„Nicht alle Zuhause bleiben“

#CoronaHH II: Interview mit dem Virologen Prof. Jonas Schmidt-Chanasit über Erfolge und Lockdowns

Der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit, geboren 1979 in Berlin, leitet seit 2010 gemeinsam mit Stephan Günther das Kooperationszentrum der WHO für Arboviren und hämorrhagische Fieberviren am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizinin Hamburg. Seit 2018 ist er Inhaber des Lehrstuhls für Arbovirologie an der Universität Hamburg. Er studierte Humanmedizin an der Berliner Charité. Der 41-Jährige ist verheiratet und hat einen Sohn, mit seiner Familie lebt er in Berlin und Bangkok.
Foto oben: Bernhard-Nocht-Virologe Prof. Dr. Jonas Schmidt-Chanasit „Ich sehe ganz klar, wo etwas getan werden muss: beim Schutz der besonders Gefährdeten.“ © picture alliance/dpa | Christian Charisius

Ende November meldet das Robert-Koch-Institut (RKI) mit 23.648 Neuinfektionen einen Höchststand. Wie wird der Winter? Das kann niemand sagen. Wir können lediglich das bewerten, was in den vergangenen Wochen passiert ist. Im Oktober und November sind die Zahlen sehr schnell nach oben gegangen. Um diese Dynamik zu bremsen, gab es einen Wellenbrecher-Shutdown. Seit Anfang November ließ sich bereits ein Abflachen der Dynamik erahnen, dieser Trend hat sich dann weiter verstärkt. Das war allerdings nicht dem Wellenbrecher-Shutdown, dessen Effekt sich erst nach zwei Wochen zeigt, geschuldet, sondern dem Verhalten der Bevölkerung und den vorhergehenden regionalen Maßnahmen. Wenn sich die Menschen also – anders als im Sommer – stärker an die AHA+L-Regeln halten und Risikokontakte meiden, kann man auch ohne Wellenbrecher-Shutdown etwas bewirken.

Prof. Dr. Jonas Schmidt-Chanasit zur Schließung der Elbphilharmonie im Dezember: „Wir haben eine unzureichende Datenlage. Wir können bei vielen Leuten gar nicht nachvollziehen, wo sie sich infiziert haben. Da ich das Hygienekonzept der Elbphilharmonie kenne, halte ich es aus virologischer Sicht für unwahrscheinlich, dass dort Infektionen gehäuft aufgetreten sind.“ © picture alliance / gbrci/Geisler-Fotopress
Prof. Dr. Jonas Schmidt-Chanasit zur Schließung der Elbphilharmonie im Dezember: „Wir haben eine unzureichende Datenlage. Wir können bei vielen Leuten gar nicht nachvollziehen, wo sie sich infiziert haben. Da ich das Hygienekonzept der Elbphilharmonie kenne, halte ich es aus virologischer Sicht für unwahrscheinlich, dass dort Infektionen gehäuft aufgetreten sind.“ © picture alliance / gbrci/Geisler-Fotopress

Vor dem Teil-Lockdown sahen Sie keine Notwendigkeit für die Schließung der Elbphilharmonie. Was sagen Sie jetzt dazu? Wir haben eine unzureichende Datenlage. Wir können bei vielen Leuten gar nicht nachvollziehen, wo sie sich infiziert haben. Da ich das Hygienekonzept der Elbphilharmonie kenne, halte ich es aus virologischer Sicht für unwahrscheinlich, dass dort Infektionen gehäuft aufgetreten sind. In einem Punkt sind wir uns alle einig: Es darf zu keiner Überlastung des Gesundheitswesens kommen. Dennoch muss die Diskussion erlaubt sein: Hätte man die Energie und die Ressourcen, die für die Schließung der Elbphilharmonie aufgebracht wurden, nicht besser einsetzen können, um die Fallzahlen zu senken? Es geht doch darum, die zielgerichtetsten Maßnahmen mit dem größtmöglichen Effekt zu finden. Bürgermeister Peter Tschentscher sprach vom Schärfen anstatt zu verschärfen. Wir müssen nicht alles schließen und zu Hause bleiben. In einer hochtechnisierten Welt hätten wir andere Möglichkeiten. 

»Wenn sich Menschen stär­ker an die AHA+L-Regeln ­halten und Risikokontakte vermeiden, kann man auch ohne Wellenbrecher-Shutdown auskommen.«

Prof. dr. Jonas schmidt-Chanasit, Leiter der Arbovirologie am Bernhard-Nocht-Institut (BNI), Hamburg

Angela Merkel denkt trotzdem über weitere Restriktionen nach. Brauchen wir eine Verschärfung? Das hängt davon ab, wie viele Patienten schwer erkranken und stationär aufgenommen werden müssen. Wenn sich diesbezüglich keine Entspannung ergibt, besteht logischerweise Handlungsbedarf. Ich sehe ganz klar, wo etwas getan werden muss: beim Schutz der besonders Gefährdeten. Da ist bisher zu wenig passiert. In einem Berliner Pflegeheim sind gerade wieder 15 ältere Menschen gestorben. Durch Schnelltests für die Belegschaft und Besucher kann man hier eine höhere Sicherheit schaffen. Ebenso sollte man an Angeboten für gefährdete Personen außerhalb der Pflegeheime arbeiten. Dabei können die Hausärzte ein Ausgangspunkt sein. Sie wissen ja, welche Pa-tien-ten stark gefährdet sind. 

Brauchen wir darüber hinaus mehr Community Engagement? Auf jeden Fall. Die Mitnahme der Bevölkerung ist das A und O. Ich wohne in Berlin. Gestern hatte ich ein Schreiben des Bürgermeisters im Briefkasten. Es richtete sich an alle Berliner Haushalte und listete noch mal alle wesentlichen Aspekte in Bezug auf die Pandemie auf. Das hätte man schon vor sechs Monaten machen können. Ich plädiere dafür, Ehrenamtliche zu gewinnen, die jeden Tag 50 Haushalte besuchen. Sie klären auf und organisieren Hilfe für Einkäufe, PCR- oder Schnelltests. Wichtig ist, dass dies Menschen sind, die in der jeweiligen Bevölkerungsgruppe akzeptiert werden. Es bringt nichts, einen Mitarbeiter der Polizei in einen Jugendclub zu schicken. Dort sind Streetworker gefragt.

Im Dezember wird ein Impfstoff zugelassen werden. Kehren wir 2021 zur Normalität zurück? Es wird in kleinen Schritten zurück zur Normalität gehen. Wir haben dann den Impfstoff, wir haben neue Tests – das gewährt uns bestimmte Freiräume. Vom Impfstoff werden zunächst Ärzte, Pfleger, Polizisten, Feuerwehrleute und besonders gefährdete Bürger profitieren. Es ist von daher völlig unrealistisch, dass wir im April oder Mai ein hohes Immunitätsniveau erreichen werden. Einen Großteil der Bevölkerung zu impfen ist eine sehr große Herausforderung. Die Menschen müssen zweimal zur Impfung kommen, da wird der Termin für die Nachimpfung gerne mal vergessen. 

Die Wissenschaftler setzen sich intensiv mit der Pandemie auseinander. Sollte man sich nicht auch über deren Nebeneffekte Gedanken machen? Sie werden meines Erachtens noch zu selten diskutiert. Es gibt Studien, die belegen, dass sich die Zahl der Herzinfarkte in Mitteldeutschland um zwölf Prozent erhöht hat, weil die Menschen nicht schnell genug zum Hausarzt gegangen sind. Wenn Firmen pleitegehen und Existenzen bedroht sind, kann das ein Stressfaktor sein. Das kann krank machen und im schlimmsten Fall zu Suiziden führen.
Das Gespräch führte Dagmar Leischow

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