»Reisen hilft gegen Verdummung«

Hamburgs Tourismuschef Michael Otremba spricht mit Wolfgang Timpe über Freigeist, Reisen und die HafenCity

Michael Otremba auf der Terrasse des Coast by East an den Marco-Polo-Terrassen: „Hamburg ist in Bewegung und Wasser strahlt viel Energie aus. Hamburg ist Liquid City, was auch für Lebensqualität steht.“ ©Thomas Hampel (Foto oben)

Die Sonne strahlt und im Restaurant Coast by East kommt ein entspannter Michael Otremba zum Gespräch mit Wolfgang Timpe von der HafenCity Zeitung. 

Herr Otremba, wir sitzen hier im Coast by East an den Magellanterrassen zu Füßen der Elbphilharmonie. Sie haben diesen Ort als Treffpunkt in der HafenCity ausgewählt. Warum? Die HafenCity steht mit ihrem Planungsbeginn vor rund 18 Jahren für Aufbruch, für viel Mut und für Ambitionen. Hamburg wendet sich mit der HafenCity wieder viel stärker dem Wasser zu. Wir sind doch eine „Liquid City“, eine flüssige Stadt. Das Wasser prägt den Charakter von Hamburg. Hamburg ist in Bewegung und Wasser strahlt viel Energie aus. Wasser prägt die DNA dieser Stadt. Und die HafenCity hat mit dem Bau der Elbphilharmonie einen weiteren Fixpunkt erhalten, der der Wahrnehmung von Hamburg in der Welt wahnsinnig geholfen hat – und auch weiter hilft. 

Haben Sie einen Lieblingsort in der HafenCity? Nein, keinen speziellen. Ich finde grundsätzlich die HafenCity einen gelungenen spannenden Stadtteil, der sich noch viel weiter entwickeln wird. Man diskutiert ja in Hamburg, ob es hier nicht lebendig genug ist, aber was hier bislang geleistet wurde ist extrem bemerkenswert. Und wenn ich nach einem Lieblingsort in Hamburg gefragt werde, ist das für mich Entenwerder in Rothenburgsort. Ein Ort, der alle Elemente von Hamburg für mich am intensivsten vereinigt.

Warum? Ich bin in Eckernförde aufgewachsen und für mich war die Nähe zum Wasser eine Selbstverständlichkeit. Wie so oft im Leben weiß man das Selbstverständliche im Alltag nicht hinreichend zu schätzen, den Wert, den es für einen hat. Als ich mit 21 Jahren Eckernförde verlassen habe, gab es vom ersten Tag an eine große Sehnsucht nach Wasser. Seitdem suche ich die Nähe zum Wasser. Und in Entenwerder verbindet sich das Wasser noch auf ganz eigene Weise mit einer Robustheit. Entenwerder ist egdy, rauh, unbehandelt und deswegen ein ganz toller Ort.

Platz für Kreativität: „Wenn alles verplant ist, kann sich kein Querdenken entwickeln. Das Ober-hafenquartier stellt Räume zur Verfügung, in denen ein freier Geist wirken kann.“ Foto: Thomas Hampel
Platz für Kreativität: „Wenn alles verplant ist,
kann sich kein Querdenken entwickeln. Das Ober-hafenquartier stellt Räume zur Verfügung,
in denen ein freier Geist wirken kann.“ Foto: Thomas Hampel

Michael Otremba ist Alleingeschäftsführer der Hamburg Tourismus GmbH und gemeinsam mit Rolf Strittmatter Geschäftsführer der Hamburg Marketing GmbH. Ende vergangenen Jahres wurde sein Vertrag vorzeitig um drei Jahre bis April 2022 verlängert. Der 48-Jährige lebt seit 18 Jahren mit einer „Urmünchnerin“ zusammen und ist seit zwölf Jahren verheiratet. Der in Stade geborene und in Eckernförde aufgewachsene Otremba liebt das Wasser und den Norden. Das hat für Akzeptanz gesorgt, als er nach elf Jahren Sportmarketing u.a. in Hamburg und dann acht Jahren Flughafenmarketing in München im April 2016 zurück an die Elbe kam.

Was gefällt Ihnen persönlich besonders an der HafenCity? Dass die HafenCity auch für Hamburg steht. Aufbruch und Mut kennzeichnen diese Stadt. Ich kenne viele Städte, die saturiert sind und sich nur verwalten. In Hamburg traut man sich, neue Wege zu gehen und große Sprünge zu machen. Heute ist es doch so leicht gegen etwas zu sein und so schwer, sich für etwas zu entscheiden, für Risiko und Aufbruch. Auch bereit zu sein, Kritik einzustecken, gehört zum Aufbruch dazu. Und das alles ist für mich die HafenCity, das ist hier klar erkennbar. Die Verbindung aus Weltkulturerbe Speicherstadt und neuer HafenCity bringt Tradition und Zukunft zusammen. Das sind Werte, die ein Fundament bilden, auf denen die Prosperität von Hamburg aufsetzt und zugleich Zeichen setzt: Wir wollen in die Zukunft aufbrechen. Das macht für mich die HafenCity aus. Und diese Begeisterung für das Neue spürt man bei den vielen Menschen, die auch wegen der Elbphilharmonie jeden Tag in die HafenCity kommen. 

Was ist die Zukunft Hamburgs? Die Vereinten Nationen haben eine Studie herausgebracht, dass 2050 rund 80 Prozent der Weltbevölkerung in urbanisierten Lebensräumen wohnen werden. Der Zuzug in die Metropolen wird extrem zunehmen. Und das Wachstum der Städte in Schwellenländern wird noch deutlich dynamischer sein als in der westlichen Welt, in denen das Thema Lebensqualität eine immer wichtigere Rolle spielen wird. Hamburg ist für mich eine Stadt, die eine extrem hohe Lebensqualität auszeichnet. Liquid City steht auch für Lebensqualität.

Sie sind Tourismusmanager. Was sagen die Gäste zu Hamburg? Die Chinesen zum Beispiel sagen City out of the Green, out of the Woods, Hamburg ist wahnsinnig grün. Zugleich haben wir als Hamburg den Anspruch, Innovationsführer etwa bei der Mobilität zu sein. Wir machen das aus einer Position der Prosperität, des Wohlstandes und der Kraft heraus. 

Auch im Vergleich zu München? München zieht seine Kraft aus sechs Dax-Konzernen und einem Weltklasse-Flughafen. Und München war immer Residenzhauptstadt. In Hamburg hingegen haben immer die Bürger eine zentrale Rolle gespielt und Verantwortung übernommen. Und das zeichnet Hamburg bis heute aus. Es gibt eine breite Gemeinschaft, die diese Stadt voranbringen will. Zugleich erfüllt die Hamburger ein wahnsinniger Stolz auf ihre Stadt. Das habe ich noch nirgendwo erlebt, das ist einzigartig. 

»Es braucht eine gesellschaftliche Diskussion darüber,  ob Fliegen deutlich  teurer werden  muss.« Foto: Thomas Hampel
»Es braucht eine gesellschaftliche Diskussion darüber,
ob Fliegen deutlich teurer werden muss.« Foto: Thomas Hampel

Wo Licht ist, zeigt sich Schatten. Was stört Sie an der HafenCity? Als wir eine Wohnung in Hamburg gesucht haben, sind wir auch durch die HafenCity gefahren – und meine Frau wollte hier nicht wohnen. Sie wollte deutlich mehr Grün um sich herum haben. Das ist kein Wunder, schließlich ist der Stadtteil noch am Entstehen. Es wird sich noch mehr Urbanisierung, mehr Leben und mehr Seele entwickeln. Aber das kann nur über einen längeren Zeitraum wachsen. Und so sind wir am Ende nach Alsterdorf gezogen. Das hatte auch mit meiner Arbeit zu tun, weil ich einerseits viel auf Reisen oder ständig in der Innenstadt auf Messen oder Veranstaltungen unterwegs bin und dann Zuhause nicht das Café nebenan zwingend brauche. 

Haben Sie sich eigentlich schon bei der Bürgerschaft und Generalintendant Christoph Lieben-Seutter bedankt, dass die Ihnen schon ein Dreivierteljahr nach Dienstantritt als Tourismuschef im April 2016 den internationalen Leuchtturm Elbphilharmonie beschert haben? Nein, dafür habe ich mich noch nicht bedankt. Aber natürlich ist die Eröffnung der Elbphilharmonie städtebaulich der vorläufige Höhepunkt der HafenCity gewesen. Und für uns als Hamburg Tourismus ist sie weit mehr als ein Konzerthaus.

Inwiefern? Es ist ein neues Wahrzeichen für Hamburg und zum ersten Mal ist es in der Geschichte Hamburgs möglich, mit einem Bild der Elbphilharmonie international zu sagen: Das ist Hamburg, so wie das Opera House in Sydney weltweit für Sydney und für Australien steht. Was war vorher international das Bild für Hamburg?

Tja, Michel, Fernsehturm, Speicherstadt und Elbe? Ja, das sind vier Bilder. Und jetzt haben wir ein Gebäude, mit dem wir leicht zeigen: Das ist Hamburg. Das versteht jetzt jeder weltweit. Und wir können mit der Elbphilharmonie direkt vom Mut, der Zukunftsfähigkeit und der Vergangenheit von Hamburg hier direkt auf dem ehemaligen Kaispeicher an der Elbe erzählen. Die Elbphilharmonie hat den Tourismus gepusht, hat aber auch etwas mit der Stadt nach innen hin gemacht. Die Münchner stehen für das bayerische, selbstbewusste und laute Mia san Mia, wohingegen die Hamburger viel zurückhaltender sind. Dabei können die Hamburger deutlich lauter und selbstbewusster nach Außen auftreten, Die Elbphilharmonie ist alles, nur nicht zurückhaltend. Sie spricht deutlich aus: Hello World. Ich will eines der besten Konzerthäuser der Welt sein. 

Was ist Ihre Aufgabe? Im Tourismus geht es nicht nur darum, viele Menschen nach Hamburg zu holen. 

Sondern? Unser Ziel ist es auch, den Tourismus noch stärker in der Stadt zu verwurzeln und die Zustimmung der Einwohner zum Tourismus und zu den Gästen auf dem hohen Niveau halten.  Wir müssen uns weiterentwickeln und Fragen beantworten. Wie können Tourismus und Stadtentwicklung noch enger miteinander arbeiten? Wie kann Tourismus und Mobilität gemeinsam gedacht werden?

Stellen Sie sich bitte mal vor, die Elbphilharmonie gäbe es nicht. Wie würden Sie den jungen Stadtteil HafenCity mit seinen zurzeit 4.000 Einwohnern, und 15.000 die täglich dort arbeiten, vermarkten? Ich würde versuchen, eine Elbphilharmonie zu bauen. Sie brauchen immer ein Leuchtturm-Projekt zur erfolgreichen Vermarktung.

Das heißt, die HafenCity allein könnte man nicht vermarkten? Leider nein. Da haben Sie keine Unique Selling Proposi-tion, keinen USP, wie wir sagen, keine Einzigartigkeit, die sie herausstellen können. Leuchttürme helfen bei der Vermarktung. Das können besondere Veranstaltungen oder Gebäude sein. Und in diesem Fall hat die HafenCity das tollste Gebäude, das man sich vorstellen kann. 

Sie betonen immer wieder, wie wichtig für den touristischen Erfolg und ein glaubwürdiges Stadtmarketing eine authentische Kultur und Stadtteilkultur ist. Waren Sie schon einmal im Oberhafen-Quartier? Ja, natürlich. Ich bin gerne in der Oberhafenkantine und war gerade nebenan beim Start-up-Container Hammerbrooklyn und auch beim Vrham!-Festival mit seinen Projekten zur Virtuellen Realität in den Hallen des Oberhafenquartiers. Es hat dort eine ganz eigene, kreative Atmosphäre, die ich inspirierend finde. 

Die Hallen sind zunächst auf zehn Jahre gesichert, weil die HafenCity Hamburg GmbH sie aus dem Sondervermögen gekauft hat und so Bestandsschutz für andere Kultur an ungewöhnlichen Orten ermöglicht. Ist der Hamburg Tourismuschef darüber glücklich? Total. Für die Weiterentwicklung einer Stadt, eines Quartiers ist ein Freigeist erforderlich, der Freiräume braucht. Wenn alles verplant ist, kann sich kein Querdenken entwickeln. Und das Oberhafenquartier stellt Räume zur Verfügung, in denen ein freier Geist wirken und sich entfalten kann. Es ist elementar wichtig, dass wir Kreativität Platz einräumen. Städte müssen Freiräume bieten.

Sie drehen an großen Rädern. Hamburg Tourismus spült jährlich rund 300 Millionen Euro direkte Steuern in die Stadtkasse. Spielt da Szenekultur für Sie strategisch eine Rolle? Früher kamen Menschen nach Hamburg, um Musicals wie „Cats“ oder „König der Löwen“ zu sehen. Und es kommen immer noch viele, um den Fischmarkt und den Hafen zu sehen. Inzwischen kommen immer mehr Gäste, um die Atmosphäre der Stadt zu genießen und in sie einzutauchen. Und die Atmosphäre einer Stadt wird durch Szene, durch Viertel, durch Kultur und Veranstaltungen geprägt. Das zieht die Leute immer wieder nach Hamburg. 

Und beschert Stadtteilen wie St. Pauli, St. Georg und auch der HafenCity mit der Elbphilharmonie vor allem Menschenmengen und Verkehrskollaps statt Umsatz – kritisieren Stadtteilbewohner und Gewerbetreibende. Wie sehen Sie das als Tourismuschef? Die Diskussion über die Verkehrskonzepte halte ich für verfehlt. Der frühere Erste Bürgermeister Olaf Scholz hat dazu mal gesagt, dann hätte man sie irgendwo an die Autobahn gebaut und ein Superverkehrskonzept gehabt. Die Elbphilharmonie steht da, wo sie stehen muss. An dem Ursprung des Wohlstands von Hamburg, dem Hafen. Und dass es an diesem Standort kein einfaches Verkehrskonzept gibt, ist doch klar. Gerade wenn wir über Authentizität sprechen, gab und gibt es keine Alternative zum Kaispeicher A. Und dem Einzelhandel und der Gastro-nomie kann man nur Kraft zum Durchhalten wünschen. Es kommen immer mehr Menschen in die HafenCity und es wird sich langsam bessern und die jeweiligen Konzepte sollten auch mit den Bedürfnissen der Gäste wachsen. Ich glaube, dass es sich deutlich verbessern wird. 

Ist Tourismus heute eine Art Dauergentrifizierung, der die Stadtteile wie HafenCity, St. Pauli oder St. Georg nachhaltig verändert, ohne dass die Bewohner sich noch Zuhause fühlen? Das glaube ich nicht. Wir befragen die Hamburger regelmäßig, wie sie den Tourismus bewerten und dann wiederholen sich die Kritikpunkte, dass die Stadt, die Restaurants und der ÖPNV zu voll sind und der Verkehr nicht fließt. Das ist jedoch nicht allein dem Tourismus zuzuschreiben und er sorgt auch nicht für Gentrifizierung. Wichtig ist jedoch, dass wir die Perspektive der Bürger viel stärker in unsere Arbeit einbeziehen müssen. Hamburg Tourismus verändert sich zurzeit sehr stark. Bisher war es das ausschließliche Ziel, immer mehr Menschen nach Hamburg zu holen, während wir heute in unserem Unternehmen durchaus auch mit den Augen der Hamburger auf die Dinge schauen. Wir arbeiten im Kern ja nicht für den einzelnen Gast aus Castrop-Rauxel, sondern vor allem daran, dass die Lebensqualität in Hamburg für die Hamburger weiter hoch ist. 

Über steigende Tourismuszahlen sind Sie aber doch nicht unglücklich? Nein, weil es einen Zusammenhang zwischen steigenden Gästezahlen und der Lebensqualität gibt. Ein beispiel: Gerade weil wir zahlreiche Gäste haben, verfügt Hamburg über 4.000 Restaurant-Angebote. Nur weil wir einen so kräftigen Tourismus haben, können wir den Hamburgern Attraktionen bieten und haben eine so hohe ÖPNV-Taktung für die Lebensqualität der Hamburger. Nicht der einzige Faktor, aber ein besonders wichtiger. 

Apropos Stadtteile. Kennen Sie Hamburg eigentlich von unten? Was für Bilder fallen Ihnen zu unseren Stadtküste-Quartieren von HafenCity bis Wilhelmsburg und von Rothenburgsort bis Finkenwerder ein? Ich habe das große Glück in meiner Rolle als Tourismusverantwortlicher die Stadt aus unterschiedlichsten Perspektiven kennenzulernen. Unter anderem haben Freunde mir Hamburg vor allem vom Wasser aus nahegebracht. Also: HafenCity steht für Aufbruch, Mut, Neues; Wilhelmsburg war lange Zeit vernachlässigt und ist jetzt am Wachsen und erlebt durch Studenten und Kreative eine positive Entwicklung; Rothenburgsort ist der Geheimtipp in Hamburg, zurzeit noch total unterschätzt und mit tollen Wasserlagen; Finkenwerder lebt von einzigartiger Elblage mit kleinstädtischem Charme.   

Ihr Vertrag wurde vergangenes Jahr vorzeitig um drei Jahre bis März 2022 verlängert. Warum? Mir ist diese Aufgabe auf den Leib geschrieben, weil ich mit dem, was ich als Tourismusmacher dort umsetzen darf, viele meiner Stärken einbringen kann. 

Welche sind das? Ich suche gerne nach Innovationen, bin neugierig und habe immer gerne mit Menschen zu tun. Und all das kann ich meiner Rolle exzellent ausüben. Dabei war am Anfang durchaus Skepsis da, ob ich als Manager aus München kommend Hamburg kann. Irgendwie klang auch bei ehrlich Besorgten mit, das man doch Anker, Totenkopf und Raute im Herzen haben muss, um Hamburg in der Welt vermarkten zu können. Es hat mir geholfen aus dem Norden zu kommen. Diese Stadt weltweit vermarkten zu können und eines der Gesichter dieser Stadt zu sein, ist eine tolle Aufgabe. Dabei empfinde ich mich nicht nur als Gesicht, sondern empfinde meine Aufgabe so, dass ich diese Stadt mit gestalten kann. Und deshalb habe ich gerne verlängert, weil ich Zukunft mit entwickeln darf, und das ist ja nicht nach drei Jahren erledigt. Um einen nachhaltigen Fußabdruck zu hinterlassen, dauert es etwas länger. 

Welche Metropole hätte sich melden müssen, um nicht zu verlängern? Vielleicht wäre ich bei Sydney schwach geworden. 

Was war das Erfolgreiche in ihren ersten drei Jahren? Als Olaf Scholz mich holte sagte er, dass er Menschen nach Hamburg holen möchte, die eine Perspektive von außen haben. Das ist ein mutiger Schritt. 

Warum? Weil man nicht einfach in der schönsten Stadt der Welt verharren wollte, sondern eine Entwicklung anstoßen wollte, bei der man akzeptierte, dass jemand von Außen auf Hamburg schaut und neue Prozesse anstößt. Ein Wunsch war, dass ich mich schnell vernetze und bei den Hamburger Unternehmen und den Hamburgern insgesamt ankomme. Das hat ganz gut funktioniert und war wichtig für die Akzeptanz in dieser Stadt. 

Sie haben jüngst gesagt, dass die kommenden Jahre der Umbruch in der Reiseindustrie prägen wird. Was sind die Herausforderungen für Sie? Jedes zweite Hotelzimmer weltweit wird über booking.com vermarktet. Und jede Information, die Sie suchen, recherchieren Sie bei Google. Alles entwickelt sich hin zu großen Plattformen, die den Zugang zum Kunden enger und direkter gestalten. Und mit Sprachassistent-Technologien wie Alexa wird es noch intensiver werden. Reisen werden heute grundsätzlich anders gebucht als früher, immer stärker über mobile Endgeräte. Ideen zum Reisen entstehen heute nicht mehr über gedruckte Broschüren einer Tourismusorganisation, sondern über Empfehlungen von Menschen, die sich auf Plattformen äußern. Früher war man darauf angewiesen, dass Freunde in der Stadt leben und einem Restaurant-Tipps geben konnten. Heute gibt es ein Überangebot von Bewertungsportalen. Fast jede Information über jedes Lokal ist weltweit verfügbar. Insofern lassen sich Menschen heute häufig anders und digital inspirieren. Sie buchen anders. Die Reisebranche ist gut beraten, sich massiv zu verändern. Der Gast muss wieder viel mehr im Mittelpunkt stehen. So diskutiert man in Schweden zum Beispiel über alle Altersgrenzen hinweg das so genannte „Flight Shaming“: Man schämt sich dafür, dass man am Wochenende als Kurztrip irgendwohin fliegt und die Umwelt belastet.

Ist das ein Trend zur Kleinbürgerlichkeit, zu einer neuen Spießigkeit, dass ökologische Fragen so stark die Mobilität, die Reiselust und das Entdecken begrenzen? Das ist nicht spießig, weil es notwendig ist, dass wir uns mit dem Thema Nachhaltigkeit intensiv auseinandersetzen. Lange sorgte der Begriff Nachhaltigkeit für Langeweile, weil er inflationär verwendet wurde und die Klimaentwicklung nicht ernst genommen wurde. Das hat sich existenziell geändert. Wir müssen endlich mit unseren Resourcen verantwortlicher umgehen. Das ist alternativlos und jeder einzelne kann etwas dazu beitragen. 

Sie sind pro Greta und der „Fridays for Future“-Bewegung? Ich bin davon angetan, dass eine junge Generation auf die Straße geht und für ein bewussteres Leben kämpft. Meine Generation hat das nicht so gemacht. Und ich bin auch kein Anhänger der Auffassung, dass man das den Profis überlassen sollte. Das Thema ökologische Nachhaltigkeit wie in der „Flight-Shaming“-Debatte kann kein einzelner und keine einzelne Nation für sich lösen. Es braucht eine gesellschaftliche Diskussion, ob Fliegen deutlich teurer werden muss. Oder werden längere Aufenthalte günstiger als kürzere sein? Wie werden künftig Anreisen bewertet, ob jemand mit Bahn, Pkw oder Flieger anreist?

Hat sich denn Ökologie zu Ihrem Kerngeschäft entwickelt? Es ist falsch, sich nur auf die ökologische Nachhaltigkeit zu beschränken. Humboldt hat einmal gesagt: „Die gefährlichste Weltanschauung ist die Welt von Menschen, die die Welt nie angeschaut haben.“ Reisen hilft gegen Verdummung, Vorurteile und Ausgrenzung. Es gibt nichts Besseres, als mit Menschen zu sprechen und festzustellen, dass die Vorurteile, die man gehabt hatte, falsch sind bzw. eben Vorurteile sind. Auch das gehört für mich zur Nachhaltigkeit, weil weltweit der Nationalismus wieder gesellschaftsfähig geworden ist. Das ist eine schlimme Entwicklung. Reisen ist richtig und wichtig, weil es verbindet. 

Hamburg sieht sich selbst als Tor zur Welt, ist nach Meinung vieler jedoch noch lange keine Weltstadt. Was fehlt der Zwei-Millionen-Metropole an der Elbe, um mit London, New York, Tokio oder Paris zu konkurrieren? Die Diskussion finde ich falsch. Wer definiert, was eine Weltstadt ist? Mich interessiert nicht, ob wir eine Weltstadt sind, sondern ob wir eine weltoffene Stadt sind. Wir brauchen ein Label Weltstadt nicht, um auf die Stärken von Hamburg aufmerksam zu machen. Wenn Sie den Aspekt der Größe nehmen, wird Hamburg nie Weltstadt. Wir werden absehbar keine fünf Millionen Einwohner haben und Hamburg wird auch nicht Hauptstadt werden. 

In den vergangenen 70 Jahren explodierte die Weltbevölkerung von 2,5 auf 7,5 Milliarden Menschen und die weltweiten Flüge stiegen von 25 Millionen auf 1,4 Milliarden Ankünfte. Ist denn die Formel immer höher und immer weiter nicht längst ausgereizt? In jedem Fall wird die Zahl der Reisenden ständig zunehmen. Gerade im asiatischen Markt entwickelt sich das erst richtig. Und es wird weiterhin Anbieter im Low-Cost-Carrier-Bereich geben, die Wachstumstreiber sind. Es wird weiter Wachstum geben und unsere Aufgabe wird es sein, dass es eben nicht bei höher, schneller, weiter stehen bleibt. Hamburg ist einfach so verdammt attraktiv. Wir können doch nicht in Harburg einen Schlagbaum hinstellen und sagen: „Du kommst hier nicht mehr rein.“ Das geht nicht und das will ich nicht.  

Wäre es nicht Zeit für einen Gegentrend wie etwa „Small is beautiful“? „Small is beautiful“ kann mal für einzelne Hotels oder Inseln der Fall sein, aber Wachstum ist nun einmal für jeden Organismus wichtig. Die Menschen sind aktuell nur punktuell bereit für ein ökologisch nachhaltiges Produkt beim Reisen mehr Geld auszugeben. So leisten wahrscheinlich die wenigsten freiwillig bei Flugbuchungen einen Obolus für die Umwelt. Wir müssen uns als Ziel setzen, Wachstum mit Nachhaltigkeit und Qualität zu verbinden. 

Welche Tourismus-Vision haben Sie für das Jahr 2025? Wir haben im Moment rund 14,5 Millionen Übernachtungen in Hamburg im Jahr …

… die in den vergangenen 15 Jahren um zwei Drittel gestiegen sind. Weil Deutschland vor 15 Jahren kein Reiseland und Hamburg kein Reiseziel war. Da merkt man, wie jung diese Reisebranche im Vergleich zum Beispiel zur Hafenwirtschaft ist. Wir prognostizieren für 2025 zwischen 18 und 21 Millionen Übernachtungen und müssen alle, die im Tourismus aktiv sind, noch viel stärker im Dialog mit dem Gast sein, um erfolgreich zu sein und zufriedene Gäste zu bekommen. Wir müssen unsere Gäste noch viel besser kennenlernen. 

In Hamburg ist der Tourismus nach der Industrie der zweitstärkste Wirtschaftsbereich mit rund acht Milliarden Euro touristischem Konsum pro Jahr. Sie haben also finanzielle und stadtentwicklungspolitische Macht in der Stadt. Was machen Sie daraus? Wir machen daraus noch viel zu wenig. Die Tourismusbranche hat noch keine professionelle Stimme wie etwa der nationale Automobilverband beim Dieselskandal, die medienwirksam mit einer ganz lauten Stimme zu hören waren und Dinge durchgesetzt haben. In der Tourismusbranche gibt es national über 30 Verbände und Interessenvertreter. Und der Tourismus wird immer noch als nette Freizeitbranche, als Nice to have angesehen. Man hat die Relevanz des Tourismus gesellschaftlich noch nicht wirklich begriffen. Wir sitzen noch nicht mit am Tisch, wenn es um Stadtentwicklung oder Fragen der neuen Mobilität geht. Und das, obwohl Tourismus qua Definition Mobilität ist bei Fragen der Anreise und wie sich Gäste in Hamburg bewegen. 

Was motiviert Sie persönlich, den Tourismusjob zu machen? Nicht die Frage, wie ich von 14,5 auf 15,3 Millionen Übernachtungsgäste komme, sondern dass ich in meiner Rolle im Hamburg Tourismus die Zukunft von Hamburg mit gestalten kann. Das treibt mich an. Wir, der Tourismus, müssen wieder viel stärker Gastgeber sein. Da kommen wir her: Hospitality! Touristen werden von manchen Anbietern und Gastronomen häufig als maximale Umsatzbringer in kürzester Zeit betrachtet. Und das darf es nicht sein. Wenn ich als Gast empfangen und geschätzt werde, benehme ich mich auch als Gast. 

Sind Sie ein Don Quichote des Tourismus, der sich Nachhaltigkeit und Qualität wünscht und zugleich unaufhörliche Wachstumszahlen liefern muss? Nein. Nachhaltigkeit und Qualität sind die Voraussetzung dafür, um überhaupt Wachstum bieten zu können. Wenn die Stimmung in der Bevölkerung irgendwann so sein sollte, dass man keinen Tourismus mehr möchte, fehlt uns die Legitimation, um weiter wachsen zu können.
Das Gespräch führte Wolfgang Timpe

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