künstliche Intelligenz, eine Superintelligenz, hätten? Dieser Frage geht Precht auf den Grund. Er bringt einen Roboter ins Spiel, dessen Aufgabe es sei, Kaffee zu holen. Wenn diese Künstliche Intelligenz außer Kontrolle geriete, würde sie jeden Menschen töten, der ihr auf dem Weg zum Kaffeeautomaten im Weg stünde: „Eine Künstliche Intelligenz hat keinen Verstand, keine Vernunft.“ Darum ist der Philosoph kein Freund selbstfahrender Autos. Precht verweist auf die Probleme mit dem autonom fahrenden Bus in der HafenCity, dessen Entwicklung langsamer als geplant voranschreitet. Damit solch ein Fahrzeug funktioniert, braucht man jede Menge Kameras. Das kommt für Precht einer Überwachung gleich. Zudem müssen sich selbstfahrende Autos im Verkehr irgendwie mit allzu unberechenbaren Fußgängern und Radfahrern arrangieren. Was macht so ein Wagen, wenn er nur entweder einem kleinen Kind oder einer alten Frau ausweichen kann? Wen opfert er? In den USA, erzählt Precht, böten Unternehmen wie Tesla öffentliche Studien zu diesem Thema an. Jeder könne sich daran beteiligen und in einem Test mitbestimmen, welches Leben mehr wert sei – das des Kindes oder der alten Frau. Aus dem Endergebnis soll sich dann so etwas wie eine allgemeingültige Moral ableiten lassen. Das findet Precht bedenklich. „In Deutschland“, stellt er fest, „würde so eine Studie gegen das Grundgesetz verstoßen und den ersten Artikel ,Die Würde des Menschen ist unantastbar’ aushebeln.“

Richard David Precht zieht das Fazit, dass Innovation und Fortschritt keinesfalls identisch sind. „Bei jeder Neuerung“, sagt er, „muss man überlegen: Wie sinnvoll ist ihr Einsatz?“ Seiner Ansicht nach sollte man bestimmte Dinge nicht an eine Künstliche Intelligenz auslagern: „Sonst leben wir irgendwann in einer Welt, in der wir nicht mehr zuhause sind.“

Er zieht das Fazit, dass Innovation und Fortschritt keinesfalls identisch sind. „Bei jeder Neuerung“, sagt er, „muss man überlegen: Wie sinnvoll ist ihr Einsatz?“ Seiner Ansicht nach sollte man bestimmte Dinge nicht an eine Künstliche Intelligenz auslagern: „Sonst leben wir irgendwann in einer Welt, in der wir nicht mehr zuhause sind.“ Solche Thesen trägt Precht anschaulich, anekdotenreich und bisweilen durchaus humorvoll vor. Es macht wirklich Freunde, ihm zuzuhören, wenn er immer wieder neue Denkanstöße gibt. Dagmar Leischow

INFO
Christian Baron erhält den Klaus-Michael Kühne-Preis 2020 

Die Mitglieder der Hauptjury des Klaus Michael Kühne Preises 2020 – Felix Bayer (Spiegel), Stephanie Krawehl (Buchhandlung Lesesaal), Stephan Lohr (NDR Kultur a.D.), Maximilian Probst (Zeit) und Meike Schnitzler (Brigitte) – begründen ihre Entscheidung für Christian Baron und seinen Roman „Ein Mann seiner Klasse“ wie folgt: „In seinem autobiografisch angelegten literarischen Debüt ‚Ein Mann seiner Klasse’ beschreibt Christian Baron auf sehr eindrückliche Art das Aufwachsen in einer dysfunktionalen Familie in Armut. Die Jury hat besonders überzeugt, dass die Leserinnen und Leser in ein Milieu geführt werden, das oft nur als statistische Größe auftaucht. Hier bekommt diese Welt eine Stimme und das in einer literarisch klug gestalteten Weise. Christian Baron verzichtet auf Klischees und ideologische Zuordnungen. Vielmehr entlarvt er die Muster gesellschaftlicher Kategorisierungen und überzeugt durch die Bestandsaufnahme eines Lebens mit einem stets betrunkenen und prügelnden Vater und einer depressiven und früh an Krebs gestorbenen Mutter -– ,mit allem Schrecken, mit allem Schmerz, aber auch mit den Momenten von Stolz und Glück.‘“ https://harbourfront-hamburg.com

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.